[labournet:] Die Junta in Bolivien fürchtet echte Wahlen – linke MAS-Kritiker wollen Geschlossenheit gegen Rechts, ohne auf die Kritik zu verzichten

Anti-Putsch-Plakat in Bolivien im November 2019„… In Boli­vi­en haben die Par­tei­en ihre Wahl­kam­pa­gnen für die bevor­ste­hen­den Par­la­ments­wah­len begon­nen. Das Kan­di­da­ten-Duo der Par­tei “Bewe­gung zum Sozia­lis­mus” (MAS) Luis Arce (Lucho) und David Cho­que­huanc gilt aktu­el­len Wahl­pro­gno­sen zufol­ge als Favo­rit. Am 18. Okto­ber wer­den in Boli­vi­en Prä­si­dent und Vize­prä­si­dent sowie das Par­la­ment neu gewählt. Die Par­tei­en “Wir glau­ben” (Cree­mos), “Gemein­sam” (Jun­tos) und MAS haben in San­ta Cruz mit Stra­ßen­um­zü­gen den Wahl­kampf eröff­net. Die Ver­an­stal­tung zog vie­le Besu­cher an und wur­de auf­grund der Miss­ach­tung der Abstands­re­geln kri­ti­siert. Die Bewe­gung zum Sozia­lis­mus stell­te ihre Wahl­kam­pa­gne zudem in sozia­len Medi­en per Live-Über­tra­gung vor. Eine natio­na­le Umfra­ge aus der ver­gan­ge­nen Woche sagt der MAS einen kla­ren Wahl­sieg vor­aus. So sei davon aus­zu­ge­hen, dass die­se min­des­tens die Hälf­te der 36 Sit­ze im Senat beset­zen wird. Für ihren Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Luis Arce, wer­den im ers­ten Wahl­gang 37,2 Pro­zent der Stim­men, für Ex-Prä­si­dent Car­los Mesa, der aktu­ell das Par­tei­bünd­nis “Bür­ger­ge­mein­schaft” (Comu­ni­dad Ciu­da­da­na) anführt, und De-Fac­to-Prä­si­den­tin Jea­ni­ne Añez wer­den 24,2 und 14,4 Pro­zent der Stim­men erwar­tet. Die zen­tra­len Wahl­kampf­the­men der MAS sind die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung des Lan­des, die Wie­der­her­stel­lung der Demo­kra­tie und die Bekämp­fung von Ungleich­heit...“ – aus dem Bei­trag „Boli­vi­en im Wahl­kampf: MAS-Kan­di­dat Luis Arce führt die Umfra­gen an“ von Anna­li­sa Neher am 13. Sep­tem­ber 2020 bei ame​ri​ka21​.de externer Link – wor­aus deut­lich wird, war­um die Put­schis­ten in jedem Fall eine wirk­li­che Wahl ver­mei­den wol­len… Sie­he dazu auch drei ver­schie­de­ne lin­ke Posi­tio­nie­run­gen, die sich MAS-kri­tisch gegen die rech­ten Put­schis­ten wen­den und den Hin­weis auf unse­ren bis­her letz­ten Bei­trag zu den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Wah­len in Boli­vi­en:

  • „Es lebe der Kampf des boli­via­ni­schen Vol­kes – Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen in Boli­vi­en“ am 11. Sep­tem­ber 2020 bei a‑infos externer Link doku­men­tiert eine Erklä­rung der Soli­da­ri­tät mit den der­zei­ti­gen Mas­sen­pro­tes­ten gegen die rech­te, neo­li­be­ra­le Regie­rung in Boli­vi­en vom 18. August 2020 von der «Latein­ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ti­schen Koor­di­na­ti­on» (CALA). Dar­in heißt es unter ande­rem: „… Die­se Kämp­fe haben nicht erst heu­te begon­nen. Sie gehen auf die Gas- und Was­ser­krie­ge (3) zurück, die neo­li­be­ra­le Regie­run­gen stürz­ten, dazu kommt der Wider­stand gegen den jüngs­ten Staats­streich, als der dama­li­ge Prä­si­dent Evo Mora­les und die Füh­rung der MAS (4) beschlos­sen, zurück­zu­tre­ten, um “Blut­ver­gies­sen zu ver­mei­den”. Blut wur­de aber ver­gos­sen, das Blut des Vol­kes, wäh­rend die refor­mis­ti­schen Politiker*innen der ras­sis­ti­schen und faschis­ti­schen Rech­ten nach­ga­ben, die allen die Bibel auf­zwan­gen (5) und die Rech­te der Indi­ge­nen und die Wipha­la (6) mit Füs­sen tra­ten. Es ist ein Staats­streich von oben: Es sind die Bour­geoi­sie und die wei­ße Olig­ar­chie, die, beglei­tet von Hass­re­den gegen die Indi­ge­nen, die Kon­trol­le über den Staat zurück­er­obern. Man könn­te durch­aus sagen, dass die Kon­quis­ta­do­ren oder deren Nach­kom­men zurück­ge­kehrt sind – jetzt aber mit der vol­len Unter­stüt­zung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die unter ande­rem ein kla­res Inter­es­se an der Bewirt­schaf­tung der Koka­plan­ta­gen für den Dro­gen­han­del haben. Ange­sichts die­ser Belei­di­gun­gen ver­steck­te sich das boli­via­ni­sche Volk aber nicht, es ergab sich auch nicht und ver­riet sich nicht selbst: es blieb auf der Stra­ße, selbst wäh­rend der Pan­de­mie. Und wenn sie heu­te wie­der ein­mal ver­su­chen, die Dik­ta­tur auf­recht­zu­er­hal­ten, ver­dop­pelt das kämp­fen­de Volk sei­ne Anstren­gun­gen und es gehen die unter­drück­ten Klas­sen als Gan­zes auf die Gas­sen und Stra­ßen des Lan­des. Und wie aus allen Berich­ten her­vor­geht, die aus Boli­vi­en ein­tref­fen, hat die­ses unter­drück­te Volk die Gewiss­heit und Klar­heit, dass die­se Dik­ta­tur gestürzt und ein eige­ner Weg ein­ge­schla­gen wer­den muss. Eine For­de­rung ist sicher, dass Wah­len durch­ge­führt wer­den und dass dafür sofort ein Ter­min fest­ge­legt wird. Der Wahl­ter­min wird von der de-fac­to-Regie­rung nach eige­nem Gut­dün­ken gesetzt und ver­scho­ben, da sie mit der MAS-Füh­rung ver­han­delt. Von der MAS-Füh­rung kann nur erwar­tet wer­den, dass sie mit der Dik­ta­tur ver­han­delt. Das kämp­fen­de Volk äußert sei­nen Unmut dar­über, dass der Wahl­ter­min noch wei­ter nach hin­ten ver­scho­ben wird, indem es For­de­run­gen zu The­men stellt, die weit über die Wah­len hin­aus­ge­hen…“
  • „«Alles, was nach Evo kommt, ist viel schlim­mer»“ am 20. August 2020 bei der Rosa Luxem­burg-Stif­tung externer Link ist ein Gespräch mit Mario Rodrí­guez von der MAS-kri­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Way­na Tam­bo, wor­in die­ser zur Hal­tung der lin­ken Kri­ti­ker an der MAS ange­sichts des Put­sches unter ande­rem aus­führt: „… Vie­le der Grup­pen von Way­na Tam­bo und des Netz­werks sind der Über­zeu­gung, dass es bei der aktu­el­len Lage kei­ne ande­re Mög­lich­keit gibt, als für die MAS zu stim­men, trotz all des Mists, den sie gemacht haben, und der Rol­le, die Evo Mora­les im Hin­ter­grund immer noch spielt. Wir brau­chen eine star­ke Frak­ti­on der MAS im Par­la­ment ange­sichts des­sen, was die Rech­te tun könn­te – auch wenn die MAS wohl kaum an die Regie­rung kom­men wird –, aber wir brau­chen ein Gegen­ge­wicht zu dem, was die­je­ni­gen machen, die der­zei­tig das Land regie­ren. Lei­der stel­len die Kan­di­da­ten, die sich bei der MAS her­vor­tun, nicht wirk­lich eine Opti­on dar, die es sich lohnt zu wäh­len. Aber wenn wir das zum zen­tra­len Punkt unse­rer Dis­kus­si­on machen, sind wir ver­lo­ren. Wir brau­chen eine lang­fris­tig aus­ge­rich­te­te Debat­te über die poli­ti­sche Ebe­ne und die Rol­le des Staa­tes. Bis­her haben wir eine Stra­te­gie ver­folgt, die an die ter­ri­to­ria­len Gemein­schaf­ten auf dem Land und in der Stadt und die loka­len Kon­tex­te geknüpft war. Es ist aber nun mal ein Unter­schied, ob wir die­se Stra­te­gie unter der MAS oder einer rech­ten Regie­rung ver­fol­gen. Wir arbei­ten dar­an, unse­re Auto­no­mien zu ver­tie­fen und uns wei­ter mit der Ver­wal­tung des Gemein­we­sens und der öffent­li­chen Güter durch das Sub­jekt der Gemein­schaft aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wir gehen aber davon aus, dass das nicht aus­reicht und dass wir staat­li­che Poli­ti­ken benö­ti­gen, die die­se Auto­no­mien för­dern oder zumin­dest sichern…
  • „Boli­via. Refle­xio­nes gue­va­ris­tas“ am 06. Sep­tem­ber 2020 bei Resu­men Lati­no­ame­ri­ca­no externer Link stellt die Posi­tio­nie­run­gen einer wei­te­ren – gue­va­ris­ti­schen – in Latein­ame­ri­ka und Boli­vi­en wich­ti­gen poli­ti­schen Strö­mung dar, die von der Ver­än­de­rung Boli­vi­ens aus­geht, als eines Lan­des in dem lan­ge Zeit Berg­ar­bei­ter der ent­schei­den­de sozia­le Fak­tor waren hin zu einer Bewe­gung in der die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung und ihr immer noch ande­res Ver­hält­nis zur Natur ins Zen­trum rück­ten. Woge­gen sich spe­zi­ell der Hass der Rech­ten rich­te­te und rich­tet, wes­we­gen die Durch­füh­rung ech­ter Wah­len ver­tei­digt wer­den müs­se, ohne dies als den wesent­lichs­ten Punkt sozia­ler Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu miss­ver­ste­hen…

Der Bei­trag Die Jun­ta in Boli­vi­en fürch­tet ech­te Wah­len – lin­ke MAS-Kri­ti­ker wol­len Geschlos­sen­heit gegen Rechts, ohne auf die Kri­tik zu ver­zich­ten erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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