[ISO:] Mobilisierung ist dringend nötig ‒ gegen einen Krieg

Seit Juni wird im öst­li­chen Teil der Ägä­is mit dem Säbel
geras­selt, in einem Gebiet, das die Mit­tel­meer­küs­ten der Tür­kei und die
nächst­ge­le­ge­nen grie­chi­schen Inseln sowie die Insel Zypern umfasst. Die Ursa­che
dafür, die zuerst ins Auge springt, ist natür­lich die Ent­schlos­sen­heit von
Recep Tayy­ip Erdoğan zum Expan­sio­nis­mus, auf den wir hier nicht wei­ter ein­ge­hen
wol­len: Der tür­ki­sche Staats­len­ker, der in sei­nem Land in Schwie­rig­kei­ten
steckt und nur mit Unter­drü­ckung der Mas­sen und Ver­haf­tun­gen regiert, tritt die
Flucht nach vor­ne an und kom­bi­niert ‒ vor dem Hin­ter­grund des Ein­sat­zes des Mili­tärs
gegen sein Volk und gegen die Nach­bar­völ­ker ‒ reli­gi­ös-fun­da­men­ta­lis­ti­sche und
natio­na­lis­ti­sche Rhe­to­rik.

Ein Jahrhundertkonflikt…

Das ist bekannt und unbe­streit­bar ‒ die tür­ki­schen und
kur­di­schen Flücht­lin­ge in Grie­chen­land bele­gen es ‒, das reicht aber nicht aus,
um die gesam­te aktu­el­le Situa­ti­on zu erklä­ren: Im Grun­de kann man sagen, dass
die gegen­wär­ti­gen Pro­ble­me auf den Ver­trag von Lau­sanne (1923) und wei­te­re nach­fol­gen­de
Ver­trä­ge zurück­ge­hen, durch die die Mög­lich­kei­ten des ehe­ma­li­gen Osma­ni­schen
Rei­ches ein­ge­schränkt wur­den, an der Ägä­is, selbst in Küs­ten­nä­he, nach Belie­ben
zu han­deln. Die tür­ki­schen Behör­den pran­gern seit lan­gem die anhal­ten­de und
manch­mal ver­stärk­te Bereit­schaft der grie­chi­schen Sei­te zum Abrie­geln an: 1995
gab es Kriegs­dro­hun­gen der tür­ki­schen Sei­te ange­sichts des grie­chi­schen
Wun­sches, die Gren­ze ihrer Hoheits­ge­wäs­ser aus­zu­deh­nen, und 1996 kam es auf der
unbe­wohn­ten Insel Imia [tür­kisch: Kar­dak] in der Nähe von der Insel Kalym­nos zu
einem Vor­fall, bei dem gegen­sei­ti­ges Über­bie­ten in punc­to Natio­na­lis­mus und
Mili­ta­ris­mus fast zum Krieg führ­ten. Es gibt also seit lan­gem tür­ki­sche
Ansprü­che in Bezug auf Ver­kehr auf dem Meer und Sou­ve­rä­ni­tät für einen gro­ßen
Teil der öst­li­chen Ägä­is.

… wird explosiv.

Durch drei Ele­men­te wird die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on explo­siv:

  • Das sozia­le Elend, das für die Tür­kei bereits ange­spro­chen wur­de, aber in Grie­chen­land mit einer ultra­li­be­ra­len Regie­rung eben­falls sehr mas­siv ist, die zynisch erklärt: Wenn so vie­le jun­ge Men­schen arbeits­los sind, dann des­halb, weil sie dar­in aus­ge­bil­det wur­den, wie man einen Lebens­lauf schreibt! Die Aus­nut­zung eines dem Anlass ent­spre­chen­den Patrio­tis­mus, der von den gro­ßen pri­va­ten Medi­en mit finan­zi­el­ler Hil­fe der Regie­rung Mit­sota­kis beför­dert wird, könn­te eine gute Ablen­kung sein, davon träumt die Füh­rung der grie­chi­schen Rech­ten. In der Tür­kei beschwört Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Akar sei­ner­seits das „Blaue Vater­land“, ein Kon­zept der extre­men natio­na­lis­ti­schen Rech­ten für die mari­ti­me „Rück­erobe­rung“ im Wes­ten der Tür­kei …
  • Das Vor­han­den­sein von Erd­öl und Erd­gas in den umstrit­te­nen Zonen: Die Inter­es­sen sind auf bei­den Sei­ten sehr groß, da man weiß, dass auf grie­chi­scher Sei­te die Regie­rung die­se Vor­kom­men bereits von den Erd­öl­gi­gan­ten Exxon Mobil, Eni und dem fran­zö­si­schen Kon­zern Total abbau­en las­sen will.
  • Die Rol­le der Mili­tärs in der Poli­tik bei­der Regie­run­gen und die Inter­es­sen der Waf­fen­händ­ler. Bei­de Län­der sind Mit­glie­der der NATO, und bei­de geben wahn­sin­nig viel Geld für die Rüs­tung aus: Im Jahr 2019 gab die Tür­kei 20,4 Mil­li­ar­den oder 2,7 % ihres BIP aus, was einem Anstieg von 86 % seit 2010 ent­spricht; und das Grie­chen­land der Memo­ran­den, die einen gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung in die Armut gestürzt haben, gehör­te 2019 zu den Top 3 der NATO-Län­der, was den Anteil der Mili­tär­aus­ga­ben am BIP betrifft … Und wäh­rend das grie­chi­sche Kran­ken­haus­per­so­nal jeden Tag mit dem Elend der Ein­rich­tun­gen zu kämp­fen hat und uner­müd­lich die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen for­dert, wäh­rend Lehrer*innen ange­sichts des besorg­nis­er­re­gen­den Anstiegs der Covid-Anste­ckun­gen for­dern, dass sie ange­sichts des Zustands vie­ler Klas­sen­räu­me maxi­mal 15 Schüler*innen unter­rich­ten kön­nen, erwägt Minis­ter­prä­si­dent Kyria­kos Mit­sota­kis ganz ernst­haft die Bud­ge­tie­rung von Mili­tär­aus­ga­ben in Höhe von 10 Mil­li­ar­den Euro.

Umstrittene Grenzen,
damit die Umwelt mehr verschmutzt wird?

Es muss noch ein­mal betont wer­den, dass die Fra­ge der See­gren­zen ein altes The­ma ist, das nicht ver­nach­läs­sigt wer­den darf. Es ist offen­sicht­lich, dass auf der Athe­ner Sei­te die Ten­denz besteht, die gesam­te Ägä­is als eine Art „grie­chi­schen See“ zu betrach­ten, und die Regie­rung wei­gert sich, irgend­etwas in Betracht zu zie­hen, was als Angriff auf die natio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät und das Völ­ker­recht dar­ge­stellt wird, auch wenn die Ten­denz inner­halb der gro­ßen impe­ria­lis­ti­schen Insti­tu­tio­nen dahin geht, dass man Fle­xi­bi­li­tät und die Auf­nah­me eines Dia­logs zwi­schen den bei­den Regie­run­gen wünscht.

Es gibt meh­re­re heik­le Fra­gen: die Gren­ze der Hoheits­ge­wäs­ser, die Grie­chen­land von 6 auf 12 See­mei­len aus­deh­nen möch­te, was in der Ägä­is von Erdoğan als „casus bel­li“ ange­se­hen wür­de; die Gren­zen des unter­see­ischen Fest­landso­ckels, der in der Pra­xis bis zu 550 km von der Küs­te ent­fernt sein kann (man sieht, wie albern die Dis­kus­sio­nen hier­zu in Bezug auf die grie­chi­schen Inseln sind, die zwei Kilo­me­ter von der tür­ki­schen Küs­te ent­fernt sind! ); und erst recht seit der rela­tiv neu­en Defi­ni­ti­on des Kon­zepts der Aus­schließ­li­chen Wirt­schafts­zo­ne (AWZ; engl. Exclu­si­ve Eco­no­mic Zone, EEZ), einer Zone, in der sich ein Land das Recht auf die Erhal­tung des Gleich­ge­wichts, vor allem aber das Recht auf Aus­beu­tung (Fische­rei, Brenn­stof­fe usw.) ein­räumt.

Problematische Abgrenzungen – vollendete Tatsachen

Im Fall der Ägä­is sind die­se Begrif­fe des See­rechts mit ande­ren Erwä­gun­gen wie denen eines „geschlos­se­nen Mee­res“ ver­floch­ten, die eine Abgren­zung noch schwie­ri­ger machen. Daher woll­te Erdoğan sei­ne Rede über die „Rück­erobe­rung“ in die­sem Win­ter anschau­lich machen, indem er mit der liby­schen Regie­rung ein Abkom­men über die Abgren­zung einer AWZ zwi­schen den bei­den Län­dern abschlie­ßen oder bes­ser gesagt auf­zwin­gen woll­te; ein Abkom­men, das unge­niert in das ein­greift, was Grie­chen­land als sei­ne Gerichts­bar­keit defi­niert; seit­her fin­den zahl­rei­che Manö­ver statt, um eine fak­ti­sche Aner­ken­nung durch­zu­set­zen, indem er ein von Mili­tär­schif­fen beglei­te­tes Tief­see-For­schungs­schiff ent­sand­te. Als Ent­geg­nung auf so geschaf­fe­ne voll­ende­te Tat­sa­chen unter­zeich­ne­te die grie­chi­sche Regie­rung im Juni ein Abkom­men mit Ita­li­en, mit dem eine AWZ im Ioni­schen Meer defi­niert wird (nun will Erdoğan also Alba­ni­en „schüt­zen“!), im August dann ein Abkom­men mit Ägyp­ten, wobei sich die­se Zone natür­lich mit der von der Tür­kei ein­ge­rich­te­ten über­schnei­det …

Zur Zeit geht es, abge­se­hen von den stra­te­gi­schen Aspek­te natür­lich nicht um die Sor­ge um den Erhalt der Natur­räu­me. Im Gegen­teil, all die­se Manö­ver haben nur ein Ziel – die maxi­ma­le Aus­beu­tung des Mee­res­bo­dens für den größ­ten Pro­fit der Ölkon­zer­ne.

Nun ist das Mit­tel­meer seit lan­gem ein Meer, das durch sehr hohe Ver­schmut­zungs­wer­te bedroht ist: Der Wett­lauf der Bour­geoi­sen um Pro­fit ist unbe­dingt anzu­pran­gern und dar­über hin­aus soll­te jede neue Quel­le von Ver­schmut­zung des Mit­tel­meer abge­lehnt wer­den; das ist umso vor­dring­li­cher, wenn wir uns vor Augen füh­ren, wie die Regie­rung Mit­sota­kis den Schutz der Umwelt ver­ach­tet, um ihren Kum­peln, den Her­ren Ver­schmut­zern aller Art bes­ser die­nen zu kön­nen.

Das nationalistische
Gift in Griechenland

Jetzt fängt die­ser natio­na­lis­ti­sche Dis­kurs wie­der an, nun geht es um den Schutz der „See­gren­zen“, aber auch um die Gefahr von Inva­sio­nen…

Zur Erin­ne­rung: Im Win­ter 2019/​20 hat­te Erdoğans wider­wär­ti­ge Ope­ra­ti­on, die Tau­sen­de von Flücht­lin­gen an die grie­chi­schen Gren­zen am Fluss Evros [bul­ga­risch: Mari­za] und auf die nord­öst­li­chen Inseln brach­te und eine Rei­he von ihnen dazu dräng­te, die Gren­ze nach Grie­chen­land zu über­schrei­ten, ein Kli­ma des hys­te­ri­schen Natio­na­lis­mus in der grie­chi­schen Rech­ten und extre­men Rech­ten geschaf­fen; sie spra­chen von einer „Inva­si­on“ des Ter­ri­to­ri­ums und stell­ten ‒ neben den Sol­da­ten, die in gro­ßer Zahl ein­ge­setzt wur­den ‒ Para­mi­li­tärs auf, die offen von den Nazi-Ver­bre­chern von der „Gol­de­nen Mor­gen­rö­te“ und ande­ren euro­päi­schen Faschis­ten unter­wan­dert wur­den, die kamen nur all­zu ger­ne, um Migrant*innen kaputt­zu­hau­en.

Die herr­schen­den Medi­en hat­ten damals einen krie­ge­ri­schen Dis­kurs über ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät an den Tag gelegt, gegen den die anti­ras­sis­ti­schen Mobi­li­sie­run­gen schwer ankom­men konn­ten. Jetzt fängt die­ser natio­na­lis­ti­sche Dis­kurs wie­der an, nun geht es um den Schutz der „See­gren­zen“, aber auch um die Gefahr von Inva­sio­nen auf klei­nen Inseln in der Nähe der Tür­kei, und die grie­chi­schen Nationalist*innen sind Erdoğan zu Dank ver­pflich­tet: Kürz­lich hat der Cau­dil­lo von Anka­ra mit der Inva­si­on der klei­nen Insel Kas­tel­ori­zo gedroht und die grie­chi­sche Armee beschul­digt, sie zie­he dort Kräf­te zusam­men. In die­ser Situa­ti­on ver­steht es sich von selbst, dass Erdoğans kriegs­trei­be­ri­sche Absich­ten ent­schie­den ver­ur­teilt wer­den müs­sen, aber gegen den bei­den Regi­men gemein­sa­me Natio­na­lis­mus und Mili­ta­ris­mus muss gene­rell ange­gan­gen wer­den.

Der rechte Patriotismus missachtet die Realität

Ein wei­te­rer, sehr kon­kre­ter Aspekt darf nicht ver­ges­sen
wer­den: Bei all den patrio­ti­schen Reden wird die kon­kre­te Rea­li­tät die­ser
klei­nen Inseln völ­lig igno­riert. So erin­ner­te Tha­na­sis Papachris­to­pou­los, ein
Abge­ord­ne­ter von Syri­za, in einem vor kur­zem erschie­ne­nen Zei­tungs­bei­trag
dar­an, dass es auf Kas­tel­ori­zo kei­ne Apo­the­ke gibt, das Gesund­heits­zen­trum
unter­be­setzt ist, dass den 50 Jugend­li­chen, die die Schu­le besu­chen, die Hälf­te
der not­wen­di­gen Lehrer*innen vor­ent­hal­ten wer­den und dass die Bezie­hun­gen zu
ihren nahen Nachbar*innen in der tür­ki­schen Stadt Kaș sehr gut gewe­sen sind und
dass auch wei­ter gilt … Also: Geld für sozia­le Bedürf­nis­se und Freund­schaft
zwi­schen den Völ­kern, nicht für Kriegs­waf­fen!

Das gefährliche Spiel
der imperialistischen „Verbündeten“

In Anbe­tracht einer Situa­ti­on, die schnell in einen offe­nen Kon­flikt aus­ar­ten könn­te, han­delt jeder ent­spre­chend sei­nen wirt­schaft­li­chen und/​oder stra­te­gi­schen Anlie­gen. So wird Jens Stol­ten­berg, der Gene­ral­se­kre­tär der NATO, der bei­de Län­der ange­hö­ren, von füh­ren­den Politiker*innen in Athen beschul­digt, er las­se die Situa­ti­on taten­los schlim­mer wer­den, um den tür­ki­schen Ver­bün­de­ten, ein wich­ti­ges Relais der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in der Regi­on, nicht zu ner­ven. Was die USA betrifft, so legen sie gegen­über der Tür­kei eben­falls eine zögern­de Hal­tung an den Tag: Sie möch­ten nicht, dass der tür­ki­sche Kun­de noch mehr Rüs­tungs­gü­ter in Russ­land bestellt …

In der gegen­wär­ti­gen Kri­sen­pe­ri­ode kann die Kon­kur­renz zwi­schen den Bour­geoi­si­en im Krieg ein Ven­til fin­den, und es steht außer Fra­ge, dass die Gefahr eines regio­na­len Krie­ges nicht unter­schätzt wer­den darf.

Bei der EU hat das grie­chi­sche Behar­ren auf Wirt­schafts­maß­nah­men gegen die Tür­kei die deut­sche Rats­prä­si­dent­schaft noch nicht über­zeugt: Es scheint, dass es Mer­kel in ers­ter Linie dar­um geht, Erdoğan nicht in die Rich­tung zu drän­gen, dass er erneut Flücht­lin­ge benutzt, um Druck auf die EU aus­zu­üben. Der ein­zi­ge gemein­sa­me from­me Wunsch lau­tet „Auf­nah­me eines Dia­logs“ zwi­schen den bei­den Län­dern. Hin­ter die­ser diplo­ma­ti­schen Hal­tung ver­birgt sich in Wirk­lich­keit eine grund­sätz­li­che Ten­denz zum libe­ra­len „Lais­sez-fai­re“: Es wird der Ein­druck erweckt, dass man eine Ver­schlech­te­rung der Lage zulässt, bis es zu einem mili­tä­ri­schen Zwi­schen­fall kommt, dann wür­den die ver­schie­de­nen Gre­mi­en auf Ver­hand­lun­gen drän­gen.

Wie dem auch sei, ob die Imperialist*innen glau­ben, die Situa­ti­on auf illu­so­ri­sche Wei­se kon­trol­lie­ren zu kön­nen, oder ob dies nur ein Vor­wand ist, die Bedro­hung ist im Grun­de vor­han­den, wie PRIN, die Wochen­zei­tung von NAR (Neue Lin­ke Strö­mung), Mit­glieds­or­ga­ni­sa­ti­on von ANTARSYA (der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, revo­lu­tio­nä­ren, kom­mu­nis­ti­schen und öko­lo­gi­schen Front­struk­tur), betont: In der gegen­wär­ti­gen Kri­sen­pe­ri­ode kann die Kon­kur­renz zwi­schen den Bour­geoi­si­en im Krieg ein Ven­til fin­den, und es steht außer Fra­ge, dass die Gefahr eines regio­na­len Krie­ges nicht unter­schätzt wer­den darf.

Macrons Rettung der europäischen Ehre

Die­se Schlag­sei­te hin zum Mili­ta­ris­mus wird durch die
Posi­ti­on der fran­zö­si­schen Regie­rung gut ver­an­schau­licht: Macron hat sich
beeilt, Mili­tär­schif­fe und Flug­zeu­ge in die Regi­on zu schi­cken, bald wird der
Flug­zeug­trä­ger „Charles de Gaul­le“ fol­gen. In Anleh­nung an Erdoğans groß­mäu­li­ge
Erklä­run­gen such­te er die Unter­stüt­zung der fran­zö­si­schen öffent­li­chen Mei­nung,
die tra­di­tio­nell hel­leno­phil ist, und natür­lich erhielt er sofort Unter­stüt­zung
von einem alten Kämp­fer, der mit Sack und Pack und ohne Gewis­sen­bis­se zu einem
ultra­li­be­ra­len Krie­ger gewor­den ist, von Dani­el Cohn-Ben­dit: In einem
Mei­nungs­bei­trag mit der Über­schrift „Wir sind alle grie­chi­sche Euro­pä­er“ (Libé­ra­ti­on, 17. August[1])
wagt er nicht nur vom Erfolg der „eben­so tie­fen wie gewalt­tä­ti­gen
Struk­tur­re­for­men“ zu spre­chen, damit meint er das Rui­nen­feld, das die Troi­ka in
Grie­chen­land hin­ter­las­sen hat, son­dern wür­digt er auch die Ver­diens­te des
fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten: „Durch die Ent­sen­dung mili­tä­ri­scher Ver­stär­kung in
die Ägä­is hat Emma­nu­el Macron die Ehre Euro­pas geret­tet.“

Es ist daher drin­gend gebo­ten fest­zu­stel­len: Macron fun­giert
in ers­ter Linie als Außen­dienst­mit­ar­bei­ter des fran­zö­si­schen Mine­ral­öl­kon­zerns
Total im Mit­tel­meer­raum; die Ent­sen­dung von Flug­zeu­gen und Kriegs­schif­fen ist
mehr als ein stra­te­gi­scher Schach­zug, sie ist eine kom­mer­zi­el­le Vor­füh­rung,
deren Ziel ganz ein­fach dar­in besteht, von dem grie­chi­schen Staat Auf­trä­ge für Fre­gat­ten
und das Mehr­zweck­kampf­flug­zeug Rafa­le des fran­zö­si­schen Kon­zerns Das­s­ault
Avia­ti­on, für die Moder­ni­sie­rung der Mira­ge und für Exo­cet- und Scalp-Rake­ten
zu bekom­men!

Von der „inter­na­tio­na­len Diplo­ma­tie“ ist also nichts zu
erwar­ten, im Gegen­teil, wegen der Flucht nach vorn, die viel­leicht nicht mehr lan­ge
unter Kon­trol­le gehal­ten wer­den kann, sind Sor­gen ange­bracht: So soll Erdoğan bei­spiels­wei­se
Druck gemacht haben, dass ein grie­chi­sches Schiff ver­senkt wird, was sei­ne
mili­tä­ri­sche Hier­ar­chie abge­lehnt hat; auf grie­chi­scher Sei­te spricht ein
natio­na­ler Sol­da­ten­ver­band davon, dass Hun­der­te von Reser­vis­ten Mobi­li­sie­rungs­bö­gen
geschickt bekom­men.

Dringend nötige internationalistische Mobilisierung bleiben aus

Ange­sichts die­ser Situa­ti­on könn­te man von der grie­chi­schen
Lin­ken wenigs­tens eine pazi­fis­ti­sche Kam­pa­gne erwar­ten: Von den Reformist*innen
kommt genau das Gegen­teil! Syri­za kri­ti­siert, dem Vor­bild von Pas­ok in Sachen
Natio­na­lis­mus fol­gend, das AWZ-Abkom­men mit Ägyp­ten, weil es Grie­chen­land ein
wenig See­sou­ve­rä­ni­tät ent­zieht. Alexis Tsi­pras rühmt sich, er habe Erdoğan vor
eini­gen Jah­ren dadurch zum Rück­zug ver­an­lasst, dass er die Keu­le der
mili­tä­ri­schen Dro­hung geschwun­gen hat! Gegen die­sen Kurs erhe­ben sich nur
weni­ge kri­ti­sche Stim­men, so wird das AWZ-Abkom­men mit Ägyp­ten als eine
Pro­vo­ka­ti­on kri­ti­siert, die die Auf­nah­me von Gesprä­chen mit der Tür­kei
ver­hin­de­re. Von­sei­ten der KKE (der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Grie­chen­lands) wird das
impe­ria­lis­ti­sche Trei­ben ange­pran­gert, das dar­auf abzie­le …, Grie­chen­land die
Sou­ve­rä­ni­tät zu neh­men!

Die griechischen Reformisten – nationalistischer als der Premierminister

In die­sem Fall ist die grie­chi­sche refor­mis­ti­sche Lin­ke also
natio­na­lis­ti­scher als Pre­mier­mi­nis­ter Mit­sota­kis, des­sen Stra­te­gie vor allem unklar
ist: Obwohl er sich als „Ober­haupt der Nati­on“ aus­gibt, mit Ver­hand­lun­gen
(Inter­na­tio­na­ler Gerichts­hof in Den Haag) als wahr­schein­li­ches Ziel, wei­gert er
sich vor­erst, kriegs­trei­be­ri­sche Reden zu hal­ten, wäh­rend er zulässt, dass sie
von der extre­men Rech­ten sei­ner Par­tei (dem ehe­ma­li­gen Pre­mier­mi­nis­ter Ando­nis Sama­ras
und faschis­ti­schen Über­läu­fern) und einem Groß­teil der Medi­en andau­ernd mit sol­chen
Reden ankom­men.

Antikapitalistische Achsen

Glück­li­cher­wei­se geht in die­ser ange­spann­ten Situa­ti­on die
Ten­denz bei einem Groß­teil der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Lin­ken in Grie­chen­land (genannt
sei­en die größ­ten Orga­ni­sa­tio­nen wie NAR, SEK, Syn­an­ti­si ‒ Zusam­men­kunft für
eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Lin­ke) dahin, dass sie auf
einer drei­fa­chen Ach­se mobi­li­sie­ren wol­len, die ein­deu­tig den Her­aus­for­de­run­gen
ent­spricht:

  • gegen den Natio­na­lis­mus, für inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät und den Kampf für die Ver­tei­di­gung sozia­ler Errun­gen­schaf­ten; des­halb ist es ent­schei­dend, dass der inter­na­tio­na­le Kampf in jedem Land auch ein Kampf gegen die jewei­li­gen Kapi­ta­lis­ten ist: Es steht außer Fra­ge, sich für die Inter­es­sen der grie­chi­schen oder der tür­ki­schen Bour­geoi­sie töten zu las­sen;
  • gegen Mili­ta­ris­mus und Mili­ta­ri­sie­rung, für den Frie­den zwi­schen den Völ­kern;
  • gegen Off­shore-Boh­run­gen, für den Schutz der Umwelt in der Ägä­is.

Die­se Ach­sen wer­den zwar mit ein paar unter­schied­li­chen Akzent­set­zun­gen
ver­tre­ten, aber eini­ge kon­kre­te Ergeb­nis­se sind bereits sicht­bar gewor­den, so
ein gemein­sa­mer Auf­ruf der NAR und der tür­ki­schen Par­tei der Arbeit, wei­te­re
grie­chisch-tür­ki­sche Kon­tak­te sind im Gan­ge. Es gibt auch Aktio­nen mit nicht zu
ver­nach­läs­si­gen­der sym­bo­li­scher Bedeu­tung, wie zum Bei­spiel dass die Ein­woh­ner
von Dat­ça, einer klei­nen tür­ki­schen Stadt gegen­über der grie­chi­schen Insel Chal­ki,
am Hafen ein rie­si­ges Trans­pa­rent „Der Frie­den wird sie­gen“ in bei­den Spra­chen ange­bracht
haben. Das Ziel soll­te jetzt dar­in bestehen, zu ver­su­chen, in Grie­chen­land, in
der Tür­kei, aber auch über­all sonst in Euro­pa und beson­ders in Frank­reich Kräf­te
für eine brei­te ein­heit­li­che Bewe­gung zu sam­meln ‒ für ein Euro­pa und eine
Ägä­is ohne Gren­zen!

Athen, 6. Sep­tem­ber 2020

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt und bear­bei­tet von Wil­fried Quel­le: https://​npa2009​.org/​a​c​t​u​a​l​i​t​e​/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​m​e​r​-​e​g​e​e​-​u​r​g​e​n​c​e​-​d​u​n​e​-​m​o​b​i​l​i​s​a​t​i​o​n​-​a​n​t​i​-​g​u​e​rre


[1] https://​www​.libe​ra​ti​on​.fr/​d​e​b​a​t​s​/​2​0​2​0​/​0​8​/​1​7​/​n​o​u​s​-​s​o​m​m​e​s​-​t​o​u​s​-​d​e​s​-​e​u​r​o​p​e​e​n​s​-​g​r​e​c​s​_​1​7​9​6​981

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