[KgK:] Polizei schlägt, Bild-Zeitung lügt: Interview mit Betroffenem

Wir spre­chen mit Mar­cus Kobi­na M., der Anzei­ge gegen den Poli­zei­be­am­ten erhe­ben möch­te, der ihm am Frei­tag, den 4. Sep­tem­ber, mit geziel­ten Schlä­gen Ver­let­zun­gen im Gesicht zufüg­te. Wir las­sen ihn sei­ne Sicht der Situa­ti­on schil­dern. Die­se Per­spek­ti­ve fand näm­lich in der bis­he­ri­gen Bericht­erstat­tung durch die Münch­ner Bou­le­vard­zei­tung tz, die Süd­deut­sche und auch die BILD bis­her kein Gehör. Die ein­sei­ti­ge Bericht­erstat­tung wird bei­spiels­wei­se dadurch ver­deut­licht, dass ledig­lich die Süd­deut­sche in einem Arti­kel zu dem Vor­fall erwähnt, dass der Ein­satz von Schlag­stö­cken gegen den Kopf ein abso­lu­tes Tabu sei. Doch noch schlim­mer: In der BILD vom Frei­tag, den 11. Sep­tem­ber, wird dreist gelo­gen und behaup­tet, Mar­cus hät­te bei der Staats­an­walt­schaft aus­ge­sagt, dass er sich sei­ne Ver­let­zun­gen selbst zuge­fügt hät­te! (Foto am Ende des Arti­kels)

Bei uns kommt Mar­cus per­sön­lich zu Wort.

Guten Abend Mar­cus! Ich freue mich sehr, dass du zu einem Inter­view bereit bist. Kannst du zu Beginn den Vor­fall aus dei­ner Sicht schil­dern?

Mar­cus: Wir waren am besag­ten Abend am Gärt­ner­platz in Mün­chen ver­ab­re­det. Mei­ne Freun­de, mein Bru­der und ich waren ab cir­ca 21:30 Uhr dort. Gegen 22:30 Uhr zeig­te die Poli­zei ver­mehrt Prä­senz am Gärt­ner­platz, um die Laut­stär­ke nach Beschwer­den der Nach­barn ein­zu­däm­men. Ein Poli­zist kam wie­der­holt direkt zu unse­rer Grup­pe und woll­te eine Aus­weis­kon­trol­le durch­füh­ren. Ein Freund von mir woll­te sich nicht aus­wei­sen, nach wie­der­hol­ter Auf­for­de­rung hän­dig­te er jedoch den Aus­weis aus. In der Fol­ge haben sie ihn zu zweit fest­ge­nom­men und über die Stra­ße zu einem Ein­satz­wa­gen gezerrt. Ich konn­te dabei nicht ein­fach nur zuse­hen, also ging ich dazu und ver­such­te, ver­bal auf die Beam­ten ein­zu­wir­ken. Ich habe die Poli­zei natür­lich nicht kör­per­lich bedrängt und ange­gan­gen, da ich weiß, dass dies nichts bringt und sich eher nega­tiv aus­wirkt. Ich bin also im Ver­such, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen, zu mei­nem Kum­pel und den Beam­ten gelau­fen und habe kurz dar­auf den Schlag­stock auf den Kopf bekom­men. Da ich direkt für eini­ge Sekun­den bewusst­los wur­de und zu Boden fiel, konn­te ich sel­ber erst nach Betrach­ten des Video­ma­te­ri­als wis­sen, dass ich am Kopf getrof­fen wur­de. Ich bin nach dem Schlag lang­sam wie­der zu Bewusst­sein gekom­men. Mein Bru­der hat mich im Getüm­mel geschützt und ver­sucht, aus der Situa­ti­on raus­zu­zie­hen. Er und eini­ge Freun­de haben ver­sucht, mir beim Auf­ste­hen zu hel­fen, kurz dar­auf bin ich erneut zusam­men­ge­sackt. Als Poli­zei­be­am­te mich und mei­nen Bru­der befrag­ten, frag­ten sie, ob ich selbst in der Ver­fas­sung sei, zur Kli­nik zu gehen. Ich muss­te dar­auf bestehen, dass sie einen Not­arzt rufen.

Wie hast du das Auf­tre­ten der Poli­zei­be­am­ten erlebt? Gab es Pro­vo­ka­tio­nen von eurer oder deren Sei­te vor der Eska­la­ti­on?

M.: Unse­re Stim­mung, auch die der rest­li­chen Men­schen am Gärt­ner­platz, war locker und posi­tiv. Ich hat­te schon das Gefühl, dass die Poli­zei nach ihrer ers­ten Auf­for­de­rung schnur­stracks wie­der zu uns kam, das war eine ziel­ge­rich­te­te Ori­en­tie­rung, obwohl wir ihrer Auf­for­de­rung, die Musik lei­ser zu machen, nach­ge­kom­men sind. Wir haben sie sogar aus­ge­macht! Sie kamen trotz­dem zu uns und haben ohne ersicht­li­chen Grund nach unse­ren Per­so­na­li­en gefragt. So wie ich das beur­tei­len kann, waren wir die ein­zi­gen, die sich aus­wei­sen soll­ten.

Im Poli­zei­be­richt und in sämt­li­chen Arti­keln der gän­gi­gen Medienvertreter*innen stand geschrie­ben, dass der „20-jäh­ri­ge Mann aus Haar“ den gesam­ten Gärt­ner­platz mit sei­ner Musik­box beschallt hät­te, was sagst du zu der Dar­stel­lung?

M.: Er hat mit sei­ner Box schon dazu bei­getra­gen, aber meh­re­re Grup­pen hat­ten ihre Laut­spre­cher dabei und haben Musik abge­spielt. Unse­re Grup­pe war nur eine von vie­len Laut­stär­ke­quel­len. Außer­dem haben wir ja wie gesagt nach der ers­ten Auf­for­de­rung unse­re Musik aus­ge­macht. Es gab also kei­nen Grund, gera­de uns für eine Per­so­nen­kon­trol­le her­aus­zu­pi­cken.

Zu dem Vor­fall gibt es den bereits erwähn­ten Pres­se­be­richt der Poli­zei Mün­chen sowie zahl­rei­che Arti­kel regio­na­ler und über­re­gio­na­ler Medi­en, wie z. B. der tz, der SZ und der BILD. Was kannst du zu den Dar­stel­lun­gen die­ser Berich­te sagen?

M.: Ich hät­te mir per­sön­lich auch eine Dar­stel­lung aus unse­rer Sicht gewünscht. Es wur­de teil­wei­se rela­ti­viert, zum Bei­spiel wird bei einem Arti­kel der SZ der Ein­druck erweckt, der Schlag wäre aus Ver­se­hen pas­siert. Im Video, dass die BILD-Zei­tung in ihrem Bericht ver­öf­fent­licht hat­te, erkennt man aber deut­lich, dass der Schlag ziel­ge­rich­tet war. Es hat sich aller­dings kein Medi­en­ver­tre­ter bei mir oder mei­nen Freun­den gemel­det, um unse­re Per­spek­ti­ve zu beleuch­ten. Im Gegen­teil, die neue Dar­stel­lung aus der BILD, dass ich bei der Staats­an­walt­schaft aus­ge­sagt hät­te, dass ich mir mei­ne Ver­let­zun­gen selbst zuge­fügt hät­te, ist dreist gelo­gen!


Wie ging es in den nächs­ten Tagen wei­ter?

M.: Noch in der sel­ben Nacht kam ich ins Kran­ken­haus und wur­de dort behan­delt. Dia­gnos­ti­ziert wur­de eine Gehirn­er­schüt­te­rung, außer­dem hat­te ich zwei etwa drei Zen­ti­me­ter lan­ge Platz­wun­den. Eine an der Ober­lip­pe und eine wei­te­re im Mund­raum. Bei­de muss­ten mit meh­re­ren Sti­chen genäht wer­den. Beson­ders schmerz­haft wäh­rend dem Essen und Trin­ken, aber auch dem Reden ist bis heu­te der Riss vom Lip­pen­bänd­chen. Am Diens­tag, dem 8. Sep­tem­ber, hat­te ich einen Ter­min beim Bay­ri­schen Lan­des­kri­mi­nal­amt. Da wur­de ich von einer Kri­mi­nal­kom­mis­sa­rin zu dem Vor­fall ange­hört. Ich hat­te schon das Gefühl, von ihr per­sön­lich ernst­ge­nom­men zu wer­den. Die Beam­tin erzähl­te mir, dass sich die Staats­an­walt­schaft bereits dem Fall ange­nom­men hat und ermit­teln wird. Unab­hän­gig davon habe ich aber auch betont, dass ich per­sön­lich auch eine Anzei­ge stel­len möch­te. Ich wur­de mehr­mals gefragt, ob ich da wirk­lich sicher sei.

Noch­mal vie­len Dank für dei­ne Zeit und die Ein­bli­cke über die Gescheh­nis­se vom letz­ten Frei­tag. Wir wün­schen dir viel Erfolg bei dei­nem Bemü­hun­gen gegen dei­ne per­sön­li­che Erfah­rung von Poli­zei­ge­walt.


Zum Abschluss wol­len wir aus der Redak­ti­on von Klas­se Gegen Klas­se noch ein­mal bekräf­ti­gen:

Bei der Betrach­tung von Mar­cus Per­spek­ti­ve wird deut­lich, dass es eini­ge Dif­fe­ren­zen zur Bericht­erstat­tung der Medi­en gibt, die sich aus­schließ­lich auf die Aus­sa­gen der Poli­zei Mün­chen und deren Pres­se­be­richt vom 5. Sep­tem­ber gibt. Beson­ders auf­fäl­lig ist hier­bei die Recht­fer­ti­gung für die Iden­ti­täts­fest­stel­lung durch die Beamt*innen. Die­se erfolg­te näm­lich nicht, wie im Pres­se­be­richt behaup­tet wur­de, im direk­ten Anschluss an die Auf­for­de­rung, die musi­ka­li­sche Beschal­lung ein­zu­stel­len, son­dern erst im Nach­gang – obwohl die Grup­pe von Mar­cus die­ser Auf­for­de­rung Fol­ge leis­te­te. Außer­dem ist es auch abso­lut rea­li­täts­fern, dass er wie beschrie­ben den Gärt­ner­platz in Eigen­ver­ant­wor­tung mit sei­ner „Musik­box“ beschallt hät­te. Um eine sol­che Flä­che mit der Men­ge an Men­schen (bis zu 300 Per­so­nen, laut Poli­zei Mün­chen) mit Musik zu ver­sor­gen, bräuch­te man eine Anla­ge, die auch auf Kon­zer­ten ver­wen­det wird. Allei­ne die­ser Aspekt soll­te rei­chen, um ernst­haf­te Zwei­fel an der Auf­rich­tig­keit und Sou­ve­rä­ni­tät der Poli­zei auf­zu­wer­fen.

Dar­über hin­aus bleibt aber die Fra­ge im Raum, war­um aus­ge­rech­net die Grup­pe von Mar­cus und sei­nen Freund*innen so in den Fokus der Beamt*innen rück­te. Laut sei­nen Schil­de­run­gen waren sie defi­ni­tiv nicht die­je­ni­gen, die allei­nig für die Ruhe­stö­rung ver­ant­wort­lich waren. Es wäre auch ver­mes­sen zu glau­ben, dass dies eine Grup­pe von fünf Per­so­nen bewerk­stel­li­gen kann. Der Gärt­ner­platz ist ein bekann­ter Hot­spot, der in den ver­gan­ge­nen Wochen regel­mä­ßig zu einem Ein­satz­ort der Poli­zei Mün­chen wur­de. Meh­re­re hun­dert Per­so­nen, die am Wochen­en­de bei war­men Tem­pe­ra­tu­ren gemein­sam fei­ern, alko­ho­li­sche und nicht-alko­ho­li­sche Geträn­ke kon­su­mie­ren, Musik hören und sich unter­hal­ten, sind dort ein Nor­mal­zu­stand. Auch die Poli­tik hat­te sich dem The­ma in den letz­ten Wochen gewid­met. Erst letz­te Woche hat­te der Münch­ner Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter ange­kün­digt, dass die Stadt Mün­chen ein Kon­zept vor­le­gen wer­de, was gegen die­se Art der Ansamm­lun­gen, spe­zi­ell an Hot­spots, vor­ge­hen wer­de. Es fällt schwer zu glau­ben, dass die Grup­pe aus jun­gen migran­ti­schen Men­schen nur zufäl­lig kon­trol­liert wur­de. Immer wie­der gibt es Vor­wür­fe gegen die Poli­zei der ras­sis­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung oder Gewalt. So zum Bei­spiel im Juli, als die Poli­zei drei Schwar­zen Män­nern den Zugang zum Eng­li­schen Gar­ten ver­wehr­te.

Rechts­wid­rig ist eine Iden­ti­täts­fest­stel­lung auf die Art und Wei­se, wie es in der Nacht vom letz­ten Frei­tag auf Sams­tag pas­siert ist, lei­der nicht. Die Poli­zei hat auch das Recht, die betrof­fe­ne Per­son bei einer Ver­wei­ge­rung mit auf eine in der Nähe befind­li­che Wache mit­zu­neh­men. Rich­tig ist aber auch, dass erst durch die schein­bar will­kür­li­che Aus­wahl der­je­ni­gen Per­so­nen, die ver­meint­lich als Ein­zi­ge kon­trol­liert wer­den soll­ten – näm­lich die Grup­pe von Schwar­zen jun­gen Män­nern, der Mar­cus ange­hör­te – die Eska­la­ti­on pro­vo­ziert wer­den konn­te, die eben­die­sen Ein­satz recht­fer­ti­gen soll. Die­se Kon­trol­len von Jugend­li­chen of Colour durch die Poli­zei sind All­tag in Deutsch­land. Zu die­sem viel­fach erleb­ten und berich­te­ten Racial Pro­filing woll­te Innen­mi­nis­ter See­hofer (CS) aller­dings kei­ne Stu­die in der Poli­zei durch­füh­ren las­sen — schließ­lich sei es ja ver­bo­ten, Men­schen auf­grund ihrer zuge­schrie­be­nen Her­kunft zu kon­trol­lie­ren. Dass Jugend­li­che für das Musik hören auf einem öffent­li­chen Platz mit einer Behand­lung im Kran­ken­haus bezah­len müs­sen, ist dage­gen schein­bar aus staat­li­cher Sicht legi­tim.

Für sei­ne Kla­ge sucht Mar­cus Zeug*innen. Habt ihr die Gescheh­nis­se am Abend des 4. Sep­tem­ber 2020 auf dem Gärt­ner­platz gese­hen? Mel­det euch bei uns!

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Erfun­de­ner Bild-Arti­kel vom 11. Sep­tem­ber:

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