[KgK:] #Trotsky2020: „Im Kampf für eine kommunistische Zukunft stehen die Frauen in der ersten Reihe“

Die­ser Bei­trag ist Teil des Films #Trotsk2020, der hier in gesam­ter Län­ge ange­schaut wer­den kann.

„Der all­täg­li­che männ­li­che Ego­is­mus kennt tat­säch­lich weder Maß noch Gren­zen. Um das All­tags­le­ben voll­stän­dig umge­stal­ten zu kön­nen, muss man es mit den Augen der Frau­en betrach­ten kön­nen.“

Wenn wir die­sen Satz außer­halb des Kon­tex­tes die­ser Refle­xi­on über das Den­ken Leo Trotz­kis hören wür­den, wäre es sehr schwie­rig zu erra­ten, wer ihn unter wel­chen Bedin­gun­gen gesagt hat. Vor einem Jahr­hun­dert spricht Trotz­ki zu uns wie mit einem Jahr­hun­dert Vor­sprung. Sei­ne Wor­te erhal­len wie ein Echo in den Mobi­li­sie­run­gen der Frau­en des letz­ten 8. März; auch bei den Arbei­te­rin­nen „an vor­ders­ter Front“, die die sozia­le Repro­duk­ti­on des Lebens wäh­rend die­ser Pan­de­mie auf­recht erhal­ten und bei den Arbei­te­rin­nen, die kürz­lich von den USA bis Liba­non auf die Stra­ße gin­gen.

Für Trotz­ki sind die Rech­te, die die Frau­en mit der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on 1917 erkämpft haben, ewas Grund­le­gen­des, obwohl sie selbst in den fort­ge­schrit­tens­ten kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien der Zeit undenk­bar waren: Recht auf einen Aus­weis, akti­ves und pas­si­ves Wahl­recht, Recht auf Schei­dung, auf siche­re Abtrei­bung in öffent­li­chen Kran­ken­häu­sern. Aber für Trotz­ki ist viel fun­da­men­ta­ler, dass die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on die not­wen­di­gen mate­ri­el­len Bedin­gun­gen schafft, um die Haus­ar­beit abzu­schaf­fen, denn er ist – wie auch Lenin, Kol­lon­tai und ande­re Bol­sche­wi­ki – der Mei­nung, dass die­se Arbeit die Frau­en zu „Haus­skla­vin­nen“ macht und sie de fac­to dar­an hin­dert, ihre Rech­te auf Bil­dung, poli­ti­sche Teil­ha­be, Arbeit, Zugang zu Kul­tur usw. wahr­zu­neh­men.

Und den­noch, wenn er sagt, dass man das Leben mit den Augen der Frau­en betrach­ten muss, meint er, dass auch die radi­kals­ten mate­ri­el­len Trans­for­ma­tio­nen nicht für sich allein genom­men die Unter­drü­ckung been­den. Dass eine – wie er sagt – „Klein­ar­beit des inne­ren kul­tu­rel­len Auf­stiegs“ not­wen­dig ist, um bewusst gegen die Fes­seln der Ver­gan­gen­heit anzu­kämp­fen; gegen die­se Unter­ord­nung der Frau­en, die – weil sie jahr­tau­sen­de­alt ist – unwahr­nehm­bar gewor­den ist, sich ver­na­tür­licht hat und sich in Gewohn­heit ver­wan­delt hat.

Wenn bis heu­te noch der Mar­xis­mus ins Lächer­li­che gezo­gen wird – selbst aus femi­nis­ti­schen Krei­sen, die sich links und fort­schritt­lich nen­nen –, indem gesagt wird, dass der Mar­xis­mus die Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en aus­schließ­lich durch ihre Ein­glie­de­rung in die pro­duk­ti­ve Arbeit kon­zi­piert, ist es nütz­lich, an die­se Wor­te Trotz­kis zu erin­nern.

Die Kari­ka­tur des Sozia­lis­mus, die der Sta­li­nis­mus geschaf­fen hat, ver­wan­del­te sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten in die offi­zi­el­le Ver­si­on des Mar­xis­mus. Die Revo­lu­ti­on wur­de ver­ra­ten und damit auch die fort­schritt­lichs­ten Rech­te der Frau­en zurück­ge­schraubt. Doch noch schlim­mer: das Modell der patri­ar­cha­len Fami­lie fes­tig­te sich, wäh­rend die Befrei­ung der Frau eben als mas­si­ve Teil­ha­be der Frau­en in der Pro­duk­ti­on dar­ge­stellt wur­de. Aber das Schäd­lichs­te, das der Sta­li­nis­mus tat, war nicht, wie die die US-His­to­ri­ke­rin Wen­dy Gold­man sag­te, die­se Mög­lich­keit einer neu­en revo­lu­tio­nä­ren gesell­schaft­li­chen Ord­nung zer­stört zu haben. Die Tra­gö­die war, dass dies wei­ter­hin als ech­tes Erbe der ursprüng­li­chen sozia­lis­ti­schen Visi­on dar­ge­stellt wur­de und dass die fol­gen­den Genera­tio­nen lern­ten, dies „Sozia­lis­mus“ zu nen­nen, dies „Befrei­ung“ zu nen­nen.

Die Schri­ten Trotz­kis fin­den heu­te ein Echo, wo wir Frau­en zum ers­ten Mal in der Geschich­te mehr als 40% der lohn­ab­hän­gi­gen Klas­se welt­weit aus­ma­chen, und wo wir die immense Mehr­heit in den pre­kärs­ten, am meis­ten aus­ge­beu­te­ten und unter­drück­ten Sek­to­ren die­ser Klas­se sind, wäh­rend wir gleich­zei­tig wei­ter­hin Objek­te unge­bän­dig­ter machis­ti­scher Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Ungleich­hei­ten in allen Berei­chen des Lebens sind.

Nicht nur im Kampf für unse­re beson­de­ren Rech­te, und auch nicht nur im Kampf um das Über­le­ben gegen die mör­de­ri­schen Angrif­fe des Kapi­tals auf das Leben, son­dern auch im Kampf für eine kom­mu­nis­ti­sche Zukunft erwar­ten wir des­halb, dass wir Frau­en in den ers­ten Rei­hen des Kamp­fes ste­hen. Denn weit ent­fernt davon, uns zu Opfern zu machen und zur Pas­si­vi­tät zu ver­dam­men, sind wir über­zeugt, wie Trotz­ki vor fast 100 Jah­ren schrieb: „Die, die am ener­gischs­ten und beharr­lichs­ten für das Neue kämp­fen, sind die, die am meis­ten unter dem Alten lei­den“.

Schaue hier den Bei­trag von Andrea D’Atri im Video:

Klas­se Gegen Klas­se