[perspektive:] Kolumbien: Polizei tasert Anwalt – nach seinem Tod erschießt sie 11 Menschen, die dagegen protestieren

Anfang der Woche starb der Anwalt Javier Ordóñez an den Folgen von massiven Taser-Einsatz durch die kolumbianische Polizei. Bei anschließenden Protesten, vor allem von SchülerInnen und Studierenden, wurden elf Menschen erschossen, hunderte Verletzt. Auch gestern gab es wieder landesweit Proteste.

Das Video, wel­ches seit Mitt­woch Kolum­bi­en auf­rüt­telt, dau­ert rund zwei Minu­ten. Dar­auf ist zu sehen, wie zwei Poli­zis­ten den Anwalt Javier Ordó­ñez mit einem Elek­tro­scho­cker („Tea­ser“) und Schlä­gen trak­tie­ren. Ein­zi­ger Grund dafür war, dass er die Aus­gangs­sper­re auf­grund des Coro­na­vi­rus ver­letzt zu haben.

Nach sei­ner Fest­nah­me wur­de er in eine Gewahr­sams­stel­le gebracht, wo er wei­ter miss­han­delt wur­de, bis er in einem Kran­ken­haus spä­ter ver­starb.

Polizei schießt scharf

Schon am Abend kam es zu hef­ti­gen Pro­tes­ten. Gewahrs­amts­stel­len, Poli­zei­au­tos und ‑Motor­rä­der wur­den in Brand gesteckt. Die Poli­zei schoss scharf, min­des­tens zwölf Per­so­nen wur­den dabei getö­tet, hun­der­te ver­letzt.

Auch am Don­ners­tag und Frei­tag gin­gen die Pro­tes­te wei­ter, ins­be­son­de­re in der Haupt­stadt Bogo­tá. Der Haupt­schwer­punkt war die Poli­zei­stel­le im Stadt­teil Vil­la Luz, wo die bei­den uni­for­mier­ten Män­ner an Ordó­ñez‘ Tod betei­ligt waren. Beam­te des Anti-Riot-Squad (Esmad) kamen ihrer­seits vor Ort an, um die Demons­tran­ten zu zer­streu­en, Trä­nen­gas zu schie­ßen und Schüs­se in die Luft zu feu­ern.

Auch in ande­ren Tei­len der Haupt­stadt, wie dem „Por­tal del Nor­te“ und der Nach­bar­schaft „20 de Julio“, wur­den Unru­hen gemel­det sowie in der Gemein­de Soacha und ande­ren kolum­bia­ni­schen Regio­nen.

SchülerInnen und Studierende wieder auf der Straße

Der neue Fall zieht die sozia­le Pro­test­be­we­gung von Schü­le­rIn­nen und Stu­die­ren­den in Kolum­bi­en erneut auf die Stra­ße, die im letz­ten Jahr als Pro­test gegen unge­rech­te Bil­dungs­chan­cen ent­stand.

Mas­sen­pro­tes­te in Kolum­bi­en

Ende Novem­ber wur­de bei den Demons­tra­tio­nen der Jun­ge Mann Dilan Cruz getö­tet, nach­dem ihn eine Trä­nen­gas­kar­tu­sche am Kopf traf. Dies führ­te zu mas­si­ven Aus­schrei­tun­gen. Nun kom­men die Erin­ne­run­gen an den Todes­fall wie­der hoch.

Massive soziale Konflikte

Die gesam­te sozia­le Lage in Kolum­bi­en ist extrem ange­spannt. So unter­läuft die Regie­rung den Frie­dens­pro­zess mit den Gue­ril­le­ros eines Teils der FARC ganz offen, in dem es Mas­sa­ker an ehe­ma­li­gen Gue­ril­la-Trupp­pen ver­übt, nach­dem die­se ent­waff­net wur­den.

Seit Mit­te 2019 haben Tei­le der FARC den bewaff­ne­ten Kampf wie­der auf­ge­nom­men, die ELN – wel­che sich nicht am Frie­dens­pro­zess betei­ligt hat­te – rief im Febru­ar die­sen Jah­res zu einem drei­tä­gi­gen bewaff­ne­ten Streik auf.

Der bewaff­ne­te Kon­flikt ist auch der Hin­ter­grund des­sen, dass die kolum­bia­ni­sche Poli­zei extrem mili­ta­ri­siert ist und dem Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um unter­stellt ist. Des­halb kom­men die bei­den Poli­zei­be­am­ten, die Ordó­ñez miss­han­del­ten haben, mög­li­cher­wei­se vor ein Mili­tär­ge­richt – was eine Ver­ur­tei­lung unwahr­schein­lich macht.

Die meis­ten Mit­glie­der des staat­li­chen Gewalt­ap­pa­rats sind im Zuge des jahr­zehn­te­lan­gen bewaff­ne­ten Kon­flikt zwi­schen der lin­ken Gue­ril­la­or­ga­ni­sa­tio­nen und dem kolum­bia­ni­schen Staat faschis­tisch und anti­kom­mu­nis­tisch ver­hetzt wor­den. Dies ist auch Hin­ter­grund ihres extrem bru­ta­len Vor­ge­hens gegen­über jeg­li­chen Demons­trie­ren­den, die sie als Bünd­nis­part­ner der Gue­ril­le­ros sehen.

Der Bei­trag Kolum­bi­en: Poli­zei tasert Anwalt – nach sei­nem Tod erschießt sie 11 Men­schen, die dage­gen pro­tes­tie­ren erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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