[ak:] »Aktivist*innen haben sich eine Sprechposition zum Thema Polizeigewalt erkämpft«

Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Julika Mücke über die Rol­le von Dis­kur­sen in gesell­schaft­li­chen Aus­hand­lungs­pro­zes­sen über Poli­zei­ge­walt und Ras­sis­mus

Poli­zei­ge­walt hat es immer gege­ben. Beson­ders betrof­fen sind auch hier­zu­lan­de Men­schen mit sicht­ba­rer Migra­ti­ons­ge­schich­te, aber auch Bewohner*innen bestimm­ter Stadt­tei­le oder lin­ke Aktivist*innen machen mehr oder weni­ger regel­mä­ßig Erfah­run­gen mit unter­schied­li­chen For­men poli­zei­li­cher Will­kür und Repres­si­on. Geschicht­lich betrach­tet gab es dabei immer wie­der Ereig­nis­se, die das The­ma in Deutsch­land zum Gegen­stand brei­te­rer öffent­li­cher Debat­ten gemacht haben: Der bru­ta­le Poli­zei­ein­satz bei der Demons­tra­ti­on gegen den Staats­be­such von Schah Moham­mad Reza Pahl­avi 1967 in Ber­lin, 1986 der »Ham­bur­ger Kes­sel« oder der Tod von Oury Jal­loh in einer Gewahr­sams­zel­le in Des­sau im Janu­ar 2005 – die Lis­te ist lang. Sel­ten aller­dings schien die Poli­zei so unter Legi­ti­ma­ti­ons­druck zu ste­hen wie der­zeit. Seit dem ras­sis­ti­schen Mord an dem Schwar­zen US-Ame­ri­ka­ner Geor­ge Floyd im Mai 2020 durch einen Poli­zis­ten in Minneapolis/​USA, hat das The­ma unge­ahn­te Spreng­kraft ent­wi­ckelt. Das zeigt sich auch an den dis­kur­si­ven Geschüt­zen, die auf­ge­fah­ren wer­den.

Das The­ma Poli­zei­ge­walt spielt im Moment eine wesent­li­che Rol­le im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Aber wovon genau spre­chen wir eigent­lich, wenn von »Dis­kur­sen« die Rede ist?

Julika Mücke: Grund­sätz­lich muss zwi­schen dem Begriff Dis­kurs in der All­tags­spra­che, der so viel bedeu­tet wie eine öffent­li­che Dis­kus­si­on oder Argu­men­ta­ti­on zu einem bestimm­ten The­ma, und dem wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs­be­griff unter­schie­den wer­den, von dem hier die Rede ist. Und da wird es jetzt ein biss­chen theo­re­tisch: In Anschluss an den Phi­lo­so­phen Michel Fou­cault kön­nen Dis­kur­se als eine gesell­schaft­li­che Pra­xis ver­stan­den wer­den, über die sich das Wis­sen einer bestimm­ten Epo­che for­miert. Sie sind also der Ort, an dem eine Gesell­schaft gül­ti­ges Wis­sen über die Welt und die uns umge­ben­den Din­ge und Ereig­nis­se pro­du­ziert. Dis­kur­se spie­geln die­se Wirk­lich­keit aber nicht ein­fach wider, son­dern grei­fen sozu­sa­gen ord­nend in sie ein. Weil sie unser Wis­sen über die Rea­li­tät nicht nur pro­du­zie­ren, son­dern auch struk­tu­rie­ren und die uns umge­be­ne Welt so in einer ganz bestimm­ten Wei­se sinn­haft zugäng­lich machen.

Bei Fou­cault geht es ja immer auch um den Zusam­men­hang von Wis­sen und Macht …

Ja genau. In die­sen eben ange­spro­che­nen Struk­tu­rie­rungs­pro­zes­sen ord­nen Dis­kur­se das gesell­schaft­li­che Wis­sen nicht ein­fach zufäl­lig, son­dern nach bestimm­ten Regeln. Hier­bei wird auch dis­kur­siv ver­han­delt, wel­ches Wis­sen als ratio­nal, wahr und rich­tig, als Exper­ten­wis­sen, als wis­sen­schaft­lich rele­vant usw. aner­kannt wird oder nicht. Dis­kur­se üben also auch Macht aus, indem sie bestimm­tes Wis­sen als rich­ti­ges ver­brei­ten und ande­res als falsch oder unwich­tig ver­drän­gen oder gar nicht erst sicht­bar machen. Sie kön­nen so als Ver­kün­de­rin­nen von Wahr­hei­ten ver­stan­den wer­den. Und damit erhal­ten sie auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on als Legi­ti­mie­rungs­res­sour­cen oder auch als Dele­gi­ti­mie­rungs­in­stru­ment. Sie sind also durch­aus ein wesent­li­cher Fak­tor in gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen.

Julika Mücke

pro­mo­viert zu dis­kur­si­ven Aus­hand­lungs­pro­zes­sen über die (De-)Legitimation von Rio­ting als Pro­test gegen Ras­sis­mus am Bei­spiel des Todes von Micha­el Brown 2014 in Ferguson/​USA. Sie lebt in Ham­burg und ist der­zeit poli­tisch vor allem in queer­fe­mi­nis­ti­schen Kon­tex­ten aktiv.

Bild Julika Mücke
Foto: Pri­vat

Kannst du das anhand des Bei­spiels ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt kon­kre­ter machen?

Aus einer Ana­ly­se spe­zi­fi­scher Dis­kur­se zu die­sem The­ma lässt sich vie­les able­sen. Wie in einer Gesell­schaft ein bestimm­tes The­ma ver­han­delt wird. Also: Was wird eigent­lich zum Pro­blem gemacht? Wel­ches gesell­schaft­li­che Wis­sen wird zur Legi­ti­ma­ti­on her­an­ge­zo­gen? Wem wird die Schuld für was zuge­tra­gen? Bei ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt gibt es zum Bei­spiel häu­fig eine dis­kur­si­ve Täter-Opfer-Umkehr, die Polizist*innen als die Leit­tra­gen­den einer Situa­ti­on kon­stru­iert, wäh­rend die eigent­lich von der ras­sis­ti­schen Poli­zei­ge­walt betrof­fe­nen Men­schen in Anleh­nung an ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe als gefähr­lich, bedroh­lich oder kri­mi­nell kon­stru­iert wer­den. Die­ses inner­dis­kur­si­ve Macht­ver­hält­nis kann sich aber auch umdre­hen, wenn es gelingt, ande­res Wis­sen und ande­re Deu­tun­gen im Dis­kurs zu set­zen. Hier zeigt sich, dass Deu­tun­gen im Dis­kurs stets umkämpft sind.

Wenn man den Begriff »Poli­zei­ge­walt« bei Goog­le ein­gibt, bekommt man der­zeit mehr als 2,4 Mil­lio­nen Ergeb­nis­se. Laut Goog­le-Such­sta­tis­tik erleb­te der Begriff die­sen Juni einen sprung­haf­ten Anstieg. Wie lässt sich das diskur­theo­re­tisch ein­ord­nen?

Es gibt soge­nann­te dis­kur­si­ve Ereig­nis­se, die für spe­zi­fi­sche The­men, wie auch ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt, ein­fluss­reich sind. Sie öff­nen dann ein Auf­merk­sam­keits­fens­ter, in dem gesell­schaft­lich um die Deu­tungs­ho­heit der Ereig­nis­se gerun­gen wird. Der Tod von Geor­ge Floyd Ende Mai die­ses Jah­res hat ein sol­ches Auf­merk­sam­keits­fens­ter für ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt geöff­net. Plötz­lich wur­de welt­weit gegen Ras­sis­mus, für den Wert Schwar­zen Lebens (Black Lives Mat­ter) und gegen Poli­zei­ge­walt demons­triert und dar­über berich­tet. Natür­lich kommt das nicht aus dem Nichts: Die Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung hat sich spä­tes­tens seit dem Tod des Schwar­zen Jugend­li­chen Micha­el Brown durch einen wei­ßen Poli­zis­ten in Fer­gu­son 2014 in den USA, aber auch glo­bal, eta­bliert und zum The­ma insti­tu­tio­nel­ler Ras­sis­mus, Poli­zei­ge­walt und white supre­ma­cy gear­bei­tet. Sicher­lich hat auch die Prä­si­dent­schaft von Trump und die Coro­na-Kri­se den Dis­kurs­ver­lauf über Poli­zei­ge­walt beein­flusst.

Ob etwas zum dis­kur­si­ven Ereig­nis wird, hängt also von vie­len, auch »außer­dis­kur­si­ven« Fak­to­ren ab?

Ja genau. Um mal ein Gegen­bei­spiel zu brin­gen: Bei den Pro­tes­ten und Riots in Eng­land 2011, nach dem Tod von Mark Dug­gan in Tot­ten­ham durch die loka­le Poli­zei, war es in der öffent­li­chen Debat­te kaum sag­bar, dass die Ereig­nis­se sehr wohl etwas mit Ras­sis­mus zu tun haben. Im Dis­kurs waren Sprech­po­si­tio­nen hege­mo­ni­al, die eine Law-and-Order-Poli­tik gegen die kri­mi­nel­len Rio­ter mit har­tem poli­zei­li­chem Durch­grei­fen und schnel­len hohen Stra­fen vor­an­ge­trie­ben haben. Das ist natür­lich von Dis­kurs zu Dis­kurs, dem jewei­li­gen Ereig­nis und der jewei­li­gen Öffent­lich­keit ganz unter­schied­lich, ob etwas zum dis­kur­si­ven Ereig­nis wird und ob es gelingt, hege­mo­nia­les Wis­sen und Wahr­hei­ten dis­kur­siv her­aus­zu­for­dern.

Wer ringt da jetzt in der aktu­el­len Debat­te mit wem? Wel­che Dis­kurs­po­si­tio­nen las­sen sich grob nach­zeich­nen?

Grund­sätz­lich kann im Fall von Poli­zei­ge­walt sicher­lich zwi­schen Sprech­po­si­tio­nen von Men­schen, die Erfah­rung mit Poli­zei­ge­walt gemacht haben oder mit denen soli­da­risch sind, und sol­chen, die staat­li­che Insti­tu­tio­nen ver­tei­di­gen wol­len bzw. spe­zi­fi­sche ras­sis­ti­sche Argu­men­ta­tio­nen unter­stüt­zen, unter­schie­den wer­den. Aber oft sind dis­kur­si­ve Aus­hand­lungs­pro­zes­se auch ambi­va­lent, und es muss genau geschaut wer­den, wor­um es eigent­lich gera­de geht und wer dazu im Dis­kurs sicht­bar wird.

Es geht also nicht nur um Poli­zei­ge­walt im enge­ren Sin­ne?

Bei dis­kur­si­ven Aus­hand­lungs­pro­zes­sen wer­den fast immer auch gesell­schaft­li­che Wer­te­be­zü­ge mit ver­han­delt. Wenn es um die Fra­ge nach ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt geht, spie­len einer­seits Fra­gen nach gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be, unter­schied­li­chen Lebens­rea­li­tä­ten und gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nis­sen wie Ras­sis­mus eine Rol­le. Ande­rer­seits wer­den wie ange­deu­tet auch Posi­tio­nen deut­lich, die die Wich­tig­keit öffent­li­cher Sicher­heit, von Recht und Ord­nung oder der Poli­zei als zu wenig gewert­schätz­te gesell­schaft­li­che Insti­tu­ti­on dis­kur­siv her­vor­he­ben wol­len. Hier­bei ist einer­seits span­nend, dar­auf zu schau­en, wer macht was im Dis­kurs gera­de zum Pro­blem und wel­che »Lösungen«werden gefor­dert – oder ande­rer­seits: Was wird als gesell­schaft­li­cher Kon­flikt über­haupt sicht­bar oder was gera­de eben nicht.

Bei den Riots in Eng­land 2011 war es in der öffent­li­chen Debat­te kaum sag­bar, dass die Ereig­nis­se etwas mit Ras­sis­mus zu tun haben.

War­um war es für Betrof­fe­ne von Poli­zei­ge­walt lan­ge Jah­re über­haupt so schwer, die­sen Unrechts­er­fah­run­gen im öffent­li­chen Dis­kurs Gel­tung zu ver­schaf­fen? Selbst gut doku­men­tier­te Fäl­le von bru­ta­ler Poli­zei­ge­walt erhiel­ten ja häu­fig kaum Auf­merk­sam­keit.

Dis­kurs hat, wie erwähnt, immer auch etwas mit gesell­schaft­li­cher Macht und Mög­lich­kei­ten zum öffent­li­chen Spre­chen zu tun. Es ist ja kein Zufall, dass Men­schen mit Ras­sis­muser­fah­run­gen oft kein Gehör fin­den und gar nicht die Mög­lich­kei­ten wie bei­spiels­wei­se die meist wei­ßen Politiker*innen haben, Zugang zu hege­mo­nia­len Medi­en zu bekom­men. Dis­kur­se for­mie­ren sich nach spe­zi­fi­schen Regeln einer Gesell­schaft. White supre­ma­cy, also wei­ße Vor­herr­schaft im Sin­ne gesell­schaft­li­cher Pri­vi­le­gi­en, spielt auch im Kon­text der öffent­li­chen Debat­te eine gro­ße Rol­le. Hier­bei geht es nicht nur dar­um, wer spre­chen kann bzw. spricht, son­dern, wie es die post­ko­lo­nia­le Theo­re­ti­ke­rin Gaya­tri Cha­kra­vor­ty Spivak for­mu­liert, wer zuhört, also inwie­fern das Gesag­te Gehör und Aner­ken­nung fin­det. Dis­kur­se brin­gen ent­spre­chend ver­schie­de­ne Sag­bar­keits­räu­me her­vor, in denen unter­schied­li­che Wahr­hei­ten, Pro­blem­kon­struk­tio­nen und gesell­schaft­li­ches Wis­sen sicht­bar gemacht und ande­res Wis­sen, ande­re Pro­blem­deu­tun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve betrach­tet: Was erle­ben wir da also gera­de in der Debat­te um Poli­zei­ge­walt? War­um ist es dies­mal anders als 2011 nach dem Tod von Mark Dug­gan?

Also grund­sätz­lich müs­sen die Dis­kur­se um Poli­zei­ge­walt stark in ihren sozio­his­to­ri­schen Kon­tex­ten betrach­tet und ein­ge­ord­net wer­den. Was jedoch sicher­lich ein gro­ßer Fak­tor in der der­zei­ti­gen Debat­te ist, ist die glo­ba­le Ver­net­zung und grö­ße­re Sicht­bar­keit der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Akti­vis­tin­nen haben sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine Sprech­po­si­ti­on zum The­ma Poli­zei­ge­walt und Ras­sis­mus erkämpft. Das äußert sich auch dar­in, dass die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit, auch die von Mas­sen­me­di­en, für The­men wie ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt oder auch die For­de­run­gen nach Umbe­nen­nun­gen kolo­nia­ler Stra­ßen­na­men heu­te viel stär­ker ist. In den USA gibt es noch wei­te­re Fak­to­ren, die als Kata­ly­sa­tor für die Bewe­gung, aber auch für die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit gesorgt haben: die Prä­si­dent­schaft und die ras­sis­ti­sche Poli­tik von Donald Trump, aber auch die gesell­schaft­li­che Situa­ti­on seit der Coro­na-Pan­de­mie. Ein ande­rer Fak­tor ist sicher­lich auch die mil­lio­nen­fa­che Ver­brei­tung von Vide­os, die töd­li­che Poli­zei­ge­walt doku­men­tie­ren, die also etwas vor­mals kaum Sag­ba­res jetzt zu gesell­schaft­lich gül­ti­gem Wis­sen machen. Also, dass poli­zei­li­che Gewalt kei­nes­wegs immer legi­ti­me Gewalt ist, dass Poli­zis­tin­nen ihre Macht aufs Bru­tals­te miss­brau­chen kön­nen und dies auch tun, dass gera­de nicht-wei­ße Men­schen sel­ten von der Poli­zei geschützt wer­den und im Gegen­teil häu­fig vor ihr beschützt wer­den müss­ten. Für vie­le Men­schen gehör­te das schon lan­ge zu ihrer Wahr­heit über die Poli­zei dazu, aber der gesell­schaft­li­che Dis­kurs hat – um in dem Bild von oben zu blei­ben – kei­nen Sag­bar­keits­raum dafür geöff­net bzw. im Gegen­teil sol­ches Wis­sen recht effek­tiv aus dem Dis­kurs her­aus­ge­drängt und sozu­sa­gen mit den posi­ti­ven Bil­dern von Poli­zis­tin­nen als freund­li­chen, hel­fen­den, recht­schaf­fe­nen Ord­nungs­hü­te­rin­nen über­schrie­ben.

Was sind die zen­tra­len Stra­te­gien, wenn es um die Dele­gi­ti­mie­rung bzw. Legi­ti­mie­rung von Poli­zei­ge­walt geht?

Das ist so ganz all­ge­mein schwer zu sagen: Die Legi­ti­ma­ti­on von Poli­zei­ge­walt beim G20-Gip­fel in Ham­burg ist ja in ande­re Dis­kur­se ein­ge­bun­den als bei­spiels­wei­se die Poli­zei­ge­walt, die sich durch die Tötung von Geor­ge Floyd aus­drückt. Gewalt ist dabei ein ent­schei­den­der Begriff in der Debat­te, gera­de weil sich so vie­les damit fas­sen und in einen Topf wer­fen lässt. Das lässt den betei­lig­ten Akteu­ren viel Spiel­raum: Der Gewalt­be­griff ist zunächst ein Sam­mel­be­cken für alles Mög­li­che, von der Zer­stö­rung von Gegen­stän­den, Belei­di­gun­gen, phy­si­schen Ver­let­zun­gen bis hin zur Tötung. Im Dis­kurs hat Gewalt meist die Funk­ti­on, etwas zu skan­da­li­sie­ren oder zu mora­li­sie­ren. Das funk­tio­niert einer­seits beim ras­sis­ti­schen Ver­hal­ten der Poli­zei, ande­rer­seits aber auch für bei­spiels­wei­se das War­nen vor »gewalt­be­rei­ten« Demonstrant*innen.

Das klingt nach einem guten Ablen­kungs­ma­nö­ver …

Ja, ist es. Denn die Ver­wen­dung des Gewalt­be­griffs kann in Dis­kur­sen auch dazu füh­ren, dass der eigent­li­che gesell­schaft­li­che Kon­flikt ver­deckt wird. Bei­spiel­wei­se ist eine gän­gi­ge Dis­kurs­stra­te­gie im Kon­text von Pro­tes­ten gegen Ras­sis­mus, ins­be­son­de­re wenn sich For­men des Rio­tings ereig­nen, den Dis­kurs weg von den Inhal­ten der Pro­tes­te wie insti­tu­tio­nel­lem Ras­sis­mus oder ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt zu len­ken. Statt über das inhalt­li­che Anlie­gen – Ras­sis­mus – wird dann nur noch über die Form der Pro­tes­te gere­det, die häu­fig aus­schließ­lich als gewalt­tä­tig benannt und so meist dele­gi­ti­miert wer­den. Das Wis­sen um den Aus­lö­ser der Pro­tes­te und damit ver­knüpf­te Erfah­run­gen mit ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt wird also aus dem Dis­kurs gedrängt und statt­des­sen eine Law-and-Order-Poli­tik als ratio­na­le Lösungs­stra­te­gie für die schein­bar anlass­lo­se und inhalts­lee­re Zer­stö­rungs­wut der Pro­tes­tie­ren­den ange­bo­ten. Es geht dann nur noch um die Wie­der­her­stel­lung der Sicher­heit und Ord­nung im öffent­li­chen Raum. Die­ses Phä­no­men lässt sich häu­fig beob­ach­ten. In der aktu­el­len Debat­te hin­ge­gen sind Deu­tun­gen im Zusam­men­hang mit Ereig­nis­sen um Poli­zei­ge­walt prä­sent, die den insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus als zen­tra­les Pro­blem set­zen. Dann geht es auch oder mehr um Inhal­te von Pro­test und nicht ledig­lich um die Form, die im Dis­kurs von den Inhal­ten ent­kop­pelt wird.

Trotz­dem ent­steht der Ein­druck, dass die Fra­ge nach dem legi­ti­men oder eben nicht-legi­ti­men Cha­rak­ter der Pro­tes­te in der öffent­li­chen Debat­te noch nicht ent­schie­den ist.

Nein, sicher nicht. Die Rela­ti­vie­rung von Ras­sis­mus wird im Dis­kurs ja auch über ande­re Stra­te­gien erzeugt. Häu­fig über die erwähn­te Täter-Opfer-Umkehr: Die Men­schen, die Opfer ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt waren, wer­den dis­kur­siv zu den Täter*innen, gefähr­lich, kri­mi­nell, bedroh­lich, und die Polizist*innen zu den Opfern und Leit­tra­gen­den, die ein­fach ihren Job machen. In den USA wird eine sol­che Legi­ti­mie­rung ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt häu­fig auch durch ste­reo­ty­pi­sie­ren­de Bil­der unter­stützt. Der »Schwar­ze Gangs­ter mit Hoo­die« zum Bei­spiel, wäh­rend beschul­dig­te Polizist*innen häu­fig als zuvor­kom­men­de und bedach­te Beam­te dar­ge­stellt wer­den. Im Dis­kurs um Poli­zei­ge­walt in Deutsch­land in den letz­ten Wochen ist die­se Deu­tung der Poli­zei als Leit­tra­gen­de auch zu fin­den: Hier ist es man­geln­de Wert­schät­zung und Respekt gegen­über dem Beruf der Polizist*in, die dis­kur­siv beklagt wird und als zen­tra­les Pro­blem kon­stru­iert wird. Das geht dann häu­fig ein­her mit Schuld­zu­wei­sun­gen an glei­cher­ma­ßen lin­ke und rech­te »Gewalttäter*innen«. Fäl­le wie im August in Frank­furt, in denen das Ver­hal­ten von prü­geln­den Poli­zis­ten im öffent­li­chen Dis­kurs kaum ent­schul­digt wer­den kann, wer­den dann als Ein­zel­fall kon­stru­iert. Hier­bei wer­den die sys­te­ma­ti­schen und insti­tu­tio­nel­len Ebe­nen des Pro­blems aus­ge­blen­det.

Soll­ten sich also auch lin­ke Akteu­re stär­ker auf die­se Dis­kurs­ebe­ne kon­zen­trie­ren?

Grund­sätz­lich steht die Ebe­ne des Dis­kur­ses mit der sozia­len Rea­li­tät in einem stän­di­gen Wech­sel­ver­hält­nis. Bestimm­te dis­kur­si­ve Kon­struk­tio­nen wie zum Bei­spiel ras­sis­ti­sches »Wis­sen« offen­zu­le­gen, kann dann durch­aus ein Fens­ter öff­nen, um Gegen­deu­tun­gen im Dis­kurs stark zu machen. Und damit auch neue Hand­lungs­per­spek­ti­ven eröff­nen. Also zum Bei­spiel: Erst wenn sag­bar wird, dass die Poli­zei ras­sis­tisch agiert, gibt es gute Chan­cen, dass For­de­run­gen nach einer struk­tu­rel­len Reform oder gar nach der Abschaf­fung der Poli­zei über­haupt gehört wer­den. Eine legi­ti­me For­de­rung allein im Dis­kurs zu ver­an­kern, reicht aber nicht, um gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zes­se aktiv umzu­set­zen. Auch die mate­ri­el­len Kräf­te­ver­hält­nis­se müs­sen sich dafür ändern. Wie man als lin­ke Akteu­rin auf wel­cher Ebe­ne ansetzt, hängt ja von ganz ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab. Ein rich­tig oder falsch kann es da gar nicht geben, und immer bei­de Ebe­nen im Blick zu haben, ist auch nicht immer mach­bar oder nötig. Aktu­ell zeigt sich aber sicher­lich sehr ein­drück­lich, dass gesell­schaft­li­che Macht­ver­hält­nis­se auch auf der Ebe­ne von Dis­kur­sen ver­han­delt und tat­säch­lich auch mit­ent­schie­den wer­den. Es ist wich­tig, dass lin­ke Deu­tun­gen hier an Ein­fluss gewin­nen.

Lene Kempe

Lene Kem­pe ist Redak­teu­rin bei ak.

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