[gfp:] Auf dem Weg in die „De-Dollarisierung“

„Das Bretton Woods des 21. Jahrhunderts“

In der deut­schen Öffent­lich­keit wer­den inzwi­schen Chan­cen und Risi­ken eines mög­li­chen Auf­stiegs des Euro zur Welt­leit­wäh­rung offen dis­ku­tiert. In Reak­ti­on auf die Beschlüs­se des jüngs­ten, oft als „his­to­risch“ bezeich­ne­ten EU-Gip­fels, auf dem die Aus­ga­be von EU-Kri­sen­an­lei­hen in drei­stel­li­ger Mil­li­ar­den­hö­he beschlos­sen wur­de, sehen deut­sche Poli­ti­ker die EU-Ein­heits­wäh­rung bereits auf dem bes­ten Weg zu einem „Big Play­er“ der Währungswelt.[1] Die Mil­li­ar­den­kre­di­te zur Finan­zie­rung der Kon­junk­tur­pro­gram­me sei­en ein „gro­ßer Schritt in Rich­tung Euro-Bonds“, die per­spek­ti­visch bei­tra­gen könn­ten, die Domi­nanz des US-Dol­lar als Welt­leit­wäh­rung zu „bre­chen“, erklärt der ehe­ma­li­ge baden-würt­tem­ber­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent und EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oettin­ger (CDU). Noten­ban­ken außer­halb der Euro­zo­ne sei­en nun erst­mals in der Lage, in „nen­nens­wer­tem Umfang EU-Anlei­hen als Reser­ven zu hal­ten“; das wer­de die EU zu einem wich­ti­gen Anlei­he­emit­ten­ten und den Euro zu einem „Refe­renz­wert auf dem Bond­markt“ machen. Oettin­ger zog dabei Par­al­le­len zwi­schen dem EU-Kri­sen­gip­fel und dem Abkom­men von Bret­ton Woods, bei dem die Grund­la­gen für die Hege­mo­nie des Dol­lars gelegt wur­den: Der Brüs­se­ler Gip­fel habe als eine „Art Bret­ton Woods des 21. Jahr­hun­derts“ dazu bei­getra­gen, die stra­te­gi­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine Neu­ver­mes­sung der Wäh­rungs­welt zu schaf­fen. In einer „gar nicht so fer­nen Zukunft“ wer­de der US-Dol­lar nicht mehr die allei­ni­ge Welt­leit­wäh­rung sein, sagt Oettin­ger vor­aus. Sowohl die „auf­stre­ben­de Welt­macht Chi­na“ wie auch die „wirt­schaft­lich star­ke Euro­päi­sche Uni­on“ sei­en in der Lage, ihn zu beer­ben.

Reflexion der Machtverhältnisse

Die kre­dit­fi­nan­zier­ten Mil­li­ar­den­sum­men, die als Kon­junk­tur­stüt­ze für die Euro­zo­ne vor­ge­se­hen sind, sol­len dabei nicht für sozi­al­po­li­ti­sche Maß­nah­men, son­dern zur Stär­kung der „Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Mit­glied­staa­ten“ im Kampf gegen die Kon­kur­renz außer­halb der EU ver­wen­det wer­den, for­dert Oettin­ger, der Leit­wäh­run­gen als mone­tä­re Refle­xi­on der poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se ein­stuft. Für gewöhn­lich voll­zö­gen sich „tek­to­ni­sche Ver­schie­bun­gen“ auf den Wäh­rungs­märk­ten lang­sam; Oettin­ger ver­wies dabei auf das bri­ti­sche Empi­re, des­sen Pfund drei Jahr­zehn­te und „zwei Welt­krie­ge“ benö­tigt habe, bis es als Leit­wäh­rung abdan­ken musste.[2] Wenn aller­dings die EU das durch die Gip­fel­be­schlüs­se aus­ge­lös­te Momen­tum rich­tig nut­ze, kön­ne die „Eta­blie­rung des Euros als star­ke Welt­wäh­rung“ sehr viel schnel­ler von­stat­ten gehen. Dazu sei es frei­lich uner­läss­lich, die Erwei­te­rung der Euro­zo­ne rasch vor­an­zu­trei­ben, erklärt der CDU-Poli­ti­ker; schließ­lich stel­le die EU ins­ge­samt mit 460 Mil­lio­nen Ein­woh­nern einen grö­ße­ren Bin­nen­markt dar als die USA mit 330 Mil­lio­nen Bür­gern. Dabei ver­zeich­ne man bereits „Bewe­gung“: Bul­ga­ri­en und Kroa­ti­en sei­en seit kur­zem Teil des euro­päi­schen Wech­sel­kurs­me­cha­nis­mus II, der nun ihre Wäh­run­gen eng an den Euro bin­det, sodass sie in gut zwei Jah­ren „Voll­mit­glie­der“ der Euro­zo­ne wer­den kön­nen. Zudem sol­len laut Oettin­ger auch „Polen, die Tsche­chi­sche Repu­blik, Ungarn und Rumä­ni­en“ der EU-Ein­heits­wäh­rung bei­tre­ten; sie könn­ten von der wirt­schaft­li­chen Dyna­mik des Wäh­rungs­raums pro­fi­tie­ren. Besag­te Län­der leh­nen nach den Erfah­run­gen der gro­ßen Euro­kri­se die Auf­ga­be ihrer natio­na­len Wäh­run­gen bis­lang ab.

Die Vorteile der Weltleitwährung

Der wich­tigs­te Vor­teil, den die USA aus ihrer Welt­leit­wäh­rung schöp­fen, besteht Oettin­ger zufol­ge in der Fähig­keit, trotz einer „gigan­ti­schen Staats­ver­schul­dung von 27 Bil­lio­nen Dol­lar“ stän­dig neue Waren und Dienst­leis­tun­gen gegen „selbst gedruck­te Geld­schei­ne“ tau­schen zu kön­nen; sie sind damit in der Lage, sich ohne Limit in ihrer eige­nen Wäh­rung zu verschulden.[3] Die­se Opti­on wäre auch für die Bun­des­re­pu­blik von essen­zi­el­lem Inter­es­se. Oettin­ger zählt zudem das für US-Kon­zer­ne nicht vor­han­de­ne Wech­sel­kurs­ri­si­ko zu den Vor­tei­len des Dol­lars „gegen­über ihren euro­päi­schen Kon­kur­ren­ten“ – ins­be­son­de­re gegen­über den Kon­zer­nen des Export­welt­meis­ters Deutsch­land. Nicht zuletzt könn­ten die USA dank ihrer Kon­trol­le über das glo­ba­le Zah­lungs­sys­tem Swift auch die inter­na­tio­na­len Finanz­strö­me kon­trol­lie­ren und damit Sank­tio­nen etwa auch gegen den Wil­len Ber­lins durch­set­zen, bei­spiels­wei­se die Sank­tio­nen gegen­über Iran. Aus all die­sen Grün­den sei es „an der Zeit, ein wäh­rungs­po­li­ti­sches Gegen­ge­wicht zum Dol­lar zu schaf­fen“, for­dert Oettin­ger.

Vom Dollar zum Euro

Dabei ist die „De-Dol­la­ri­sie­rung“ der Welt­wirt­schaft Oettin­ger zufol­ge schon ein gan­zes Stück weit fort­ge­schrit­ten; der Anteil der US-Wäh­rung an den welt­wei­ten Wäh­rungs­re­ser­ven der Zen­tral­ban­ken sei von 70 Pro­zent bei der Ein­füh­rung des Euro zur Jahr­tau­send­wen­de auf rund 60 Pro­zent im ver­gan­ge­nen Jahr geschrumpft. Der Euro bewe­ge sich inzwi­schen bei rund 20 Pro­zent; der japa­ni­sche Yen und Chi­nas Yuan hät­ten einen Anteil von jeweils fünf Pro­zent. Die „Ero­si­on der Vor­herr­schaft der US-Wäh­rung“ sei bereits in Gang; man müs­se sie nur ent­schlos­sen vor­an­trei­ben. Tat­säch­lich hat sich die Ero­si­on des US-Dol­lar in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beschleu­nigt, wie US-Wirt­schafts­me­di­en unter Ver­weis auf die rus­si­sche Han­dels­bi­lanz melden.[4] Neben den Ambi­tio­nen EU gebe es lang­fris­ti­ge Bestre­bun­gen Chi­nas und Russ­lands, den US-Dol­lar als Welt­leit­wäh­rung abzu­lö­sen; sie fie­len aktu­ell – aktu­ell noch ver­stärkt durch die Covid-19-Pan­de­mie – mit einem „Moment der Schwä­che“ der USA zusam­men. So zeig­ten jüngs­te Zah­len der rus­si­schen Zen­tral­bank, dass ein Groß­teil der rus­si­schen Expor­te nach Chi­na nicht mehr in Dol­lar, son­dern in Euro abge­wi­ckelt wer­de; dabei sei der Euro­an­teil von 1,3 Pro­zent im Jahr 2018 auf 51 Pro­zent zu Beginn die­ses Jah­res gestie­gen, wäh­rend nur noch 33 Pro­zent aller rus­si­schen Chi­na-Expor­te – haupt­säch­lich Roh­stof­fe – in Dol­lar getä­tigt wür­den. Ähn­lich ver­hal­te es sich mit den rus­si­schen Expor­ten in die EU, bei denen der Euro­an­teil von 38 Pro­zent Ende 2019 auf aktu­ell 43 Pro­zent gestie­gen sei. Die Alarm­ru­fe bezüg­lich eines Abstiegs des Dol­lar sei­en in der Ver­gan­gen­heit übli­cher­wei­se unbe­grün­det gewe­sen, heißt es; doch könn­ten sich dies­mal auf­grund der gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on die Din­ge anders entfalten.[5]

Ein zweischneidiges Schwert

Indes wol­len nicht alle Tei­le der deut­schen Funk­ti­ons­eli­ten die Eupho­rie bezüg­lich eines even­tu­el­len Auf­stiegs des Euro zu einer Welt­leit­wäh­rung teilen.[6] Die Auf­wer­tung des Euro gegen­über dem US-Dol­lar um rund sechs Pro­zent in die­sem Jahr, die schon insti­tu­tio­nel­le Anle­ger und Spe­ku­lan­ten wie Hedge Funds in Unru­he ver­setzt hat [7], hat auch die Aus­sich­ten der export­ab­hän­gi­gen deut­schen Indus­trie ver­düs­tert. Der star­ke Euro stel­le zwar einen „Ver­trau­ens­be­weis“ für die Euro­zo­ne dar, belas­te zugleich aber die deut­schen Aus­fuh­ren in Län­der jen­seits der Euro­zo­ne, etwa nach Chi­na, heißt es. Deutsch­land habe lan­ge als „größ­ter Nutz­nie­ßer des fra­gi­len Euro­raums“ gegol­ten, da die kri­sen­ge­beu­tel­te Ein­heits­wäh­rung gegen­über der Wirt­schafts­kraft des Export­welt­meis­ters struk­tu­rell unter­be­wer­tet gewe­sen sei; doch nun sei die­ser Vor­teil auf­grund der Auf­wer­tung gegen­über dem Dol­lar weit­ge­hend ver­schwun­den. Eine Auf­wer­tung des Euro um zehn Pro­zent gegen­über der US-Wäh­rung gehe im Schnitt mit einem Rück­gang des deut­schen Brut­to­in­lands­pro­duk­tes um 0,4 Pro­zent ein­her, wird ein Öko­nom der Ver­mö­gens­ver­wal­tung der UBS zitiert. Ins­be­son­de­re die ange­schla­ge­ne Auto­in­dus­trie und der Maschi­nen­bau sei­nen betrof­fen. Eine wei­te­re Auf­wer­tung des Euro sei folg­lich „nicht trag­bar“, zumal dem euro­päi­schen Wäh­rungs­raum bei einem ungüns­ti­gen Kri­sen­ver­lauf ein defla­tio­nä­rer Schock dro­he, bei dem fal­len­de Prei­se zu Nach­fra­ge­ein­brü­chen und zu Rezes­si­on führ­ten. Zudem teil­ten pro­mi­nen­te Öko­no­men wie Robin Brooks vom Insti­tu­te of Inter­na­tio­nal Finan­ce (IIF) die Ansicht, der Dol­lar kön­ne bald vom Euro abge­löst wer­den, nicht.[8] Die USA steck­ten zwar in Schwie­rig­kei­ten; doch wenn es „hart auf hart“ kom­me, dann wür­den die Anle­ger wei­ter­hin in Dol­lar flie­hen, da es kei­ne kla­ren Alter­na­ti­ven gebe, urteilt Brooks. Dies wer­de sich „so schnell nicht ändern“. Dazu trägt ver­mut­lich auch die bei­spiel­lo­se US-Mili­tär­macht bei, die bei der Auf­recht­erhal­tung des kri­sen­be­dingt schwä­cheln­den US-Dol­lar als Welt­leit­wäh­rung ein immer grö­ße­res Gewicht erhält.

[1], [2], [3] Gün­ther Oettin­ger: Der Euro hat die Chan­ce, zum „Big Play­er“ der Wäh­rungs­welt zu wer­den. han​dels​blatt​.com 20.08.2020. S. auch War­nun­gen vor „Jahr­hun­dert­re­zes­si­on“.

[4], [5] Dion Rabou­in: The war against the dol­lar is hea­ting up. axi​os​.com 18.08.2020.

[6] Maxi­mi­li­an Nagel: „Wei­te­re Auf­wer­tung nicht trag­bar“: Star­ker Euro wird zur Gefahr für die Wirt­schaft. focus​.de 25.08.2020.

[7] Salo­ni Sar­da­na: Hedge funds are repor­ted­ly shor­ting the dol­lar as fears rise over its sta­tus as the world’s num­ber one cur­ren­cy. mar​kets​.busi​ness​in​si​der​.com 17.08.2020.

[8] Jan Mal­li­en: Eine grö­ße­re Euro-Auf­wer­tung hal­te ich für nicht trag­bar. han​dels​blatt​.com 21.08.2020.

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