[EMRAWI:] Parlament und Panzer – Lehren aus dem Putsch in Chile 1973

Heu­te vor 47 Jah­ren wur­de die Regie­rungs­zeit von Sal­va­dor Allen­de gewalt­sam been­det. Ein von den USA unter­stütz­ter Mili­tär­putsch, unter der Lei­tung des Gene­rals Augus­to Pino­chet, erschüt­ter­te im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes die Haupt­stadt Sant­ia­go. Pan­zer und Jagd­flug­zeu­ge bom­bar­dier­ten am 11. Sep­tem­ber 1973 den Prä­si­den­ten­pa­last «La Mone­da». Als die Put­schis­ten das Gebäu­de stürm­ten, war Allen­de bereits tot. Er nahm sich mit einer AK-47 das Leben, die ihm Fidel Cas­tro zwei Jah­re zuvor geschenkt hat­te.

Mit dem Sturz der sozia­lis­ti­schen Regie­rung Allen­des wur­de für 17 Jah­re eine der bru­tals­ten und repres­sivs­ten Dik­ta­tu­ren Latein­ame­ri­kas ein­ge­lei­tet. Lin­ke Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten wur­den ver­bo­ten und mehr als 40’000 Men­schen für ihre poli­ti­sche Ansich­ten ver­haf­tet und gefol­tert. Über 3000 Men­schen wur­den ermor­det.

Doch nicht nur die Wun­den, die das Grau­en der Mili­tär­dik­ta­tur hin­ter­liess, prä­gen die chi­le­ni­sche Gesell­schaft bis heu­te. Die poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Kon­se­quen­zen der Nie­der­la­ge des sozia­lis­ti­schen Pro­jekts hal­len eben­falls nach. Nicht nur, weil die aktu­el­le Ver­fas­sung immer noch aus der Zeit der Dik­ta­tur stammt, son­dern auch, weil die Mili­tär­dik­ta­tur einem Neo­li­be­ra­lis­mus den Weg ebne­te, der sich tief ins Rücken­mark der chi­le­ni­schen Gesell­schaft ein­ge­brannt hat. Die mit der Dik­ta­tur von Augus­to Pino­chet ein­ge­führ­ten und von den Nach­be­tern Mil­ton Fried­mans flan­kier­ten Mass­nah­men zur Libe­ra­li­sie­rung der chi­le­ni­schen Wirt­schaft haben Chi­le lan­ge den Ruf einer sta­bi­len und pro­spe­rie­ren­den Wirt­schaft ver­lie­hen. Fried­man selbst sprach vom «Wirt­schafts­wun­der von Chi­le». Durch Dere­gu­lie­rung des Arbeits­markts, Abschaf­fung von Zoll­schran­ken, Pri­va­ti­sie­run­gen, Steu­er­erleich­te­run­gen für Unter­neh­men und Kür­zun­gen von Staats- und Sozi­al­aus­ga­ben soll­te das Wirt­schafts­wachs­tum ange­kur­belt und das Land moder­ni­siert wer­den. Die Mili­tär­dik­ta­tur Pino­chets eta­blier­te Chi­le als neo­li­be­ra­les Expe­ri­men­tier­feld für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen Latein­ame­ri­kas – und auch inter­na­tio­nal.

Die neo­li­be­ra­le Aus­rich­tung der chi­le­ni­schen Wirt­schaft wur­de auch im Jahr 1990 nach dem «Über­gang zur Demokratie»(1) unter dem Mit­te-Minks-Bünd­nis «Con­cert­a­ción» – die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche und die sozia­lis­ti­sche Par­tei waren Teil des Bünd­nis­ses – bei­be­hal­ten.

Nebst dem Gesund­heits- und Bil­dungs­be­reich sind in Chi­le auch land­wirt­schaft­li­che und indus­tri­el­le Unter­neh­men sowie haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen wie Was­ser, Elek­tri­zi­tät, Gas und Tele­fon­diens­te pri­va­ti­siert, was sich in enorm hohen Kos­ten nie­der­schlägt. Um sich die teu­ren Lebens­hal­tungs­kos­ten, medi­zi­ni­sche Behand­lun­gen oder eine Aus­bil­dung zu leis­ten, sehen sich vie­le Leu­te gezwun­gen, sich zu ver­schul­den – vie­le haben meh­re­re Kre­dit­kar­ten. Die­sen Druck ver­spü­ren nicht nur die sub­pro­le­ta­ri­schen Seg­men­te der Klasse(2), son­dern er zieht sich prak­tisch durch die gan­ze Gesell­schaft: Vom Volk der Mapuche(3), des­sen Flag­ge heu­te an vie­len Demons­tra­tio­nen geschwenkt wird, bis zur städ­ti­schen Mit­tel­schicht. Die Ver­all­ge­mei­ne­rung der pre­kä­ren Lebens­be­din­gun­gen spie­geln sich im hohen Mobi­li­sie­rungs­grad des jüngs­ten Auf­stands wie­der, der vor allem von Okto­ber 2019 bis März 2020 Chi­le erschüt­ter­te und durch die Covid-19 Pan­de­mie deut­lich gebremst wur­de.

Im Gegen­satz zu den 1970er Jah­ren gibt es zur­zeit in Chi­le kei­ne star­ke lin­ke Kraft, die in der Lage wäre, den Unmut der Leu­te in par­la­men­ta­ri­sche Bah­nen zu len­ken. Der Zusam­men­schluss lin­ker Par­tei­en namens «Fren­te Amplio»(4) ist voll­kom­men dis­kre­di­tiert, zumal er seit dem Beginn des Auf­stands eine Rei­he von Geset­zes­ver­schär­fun­gen gegen die Demonstrant*innen mit­ge­tra­gen hat und kei­ne tief­grei­fen­de struk­tu­rel­le Ver­än­de­rung der Gesell­schaft anvi­siert.

Seit den 1990er Jah­ren haben viel­mehr anar­chis­ti­sche Posi­tio­nen an Stär­ke gewon­nen und anar­chis­ti­sche Prin­zi­pi­en – von der direk­ten Akti­on bis zur gegen­sei­ti­gen Hil­fe und basis­de­mo­kra­ti­schen Ver­samm­lun­gen – gehö­ren zum Stan­dart­re­per­toire der Revol­tie­ren­den. Den­noch droht mit der im Okto­ber die­ses Jah­res statt­fin­den­den Volks­ab­stim­mung über eine neue Ver­fas­sung, die alte Hoff­nung nach einer Ver­än­de­rung ver­mit­telt durch den insti­tu­tio­nel­len Rah­men des Staa­tes, wie­der an Stär­ke zu gewin­nen.

Ein Blick auf die Geschich­te Chi­les der 1970er Jah­re zu wer­fen, ist in die­ser Hin­sicht inter­es­sant, weil dadurch die Schran­ken eines radi­kal-sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­ses deut­lich wer­den. Die­ser Refor­mis­mus zielt – trotz Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus – auf sys­tem­er­hal­ten­de Mass­nah­men ab. Sei­ne Ver­fech­ter glau­ben, dass sich tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen lega­lis­tisch durch die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen her­bei­füh­ren lies­sen. Die Schran­ken die­se Vor­ge­hens erschlies­sen sich nicht nur aus der grau­en Theo­rie: Sie haben immer eine his­to­risch-kon­kre­te Dimen­si­on. Sie führ­ten im Fal­le Chi­les etwa auch zu inner­lin­ken Kon­flik­ten wäh­rend der Regie­rungs­zeit Allen­des (1970–1973). Zugleich ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zeit der sozia­lis­ti­schen Regie­rung auch dar­um von Bedeu­tung, weil der maro­de Zustand der tra­di­tio­nel­len par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken ein Echo der Nie­der­la­ge der Arbeiter*innenklasse in den 1970er Jah­re ist.(5)

Die Angst vor dem Kom­mu­nis­mus im Chi­le der 1960er Jah­re

Weni­ge Jah­re nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges präg­te die Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen den zwei Super­mäch­ten USA und Sowjet­uni­on die glo­ba­le poli­ti­sche Büh­ne. Der Kal­te Krieg sorg­te für einen rabia­ten Anti­kom­mu­nis­mus, der in Latein­ame­ri­ka spä­tes­tens mit der kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on von 1959 in rechts-kon­ser­va­ti­ven und bür­ger­li­chen Lagern einen unge­heu­ren Auf­trieb erhielt. Chi­le war in den 1960er Jah­ren von einer gros­sen sozia­len Ungleich­heit, einer unpro­duk­ti­ven Land­wirt­schaft und einer fort­schrei­ten­den Infla­ti­on geprägt. Die Angst vor einem revo­lu­tio­nä­ren Umsturz äus­ser­te sich vor allem in einer unter dem Druck des Mili­tärs vor­an­ge­trie­be­nen Agrar­re­form.

Der dama­li­ge par­tei­un­ab­hän­gi­ge Präsident,(6) Jor­ge Ales­sandri, führ­te 1962 die Reform ein, in der Hoff­nung, die ver­arm­ten und pre­ka­ri­sier­ten Mas­sen von revo­lu­tio­nä­ren Ambi­tio­nen fern­zu­hal­ten. Damit ebne­te er den Weg, damit ab dem Jahr 1964 sein Nach­fol­ger Edu­ar­do Frei, ein lin­ker Christ­de­mo­krat, die Agrar­re­form wei­ter ver­tie­fen konn­te. Sinn und Zweck der Reform blieb jedoch stets der­sel­be: Durch Land­ver­tei­lung und För­de­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on die Ver­brei­tung des Sozia­lis­mus in Chi­le und in Latein­ame­ri­ka all­ge­mein zu ver­hin­dern.

Wider­stand gegen die Agrar­re­form kam aus dem kon­ser­va­ti­ve­ren Lager rech­ter Kräf­te: Obwohl mit dem Anti­kom­mu­nis­mus ein­ver­stan­den, sahen vie­le Grossgrundbesitzer*innen ihre Inter­es­sen durch die Agrar­re­form bedroht und schlos­sen sich im Par­ti­do Nacio­nal (Natio­na­le Par­tei) zusam­men. Dadurch gelang es ihnen eine star­ke Oppo­si­ti­on zu bil­den und die Agrar­re­form ein­zu­däm­men. Im sel­ben Zug führ­te dies zu einer immer stär­ke­ren Pola­ri­sie­rung der chi­le­ni­schen Gesell­schaft: Die Land­be­völ­ke­rung und die Bäuer*innen began­nen, vor allem zwi­schen 1968 und 1970, ver­mehrt Län­de­rei­en zu beset­zen, was zu äus­serst blu­ti­gen Kon­flik­ten führ­te und die Stim­mung im Land zusätz­lich verschärfte.(7)

Nebst der Agrar­re­form trieb Prä­si­dent Frei die Ver­staat­li­chung der Kup­fer­mi­nen vor­an, um genü­gend Geld für Sozi­al­pro­gram­me und die Ver­bes­se­rung der öffent­li­chen Infra­struk­tur zu haben, doch auch die­ses Vor­ha­ben ging nur lang­sam vor­an. Ange­sichts der Infla­ti­on, der sto­cken­den Agrar­re­form, einer schlep­pen­de Ver­staat­li­chung des Kup­fers und der anhal­ten­den sozia­len Ungleich­heit und Armut, blieb der sozia­le Unmut bestehen.

In den Wah­len von 1970 wur­de Sal­va­dor Allen­de beim vier­ten Anlauf als Kan­di­dat der Uni­dad Popu­lar (UP) zum Prä­si­den­ten gewählt. Er erb­te ein durch den Kal­ten Krieg und innen­po­li­ti­sche Kon­flik­te pola­ri­sier­tes Land und eine immer mehr nach links ten­die­ren­de sozia­le Bewe­gung, die die Macht der Grossgrundbesitzer*innen zuneh­mend in Fra­ge stell­te.

Das Pro­gramm der Uni­dad Popu­lar

Die Uni­dad Popu­lar war ein hete­ro­ge­nes Par­tei­en­bünd­nis der Lin­ken. Stärks­te Kräf­te dar­in waren die sta­li­nis­tisch ori­en­tier­te Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­les und die Sozia­lis­ti­sche Partei.(8) Inner­halb letz­te­rer waren von Gue­va­ris­ten über Trotz­kis­ten bis zu Sozi­al­de­mo­kra­ten aller­lei lin­ke Posi­tio­nen ver­tre­ten. Am 17. Dezem­ber 1969 ver­öf­fent­lich­te die UP ihr poli­ti­sches Pro­gramm, das einem Kom­pro­miss der ver­schie­de­nen Kräf­te inner­halb des Bünd­nis­ses gleich­kam und spä­ter zu Kon­flik­ten füh­ren soll­te. Trotz der spä­te­ren Kon­tro­ver­sen war die Aus­rich­tung der Poli­tik Allen­des immer sehr nahe an die­sem aus­ge­ar­bei­te­ten poli­ti­schen Leit­fa­den. Zen­tra­ler Aspekt des Pro­gramms war die uner­schüt­ter­li­che Füg­sam­keit gegen­über der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, der Ver­fas­sung, dem juris­ti­schen Rah­men des Staa­tes und allen staat­li­chen Insti­tu­tio­nen. Zum poli­ti­schen Pro­gramm gehör­te als aus­ge­spro­che­nes Ziel die Besei­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Mono­po­le, die Zurück­drän­gung des Impe­ria­lis­mus durch Ver­staat­li­chun­gen und der Bruch mit der Macht der Grossgrundbesitzer*innen, um die Gesell­schaft auf fried­li­chem Wege in Rich­tung Sozia­lis­mus zu füh­ren. Als Säu­le des Wan­dels soll­ten, neben der Besei­ti­gung der Latifundien(9) durch eine Agrar­re­form, drei Eigen­tums­ge­bie­te die Wirt­schaft umstruk­tu­rie­ren und den Weg für den Sozia­lis­mus ebnen: Ein sozia­ler, ein gemisch­ter und ein pri­va­ter Sek­tor. Das Sozi­al­ei­gen­tums­ge­biet soll­te beson­ders beför­dert wer­den, denn es galt als «Embryo der zukünf­ti­gen sozia­lis­ti­schen Wirtschaft»(10) durch das die Sou­ve­rä­ni­tät Chi­les wie­der­erlangt und die Wirt­schaft demo­kra­ti­siert wer­den soll­te. Ins­ge­samt kann das Pro­gramm der UP als eine radi­ka­li­sier­te Wei­ter­füh­rung der poli­ti­schen Agen­da des vor­he­ri­gen Prä­sen­ten Frei ver­stan­den wer­den, da die Regie­rung sowohl die Agrar­re­form als auch die Ver­staat­li­chun­gen beschleu­nig­te.

Ange­sichts einer fort­wäh­ren­den sozia­len Ungleich­heit und der Tat­sa­che, dass die Roh­stoff­pro­duk­ti­on (vor allem Kup­fer, Eisen, Stein­koh­le und Sal­pe­ter) haupt­säch­lich in den Hän­den des US-Kapi­tals lag und die Agrar­re­form von Allen­des Vor­gän­gern nicht weit genug ging, stiess das Pro­gramm der UP auf gros­se Begeis­te­rung bei der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung.

Ver­staat­li­chun­gen und Agrar­re­form

Die Ver­staat­li­chung der Kup­fer­mi­nen gehör­te zu den erfolg­reichs­ten Mass­nah­men der UP. Im Jahr 1971 wur­de mit der Zustim­mung der Oppo­si­ti­on ein Gesetz ver­ab­schie­det, das es dem Staat ermög­lich­te alle mine­ra­li­schen Roh­stoff­vor­kom­men zu ver­staat­li­chen.

Neben der Roh­stoff­pro­duk­ti­on wur­den auch Ban­ken und Ver­si­che­run­gen ver­staat­licht. Dadurch erhoff­te sich die Regie­rung, genü­gend Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten, um das nöti­ge Kapi­tal für die indus­tri­el­le Bin­nen­ent­wick­lung zu haben, wie auch für die Ver­bes­se­rung der grund­le­gen­den Infra­struk­tur im Land. Doch nicht jede Ver­staat­li­chung ver­lief rei­bungs­los und die Oppo­si­ti­on ver­such­te das Vor­ha­ben der Regie­rung zuneh­mend zu brem­sen. So geriet bei­spiels­wei­se der anfäng­li­che Plan der Regie­rung, auf die Schnel­le 150 Unter­neh­men zu ver­staat­li­chen, bald ins Stocken.(11)

Was die Agrar­re­form angeht, so wur­den im ers­ten Amts­jahr Allen­des dop­pelt so vie­le Län­de­rei­en ver­teilt wie zur Amts­zeit Freis. Auch wenn die Geschwin­dig­keit, mit der die Agrar­re­form durch­ge­führt wur­de, die Glaub­wür­dig­keit der Regie­rung stärk­te, kam es zu unter­schied­li­chen Schwie­rig­kei­ten und Kon­flik­ten. So waren bei­spiels­wei­se die gesetz­li­chen Bestim­mun­gen der Agrar­re­form Bestand­teil hef­ti­ger Kon­tro­ver­sen inner­halb der Lin­ken selbst. Vor allem im Hin­blick auf die maxi­ma­le Grös­se, die ein Stück Land haben durf­te, damit es von der Umver­tei­lung ver­schont blieb. Fer­ner hall­ten auch die Bestim­mun­gen der Agrar­re­form der Regie­rung Freis nach. Die­se hat­te den Landbesitzer*innen ermög­licht, ihr Eigen­tum auf den Län­de­rei­en zu sichern. In vie­len Fäl­len bedeu­te­te dies, dass land­wirt­schaft­li­che Maschi­nen oder sogar Vieh selbst auf den Län­de­rei­en fehl­te. Für wei­te­re Ver­un­si­che­rung sorg­te die unge­wis­se län­ger­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve, denn die Län­de­rei­en gehör­ten nach der Reform nicht den Bäuer*innen, son­dern waren Bestand­teil einer Semi-Koope­ra­ti­ve, den soge­nann­ten «Asen­ta­mi­ent­os». Dabei herrsch­te sowohl Unklar­heit über die Art und Wei­se, wie die­se geführt wer­den soll­ten, als auch über die Ver­tei­lung der Erträ­ge. Die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, die mit der Durch­füh­rung der Agrar­re­form beauf­tragt wur­den, waren über­for­dert und hat­ten kei­nen ein­heit­li­chen Plan. Vie­le Men­schen blie­ben zudem von der Agrar­re­form aus­ge­schlos­sen. So erhiel­ten bei­spiels­wei­se Gelegenheitsarbeiter*innen auf dem Land kei­ne Län­de­rei­en. Da es sich vie­le, denen Land zuge­teilt wur­de, nicht leis­ten konn­ten jeman­den ein­zu­stel­len, hat­ten etli­che land­lo­se Gelegenheitsarbeiter*innen kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als in die Armen­vier­tel von Sant­ia­go und Val­pa­raí­so zu zie­hen.

Bür­ger­li­cher Wider­stand gegen die Mass­nah­men der Regie­rung

Auch wenn die Regie­rung Allen­des ein kla­res poli­ti­sches Pro­gramm vor Augen hat­te, sah sie sich von Anfang an mit aller­lei Pro­ble­men kon­fron­tiert. Einer­seits ver­such­te die USA durch wirt­schaft­li­che Sank­tio­nen und der Ein­stel­lung von Kre­di­ten die chi­le­ni­sche Wirt­schaft zu desta­bi­li­sie­ren. Ande­rer­seits war die Regie­rung in kon­stan­tem Kon­flikt mit der natio­na­len Bour­geoi­sie, die Angst vor Ver­staat­li­chun­gen hat­te und – im Schul­ter­schluss mit etli­chen Händler*innen – zum Zwe­cke der Spe­ku­la­ti­on mas­sen­haft Grund­nah­rungs­mit­tel hor­te­te, was eine künst­li­che Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit nach sich zog. Dies begüns­tig­te wie­der­um die Her­aus­bil­dung eines Schwarzmarktes.(12) Neben­ef­fekt die­ser Pro­zes­se war ein extre­mer Anstieg der Lebens­hal­tungs­kos­ten.

Doch auch auf poli­tisch-par­la­men­ta­ri­scher Ebe­ne sah sich die Regie­rung ver­schie­de­nen Pro­ble­men aus­ge­setzt, weil sie ins­be­son­de­re auf ihr Bünd­nis mit der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (Demo­cra­cia Cris­tia­na, DC) ange­wie­sen war. Da bei den Wah­len vom 4. Sep­tem­ber 1970 kei­ner der Kan­di­da­ten die abso­lu­te Mehr­heit erlang­te, lag die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Wahl des Prä­si­den­ten beim Kon­gress. Allen­de konn­te sich nur Dank der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei gegen Jor­ge Ales­sandri durch­set­zen. Dass die UP auf par­la­men­ta­ri­scher Ebe­ne auf Alli­an­zen ange­wie­sen war, um eine Mehr­heit für neue Geset­ze und Bestim­mun­gen zu erhal­ten, begüns­tig­te einen poli­ti­schen Prag­ma­tis­mus, der inner­halb der UP ins­be­son­de­re von der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei getra­gen wur­de. Die unab­ding­ba­re Kon­se­quenz solch eines Prag­ma­tis­mus liegt auf der Hand: Die poli­ti­sche Aus­rich­tung der UP hat­te sich an den Alli­an­zen im Par­la­ment zu ori­en­tie­ren, was de fac­to dazu führ­te, dass jeg­li­che selbst­or­ga­ni­sier­ten und spon­ta­nen Aktio­nen der Arbeiter*innenklasse für Skep­sis und Miss­trau­en in der Regie­rung sorg­ten.

Nichts­des­to­trotz ging auf­grund der wirt­schaft­li­chen insta­bi­len Lage Chi­les, das Bünd­nis mit der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei im Ver­lauf des Jah­res 1972 end­gül­tig in die Brü­che. Letz­te­re wand­te sich dem rech­ten Par­ti­do Nacio­nal zu, was den rech­ten und kon­ser­va­ti­ven Flü­gel im Kon­gress stärk­te.

Pro­ble­ma­tisch war über­dies der Glau­be der UP an einen fried­li­chen gesell­schaft­li­chen Wan­del, ver­mit­telt durch die Insti­tu­tio­nen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, der gro­tes­ke Züge annahm. Einer­seits, weil der Patrio­tis­mus geprie­sen wur­de und ande­rer­seits, weil der Gewalt­ap­pa­rat des Staa­tes als Ver­bün­de­ter galt. Eine unre­flek­tier­te Roman­ti­sie­rung des Mili­tärs war in gros­sen Tei­len der UP aus­ge­prägt: Das Mili­tär galt als Garant für den Schutz der Arbeiter*innenklasse vor reak­tio­nä­ren Kräf­ten. Bezeich­nend hier­für ist die Rol­le des Mili­tärs im Pro­gramm der UP: Das Mili­tär soll­te einer­seits für die natio­na­le Sicher­heit sor­gen und auf­ge­rüs­tet wer­den und ande­rer­seits ver­mehrt in das sozia­le Leben inte­griert wer­den. Hohe Löh­ne und Ren­ten soll­ten des­sen Loya­li­tät gegen­über der Regie­rung sichern.

Den­noch war, vor allem zu Beginn der Amts­zeit Allen­des, die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung mehr­heit­lich posi­tiv. Zwi­schen Okto­ber 1970 und Okto­ber 1971 bei­spiels­wei­se stieg der Real­lohn um 34 Pro­zent – unter ande­rem dank Preis­re­gu­lie­rungs­mass­nah­men und vom Staat ange­ord­ne­te Lohn­er­hö­hun­gen – die Arbeits­lo­sen­quo­te sank und die Refor­men in der Wohn­po­li­tik, wie auch im Bil­dungs- und Gesund­heits­we­sen ver­bes­ser­ten die Lebens­qua­li­tät der pre­ka­ri­sier­ten Mas­sen. Aus Angst vor wei­te­ren Ver­staat­li­chun­gen und davor, dass die Arbeiter*innen sich wei­ter radi­ka­li­sie­ren könn­ten, lies­sen die Arbeit­ge­ber die Regie­rung zunächst gewäh­ren.

«Poder Popu­lar» und Auto­no­mie der Arbeiter*innenklasse

Die kom­pli­zier­te Lage, in der sich die Regie­rung Allen­des von Anfang an befand, führ­te auch inner­halb der Lin­ken zu Kon­flik­ten. Der von der UP ein­ge­schla­ge­ne Weg wur­de von vie­len Arbeiter*innen, wie auch vom lin­ken Flü­gel der UP und auch von Grup­pie­run­gen aus­ser­halb der UP, wie bei­spiels­wei­se dem MIR(13), vehe­ment kri­ti­siert, weil die Regie­rung zu zöger­lich han­del­te und ver­such­te jeg­li­ches auto­no­mes Han­deln der Arbeiter*innenklasse zu unter­bin­den. Die Mas­sen soll­ten sich am gesell­schaft­li­chen Wan­del zwar betei­li­gen, aber der fried­li­che Weg hin zum Sozia­lis­mus soll­te in letz­ter Instanz von der Regie­rung bestimmt wer­den.

Vor allem die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei stand im Faden­kreuz der Kri­tik. Sie war die­je­ni­ge Kraft inner­halb der UP, die dazu dräng­te, gemäs­sigt zu han­deln, um die bür­ger­li­chen Par­tei­en und die natio­na­le Bour­geoi­sie nicht abzu­schre­cken. Dies beinhal­te­te auch die Bän­di­gung die radi­kals­ten Seg­men­te der Arbeiter*innenklasse, wenn nötig durch Repres­sa­li­en. Auch die Sozia­lis­ti­sche Par­tei, die inner­halb der UP die radi­kals­ten Posi­tio­nen ver­trat, stüt­ze die­sen von der KP vor­ge­schla­ge­nen Kurs.

Arbeiter*innenkomitees und gewerk­schaft­li­cher Flü­gel der UP

Die cir­ca 15’000 von der UP erschaf­fe­nen Komi­tees in den Nach­bar­schaf­ten und Fabri­ken soll­ten die Grund­la­ge für die Für die Wahl­mo­bi­li­sie­rung für den «Poder Popu­lar» bil­den. Hier soll­ten die Leu­te ihre Anlie­gen kund­tun, die in einem nächs­ten Schritt an höhe­re staat­li­che Instan­zen wei­ter­ge­lei­tet wer­den soll­ten. Doch nach den Wah­len ver­lo­ren die Komi­tees an Bedeu­tung und waren nicht in der Lage, als Ver­mitt­lungs­in­stanz zwi­schen Basis und Füh­rung zu fun­gie­ren. Selbst in den ver­staat­lich­ten Fabri­ken konn­te nicht von Arbei­ter­macht die Rede sein, auch wenn die Ver­staat­li­chun­gen die Situa­ti­on vie­ler Arbeiter*innen in den Fabri­ken tat­säch­lich ver­bes­ser­te, weil die hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren gelo­ckert, die Mit­spra­che gestärkt und die Löh­ne erhöht wur­den. Die Par­ti­zi­pa­ti­on der Arbeiter*innen in den Ent­schei­dungs­pro­zes­sen der ver­staat­li­chen Betrie­ben war in der Tat ein Novum in der Geschich­te Chi­les. Doch sie soll­te nicht über­schätzt wer­den, zumal die par­ti­zi­pa­to­ri­sche Ein­bin­dung bei wei­tem nicht in allen ver­staat­li­chen Betrie­ben statt­fand. Selbst dort, wo die Werk­tä­ti­gen an Ent­schei­dungs­pro­zes­sen betei­ligt waren, war ihre Ein­bin­dung durch Kon­trol­le und Begren­zung ihrer auto­no­men Hand­lungs­macht gekenn­zeich­net. De fac­to lag die Kon­trol­le der ver­staat­lich­ten Fabri­ken in staat­li­cher und gewerk­schaft­li­cher Hand. Die Cen­tral Úni­ca de Trabajadores(14) (CUT) fun­gier­te dabei als gewerk­schaft­li­cher Arm der Regie­rung. Fest­ge­hal­ten wur­de die­se Zusam­men­ar­beit bereits eini­ge Mona­te nach dem Amts­an­tritt Allen­des in einem Abkom­men zwi­schen Regie­rung und CUT, das am 7. Dezem­ber 1970 unter­zeich­net wur­de. Dar­in wur­de auch die Not­wen­dig­keit des «patrio­ti­schen Enga­ge­ments» der Arbeiter*innen zur Erhö­hung der Pro­duk­ti­vi­tät betont.

Von einer ver­all­ge­mei­ner­ten und ver­tief­ten Arbei­ter­kon­trol­le der Pro­duk­ti­on kann also nicht die Rede sein, all­zu oft wur­de inner­halb der UP die Par­ti­zi­pa­ti­on der Arbeiter*innen nur gedul­det, so lan­ge sie den poli­ti­schen Kurs der Regie­rung unter­stütz­ten.

Exem­pla­risch für die immer stär­ker wer­den­den Kon­flik­te zwi­schen Basis und Füh­rung ist die im Mai 1972 ver­an­stal­te­te «Voll­ver­samm­lung von Con­cep­ción», an der Allen­de und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei sich nicht betei­lig­ten und die von ver­schie­de­nen Nach­bar­schafts­grup­pen, dem MIR und dem lin­ken Flü­gel der UP orga­ni­siert wur­de. In der Ver­samm­lung wur­de die Regie­rung kri­ti­siert und für eine Stär­kung der Ent­schei­dungs­kraft der Basis plä­diert.

Der Streik vom Okto­ber 1972 und die inner­lin­ken Kon­flik­te

Die Dis­kre­panz zwi­schen den radi­ka­len Dis­kur­sen der UP und dem tat­säch­li­chen Han­deln der Regie­rung, die jeg­li­che auto­no­me Aktio­nen der Land- und Industriearbeiter*innen unter­band, erreich­te im Okto­ber 1972 mit dem Streik der Lastwagenfahrer*innen ihren Höhe­punkt.

Ange­spornt durch die Angst vor dem Sozia­lis­mus, dem Gerücht einer mög­li­chen Ver­staat­li­chung aller Trans­port­un­ter­neh­men, einer insta­bi­len Wirt­schaft und einer zuneh­men­den Hyper­in­fla­ti­on, wur­de am 9. Okto­ber 1972 ein Streik im Trans­port­we­sen aus­ge­ru­fen. Er wur­de von Arbeit­ge­ber­ver­bän­den und der CIA finan­zi­ell unter­stützt. Ziel des fast vier­wö­chi­gen Streiks war es, die Regie­rung zu desta­bi­li­sie­ren: Die Haupt­stras­sen des Lan­des wur­den blo­ckiert und die Lebens­mit­tel- und Treib­stoff­ver­sor­gung mas­siv eingeschränkt.(15) Ange­sichts der dadurch aus­ge­lös­ten Ver­stär­kung der Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit reagier­te die Regie­rung gereizt, ver­häng­te einen Aus­nah­me­zu­stand inklu­si­ve Aus­gangs­sper­re und erschuf ein zivil-mili­tä­ri­sches Kabi­nett, um die Kon­trol­le über die Situa­ti­on im Land zu bewah­ren.

Wich­tigs­te Ein­glie­de­rung des Mili­tärs in die Regie­rung war der Ober­be­fehls­ha­ber der Armee, Car­los Prats, der zum Innen­mi­nis­ter ernannt wur­de und somit die Ver­ant­wor­tung für die öffent­li­che Ord­nung trug. Es war letz­ten Endes Gene­ral Prats, der anfangs Novem­ber 1972 mit den Strei­ken­den ver­han­del­te und die Ein­stel­lung des Streiks erlang­te. Er soll­te auch es sein, der im Juni 1973 den ers­ten Ver­such eines Mili­tär­put­sches niederschmetterte.(16)

Wäh­rend die Regie­rung im Okto­ber 1972 über­for­dert und plan­los schien, beweg­te sich die Basis äus­serst schnell und ent­schlos­sen, was die bereits bestehen­den Kon­flik­te zwi­schen Basis und UP ver­stärk­te. Anstatt auf eine Ant­wort auf den Streik sei­tens der Regie­rung zu war­ten und in einer defen­si­ve Hal­tung zu erstar­ren, began­nen die radi­kals­ten Seg­men­te der Arbeiter*innenklasse ver­mehrt selbst­stän­dig Fabri­ken und Land zu beset­zen und unter Arbeiter*innenkontrolle zu brin­gen. Die soge­nann­ten Cor­do­nes Industriales(17) began­nen sich zu ver­brei­ten.

Cor­do­nes Indus­tria­les und Con­se­jos Comu­na­les

Die «Cor­do­nes Indus­tria­les», zu Deutsch «Indus­trie­gür­tel», waren Räte-ähn­li­che Koor­di­nie­rungs­zu­sam­men­schlüs­se der Arbeiter*innen aus ver­schie­de­nen besetz­ten Fabri­ken und Unternehmen(18). Jeder die­ser Indus­trie­gür­tel koor­di­nier­te die Kämp­fe der Arbeiter*innen inner­halb einer Gegend. Obwohl die ers­ten «Cor­do­nes» im Juni 1972 ent­stan­den, ver­brei­te­ten sie sich vor allem wäh­rend des Last­wa­gen­fah­rer-Streiks im Okto­ber 1972. Dies, um poli­ti­schen Druck gegen den Streik auf­zu­bau­en, aber auch um die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung und die Fort­füh­rung der Pro­duk­ti­on zu orga­ni­sie­ren, die unter dem Streik mas­siv zurück­ge­gan­gen waren. Allein im Okto­ber 1972 wur­den 65 Fabri­ken von Arbeiter*innen besetzt und unter Arbeiter*innenkontrolle gebracht. Vie­le Indus­trie­gür­tel hat­ten auch eine eini­gen­de Funk­ti­on, zumal in ihnen Arbeiter*innen aus ver­schie­de­nen Bran­chen mit Bäuer*innen zusam­men­fan­den. In vie­len Indus­trie­gür­teln wur­den zudem offe­ne Kin­der­krip­pen und Kin­der­gär­ten errich­tet und eige­ne Zei­tun­gen her­aus­ge­ge­ben.

Um die Güter­ver­tei­lung in den Quar­tie­ren effek­tiv zu koor­di­nie­ren, grün­de­ten sich hin­ge­gen die «Coman­dos Comunales»(19) (CC), auto­no­me Arbeiter*innenstrukturen, die als Koor­di­nie­rungs- und Ent­schei­dungs­struk­tu­ren fun­gier­ten, um anste­hen­de Auf­ga­ben zu ver­tei­len und, zusam­men mit den staat­li­chen «Jun­tas de Abas­te­ci­mi­en­to y Con­trol de Pre­ci­os» (JAP)(20) – oder teil­wei­se gegen sie(21) –, die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung zu koor­di­nie­ren.

Sowohl die CI als auch die CC waren Aus­druck einer zuneh­men­den Pola­ri­sie­rung inner­halb der Lin­ken selbst und stell­ten die Füh­rungs­po­si­ti­on der Uni­dad Popu­lar und der Gewerk­schaft CUT in Fra­ge. Die Selbst­in­itia­ti­ve der Arbeiter*innenklasse sorg­te inner­halb der UP für Unru­he, zumal eini­ge ihrer Frak­tio­nen, ins­be­son­de­re die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, als Ant­wort auf den Streik vom Okto­ber nicht die Inten­si­vie­rung des Klas­sen­kamp­fes, son­dern des­sen Ein­däm­mung anvi­sier­ten. Nebst der Ein­bin­dung des Mili­tärs for­der­ten Tei­le der UP die Rück­ga­be meh­re­rer Fabri­ken, um die natio­na­le Bour­geoi­sie zu beschwich­ti­gen. Der soge­nann­te «Prats-Mil­las-Plan», der von Gene­ral Prats und Orlan­do Mil­las (bei­des KP-Mit­glie­der) aus­ge­ar­bei­tet wur­de, sah vor, rund 123 besetz­te Fabri­ken an ihre Eigen­tü­mer zurück­zu­ge­ben und die staat­lich kon­trol­lier­ten Unter­neh­men auf 49 zu redu­zie­ren. Die KP befürch­te­te, dass durch die auto­nom orga­ni­sier­ten Fabrik­be­set­zun­gen – die den lega­len Rah­men des bür­ger­li­chen Staa­tes durch­bra­chen – die CUT und somit letz­ten Endes auch die UP, die Kon­trol­le über die Fabri­ken ver­lie­ren wür­de. Allen­de stütz­te die­sen Kurs, weil die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Arbeiter*innen einem unzu­läs­si­gen «Par­al­lel­syn­di­ka­lis­mus» gleich­kä­me. Der «Prats-Mil­las-Plan» wur­de jedoch nie umge­setzt, erfolg­rei­che Arbeiter*innenmobilisierungen ver­hin­der­ten die Plä­ne der Regie­rung.

Weit­aus ent­schei­den­der war die am 20. Okto­ber 1972 ein­ge­führ­te «Ley de con­trol de armas», ein Waf­fen­kon­troll­ge­setz, das den Hand­lungs­ho­ri­zont des Mili­tärs erwei­ter­te. Dadurch eta­blier­te sich bereits vor dem Putsch die Repres­si­on gegen die orga­ni­sier­ten Arbeiter*innen, denn zahl­rei­che Häu­ser und Cor­do­nes Indus­tria­les wur­den – unter dem Vor­wand dass die Arbeiter*innen ille­gal Waf­fen gela­gert hät­ten – durch­sucht und vie­le Arbeiter*innen wur­den ver­haf­tet oder gefol­tert.

Ein Koor­di­nie­rungs­zu­sam­men­schluss aus Cor­do­nes Indus­tria­les, die «Coor­di­na­do­ra Pro­vin­cial de Cor­do­nes Indus­tria­les», wand­te sich in die­sem Sin­ne am 5. Sep­tem­ber 1973, nur sechs Tage vor dem Mili­tär­putsch, per Brief an den Prä­si­den­ten Allen­de. Dar­in hiel­ten sie fest: «Wir for­dern die Auf­he­bung des Waf­fen­kon­troll­kon­troll­ge­set­zes. Die­ses, soge­nann­te ‹ver­fluch­te Gesetz›, hat nur dazu gedient, die Arbei­ter durch Raz­zi­en in Fabri­ken und Arbei­ter­quar­tie­ren zu krän­ken. Das Gesetz dient den reak­tio­nä­ren Kräf­ten als Gene­ral­pro­be, um sich gegen die Arbei­ter zu stel­len, sie ein­zu­schüch­tern und die tra­gen­den Figu­ren der Bewe­gung zu iden­ti­fi­zie­ren.»

Im sel­ben Brief wur­de aus­ser­dem vehe­ment beteu­ert, dass vie­le Ent­schei­dun­gen der Regie­rung die reak­tio­nä­ren Kräf­te gestärkt haben, rech­te Kräf­te im Auf­schwung sei­en und dass ein Putsch eine unmit­tel­ba­re Bedro­hung sei: «Wir sind abso­lut davon über­zeugt, dass his­to­risch gese­hen der Refor­mis­mus, der den Dia­log mit den­je­ni­gen sucht, die uns immer und immer wie­der ver­ra­ten haben, der schnells­te Weg zum Faschis­mus ist. […] Wir sind nicht nur der Mei­nung, dass wir uns rasant in Rich­tung Faschis­mus bewe­gen, son­dern auch, dass uns die Mit­tel zur Selbst­ver­tei­di­gung vor­ent­hal­ten wer­den.»

Nur weni­ge Tage spä­ter kam es zum befürch­te­ten Mili­tär­putsch. Allen­de selbst hat­te einen Monat zuvor, im August 1973, Augus­to Pino­chet zum Ober­be­fehls­ha­ber der chi­le­ni­schen Streit­kräf­te ernannt, nach­dem Gene­ral Prats sei­nen Pos­ten auf­ge­ge­ben hat­te. Stun­den vor sei­nem Tod hielt Allen­de per Radio aus dem Prä­si­den­ten­pa­last sei­ne letz­te Rede an die Nati­on. Im Wis­sen, dass er den Tag wohl nicht über­le­ben wird und dass sei­ne letz­ten Wor­te wohl in die Geschichts­bü­cher ein­ge­hen, ver­ab­schie­de­te und bedank­te er sich bei den chi­le­ni­schen Arbeiter*innen und gab dem Impe­ria­lis­mus und dem aus­län­di­schen Kapi­tal die Schuld für den Ver­rat des Mili­tärs.

Lin­ker Staats­fe­ti­schis­mus

«In Chi­le ist weder die Lin­ke geschei­tert, noch der Sozia­lis­mus, noch die Revo­lu­ti­on, noch die Arbei­ter­schaft. In Chi­le ist auf tra­gi­sche Art und Wei­se eine refor­mis­ti­sche Illu­si­on been­det wor­den, die dar­auf setz­te Revo­lu­ti­on zu machen mit […] dem Ein­ver­ständ­nis derer, gegen die sie sich rich­te­te: Der herr­schen­den Klas­se». (Miguel Enrí­quez)

Im Chi­le der 1970er Jah­ren stell­ten die radi­kals­ten Seg­men­te der Arbeiter*innenklasse die poli­ti­sche Form der Waren­pro­duk­ti­on in Fra­ge – den gesetz­li­chen Rah­men des bür­ger­li­chen Staa­tes und des­sen Funk­ti­on zur Auf­recht­erhal­tung des Pri­vat­ei­gen­tums – nicht aber die Waren­pro­duk­ti­on selbst. Was es aber in Chi­le sei­tens der Arbeiter*innen durch­aus gab, waren Räte-ähn­li­che Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­su­che, die danach trach­te­ten, mit dem lega­len und büro­kra­ti­schen Rah­men des Staa­tes, der Gewerk­schaf­ten und der poli­ti­schen Par­tei­en zu bre­chen. Doch lei­der blie­ben die­se Bemü­hun­gen spo­ra­disch und defen­siv. Es gelang den Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­su­chen nicht, über eine embryo­na­le Pha­se hin­aus zu gelan­gen.

Die in der Uni­dad Popu­lar ver­ein­ten refor­mis­ti­schen Kräf­te der Lin­ken, ins­be­son­de­re Allen­de und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei – ver­narrt in die Idee eines neu­tra­len Mili­ta­ris­mus und von einem uner­sätt­li­chem Ver­trau­en in die juris­ti­schen Werk­zeu­ge des Staa­tes beseelt – sahen in den radi­ka­len Tei­len der Arbeiter*innenklasse nicht nur eine Gefahr für die eige­ne poli­ti­sche Hege­mo­nie, son­dern auch für den Sozia­lis­mus ins­ge­samt. Eine tra­di­tio­nell anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Aus­rich­tung cha­rak­te­ri­sier­te ihre ideo­lo­gi­sche Nei­gung, die, ganz im Duk­tus des mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sches Staats­fe­ti­schis­mus, danach trach­te­te, die unter­drück­te Klas­se zu reprä­sen­tie­ren und die bür­ger­li­chen Macht­ap­pa­ra­te und die Öko­no­mie im Namen der Revo­lu­ti­on zu über­neh­men. Die Regie­rung erhoff­te sich durch die Ein­däm­mung des Klas­sen­kamp­fes eine Abwen­dung des Mili­tär­put­sches. Das Gegen­teil war der Fall: Fak­tisch ver­schob sie mit ihrer Poli­tik das Kräf­te­ver­hält­nis unwis­sent­lich immer mehr zuguns­ten eines Put­sches.

Heut­zu­ta­ge ist es extrem unwahr­schein­lich, dass unter Lin­ken in Chi­le dem Mili­tär im sel­ben Mass, wie in den 1970er Jah­ren, Ver­trau­en geschenkt wird. Zu trau­ma­ti­sie­rend waren die Jah­re der Mili­tär­dik­ta­tur. Auch die Poli­zei steht eher schlecht da. Das bru­ta­le Vor­ge­hen gegen Demonstrant*innen der letz­ten Mona­te und Jah­re, inklu­si­ve zahl­rei­chen Fäl­len von Fol­ter und sexu­el­ler Miss­hand­lung, wird sicher nicht so schnell aus dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der Gesell­schaft ver­schwin­den. Dass die Revol­tie­ren­den kein Ver­trau­en in den Gewalt­ap­pa­rat des Staa­tes gezeigt haben und der Auf­stand haupt­säch­lich ohne poli­ti­sche Füh­rer oder Par­tei­en ver­lief, zeugt von einer weit­aus radi­ka­le­ren und kri­ti­sche­ren Ein­stel­lung gegen­über dem Staat und der bür­ger­li­chen Poli­tik als wäh­rend der 1970er Jah­re. Nichts­des­to­trotz ist es sehr wahr­schein­lich, dass die Abstim­mung über eine neue Ver­fas­sung einen reku­pe­ra­ti­ven Cha­rak­ter hat, obwohl von vie­len Sei­ten kri­ti­siert wird, dass eine neue Ver­fas­sung an den struk­tu­rel­len Fun­da­men­ten der Gesell­schaft nichts ändern wird.

Es bleibt abzu­war­ten, ob alle Hoff­nung auf die Abstim­mung für eine neue Ver­fas­sung im Okto­ber gesetzt wird oder ob es wie­der zu Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen kommt und die unzäh­li­gen Basis­ver­samm­lun­gen in den Quar­tie­ren wei­ter wach­sen und sich ver­net­zen. Aller­dings fehl­te die­sen hori­zon­ta­len Orga­ni­sa­ti­ons­for­men ein ent­schei­den­der Aspekt, der in den 1970er Jah­ren viel prä­sen­ter war: Der Klas­sen­kampf muss auch auf der Ebe­ne der Pro­duk­ti­on geführt wer­den. Die Cor­do­nes Indus­tria­les und die Coman­dos Comu­na­les sind in die­ser Hin­sicht inter­es­san­te Anknüp­fungs­punk­te, die aus der Ver­ges­sen­heit geret­tet wer­den müs­sen.

Auch wenn die Piñe­ra-Regie­rung die andau­ern­de Covid-19-Pan­de­mie arg­lis­tig als Ver­schnauf­pau­se nutz­te und die Repres­si­on und die Kon­trol­le des Staa­tes inten­si­vier­te, zeich­nen sich wei­te­re Kon­flik­te ab. Die Ver­schär­fung gesell­schaft­li­cher Wider­sprü­che im Zuge der Pan­de­mie könn­te in einer poli­ti­sier­ten chi­le­ni­schen Gesell­schaft die Wut der Leu­te wei­ter befeu­ern und zu einer Inten­si­vie­rung des Klas­sen­kamp­fes füh­ren. Ob sich tat­säch­lich ein Auf­stand 2.0 – wie er in den sozia­len Medi­en und auf den Stras­sen genannt wird – anbahnt und wie radi­kal der sein wird, kann nur die rea­le Bewe­gung auf der Stras­se beant­wor­ten.

(1) Dem Über­gang zur Demo­kra­tie war zwei Jah­re zuvor ein Refe­ren­dum über eine Ver­län­ge­rung der Amts­zeit Pino­chets vor­aus­ge­gan­gen.

(2) Die­je­ni­gen Seg­men­te der Klas­se die vom Pro­duk­ti­ons­pro­zess aus­ge­schlos­sen sind oder durch infor­mel­le Arbeit ihr Über­le­ben sichern.

(3) Die Mapu­che sind das gröss­te indi­ge­ne Volk Chi­les und leis­ten seit jeher Wider­stand gegen den Staat und den Extrak­ti­vis­mus. Dadurch sind die seit Jahr­zehn­ten mit Repres­si­on kon­fron­tiert und wer­den durch Anti­ter­ror­ge­set­ze bekämpft.

(4) Zu Deutsch: Brei­te Front

(5) Mehr noch: Nicht nur die tra­di­tio­nel­le Lin­ke Chi­les ist dem Unter­gang geweiht, viel­mehr befin­det sich die gesam­te Lin­ke Latein­ame­ri­kas in einer äus­serst pre­kä­ren Situa­ti­on: Das flüch­ti­ge Auf­bäu­men lin­ker Regie­run­gen im Rah­men des soge­nann­ten «Sozia­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts» ist bereits pas­sé. Die Abhän­gig­keit vom Extrak­ti­vis­mus mach­te vie­le Regie­run­gen anfäl­lig für Roh­stoff­preis­schwan­kun­gen auf dem Welt­markt und, noch viel wich­ti­ger, die durch den Roh­stoff­ver­kauf finan­zier­ten Sozi­al­pro­gram­me führ­ten zu einer Depo­li­ti­sie­rung der Basis, weil sie oft mit einer Indi­vi­dua­li­sie­rung sozia­ler Pro­ble­me ein­her­gin­gen.

(6) Obwohl par­tei­un­ab­hän­gig wur­de er von libe­ra­len und kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en unter­stützt.

(7) Ende der 1950er Jah­re for­mier­te sich in Chi­le eine neue sozia­le Bewe­gung: Pro­le­ta­ri­sier­te aus dem länd­li­chen Raum dran­gen in die Städ­te und besetz­ten meist unbe­bau­te Bra­chen, die mitt­ler­wei­le weit­ge­hend nor­ma­le Vier­tel der Gross­stadt Sant­ia­go sind. Sol­che Land­be­set­zun­gen sind nicht unüb­lich in der Geschich­te der Ent­ste­hung von Gross­städ­ten. Was jedoch die Bewe­gung der «pob­la­do­res» in Chi­le aus­zeich­net, ist das hohe Mass an Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und gegen­sei­ti­ger Hil­fe in den besetz­ten Stadt­tei­len.

(8) Eben­falls Teil des Bünd­nis­ses waren die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Chi­les, die Christ­li­che Lin­ke Par­tei Chi­les, die Unab­hän­gi­ge Volks­ak­ti­on (eine links-popu­lis­ti­sche/­na­tio­na­lis­ti­sche Par­tei), die Radi­ka­le Par­tei, die aus dem radi­ka­len Flü­gel der libe­ra­len Par­tei her­vor­ge­gan­gen war, die links­christ­li­che Bewe­gung der Ein­heit­li­chen Volks­ak­ti­on (MAPU) und eine Abspal­tung der­sel­ben: die Arbei­ter und Bau­ern­be­we­gung der Ein­heit­li­chen Volks­ak­ti­on. Die poli­tisch-mili­tä­ri­sche mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche/­gue­va­ris­ti­sche links­ra­di­ka­le Grup­pe «MIR» (Movi­mi­en­to de Izquier­da Revo­lu­cio­na­ria) hin­ge­gen, die im Ver­lauf der Amts­zeit Allen­des eine nicht unwich­ti­ge Rol­le spie­len soll­te, begnüg­te sich mit einer kri­ti­schen Unter­stüt­zung der Regie­rung Allen­des, war aber selbst nicht Teil der UP.

(9) Ein gros­se Anzahl Län­de­rei­en in den Hän­den weni­ger Gross­grund­be­sit­zer.

(10) Vgl. Allen­de. Men­sa­je al Con­gre­so Ple­no. 21. Mai 1972. in. Die Par­ti­zi­pa­ti­on der Werk­tä­ti­gen an der Füh­rung der Betrie­be wäh­rend der Regie­rung der Uni­dad Popu­lar in Chi­le (1970–1973)

(11) Nach dem ers­ten Jahr der Amts­zeit Allen­des lagen schät­zungs­wei­se 20 Pro­zent der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on in staat­li­chen Hän­den (was sich bis zum Mili­tär­putsch nicht gross ändern soll­te). Wobei dies ins­ge­samt nur 10% der Arbei­ter­schaft betraf, also ca. 56’000 Arbeiter*innen. Die klein und mitt­le­re Indus­trie, wie auch die Textil‑, Bau und Lebens­mit­tel­in­dus­trie, in denen ca. 500’000 Arbeiter*innen beschäf­tigt waren, blie­ben meist von Ver­staat­li­chun­gen ver­schont. Vgl. Gau­dich­aud Frank, in: Poder Popu­lar, Estado y luchas socia­les.

(12) Dies ver­an­lass­te die Regie­rung im April 1972 dazu, die soge­nann­ten Jun­tas de Abas­te­ci­mi­en­to Popu­lar (JAP) ins Leben zu rufen – Popu­lä­re Waren­dis­tri­bu­ti­ons­lä­den in denen über­teu­er­te Prei­se unter­bun­den wur­den.

(13) Die MIR war eine bewaff­ne­te links­ra­di­ka­le Orga­ni­sa­ti­on, die stets skep­tisch gegen­über dem par­la­men­ta­ri­schen Weg Allen­des war und – trotz ihres avant­gar­dis­ti­schen Anspruchs – die Auto­no­mie der Arbeiter*innenklasse gegen­über der UP ver­tei­dig­te und ver­such­te den Klas­sen­kampf zu radi­ka­li­sie­ren. Als eine der weni­gen lin­ken Grup­pie­run­gen leis­te­te sie zudem nach dem Mili­tär­putsch bewaff­ne­ten Wider­stand.

(14) Zu Deutsch: Arbei­ter­zen­tra­le. Die CUT wur­de 1952 gegrün­det und hat­te ca. 700’000 Mit­glie­der, also ca. 25 Pro­zent der Arbei­ter­schaft, davon waren jedoch nur die Hälf­te Indus­trie oder Minen­ar­bei­te­rin­nen. Gröss­ten­teils waren die Mit­glie­derin­nen öffent­li­che Ange­stell­te oder Bäue­rin­nen. Im öffent­li­chen Sek­tor betrug die Mit­glied­schaft in der CUT gan­ze 95 Pro­zent, was jedoch nicht über­in­ter­pre­tiert wer­den soll­te zumal 90 Pro­zent der gan­zen Arbei­ter­schaft im Pri­va­ten Sek­tor tätig war und davon nur 23 Pro­zent in der CUT orga­ni­siert war. Vgl. Gau­dich­aud Frank, in: Poder Popu­lar, Estado y luchas socia­les. Bei der Grün­dung der CUT waren anfangs auch Anar­chis­tin­nen teil der Gewerk­schaft. Sie distan­zier­ten sich jedoch zuneh­men, auf­grund der hier­ar­chi­schen Ori­en­tie­rung und der refor­mis­ti­schen Ambi­tio­nen der CUT.

(15) Der Streik sporn­te u. a. auch natio­na­lis­ti­sche Grup­pen wie «Patria y Libertad» (Nati­on und Frie­den) an. Atten­ta­te gegen lin­ke Akti­vis­ten und Orga­ni­sa­tio­nen began­nen sich zu ver­meh­ren.

(16) Die­ser Ver­such wur­de nicht von Pino­chet orga­ni­siert, son­dern vom Ober­leut­nant Rober­to Sou­per, der im Mili­tär nicht genü­gend Unter­stüt­zung im hat­te, um den Mili­tär­putsch erfolg­reich zu Ende zu füh­ren.

(17) Indus­trie­gür­tel. In den CI waren meh­re­re besetz­te Fabri­ken und Unter­neh­men einer Gegend mit­ein­an­der koor­di­niert und ver­netzt. Sie wur­den vor allem vom lin­ken Flü­gel der SP und dem MIR unter­stützt. Es gibt kei­ne genau­en Anga­ben über die Anzahl der CI in ganz Chi­le, doch über fol­gen­de hat man sicher Kennt­nis: Cor­dó­nes Indus­tria­les O’Hig­gins, Vicu­ña Macken­na, Macul, San Joa­quín, Reco­le­ta, Mapo­cho-Cor­dil­le­ra, San­ta Rosa-Gran Ave­ni­da, Pan­ame­ri­ca­na Nor­te, Sant­ia­go Zen­trum, Ari­ca, Con­cep­ción (CI Tal­ca­hua­no), Anto­fagas­ta, Osor­no und in Val­pa­raí­so (CI El Sal­to, 15 Nor­te, Quil­pué). Am stärks­ten waren die CI in Sant­ia­go, der Haupt­stadt, wo zehn­tau­sen­de Arbeiter*innen in der Cor­dó­nes orga­ni­siert waren.

(18) Die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der öffent­li­chen Lebens und Tei­len der Pro­duk­ti­on in räte­ähn­li­chen Struk­tu­ren, hat­ten u.a. ihren Ursprung in den Land­be­set­zun­gen der 1950er Jah­ren, in denen Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und gegen­sei­ti­ge Hil­fe wich­ti­ge Fun­da­men­te waren. Sie Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­su­che der 1970er kamen also nicht von unge­fähr. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass es gera­de sol­che aus weit­ge­hend auto­no­men Land­be­set­zun­gen her­vor­ge­gan­gen Quar­tie­ren wie «La Legua» waren, die zumin­dest in den ers­ten Jah­ren der Dik­ta­tur das Zen­trum des Wider­stan­des waren.

(19) Es gab unge­fähr 100 Coman­dos Comu­na­les.

(20) Ver­sor­gungs- und Preis­kon­troll­in­stan­zen, die ab Mit­te 1971 erschaf­fen wur­den, um die ein­tre­ten­de Lebens­mit­tel­knapp­heit abzu­fe­dern. Sie waren Waren­dis­tri­bu­ti­ons­lä­den in denen über­teu­er­te Prei­se unter­bun­den wur­den.

(21) In eini­gen Fäl­len, wur­de die Dis­tri­bu­ti­on der Lebens­mit­tel, wie auch die Hor­tung der­sel­ben zum Zwe­cke der Gewinn­op­ti­mie­rung ohne jeg­li­che staat­li­che Inter­ven­ti­on orga­ni­siert: Läden, die über­ris­se­ne Prei­se for­der­ten oder Grund­gü­ter hor­te­ten, wur­den besetzt und von den Arbeiter*innen selbst kon­trol­liert.

M. Lau­tré­a­mont ist Ver­fech­ter des Rechts auf Faul­heit, arbeits­los und schreibt ger­ne.

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