[LCM:] Gentrifizierung in Magdeburg: Baustelle Buckau

Die­ser Text erscheint in der drit­ten Aus­ga­be der „Mag­de­bur­ger Volks­stim­mung“, einer loka­len selbst­or­ga­ni­sier­ten Zei­tung, wel­che auf der Stra­ße ver­teilt und in Brief­käs­ten gesteckt wird. Der Anspruch der Zei­tung ist es, kri­ti­sche Nach­rich­ten von unten für die Bevöl­ke­rung Mag­de­burgs zu ver­brei­ten. Die Redak­ti­on setzt sich dabei nicht aus pro­fes­sio­nel­len Journalist:innen zusam­men, son­dern von Men­schen von unten, die partei‑, NGO- und stif­tungs­un­ab­hän­gig sind.

Die all­ge­mei­ne Auf­wer­tung der Stadt Mag­de­burg kon­zen­triert sich schon seit eini­ger Zeit nicht mehr aus­schließ­lich auf die Innen­stadt und Stadt­feld-Ost. Auch an der Elbe lie­gen­de Gebie­te, wie Buckau, sind ein belieb­tes Ziel für Ver­mö­gens- und Immo­bi­li­en­ver­wal­ter gewor­den. Doch was macht Mag­de­burg für sie so attrak­tiv? Obwohl die Zahl der Ein­woh­ne­rIn­nen und die Wirt­schaft in der sach­sen-anhal­ti­schen Lan­des­haupt­stadt in den letz­ten Jah­ren gewach­sen sind, sind die Prei­se für Bau­land ver­gleichs­wei­se güns­tig. Für die Inves­to­ren lohnt es sich also jetzt noch zuzu­grei­fen und Bau­land auf­zu­kau­fen, bevor des­sen Preis stei­gen könn­te. Des­halb wird der Immo­bi­li­en­markt in Mag­de­burg von Bran­chen­ken­nern immer häu­fi­ger als „hot­spot” im Osten Deutsch­lands bezeich­net. Jedoch: Seit die­sem Jahr ist die Ein­woh­ne­rIn­nen­zahl von Mag­de­burg erst­mals wie­der leicht rück­läu­fig und der Coro­na-Virus hat eine wirt­schaft­li­che Rezes­si­on ein­ge­lei­tet, deren Fol­gen sich noch nicht vor­her­se­hen las­sen. Ob und wie schnell sich die neu gebau­ten schi­cken Woh­nun­gen letzt­lich ver­mie­ten las­sen, steht also noch in den Ster­nen.

Von der geziel­ten Zer­stö­rung zur geziel­ten Auf­wer­tung

Wäh­rend­des­sen bewer­ben Immo­bi­li­en­fir­men Buckau als das neu­es In-Vier­tel Mag­de­burgs, das sich auf­grund sei­ner Nähe zur Alt­stadt und zur Elbe, der restau­rier­ten Bau­sub­stanz aus der Grün­der­zeit und mit sei­nen Bil­dungs- und Kul­tur­ange­bot zu einem schi­cken Wohn­vier­tel für die gan­ze Fami­lie ent­wi­ckelt habe. Die­se Ent­wick­lung kommt nicht von unge­fähr. Die Stadt­teil­auf­wer­tung in Buckau wur­de gezielt geför­dert. Das Gebiet ist Bestand­teil des Stadt­ent­wick­lungs­kon­zep­tes „URBAN 21“ des Lan­des Sach­sen-Anhalt. In Buckau gab es 15 Pro­jek­te im Rah­men von URBAN 21. Dazu zählt etwa die Elb­ufer­ge­stal­tung am Sül­ze­ha­fen und der Umbau des ehe­ma­li­gen Spei­chers, der Park­platz am Elb­bahn­hof (auf dem kaum je ein Auto steht) sowie die Grü­ne Mit­te Buckaus ein­schließ­lich Thiem­platz.

Davor wur­de Buckau über Jahr­zehn­te bau­lich ver­nach­läs­sigt. Die rui­nö­se und dich­te Wohn­be­bau­ung des Stadt­vier­tels war mit sei­ner Nähe zu Betrie­ben des Schwer­ma­schi­nen­baus von star­ken Umwelt­be­las­tun­gen geprägt. Die Buckau­er Maschi­nen­bau­fa­bri­ken begrün­de­ten übri­gens wäh­rend der DDR-Zeit Mag­de­burgs Ruf als Stadt des Schwer­ma­schi­nen­baus. Zu nen­nen sind hier vor allem die bei­den VEB Schwer­ma­schi­nen­bau Ernst Thäl­mann (SKET) und Karl Lieb­knecht (SKL). In den ers­ten Jah­ren der Nach­wen­de­zeit kol­la­bier­ten vie­le der bis dahin gewich­ti­gen Groß­be­trie­be und hin­ter­lie­ßen Indus­trie­bra­chen von gewal­ti­gen Aus­ma­ßen. Die­ser wirt­schaft­li­che Kol­laps, aus­ge­löst durch die mas­sen­haf­te Schlie­ßung und dem Ver­kauf von Betrie­ben durch die Treu­hand, wur­de beglei­tet von einer enor­men Arbeits­lo­sig­keit unter den Bewoh­ne­rIn­nen im Vier­tel.

Bau­en für Bon­zen

Wer indes heu­te durch den Mag­de­bur­ger Stadt­teil Buckau spa­ziert, dem blei­ben die unzäh­li­gen Krä­ne am Him­mel nicht unbe­merkt. Der Bau­boom mutet fast schon sur­re­al an – als wür­de jemand in Win­des­ei­le ver­su­chen, die brach­lie­gen­den Flä­chen und bau­fäl­li­gen Gebäu­de in moder­ne, strah­len­de Wohn­an­la­gen umzu­bau­en, die moder­ne, strah­len­de Men­schen in den Stadt­teil zie­hen.

Wenn man Buckau von Nor­den betritt, fällt zum Bei­spiel sofort die Bau­stel­le an den frisch errich­te­ten Mess­ma-Lofts in der Schö­ne­be­cker Stra­ße ins Auge. Das Gebäu­de auf dem Gelän­de des ehe­ma­li­gen Mess­ge­rä­te-Wer­kes „Erich Wei­nert“ wur­de in ein Wohn- und Geschäfts­haus mit Loft­woh­nun­gen ver­wan­delt. Die Mess­ma-Lofts wer­den der­zeit erwei­tert und sol­len bald 150 Woh­nun­gen beinhal­ten.

Eines der pres­ti­ge­träch­tigs­ten Pro­jek­te in Buckau ist das „Buck­au­Quar­tier“ an der Coquis­stra­ße. Das ehe­ma­li­ge Gebäu­de wur­de 1915 gebaut und als Stra­ßen­bahn­de­pot genutzt. Nach 1945 wur­de es in eine Sport­hal­le umge­wan­delt, spä­ter teils wie­der gewerb­lich genutzt. Bis 2021 sol­len dort 144 moder­ne Woh­nun­gen ent­ste­hen. Der Immo­bi­li­en­in­ves­tor, die Gold­man Group, wirbt mit dem Slo­gan „Woh­nen hin­ter his­to­ri­schen Fas­sa­den“ für den Kauf einer Woh­nung als „Anla­ge­ob­jekt im begehr­ten Kiez“. Die Gold­man Group kennt sich aus. Das Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men aus Ber­lin wirbt auf sei­ner Inter­net­sei­te damit, „viel Erfah­rung bei der Sanie­rung und Auf­wer­tung von Grün­der­zeit­häu­sern im Prenz­lau­er Berg“ zu haben. In Mag­de­burg gehört der Gold­man Group u.a. noch das Lorenz­Quar­tier.

Ein wei­te­res Bau­pro­jekt ist das Quar­tier an der Elbe, wel­ches dem Buck­au­Quar­tier in Sachen Exklu­si­vi­tät in nichts nach steht. Dort wer­den momen­tan 99 Woh­nun­gen gebaut, die bis Ende 2022 fer­tig­ge­stellt wer­den sol­len. Die Inves­to­ren locken mit der ein­zig­ar­ti­gen Lage am Ufer der Elbe gegen­über dem Rote Horn Park. Die Woh­nun­gen bekom­men alle­samt Fuß­bo­den­hei­zung, Video-Sprech­an­la­ge, 3‑Meter hohe Decken und boden­tie­fe Fens­ter. Viel­leicht, um die nächs­te Sturm­flut mit bes­ter Sicht­qua­li­tät haut­nah zu erle­ben und zu einem unver­gess­li­chen Aben­teu­er wer­den zu las­sen.

Das glei­che alte Lied

Neben die­sen grö­ße­ren, zusam­men­hän­gen­den Pro­jek­ten gibt es auch vie­le ein­zel­ne Neu­bau­ten, wie das Gebäu­de am Sül­ze­berg in Buckau, dem Loft-Haus an der Doro­the­en­stra­ße oder die Buden­berg­vil­la an der Buden­berg­stra­ße. Die Aus­wir­kun­gen sol­cher Luxus­bau­pro­jek­te auf die sozia­le Struk­tur der Stadt­teils las­sen sich dabei schon erah­nen. Ähn­lich wie in Stadt­feld wer­den im kom­men­den Jahr­zehnt die Mie­ten rasant anstei­gen und die Bevöl­ke­rung weicht all­mäh­lich einer zah­lungs­kräf­ti­ge­ren. Die Ver­drän­gung hat dabei schon ers­te erkennt­li­che Züge ange­nom­men. So muss­te der Zoo­la­den, eine alter­na­ti­ve Knei­pe, schlie­ßen, weil der Eigen­tü­mer plant, ein Hos­tel in dem Gebäu­de zu errich­ten. Eben­so hat­te auch „Peter Bahn“, ein ange­mie­te­ter, selbst­ver­wal­te­ter Raum in einem alten Bahn­ge­bäu­de, wel­chen eini­ge Pri­vat­per­so­nen aus dem Stadt­teil als sozia­len und kul­tu­rel­len Treff­punkt nutz­ten, schon die Schlüs­sel abge­ben müs­sen. Die alten Gebäu­de dort wer­den nun als Loft­woh­nun­gen umge­baut.

Um Lebens- und Wohn­raum für ein­fa­che Men­schen – auch in der Innen­stadt – zu erhal­ten, kön­nen wir uns nicht auf staat­li­che Poli­tik ver­las­sen. Die For­de­rung nach einer Ent­eig­nung von mil­li­ar­den­schwe­ren Immo­bi­li­en­kon­zer­nen, wel­che mit mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­sen Mil­li­ar­den schef­feln, ist legi­tim. Wohn­raum ist kein Luxus­gut und soll­te ohne Pro­fi­te aus­kom­men. Gegen die Stadt der Rei­chen – Miethaie ent­eig­nen!

# Titel­bild: Mag­de­bur­ger Volks­stim­mung

Der Bei­trag Gen­tri­fi­zie­rung in Mag­de­burg: Bau­stel­le Buckau erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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