[KgK:] #Trotsky2020: „Unser Sozialismus ist kein Sozialismus nationaler Inseln“

Die­ser Bei­trag ist Teil des Films #Trotsk2020, der hier in gesam­ter Län­ge ange­schaut wer­den kann.

Wir möch­ten die­se Wür­di­gung Leo Trotz­kis in deut­scher Spra­che begin­nen, der zwei­ten Spra­che der bol­sche­wis­ti­schen Anführer*innen, der wich­tigs­ten Spra­che der ers­ten zwei Inter­na­tio­na­len und der ers­ten Kon­gres­se der Drit­ten Inter­na­tio­na­len.

Nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on war die Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land die gro­ße Hoff­nung für Lenin und Trotz­ki, denn sie hat­ten ver­stan­den, dass nur die inter­na­tio­na­le Aus­deh­nung der Revo­lu­ti­on auf Deutsch­land und auf ande­re hoch­in­dus­tria­li­sier­te Län­der die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Russ­land ret­ten konn­te. Dass die­se Revo­lu­tio­nen aber aus­blie­ben, war ein begüns­ti­gen­der Fak­tor für die Büro­kra­ti­sie­rung der Sowjet­uni­on.

In den Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en in allen Län­dern, auch in der KPD in Deutsch­land, wur­den die oppo­si­tio­nel­len Kräf­te immer wie­der hart bekämpft, ver­folgt und schließ­lich eli­mi­niert.

Die Sta­li­ni­sie­rung der KPD hat­te für die Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land ver­hee­ren­de Fol­gen: noch weni­ge Mona­te vor der Macht­über­nah­me Hit­lers 1933 hat­ten die Arbeiter*innenparteien SPD und KPD die Mehr­heit der Arbeiter*innen um sich scha­ren kön­nen. Doch die KPD ver­hin­der­te eine Ein­heits­front mit der SPD, die damals die größ­te refor­mis­ti­sche Arbeiter*innenpartei der Welt war und in deren Rei­hen Hun­dert­tau­sen­de Arbeiter*innen gewillt waren, sich dem Faschis­mus ent­ge­gen­zu­stel­len. Die Sozi­al­fa­schis­mus­the­se der KPD ent­waff­ne­te das am bes­ten orga­ni­sier­te Pro­le­ta­ri­at der Welt prak­tisch voll­stän­dig.

Nach­dem der Sta­li­nis­mus also die Macht­über­nah­me des Faschis­mus in Deutsch­land ermög­licht hat­te, ging er soweit, den Anti­ka­pi­ta­lis­mus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en voll­stän­dig zu eli­mi­nie­ren: Er grün­de­te Volks­fron­ten mit Tei­len der Bour­geoi­sie, in denen es nun die Arbeiter*innenklasse selbst sein soll­te, die die bür­ger­li­chen Eigen­tums­rech­te ver­tei­dig­ten.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg teil­te sich der Sta­li­nis­mus mit dem Impe­ria­lis­mus in der Kon­fe­renz von Jal­ta die Welt auf und ver­riet die Avant­gar­de in Län­dern wie Ita­li­en, Grie­chen­land und ande­ren. Statt­des­sen brei­te­te er einen „Sozia­lis­mus von oben“ aus und grün­de­te büro­kra­tisch defor­mier­te Arbeiter*innenstaaten im Ost­block und auch hier in Deutsch­land mit der DDR. Mit die­sen soll­te die fried­li­che Koexis­tenz mit dem Kapi­ta­lis­mus besie­gelt wer­den.

Der büro­kra­tisch defor­mier­te Arbeiter*innenstaat DDR wur­de nicht auf der Grund­la­ge eines aus­ge­dehn­ten demo­kra­ti­schen Räte­sys­tems gegrün­det, son­dern als Dik­ta­tur einer Par­tei, die über eine büro­kra­ti­sche Plan­wirt­schaft herrsch­te. Nichts­des­to­trotz ging mit der Grün­dung der DDR eine Rei­he von sozia­len Errun­gen­schaf­ten ein­her, begin­nend natür­lich mit der Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und somit der Grund­la­ge der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se.

Gegen die büro­kra­ti­sche Poli­tik der Stalinist*innen gab es immer wie­der Auf­stän­de der Arbeiter*innen: so zum Bei­spiel am 17. Juni 1953 in Deutsch­land, 1956 in Ungarn und 1968 in Prag. Der Sta­li­nis­mus reagier­te auf die­se Auf­stän­de, auf die­se Bewe­gun­gen von unten mit Pan­zern und mit Mau­ern.

Was fehl­te, war eine orga­ni­sier­te lin­ke Oppo­si­ti­on in Form einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei, die in der Klas­se ver­an­kert und mit der Stra­te­gie aus­ge­stat­tet gewe­sen wäre, die Trotz­ki für den büro­kra­ti­sier­ten rus­si­schen Arbeiter*innenstaat vor­ge­schla­gen hat­te: näm­lich die poli­ti­sche Revo­lu­ti­on, das heißt, eine Stra­te­gie, um die büro­kra­ti­sche Kas­te von der Macht zu ent­fer­nen und gleich­zei­tig die gesell­schaft­li­chen Grund­la­gen des Staa­tes, in dem die Bour­geoi­sie ent­eig­net wor­den war, zu ver­tei­di­gen und zu ver­tie­fen.

Die Vor­aus­sa­ge, die Trotz­ki getrof­fen hat­te, war, dass ent­we­der eine poli­ti­sche Revo­lu­ti­on statt­fin­den müs­se oder eben frü­her oder spä­ter die kapi­ta­lis­ti­sche Restau­ra­ti­on erfol­gen wür­de. Und bis heu­te sind 30 Jah­re bür­ger­li­che Restau­ra­ti­on in Deutsch­land auch dar­an sicht­bar, dass es eine Spal­tung gibt zwi­schen Ost- und West­deutsch­land, zwi­schen der ehe­ma­li­gen DDR und der BRD. Mit Lohn­ge­fäl­le, mit schlech­te­ren Lebens­be­din­gun­gen, und gleich­zei­tig mit dem Auf­stieg heu­te von neu­en rech­ten Kräf­ten und der Stär­kung faschis­ti­scher Struk­tu­ren, als Aus­druck davon, dass die Moral und Struk­tur der DDR zer­schla­gen wor­den war.

Die „Wie­der­ver­ei­ni­gung“ war eine his­to­ri­sche Chan­ce für den deut­schen Impe­ria­lis­mus, sei­ne Hege­mo­nie über Euro­pa aus­zu­deh­nen. Die ost­deut­sche Büro­kra­tie wur­de ent­mach­tet, nach­dem sie die Zer­stö­rung und Deindus­tria­li­sie­rung der DDR selbst mit­ver­wal­tet hat­te. Die zwei­te Rei­he der ehe­ma­li­gen DDR-Bürokrat*innen ist heu­te Teil der Links­par­tei und setzt mit ihr Pri­va­ti­sie­rung, Pre­ka­ri­sie­rung und Abschie­bun­gen von Migrant*innen mit durch – im Kapi­ta­lis­mus haben sich also die Stalinist*innen in ganz gewöhn­li­che Reformist*innen ver­wan­delt.

Die Erfah­run­gen des Sta­li­nis­mus an der Macht und der sta­li­ni­sier­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en sorg­te dafür, dass im Bewusst­sein der Mas­sen eine Gleich­set­zung des Sta­li­nis­mus mit dem Mar­xis­mus und dem Sozia­lis­mus ins­ge­samt statt­fand. Leo Trotz­ki hat­te das wie kein zwei­ter ver­stan­den und kämpf­te gegen die­se Ver­zer­rung, gegen die sta­li­nis­ti­sche Dege­ne­ra­ti­on und gegen die Geschichts­fäl­schung, die nur durch die Ent­waff­nung der revo­lu­tio­nä­ren Arbeiter*innenklasse und die Ent­mach­tung ihrer Räte durch die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie über­haupt mög­lich gewor­den war. Trotz­ki schluss­fol­ger­te: „Natür­lich ist der Sta­li­nis­mus aus dem Bol­sche­wis­mus „erwach­sen“, aber nicht logisch erwach­sen, son­dern dia­lek­tisch: nicht als revo­lu­tio­nä­re Beja­hung, son­dern als ther­mi­do­ria­ni­sche Ver­nei­nung.” Für Trotz­ki war der Sta­li­nis­mus also eine revi­sio­nis­ti­sche Ant­wort auf den Mar­xis­mus der Bol­sche­wi­ki. Er war, wie er sag­te, die “Reak­ti­on auf dem gesell­schaft­li­chen Fun­da­ment der Revo­lu­ti­on”.

Mit dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks und dem Mau­er­fall ist die Per­spek­ti­ve des büro­kra­ti­schen Sozia­lis­mus geschei­tert. Die kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se heu­te eröff­net die Mög­lich­keit zum Wie­der­auf­bau einer wirk­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie, gera­de auch in der Jugend in Deutsch­land, die dem Kapi­ta­lis­mus kei­nen Dank schul­det und sich mit den Auf­stän­den in ande­ren Län­dern soli­da­ri­siert. Unser Sozia­lis­mus ist kein Sozia­lis­mus natio­na­ler Inseln, kein Sozia­lis­mus der büro­kra­ti­scher Pri­vi­le­gi­en und poli­zei­li­cher Dik­ta­tur, kein Sozia­lis­mus ver­knö­cher­ter patri­ar­cha­ler Moral, son­dern ein Sozia­lis­mus der brei­test­mög­li­chen pro­le­ta­ri­schen Räte­de­mo­kra­tie und der revo­lu­tio­nä­ren Über­win­dung aller For­men von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung.

Schaue hier den Bei­trag von Ste­fan Schnei­der im Video:

Klas­se Gegen Klas­se