[ISO:] Die Systemfrage verschieben?

Zeit ist immer ein wich­ti­ger Fak­tor in Poli­tik und Geschich­te, aber nie war sie so wich­tig wie in der Fra­ge des Kli­ma­wan­dels.

Zeit – wofür?

Die War­nung des Welt­kli­ma­rats in sei­nem Bericht vom Okto­ber
2018, dass die Welt zwölf Jah­re Zeit hat, um eine Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu
ver­mei­den, war zwei­fel­los ein wich­ti­ger Fak­tor, der eine glo­ba­le Wel­le des
Kli­ma­ak­ti­vis­mus aus­ge­löst hat, ins­be­son­de­re in Form der von Gre­ta Thun­berg
ange­sto­ße­nen Mas­sen­schul­streiks und der Bewe­gung Extinc­tion Rebel­li­on. Ande­rer­seits
ist klar, dass die­se War­nung von ver­schie­de­nen Men­schen auf unter­schied­li­che
Wei­se „ver­stan­den” oder inter­pre­tiert wer­den konn­te und wur­de. In die­sem
Arti­kel möch­te ich auf eini­ge die­ser Inter­pre­ta­tio­nen und ihre Impli­ka­tio­nen
ein­ge­hen, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Fra­ge, ob uns noch Zeit für einen Sys­tem­wan­del
bleibt oder ob wir uns, weil die Zeit zu knapp dafür ist, auf Ver­än­de­run­gen kon­zen­trie­ren,
die im Rah­men des Kapi­ta­lis­mus umge­setzt wer­den kön­nen, und uns damit
beschei­den müs­sen.

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Zeit ist relativ

Zunächst möch­te ich jedoch dar­auf hin­wei­sen, dass manch ein
oppor­tu­nis­ti­scher Poli­ti­ker die­se „Zwölf­jah­res­war­nung“ ganz anders ver­stan­den
hat als Gre­ta und ihre Anhänger*innen. Denn für sie wären zwölf Jah­re eine sehr
lan­ge Zeit: drei US-Prä­si­dent­schafts­pe­ri­oden, zwei vol­le Legis­la­tur­pe­ri­oden in
Groß­bri­tan­ni­en und vie­len ande­ren Län­dern; mit ande­ren Wor­ten: mehr als genug
Zeit, um Eure Ansprü­che umzu­set­zen, Euren Platz in den Geschichts­bü­chern zu
sichern oder zumin­dest Eure Ren­te und meh­re­re Direk­to­ren­pos­ten zu sichern,
bevor über­haupt ernst­haft etwas unter­nom­men wer­den müss­te. Die ein­zi­ge
prak­ti­sche Kon­se­quenz die­ser Zwölf­jah­res­war­nung wäre dann die Erfor­der­nis,
ver­schie­de­ne Kom­mis­sio­nen ein­zu­rich­ten, eini­ge Akti­ons­plä­ne aus­zu­ar­bei­ten, an
eini­gen Kon­fe­ren­zen teil­zu­neh­men und dar­über hin­aus ein gewis­ses Maß an „green­wa­shing”
zu betrei­ben. Für einen Vor­stand eines gro­ßen Öl‑, Gas- oder Auto­kon­zerns wür­de
dann genau das­sel­be gel­ten.

Am ande­ren Ende des Spek­trums gab es eine gro­ße Zahl von
Men­schen, vor allem jun­ge Leu­te, die die War­nung so „ver­stan­den” haben,
dass es buch­stäb­lich nur zwölf Jah­re gibt, um eine glo­ba­le Aus­lö­schung zu
ver­hin­dern.

Eine Perspektive – zig Interpretationen

Die­se Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen dür­fen nicht gleich­ge­setzt
wer­den: Die ers­te ist äußerst zynisch und immens schäd­lich für Mensch und Natur
glei­cher­ma­ßen; die zwei­te ist naiv, aber gut gemeint. Aber es sind bei­des
Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen des­sen, was der Bericht sagt, und des­sen, was der
Kli­ma­wan­del ist. Der Kli­ma­wan­del ist kein Ereig­nis, das 2030 ein­tre­ten könn­te
oder auch nicht, und das durch Not­fall­maß­nah­men in letz­ter Minu­te abge­wen­det
wer­den könn­te, son­dern ein Pro­zess, der bereits im Gan­ge ist. Jede Woche, jeder
Monat oder jedes Jahr, in denen sich die Redu­zie­rung der Koh­len­stoff­emis­sio­nen
ver­zö­gert, ver­schärft das Pro­blem und macht es schwie­ri­ger, es in den Griff zu
bekom­men. Umge­kehrt gibt es kei­ne abso­lu­te Frist, nach deren Ablauf es zu spät
ist, etwas zu tun und wir also genau­so gut den Geist auf­ge­ben könn­ten.

“Auslöschung” oder “Erfordernisse”?

Der Schwer­punkt des IPCC-Berichts lag nicht auf dem Aspekt
der „Aus­lö­schung”, son­dern vor­wie­gend dar­auf, was erfor­der­lich wäre, um
die glo­ba­le Erwär­mung auf 1,5 °C über dem vor­in­dus­tri­el­len Niveau zu hal­ten,
und was die wahr­schein­li­chen Aus­wir­kun­gen wären, wenn 2 °C erreicht wür­den. In der Zusam­men­fas­sung für
die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger heißt es wört­lich:

„Mensch­li­che Akti­vi­tä­ten haben etwa 1,0 °C glo­ba­le Erwär­mung gegen­über vor­in­dus­tri­el­lem Niveau ver­ur­sacht, mit einer wahr­schein­li­chen Band­brei­te von 0,8 °C bis 1,2 °C. Die glo­ba­le Erwär­mung erreicht 1,5 °C wahr­schein­lich zwi­schen 2030 und 2052, wenn sie mit der aktu­el­len Geschwin­dig­keit wei­ter zunimmt. […]“

Recht ein­deu­tig heißt es dann:

„Kli­ma­be­ding­te Risi­ken für Gesund­heit, Lebens­grund­la­gen, Ernäh­rungs­si­cher­heit und Was­ser­ver­sor­gung, mensch­li­che Sicher­heit und Wirt­schafts­wachs­tum wer­den laut Pro­jek­tio­nen bei einer Erwär­mung um 1,5 °C zuneh­men und bei 2 °C noch wei­ter anstei­gen.“[1]

Ich zitie­re die­se Pas­sa­gen nicht, weil ich den Bericht des
Welt­kli­ma­rats als sakro­sankt oder als der Weis­heit letz­ten Schluss zu die­sen
Fra­gen betrach­te. Mir scheint im Gegen­teil klar, dass der Bericht in sei­nen
Vor­her­sa­gen kon­ser­va­tiv war – was nicht über­rascht, da sei­ne Metho­de den
Kon­sens von Tau­sen­den von Wissenschaftler*innen erfor­der­te – und dass die
glo­ba­le Erwär­mung und, was ent­schei­dend ist, ihre Aus­wir­kun­gen in Wirk­lich­keit
schnel­ler vor­an­schrei­ten als vom IPCC erwar­tet.[2]

Klimawandel oder Katasrophe?

Ich möch­te viel­mehr zei­gen, dass wir nach dem Welt­kli­ma­rat
und nach jedem ernst­haf­ten Ver­ständ­nis des Kli­ma­wan­dels nicht vor einer Klip­pe
ste­hen, von der wir alle im Jahr 2030 oder zu einem ande­ren genau
vor­her­seh­ba­ren Zeit­punkt fal­len wer­den, son­dern um einen rasch vor­an­schrei­ten­den
Pro­zess mit zuneh­mend kata­stro­pha­len Aus­wir­kun­gen. Inner­halb die­ses Pro­zes­ses
wird es höchst­wahr­schein­lich Kipp-Punk­te geben, an denen sich das Tem­po des
Wan­dels sehr schnell beschleu­nigt und bestimm­te Ver­än­de­run­gen unum­kehr­bar
wer­den. Aber nie­mand weiß genau, wann das sein wird, und selbst dann wer­den wir
immer noch von einem Pro­zess spre­chen, der nicht zu einer sofor­ti­gen tota­len
Aus­lö­schung führt.

Ein kor­rek­tes, wis­sen­schaft­lich fun­dier­tes Ver­ständ­nis
die­ses Pro­zes­ses ist von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Sich als Aktivist*innen auf eine
Art Count­down ein­zu­las­sen, als gäbe es eine fes­te Zeit­li­nie – wir haben jetzt
nur noch zehn Jah­re, neun Jah­re, acht Jah­re …, um den Pla­ne­ten zu ret­ten –,
ist wahr­schein­lich nicht hilf­reich. Wir wol­len auch nicht der Panik­ma­che
gezie­hen wer­den, wenn die Welt dann doch nicht unter­geht. Die­ses Ver­ständ­nis
ist auch wich­tig als Grund­la­ge für den Umgang mit der ent­schei­den­den Fra­ge, ob näm­lich
noch die Zeit für einen Sys­tem­wech­sel bleibt.

Bleibt Zeit für den “Systemwechsel”?

Das Argu­ment, dass nicht mehr genug Zeit für einen
„Sys­tem­wech­sel” bleibt, womit ich den Sturz des Kapi­ta­lis­mus mei­ne, gibt
es in der Umwelt­be­we­gung schon lan­ge, auch schon lan­ge vor der „Zwölf­jah­res­war­nung“.
Ich erin­ne­re mich, dass es in der Kam­pa­gne gegen den Kli­ma­wan­del ener­gisch (und
vol­ler Wut) gegen einen ziem­lich glück­lo­sen Trotz­kis­ten vor­ge­bracht wur­de, als
ich mich Anfang der neun­zi­ger Jah­re zum ers­ten Mal dar­an betei­lig­te. „Es ist
kei­ne Zeit, auf dei­ne Revo­lu­ti­on zu war­ten”, wur­de ihm gesagt.

“Keine Zeit mehr” – ein Argument des Kapitalismus?

Nun kann die­ses Argu­ment der „feh­len­den Zeit“ natür­lich von
Leu­ten, die eigent­lich pro­ka­pi­ta­lis­tisch sind, als Vor­wand benutzt wer­den. Aber
es kann auch in gutem Glau­ben von Leu­ten vor­ge­bracht wer­den, die die
Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus begrü­ßen wür­den, wenn sie eine prak­ti­sche Chan­ce
dafür sähen. Als Bei­spiel dafür zitie­re ich Alan Thor­nett, des­sen lebens­lan­ges
Enga­ge­ment als Sozia­list außer Zwei­fel steht. In sei­nem Buch Facing the Apo­ca­lyp­se: Argu­ments for
Eco­so­cia­lism
schreibt Alan Thor­nett:

„Die Stan­dard­lö­sung, die von den meis­ten in der radi­ka­len Lin­ken pro­pa­giert wird …, ist der revo­lu­tio­nä­re Sturz des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus – impli­zit inner­halb der nächs­ten zwölf Jah­re, denn so lan­ge bleibt uns nur noch …

Ein sol­cher Ansatz ist maxi­ma­lis­tisch, links­ra­di­kal und nutz­los. Wir alle kön­nen als Sozialist*innen mit bei­den Hän­den für die Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus stim­men, und das ist in der Tat unser lang­fris­ti­ges Ziel. Aber als Ant­wort auf die glo­ba­le Erwär­mung inner­halb der nächs­ten 12 Jah­re macht es kei­nen Sinn.

Dem Sozialismus mangelt die Glaubwürdigkeit?

Es han­delt sich dabei um „man­geln­de Glaub­wür­dig­keit“: Wäh­rend ein kata­stro­pha­ler Kli­ma­wan­del tat­säch­lich vor Augen steht, kann das­sel­be von einer glo­ba­len sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on kaum mit der­sel­ben Glaub­wür­dig­keit gesagt wer­den – es sei denn, ich habe etwas ver­passt. Es mag nicht unmög­lich sein, aber es ist eine viel zu fer­ne Per­spek­ti­ve, um eine Ant­wort auf die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del zu geben …

Um es ganz offen zu sagen: Wenn der Umsturz des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus in den ver­blei­ben­den 12 Jah­ren die ein­zi­ge Lösung für die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del ist, dann gibt es kei­ne Lösung für die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del.“[3]

Alan hat hier das Argu­ment, das ich anfech­ten möch­te, sehr
deut­lich zum Aus­druck gebracht.

Das ewige Zusammenspiel von Reform und Revolution

Zunächst ein­mal ist zu sagen, dass für ernst­haf­te
Sozialist*innen und Marxist*innen (ange­fan­gen bei Marx, Engels und Rosa
Luxem­burg) der Kampf für die Revo­lu­ti­on dem Kampf für Refor­men in kei­ner Fra­ge
ent­ge­gen­steht. Viel­mehr ist Revo­lu­ti­on etwas, das aus dem Kampf für kon­kre­te
For­de­run­gen erwächst.[4] So
wie die Marxist*innen die Über­zeu­gung, dass die ein­zi­ge Lösung für die
Aus­beu­tung die Abschaf­fung des Lohn­sys­tems ist, mit der Unter­stüt­zung des
gewerk­schaft­li­chen Kamp­fes für Lohn­er­hö­hun­gen und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen
ver­bin­den, so kön­nen sie für unmit­tel­ba­re For­de­run­gen wie kos­ten­lo­se
öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel, das Belas­sen fos­si­ler Brenn­stof­fe im Boden und
mas­si­ve Inves­ti­tio­nen in erneu­er­ba­re Ener­gien kämp­fen und gleich­zei­tig eine
öko­so­zia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on befür­wor­ten. Auf die­se Wei­se wird auf eine
prak­ti­sche Pro­be gestellt, ob ein öko­lo­gisch nach­hal­ti­ger Kapi­ta­lis­mus mög­lich
ist.

Wel­chen Sinn hät­te es, abge­se­hen von einem abs­trakt mora­li­schen Stand­punkt, sich auf The­men wie Recht der Arbeiter*innen auf einen Arbeits­platz, Anti­ras­sis­mus, Rech­te der Frau­en auf den eige­nen Kör­per, LGBTQ-Rech­te etc. zu kon­zen­trie­ren, wenn in den nächs­ten Jah­ren das Über­le­ben der Mensch­heit auf dem Spiel steht?

Aber damit ist die Fra­ge noch nicht aus­rei­chend beant­wor­tet.
Wenn man davon aus­geht, dass eine Revo­lu­ti­on in zu wei­ter Fer­ne liegt und sie daher
als Lösung des Kli­ma­pro­blems rea­li­ter kaum infra­ge kommt, dann soll­ten
Kli­ma­ak­ti­vis­ten in der Pra­xis all ihre Ener­gien ein­fach dar­auf kon­zen­trie­ren,
Refor­men durch­zu­set­zen, anstatt auf eine Revo­lu­ti­on zu set­zen und sich
ent­spre­chend zu orga­ni­sie­ren. Außer­dem soll­te man sich über­wie­gend auf die Refor­men
kon­zen­trie­ren, die nur die­se Fra­ge betref­fen. Wel­chen Sinn hät­te es, abge­se­hen
von einem abs­trakt mora­li­schen Stand­punkt, sich auf The­men wie Recht der
Arbeiter*innen auf einen Arbeits­platz, Anti­ras­sis­mus, Rech­te der Frau­en auf den
eige­nen Kör­per, LGBTQ-Rech­te etc. zu kon­zen­trie­ren, wenn in den nächs­ten Jah­ren
das Über­le­ben der Mensch­heit auf dem Spiel steht?

… dass wir von der Chan­ce, den Kli­ma­wan­del auf kapi­ta­lis­ti­scher Basis zu bewäl­ti­gen, mei­len­weit ent­fernt sind…

Wenn man jedoch davon aus­geht, dass sich der Kapi­ta­lis­mus in
die­ser Hin­sicht als nicht oder nur unzu­rei­chend refor­mier­bar erwei­sen wird,
dann ist es not­wen­dig, öko­so­zia­lis­ti­sche Kam­pa­gnen mit revo­lu­tio­nä­rem
Akti­vis­mus, Pro­pa­gan­da und Orga­ni­sa­ti­on auf brei­te­rer Front zu ver­bin­den und
anzu­er­ken­nen, dass eine Revo­lu­ti­on die Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung der arbei­ten­den
Men­schen zu unter­schied­lichs­ten The­men und ihre Ein­heit ange­sichts der
obwal­ten­den Stra­te­gie des Tei­lens und Herr­schens erfor­dert.

Dies wirft drei­er­lei Fra­gen auf:

  1. Wie wahr­schein­lich ist es, dass der Kli­ma­wan­del durch Refor­men im Rah­men des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems auf­ge­hal­ten oder ein­ge­dämmt wer­den kann?
  2. Wie ent­fernt eine mög­li­che sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on?
  3. Gibt es Alter­na­ti­ven dazwi­schen?

Zur ers­ten Fra­ge haben ich und ande­re Öko­so­zia­lis­ten (nament­lich John Bel­l­a­my Fos­ter, Ian Angus, Micha­el Löwy, Mar­tin Emp­son, Amy Lea­ther etc.) wie­der­holt und aus­führ­lich argu­men­tiert, dass wir von der Chan­ce, den Kli­ma­wan­del auf kapi­ta­lis­ti­scher Basis zu bewäl­ti­gen, mei­len­weit ent­fernt sind, sei es in zwölf, zwan­zig oder vier­zig Jah­ren.[5] Ich will hier nicht alle Argu­men­te wie­der­ho­len, son­dern nur sagen, dass der Kapi­ta­lis­mus ein Sys­tem ist, das von Natur aus und unauf­halt­sam durch die kon­kur­rie­ren­de Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on auf einen Kol­li­si­ons­kurs mit der Natur getrie­ben wird, und die Indus­trie­zwei­ge für fos­si­le Brenn­stof­fe – Öl, Gas und Koh­le – bei die­ser Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on eine so zen­tra­le Rol­le spie­len, dass es kei­ne rea­lis­ti­sche Aus­sicht dar­auf gibt, dass sich der Kapi­ta­lis­mus aus sei­ner Abhän­gig­keit von ihnen befrei­en könn­te.

Zur zwei­ten Fra­ge möch­te ich zuge­ben, dass, wenn die Zukunft, sagen wir die nächs­ten zwölf Jah­re, der unmit­tel­ba­ren Ver­gan­gen­heit, sagen wir den letz­ten fünf­zig Jah­ren, ähnelt, die Chan­ce auf eine inter­na­tio­na­le sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on tat­säch­lich sehr weit ent­fernt erscheint. Aber allein der erkenn­ba­re Kli­ma­wan­del sorgt dafür, dass das nächs­te Jahr­zehnt ganz und gar nicht der Ver­gan­gen­heit ähneln wird. Im Gegen­teil, gera­de die durch die glo­ba­le Erwär­mung ver­ur­sach­ten Bedin­gun­gen – immer uner­träg­li­che­re Hit­ze, Dür­ren, Brän­de, Stür­me, Über­schwem­mun­gen etc. – wer­den das Bewusst­sein der meis­ten Men­schen ver­än­dern, näm­lich dass der Kapi­ta­lis­mus gestürzt wer­den muss und eine Revo­lu­ti­on mach­bar ist.

Die immer schär­fe­re Kli­ma­kri­se wird mit einer umfas­sen­de­ren
Umwelt­kri­se (in einer Viel­zahl von For­men), einer sich ver­tie­fen­den und
wie­der­keh­ren­den Wirt­schafts­kri­se (wie es der­zeit offen­sicht­lich ist) und
ver­schärf­ten inter­na­tio­na­len geo­po­li­ti­schen und mili­tä­ri­schen Span­nun­gen (z.B.
mit Chi­na und Russ­land) ein­her­ge­hen. Die­se Ten­den­zen wer­den sich durch ihre
Wech­sel­wir­kun­gen unter­ein­an­der noch ver­stär­ken.

Keine genauen Fristen

Hier kommt die ein­gangs getrof­fe­ne Fest­stel­lung, dass die „zwölf
Jah­re” kei­ne genaue oder end­gül­ti­ge Frist dar­stel­len (kön­nen), wie­der ins
Spiel. Wenn, wie ich es für über­aus wahr­schein­lich hal­te, der Kapi­ta­lis­mus
nicht in der Lage ist, die Erwär­mung auf 1,5 °C zu hal­ten, bedeu­tet dies
nicht, wie Thor­nett annimmt, dass das Spiel vor­bei und der Kampf been­det ist,
son­dern dass alle oben beschrie­be­nen Bedin­gun­gen und Kata­stro­phen sich
ver­schär­fen und dabei die Wahr­schein­lich­keit einer Mas­sen­re­vol­te und Revo­lu­ti­on
erhö­hen wer­den.

… eine Per­spek­ti­ve, die durch die auf­flam­men­den Kämp­fe der letz­ten Zeit sogar noch plau­si­bler gewor­den ist.

Vie­le Men­schen kön­nen sich eine Revo­lu­ti­on in einem Land
vor­stel­len, hal­ten es aber für wenig wahr­schein­lich, dass eine Revo­lu­ti­on auf
inter­na­tio­na­ler oder glo­ba­ler Ebe­ne aus­bre­chen könn­te. Wenn mit inter­na­tio­na­ler
Revo­lu­ti­on eine gleich­zei­ti­ge, welt­weit koor­di­nier­te Rebel­li­on gemeint ist, so
ist dies in der Tat äußerst unwahr­schein­lich, aber dies war nie das Sze­na­rio,
das sich die Anhän­ger einer inter­na­tio­na­len Revo­lu­ti­on vor­ge­stellt haben.
Viel­mehr ist es so, dass sich die Revo­lu­ti­on, die in einem Land – Bra­si­li­en
oder Ägyp­ten, Irland oder Ita­li­en – beginnt, in einer lan­gen, aber
kon­ti­nu­ier­li­chen Rei­he von Kämp­fen auf ande­re Län­der aus­brei­ten könn­te. Dies
ist eine Per­spek­ti­ve, die durch die auf­flam­men­den Kämp­fe der letz­ten Zeit sogar
noch plau­si­bler gewor­den ist.

Arabischer Frühling, Occupy, Gelbwesten, Klimastreik, Black Lives Matter

Der Kli­ma­wan­del ist ein inter­na­tio­na­les Pro­blem wie kein ande­res zuvor.

Da ist zunächst der ara­bi­sche Früh­ling 2011, der zu einer
Ket­ten­re­ak­ti­on von Auf­stän­den von Tune­si­en bis Ägyp­ten, Liby­en, Bah­rain und
Syri­en geführt hat und an dem sich auch klei­ne­re, aber immer noch bedeu­ten­de
Auf­stän­de – etwa die „Empör­ten“ in Spa­ni­en oder Occu­py Wall­street in den USA –
ori­en­tiert haben. Dann gab es 2019 eine Wel­le von Mas­sen­re­vol­ten auf der gan­zen
Welt – die fran­zö­si­schen Gelb­wes­ten, Sudan, Hai­ti, Hong­kong, Alge­ri­en, Puer­to
Rico, Chi­le, Ecua­dor, Irak, Liba­non etc.[6] Hin­zu
kamen die welt­wei­ten Schü­ler­streiks und, in die­sem Jahr, sogar mit­ten in der
Pan­de­mie, die glo­ba­le „Black Lives Matter“-Bewegung. Dies zeigt, dass sich in
der heu­ti­gen glo­ba­li­sier­ten Welt Revol­ten mit erstaun­li­cher Reich­wei­te und
Schnel­lig­keit inter­na­tio­nal aus­brei­ten kön­nen. Die inter­na­tio­na­len Aus­wir­kun­gen
einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in irgend­ei­nem Land wären immens. Dies gilt
umso mehr, wenn die Revo­lu­ti­on – was zwangs­läu­fig so sein wird – an zen­tra­ler
Stel­le durch den Kampf gegen den Kli­ma­wan­del und die Umwelt­zer­stö­rung moti­viert
ist. Denn wel­che Debat­ten über den Sozia­lis­mus in einem Land in der
Ver­gan­gen­heit auch immer geführt wur­den, es wird über­deut­lich sein, dass kei­ne
Revo­lu­ti­on in Süd­afri­ka oder Frank­reich, Indo­ne­si­en oder Chi­le in der Lage sein
wird, den Kli­ma­wan­del zu bekämp­fen, wenn die USA, Chi­na, Russ­land und Indi­en
wei­ter­ma­chen wie bis­her. Der Kli­ma­wan­del ist ein inter­na­tio­na­les Pro­blem wie
kein ande­res zuvor.

Zwei Alternativen – eine ist greifbar.

Sucht man nach ande­ren Alter­na­ti­ven, den Kapi­ta­lis­mus
ent­we­der nach­hal­tig zu machen oder ihn revo­lu­tio­när zu stür­zen, bie­ten sich zwei
an: Es gibt die Per­spek­ti­ve bzw. Stra­te­gie, den Kapi­ta­lis­mus durch den Sieg bei
einer Par­la­ments­wahl in einen Sozia­lis­mus zu ver­wan­deln – was man die
Cor­byn-Stra­te­gie nen­nen könn­te; und es gibt die „Alter­na­ti­ve” der
faschistischen/​autoritären Bar­ba­rei. Die ers­te ist lei­der illu­so­risch; die
zwei­te, noch bedau­er­li­cher, ist nur all­zu real.

Corbyn, Kautsky- scheinabr praktisch, dann katastrophal

Was ich die Cor­byn-Stra­te­gie (in ihrer jüngs­ten Ver­si­on)
genannt habe, hat eine sehr lan­ge Tra­di­ti­on und geht zumin­dest auf Karl Kaut­sky
und die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei vor dem Ers­ten Welt­krieg zurück. In
der Pra­xis hat sie stets zu kata­stro­pha­len Fol­gen geführt, sei es in
Deutsch­land selbst, in Ita­li­en wäh­rend der „Roten Jah­re“[7], in
Chi­le 1970–73 oder unter Syri­za in Grie­chen­land oder auch mit Cor­byn (außer
dass es ihm nicht gelang, die dafür erfor­der­li­chen Par­la­ments­wah­len zu gewin­nen).

Ober­fläch­lich betrach­tet erscheint die­se Stra­te­gie enorm
prak­ti­scher und plau­si­bler als eine Revo­lu­ti­on, aber in Wirk­lich­keit ist sie
grund­le­gend falsch. Die gegen­wär­tig herr­schen­de kapi­ta­lis­ti­sche Klas­se wird
weder in einem Land noch inter­na­tio­nal auf­grund eines Wahl­sie­ges der
Sozialist*innen abtre­ten, d. h. ihre Macht auf­ge­ben. Im Gegen­teil, sie
wird ihre gesam­te wirt­schaft­li­che Macht (durch Inves­ti­ti­ons­streiks, Kapi­tal­flucht,
Wäh­rungs­an­grif­fe etc.), ihre sozia­le und ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie, ins­be­son­de­re
über die Medi­en, und, was ent­schei­dend ist, ihre Kon­trol­le über den Staat
ein­set­zen, um eine poten­ti­el­le sozia­lis­ti­sche Regie­rung gefü­gig zu machen oder,
falls nötig, zu zer­stö­ren.[8] Eine
sol­che Sabo­ta­ge könn­te nur durch die revo­lu­tio­nä­re Mobi­li­sie­rung der
Arbei­ter­klas­se bekämpft und über­wun­den wer­den. Des­halb ist die­se Opti­on bei all
ihren fort­schritt­li­chen Absich­ten eine Illu­si­on; sie wird ent­we­der zur
Revo­lu­ti­on wer­den, die sie eigent­lich ver­mei­den woll­te, oder sie wird sich in
Luft auf­lö­sen.

Die autoritäre Option wird attraktiver für die Mittelschicht

Was die faschistische/​autoritäre Opti­on anlangt, wis­sen wir
aus bit­te­rer Erfah­rung, etwa in Ita­li­en, Deutsch­land, Spa­ni­en, Por­tu­gal, Chi­le
und ande­ren Län­dern, dass dies eine rea­le Mög­lich­keit ist, die in vie­ler­lei
Hin­sicht die Kehr­sei­te der Medail­le des Schei­terns der refor­mis­ti­schen Opti­on
dar­stellt. Und wenn wir heu­te auf der Welt das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem
betrach­ten, das in einer mul­ti­di­men­sio­na­len Kri­se steckt, sehen wir eine wach­sen­de
poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung, in der sich die Kräf­te der extre­men Rech­ten in vie­len
ver­schie­de­nen Län­dern zusam­men­rot­ten. Es ist bit­te­re Tat­sa­che, dass drei gro­ße
Län­der (die USA, Bra­si­li­en und Indi­en) unter rechts­ex­tre­mer, wenn nicht sogar voll­stän­dig
faschis­ti­scher Kon­trol­le ste­hen und dass eine beträcht­li­che Anzahl ande­rer
Län­der von höchst auto­ri­tä­ren Regi­men regiert wird.

Auf lan­ge Sicht wird der Faschis­mus die glo­ba­le Erwär­mung nicht auf­hal­ten, aber dies wür­de sich erst zei­gen, wenn wir zuvor die fins­te­ren Jah­re einer Bar­ba­rei durch­lebt haben.

In dem Maße, wie die Kli­ma­kri­se und mit ihr die Zahl der
Kli­ma­f­lücht­lin­ge zunimmt, wird die auto­ri­tär-faschis­ti­sche Opti­on für die in
Panik gera­te­ne herr­schen­de Klas­se und eini­ge ihrer Anhänger*innen aus der
Mit­tel­schicht immer attrak­ti­ver erschei­nen. Auf lan­ge Sicht wird der Faschis­mus
die glo­ba­le Erwär­mung nicht auf­hal­ten, aber dies wür­de sich erst zei­gen, wenn
wir zuvor die fins­te­ren Jah­re einer Bar­ba­rei durch­lebt haben.

Um auf die Fra­ge zurück­zu­kom­men, ob noch die Zeit für einen
Sys­tem­wan­del bleibt: Nie­mand kann die Zukunft genau vor­her­sa­gen,[9] aber
das bei wei­tem wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio ist, dass die sich beschleu­ni­gen­de
Kli­ma- und Umwelt­kri­se den Klas­sen­kampf und die poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung auf
allen Ebe­nen ver­schär­fen wird. Die­ser Pro­zess wird zuneh­men, wenn sich die Welt
auf die 1,5°C‑Schwelle zube­wegt, und sich fort­set­zen, nach­dem sie über­schrit­ten
ist. Die Bewe­gung wird sich nicht nur damit befas­sen müs­sen, wie wir den
Kli­ma­wan­del abwen­den oder stop­pen kön­nen, son­dern auch damit, wie wir mit
sei­nen ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen umge­hen: mit Bar­ba­rei oder Soli­da­ri­tät?

Der Kapi­ta­lis­mus in all sei­nen For­men wird sich zuneh­mend in
Bar­ba­rei ver­wan­deln. Nur ein Sys­tem­wan­del, die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus
durch den Sozia­lis­mus, kann eine Alter­na­ti­ve anbie­ten, die auf der Soli­da­ri­tät
der Arbei­ter­klas­se und der Men­schen beruht.

John Moly­neux ist Chef­re­dak­teur der iri­schen Mar­xist Review und Mit­glied des lei­ten­den Komi­tees von Glo­bal Eco­so­cia­list Net­work (GEN).

Aus: Cli­ma­te & Capi­ta­lism vom 25.8.2020

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Über­set­zung: MiWe


[1] Son­der­be­richt über 1,5 °C glo­ba­le Erwär­mung (https://​www​.ipcc​.ch/​s​r​1​5​/​c​h​a​p​t​e​r​/​s​pm/), 2018.

[2] Sie­he John Moly­neux, “How fast is the cli­ma­te chan­ging?« Cli­ma­te & Capi­ta­lism,
2. August 2019.

[3] Alan Thor­nett, Facing the Apo­ca­lyp­se: Argu­ments for
Eco­so­cia­lism
,
(Resis­tance Books, Lon­don. 2019), S. 95

[4] Das schla­gen­ds­te Bei­spiel
hier­für ist die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on, die aus der For­de­rung nach Brot, Land und
Frie­den her­aus ent­stan­den ist. Das­sel­be gilt natür­lich für prak­tisch alle
Mas­sen­re­vo­lu­tio­nen.

[5] Sie­he etwa John Moly­neux, “Apo­ca­lyp­se Now! Cli­ma­te
chan­ge, capi­ta­lism and revo­lu­ti­on’, Irish Mar­xist Review 25, 2019.

[6] John Moly­neux, “A New Wave of Glo­bal Revolt?«
Rebel, 6. Novem­ber 2019.

[7] Das Bien­nio ros­so 1919/​20,
in dem Nord­ita­li­en eine revo­lu­tio­nä­re Wel­le erlebt hat, wur­de vom Bien­nio nero
der Jah­re 1921 und 1922 abge­löst, das im Marsch auf
Rom
der Fasci und der Macht­über­nah­me Mus­so­li­nis
gip­fel­te.

[8] Nähe­res hier­zu in “Under­stan­ding
Left Refor­mism
,” Irish Mar­xist Review 6, 2013; und in Lenin
for Today
, (Book­marks, Lon­don, 2017), Kapi­tel 3.

[9] „In
Wirk­lich­keit kann man nur den Kampfwis­sen­schaft­lichvor­her­se­hen, aber nicht sei­ne kon­kre­ten Momen­te …
Anto­nio Gram­sci, Gefäng­nis­hef­te 11, § 15, S. 1400

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