[FRN:] #Kantine »Benjamin« – Der Kunstwerkaufsatz: Benjamins Manifest über die Politik der Massenkultur

„»Fiat ars – pere­at mun­dus« sagt der Faschis­mus und erwar­tet die künst­le­ri­sche Befrie­di­gung der von der Tech­nik ver­än­der­ten Sin­nes­wahr­neh­mung, wie Mari­net­ti bekennt, vom Krie­ge. Das ist offen­bar die Voll­endung des l’art pour l’art. Die Mensch­heit, die einst bei Homer ein Schau­ob­jekt für die Olym­pi­schen Göt­ter war, ist es nun für sich selbst gewor­den. Ihre Selbst­ent­frem­dung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eige­ne Ver­nich­tung als ästhe­ti­schen Genuß ers­ten Ran­ges erle­ben läßt. So steht es um die Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik, wel­che der Faschis­mus betreibt. Der Kom­mu­nis­mus ant­wor­tet ihm mit der Poli­ti­sie­rung der Kunst.“

Aus dem Pari­ser Exil ver­öf­fent­licht Ben­ja­min 1936 sei­nen berühmt gewor­de­nen Auf­satz über Das Kunst­werk im Zeit­al­ter sei­ner tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit. Durch Marx sei die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on des Kapi­ta­lis­mus im Bereich der öko­no­mi­schen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, so Ben­ja­min in sei­nem Vor­wort, längst erkannt und ana­ly­siert wor­den. Es ist die his­to­ri­sche Eta­blie­rung einer seri­ell pro­du­zie­ren­den Repro­duk­ti­ons­tech­nik, die es erst­ma­lig erlaubt, in mas­sen­haf­tem Umfang stan­dar­di­sier­te Pro­duk­te her­zu­stel­len – und zwar in einer Wei­se, die immer weni­ger von der Arbeits­kraft des Ein­zel­nen sowie des­sen indi­vi­du­el­ler Exper­ti­se abhän­gig ist. Aller­dings jedoch sei­en die gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se, die sich durch die Eta­blie­rung die­ser Repro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gien über das Öko­no­mi­sche hin­aus auch „auf allen Kul­tur­ge­bie­ten“ ein­ge­stellt haben, noch kaum ins Bewusst­sein getre­ten: die fort­schrei­ten­de Eta­blie­rung der Pho­to­gra­phie- und Film­tech­nik zu den ent­schei­den­den Mit­teln mas­sen­me­dia­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es ist das Bild, das von nun an das Bewusst­sein der Mas­sen in über­ra­gen­dem Maße prä­gen soll­te. Wie Ben­ja­min jedoch an sel­bi­ger Stel­le bemerkt, besteht das wesent­li­che The­ma sei­ner Abhand­lung weit über eine rein his­to­risch-deskrip­ti­ve Ana­ly­se hin­aus dar­in – dem Vor­bild Marx’ fol­gend – aus jenen kul­tur-gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen her­aus Begrif­fe und ästhe­ti­sche Kon­zep­te aus­fin­dig zu machen, die für„die Zwe­cke des Faschis­mus voll­kom­men unbrauch­bar sind“ und gera­de deshalb„zur For­mu­lie­rung revo­lu­tio­nä­rer For­de­run­gen in der Kunst­po­li­tik brauch­bar“ sein müs­sen. Die Kunst ber­ge nicht nur das Poten­zi­al, son­dern sie soll expli­zit dazu bei­tra­gen, die gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons- und Repro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se radi­kal umzu­wäl­zen, sie soll zur Waf­fe im Kampf gegen den Faschis­mus wer­den – und zwar gera­de des­halb, weil ihr vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund der Eta­blie­rung der Repro­duk­ti­ons­tech­nik zum gesell­schaft­li­chen Mas­sen­me­di­um die aus­ge­zeich­ne­te Rol­le zufal­le, Mas­sen for­mie­ren zu kön­nen.

Die­sem Ver­such einer ästhe­ti­schen Neu­for­mu­lie­rung eines revo­lu­tio­nä­ren Mani­fests für das 20. Jahr­hun­dert, wie sie Ben­ja­min in sei­nem Kunst­werk-Auf­satz erprob­te, wid­met sich die­ser Vor­trag: „Die Mas­sen haben ein Recht auf Ver­än­de­rung der Eigen­tums­ver­hält­nis­se; der Faschis­mus sucht ihnen einen Aus­druck in deren Kon­ser­vie­rung zu geben.“

Jochen Schmon hat in Mün­chen, Ber­lin und New York Sozio­lo­gie und Poli­tik­wis­sen­schaft stu­diert und sich in sei­ner kürz­lich abge­schlos­se­nen Mas­ter­ar­beit mit der poli­ti­schen Ästhe­tik Ben­ja­mins und Ador­nos beschäf­tigt. Als Theo­rie­ku­ra­tor arbei­tet er am Ber­li­ner Lite­ra­tur­fo­rum im Brecht-Haus. Im Herbst beginnt er sein Pro­mo­ti­ons­stu­di­um am Poli­tics Depart­ment der New School for Social Rese­arch in New York.

Den hier zu Ver­fü­gung gestell­ten Vor­trag hielt Jochen Schmon am 28.8.2020 im Rah­men der Kan­ti­ne »Ben­ja­min« in Chem­nitz. Read More