[GWR:] Der Wildleder-Faschismus

Als Joa­quin Phoe­nix 2000 in Rid­ley Scotts “Gla­dia­tor” den Kai­ser Com­mo­dus spie­len soll­te, wehr­te er sich dage­gen, Echt­le­der in sei­nem Kos­tüm ver­ar­bei­tet zu wis­sen. Auch in “Walk the Line” spiel­te er den Wild­le­der-Fan John­ny Cash in einem Kos­tüm aus Kunst­le­der. John­ny Cash zuck­te mit den Schul­tern und ließ ihn gewäh­ren. Man muss kein über­zeug­ter Tier­schüt­zer wie Phoe­nix sein, um zu ver­ste­hen, dass man­che Men­schen nichts mit Tier­pro­duk­ten anfan­gen kön­nen.

Ganz anders ergeht es Geor­ge (Jean Dujar­din), dem Prot­ago­nis­ten in Quen­tin Dupieux’ neu­es­tem Film “Mon­sieur Kil­lerstyle”, als er die titel­stif­ten­de1 Hirsch­le­der­ja­cke zum ers­ten Mal in den Hän­den hält.

Ähn­lich wie in Dupieux’ wohl bekann­tes­ten Film “Rub­ber” von 2010, ist die Haupt­fi­gur des Films ein Gegen­stand. Doch im Gegen­satz zum mör­de­ri­schen Auto­rei­fen, der sich eigen­stän­dig durch die Wüs­ten­land­schaft mor­det, nimmt die Leder­ja­cke in “Mon­sieur Kil­lerstyle” wie ein mäch­ti­ger Talis­man von Geor­ge Besitz und ver­leiht dem ori­en­tie­rungs­lo­sen Mann neue Kraft und Lebens­freu­de, pflanzt jedoch auch einen mör­de­ri­schen Gedan­ken in sei­nen Geist: es kann nur eine (Jacke) geben.

Wer die Fil­me von Quen­tin Dupieux kennt, wird wis­sen, was die Fol­ge die­ser Out­line ist: Belie­big­keit von Hand­lungs­ele­men­ten, eine krank­haf­te Nei­gung, den Zuschauer*innen ihre Neu­ro­sen vor­zu­be­ten und Expe­ri­men­te mit Seh­ge­wohn­hei­ten.

Der Film ist, wie Dupieux’ Vor­gän­ger­fil­me, recht eklek­tisch.
Er beginnt bedäch­tig und legt kurz vorm drit­ten Akt mäch­tig los und dann ist man eigent­lich schon mit­ten­drin in einem atem­lo­sen Slas­her­film, der kurz­fris­tig an die ultrab­ru­ta­le Pha­se des bel­gisch-fran­zö­si­schen Hor­ror­films der frü­hen 2000er erin­nern lässt, bevor sich Dupieux, der sich nie all­zu sicher in einem ein­zi­gen Gen­re zu füh­len scheint, zur, an Comics erin­nern­den, Gewalt umschwenkt.

Die­se Art der Gewalt­dar­stel­lung, die am ehes­ten mit der in der groß­ar­ti­gen, absur­den Hor­ror­ko­mö­die “The Gre­a­sy Strang­ler” (Jim Hos­king, 2016) oder Mr. Oizos (Quen­tin Dupieux’ Künst­ler­na­me) Musik­vi­deo “HAM” (Regie: Hard­core-Absur­dist Eric Wareheim) ver­gleich­bar ist, oder einem brei­te­ren Publi­kum wahr­schein­lich durch Quen­tin Taran­ti­no bekannt sein wird, mag nicht jeder­manns Geschmack tref­fen. Unter ande­rem wird einer gesichts­lo­sen Lei­che der Ring vom Fin­ger gelutscht. Das muss man nicht mögen, über­rum­pelt aber in jedem Fall.

Den­noch: “Mon­sieur Kil­lerstyle” (ein schlech­ter Witz von einem Ver­leih­ti­tel) ist kein Film, der um jeden Preis scho­ckie­ren will. Die Hand­lungs­mus­ter kennt man mitt­ler­wei­le aus den ent­setz­li­chen Mel­dun­gen aus Christ­church, Hal­le und Hanau:

wir beob­ach­ten den Weg eines des­il­lu­sio­nier­ten, wei­ßen Mitt­vier­zi­gers, der sich als Opfer der Gesell­schaft sieht und als Gesetz­lo­ser Jagd auf Men­schen macht, um die Welt vom ver­meint­li­chen Makel (der Kunst­fa­ser) zu befrei­en und eine alte Ord­nung her­zu­stel­len, eine Welt, in der es Vogel­freie gibt, die man straf­frei abschlach­ten kann (wir sehen trotz eines beacht­li­chen Kill­counts kei­nen ein­zi­gen Poli­zis­ten). Das geschieht in der Tat weni­ger durch stich­hal­ti­ge Kri­tik als viel­mehr durch lust­vol­len Mas­sen­mord. Geor­ge stellt eine faschis­ti­sche Welt her, in der Unge­hor­sam mit dem Tod bestraft wird, die Schuld wird mit dem Ver­rat an der Welt des alten Wes­tens gemes­sen. Die Wild­le­der­ja­cke stellt dabei Emblem und Fetisch dar.

Die erbeu­te­ten, den Ermor­de­ten buch­stäb­lich von der Haut abge­zo­ge­nen, Jacken ver­schwin­den in einem impro­vi­sier­ten Mas­sen­grab. Die erstell­ten Snuff-Vide­os schnei­det die fas­zi­nier­te Gehil­fin zu einem Pro­pa­gan­da­vi­deo zusam­men.

Jean Dujar­din, den wir als Beau aus der Wer­ber­sa­ti­re “39,90” (Jan Kou­nen, 2007) ken­nen, spielt den Geor­ge (und die Wild­le­der­ja­cke) unver­gleich­lich wan­del­bar und Adè­le Haen­el (“Por­trait einer jun­gen Frau in Flam­men”) hat man wahr­schein­lich noch nie so abgrün­dig gese­hen.

Mon­sieur Kil­lerstyle” ist, trotz sei­ner Aus­flü­ge ins Komi­sche, viel­leicht Quen­tin Dupieux’ ers­ter ernst­ge­mein­ter Film.

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