[ak:] Explosion in Karantina

Das zer­stör­te Hafen­vier­tel von Bei­rut war das Zuhau­se der Armen und Aus­ge­sto­ße­nen

Am 4. August explo­dier­ten im Hafen der liba­ne­si­schen Haupt­stadt Bei­rut über 27.000 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat. Min­des­tens 190 Tote, über 6.000 Ver­letz­te und Schwer­ver­letz­te und mehr als 300.000 Obdach­lo­se waren die Fol­ge. Die Explo­si­on trifft das Land inmit­ten sei­ner wohl schwers­ten öko­no­mi­schen Kri­se. Jahr­zehn­te von Kor­rup­ti­on und Pri­va­ti­sie­rung staat­li­cher Leis­tun­gen, auch im Bil­dungs- und Gesund­heits­sek­tor, stei­gen­de Arbeits­lo­sig­keit und stei­gen­de Lebens­hal­tungs­kos­ten schu­fen eine zuneh­mend ver­ar­men­de Gesell­schaft. Der sys­te­ma­ti­sche Aus­ver­kauf des Sozi­al­sys­tems und die mas­si­ve Aus­beu­tung pre­ka­ri­sier­ter Grup­pen führ­ten zu einer radi­ka­len Aus­dif­fe­ren­zie­rung der öko­no­mi­schen Schich­ten in einem auch reli­gi­ös und kul­tu­rell zutiefst gespal­te­nen Land. Seit Mit­te Okto­ber 2019 kam es daher zu mas­si­ven Pro­test­wel­len, die jedoch im Zuge des Aus­bruchs der COVID-19 Pan­de­mie ein abrup­tes Ende nah­men.

Von der Explo­si­on beson­ders betrof­fen ist unter ande­rem Karan­ti­na. Das Hafen­vier­tel mit dem cha­rak­te­ris­ti­schen Namen ent­stand als Qua­ran­tä­ne-Bereich für Rei­sen­de im 19. Jahr­hun­dert, um die Aus­brei­tung von Krank­hei­ten in Bei­rut zu ver­hin­dern. Heu­te ist Karan­ti­na ein über­wie­gend armes Wohn­vier­tel. Hier woh­nen Hafenarbeiter*innen und Handwerker*innen, migran­ti­sier­te Men­schen und Aus­ge­sto­ße­ne. Es ist die Her­ber­ge der ent­rech­te­ten migran­ti­schen Zwangsarbeiter*innen unter dem Kafa­la-Sys­tem. Das Kafa­la-Sys­tem ist ein Ver­trags­ver­hält­nis, in dem das Auf­ent­halts­recht aus­län­di­scher Arbeitnehmer*innen an Arbeitgeber*innen als Bür­gen (ara­bisch: »Kafil«) geknüpft ist. Es ver­setzt Arbeitnehmer*innen in eine Situa­ti­on völ­li­ger Abhän­gig­keit. Sie wer­den mit Hun­ger­löh­nen ver­gü­tet, häu­fig wer­den ihnen die Päs­se ent­zo­gen. Selbst ein Arbeits­platz­wech­sel ist nicht ohne die Zustim­mung der Arbeitgeber*in mög­lich. Amnes­ty Inter­na­tio­nal bezeich­ne­te das Kafa­la-Sys­tem als eine Form moder­ner Skla­ve­rei.

Im Hafenviertel leben die Marginalisierten

In Karan­ti­na leben außer­dem quee­re Men­schen, die sich dort ihre Räu­me und Struk­tu­ren geschaf­fen haben. Neben Tune­si­en gilt der Liba­non seit lan­gem als ein libe­ra­ler Hot­spot im Nahen Osten und Nord­afri­ka. Es gibt eine gewach­se­ne Struk­tur eta­blier­ter quee­rer Lob­by-Orga­ni­sa­tio­nen, und das Land erfreut sich einer leben­di­gen Drag-Sze­ne. Eini­ge halb­öf­fent­li­che quee­re Bars und Anlauf­stel­len sind zu fin­den. Dabei ist die Teil­ha­be an den quee­ren Struk­tu­ren mit der sozio­öko­no­mi­schen Situa­ti­on der Ein­zel­nen ver­knüpft. Zugang zu Sze­ne und Sub­kul­tur haben auch im Liba­non über­wie­gend jene, die aus Mit­tel- oder Ober­schicht kom­men. Für quee­re Men­schen aus den unte­ren Schich­ten, ins­be­son­de­re, wenn sie trans-weib­lich oder unter dem Kafa­la-Sys­tem migriert sind, bedeu­tet queer leben Iso­la­ti­on und sozia­ler Abstieg. Ein Gum­mi-Arti­kel im liba­ne­si­schen Straf­recht stellt »Hand­lun­gen wider die Natur« unter Stra­fe, mit dem LGBTQ-Per­so­nen kri­mi­na­li­siert wer­den.

Satellitenaufnahme vom Hafen Beirut, die zerstörten Gebiete sind rot markiert.
Fotos der Hafen­re­gi­on und ein Satel­li­ten­bild der NASA zei­gen das
Aus­maß der Zer­stö­rung in Bei­rut. Foto: NASA /​JPL-Cal­tech /​Earth Obser­va­to­ry of Sin­g­a­po­re /​ESA

Weil es im Liba­non kein ver­läss­li­ches staat­li­ches Sozi­al­sys­tem gibt, ist Fami­lie nach wie vor der zen­tra­le Mecha­nis­mus sozia­ler Sicher­heit und Für­sor­ge. Auf­grund der gesell­schaft­li­chen Homo- und Trans­feind­lich­keit müs­sen quee­re Men­schen häu­fig mit ihren Fami­li­en bre­chen. Com­ing-Out oder geoutet-wer­den bedeu­tet für die Mehr­heit quee­rer Men­schen im Liba­non den Ver­lust sozia­ler, fami­liä­rer Hil­fe­st­ruk­tu­ren. Aus Angst vor Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung ver­las­sen sie ihre Hei­mat. Vie­le gehen nach Bei­rut und fin­den in Karan­ti­na und den ande­ren, ärme­ren Vier­teln in Hafen­nä­he ein Zuhau­se, das sie auf­fängt. Ein Zuhau­se, das nun in Trüm­mern liegt. Wäh­rend vie­le hete­ro­se­xu­el­le, von der Explo­si­on Betrof­fe­ne mit liba­ne­si­schen Päs­sen zu ihren Fami­li­en flo­hen, stan­den Kafa­la-Opfer und Queers am Tag der Explo­si­on vor dem Nichts.

Queers und Migrant*innen haben kein Sicherheitsnetz

Es sind Men­schen wie die Drag-Queen Andrea, die am Tag der Explo­si­on ihr Zuhau­se ver­lo­ren. Sie wohn­te kei­nen Kilo­me­ter ent­fernt von der Explo­si­ons­stel­le. Auf ihrem Insta­gram-Account pos­tet sie Bil­der von der Ver­wüs­tung ihrer Wohn­räu­me, die nun vom Ein­sturz bedroht sind. Sie selbst ist ver­letzt, hat Wun­den und Frak­tu­ren am gan­zen Kör­per. In einem Video­in­ter­view beschreibt sie ihre Erfah­run­gen. Sie war zum Zeit­punkt der Explo­si­on zu Hau­se und erleb­te, wie Wän­de und Decken über ihr ein­bra­chen. Ver­letzt rann­te sie zum nächst­ge­le­ge­nen Kran­ken­haus, dort wur­de sie aus Man­gel an Nar­ko­se­mit­teln ohne Betäu­bung not­ope­riert. Ihrer Wahl­fa­mi­lie, Men­schen aus der LGBT-Com­mu­ni­ty, gelang es, eini­ge weni­ge Hab­se­lig­kei­ten aus den Trüm­mern zu ret­ten.

Wie Andrea stan­den vie­le quee­re Men­schen am Tag der Explo­si­on ohne Obdach und Zuflucht auf der Stra­ße. Infol­ge­des­sen star­te­te die Akti­vis­tin gemein­sam mit ande­ren eine Fund­rai­sing-Akti­on. Der Queer-Reli­ef-Fund ist ein peer-to-peer-Hilfs­pro­jekt, das Unter­kunft und Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln und Hygie­ne­pro­duk­ten für mar­gi­na­li­sier­te Opfer der Explo­si­on sicher­stel­len will. Die liba­ne­si­sche Regie­rung behin­dert die Arbeit des Pro­jek­tes. Nach­dem die Poli­tik zunächst über­haupt nicht tätig wur­de, ille­ga­li­sier­te sie schließ­lich die frei­wil­lig orga­ni­sier­te Not­ver­sor­gung und den Wie­der­auf­bau von Häu­sern ohne staat­li­che Lizen­zen. Die Arbeit von Akteur*innen, wie dem Queer-Reli­ef-Fund, muss des­halb über­wie­gend klan­des­tin orga­ni­siert wer­den. Initia­ti­ven, wie die von Gin­an Osman, unter­stüt­zen sie dabei. Die deutsch-liba­ne­si­sche Stu­den­tin und Akti­vis­tin star­te­te am 6. August gemein­sam mit Anna Flei­scher eine Spen­den­kam­pa­gne für mar­gi­na­li­sier­te Opfer der Explo­si­on. Die Kam­pa­gne rich­te­te sich gezielt an Spender*innen in Euro­pa und brach­te über 30.000 Euro in kur­zer Zeit ein. Flei­scher und Osman ver­tei­len das Geld an ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen und betrof­fe­ne Ein­zel­per­so­nen. Neben dem Queer-Reli­ef-Fund gehen Mit­tel unter ande­rem an Egna Legna, eine Initia­ti­ve äthio­pi­scher Aktivist*innen, die unter dem Kafa­la-Sys­tem als Haus­an­ge­stell­te arbei­ten müs­sen.

Die Regierung behindert selbstorganisierte Hilfe

Egna Legna betreibt Not­hil­fe für Betrof­fe­ne der Explo­si­on. Sie ver­sorgt Opfer mit Covid-19-Tests, Lebens­mit­teln und Hygie­ne­pro­duk­ten. Außer­dem sam­melt das Pro­jekt Geld, um Men­schen eine siche­re Rück­rei­se nach Äthio­pi­en und Nige­ria zu ermög­li­chen. Auch der offen schwu­le Front­mann der liba­ne­si­schen Band Mash­rou‘ Lei­la, Hamed Sin­no, hat zu Spen­den­ak­tio­nen auf­ge­ru­fen und eige­ne Aktio­nen ent­wi­ckelt. So ver­an­stal­te­te er etwa gemein­sam mit der jor­da­ni­schen Musi­ke­rin Farah Siraj am 19. August eine Live­stream-Fund­rai­sing-Ver­an­stal­tung zuguns­ten eines migran­ti­schen Com­mu­ni­ty Cen­ters und der Grup­pe Anti-Racism-Move­ment. In einem Face­book-Bei­trag erklärt Sin­no sei­ne Moti­va­ti­on: »In Kri­sen­zei­ten ver­schär­fen sich Ungleich­heits­ver­hält­nis­se. Zugleich erfah­ren jene von uns, die die Kri­se am meis­ten trifft, am wenigs­ten Hil­fe.« Sin­no selbst lebt auf­grund sei­ner offe­nen Queer­ness nicht mehr im Liba­non. Am 8. August kom­men­tier­te er die Explo­si­on: »Die liba­ne­si­sche Bevöl­ke­rung befin­det sich in der Gei­sel­haft einer Klas­se von War­lords, die sich als Poli­ti­ker tar­nen. Ihre ein­zi­ge poli­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on ist, dass sie vor 45 Jah­ren die Speer­spit­ze eines der längs­ten und blu­tigs­ten Bür­ger­krie­ge der Geschich­te waren. Die­se Leu­te sind Anfüh­rer von Mili­zen und Die­be. Sie wis­sen nichts über Regie­rungs­ar­beit. Wäh­rend die Welt den Hor­ror betrau­ert, der die Haupt­stadt über­kam, täu­schen die­se War­lords das gan­ze Land. Sie spie­len das Leid der Men­schen her­un­ter und waschen ihre Hän­de in Unschuld.« (Zita­te im Ori­gi­nal auf Eng­lisch, Über­set­zung T. Shu­kral­lah)

Das Nicht-Ein­grei­fen der liba­ne­si­schen Regie­rung, ihre offen­si­ve Behin­de­rung von schnel­ler Hil­fe für die eh schon mar­gi­na­li­sier­ten Betrof­fe­nen der Explo­si­on und die offen­sicht­li­che Kor­rup­ti­on im Land führ­ten zu neu­er­li­chen Pro­test­wel­len, trotz der Pan­de­mie. Migran­ti­sche Haus­an­ge­stell­te, syri­sche und paläs­ti­nen­si­sche Geflüch­te­te, Frau­en und Queers bil­den erneut eine Speer­spit­ze der revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fe. Sie strei­ten für Demo­kra­tie und sozia­le Gerech­tig­keit, für Teil­ha­be und ein Leben, in dem ohne Angst Ver­schie­den­heit gelebt wer­den kann.

Tarek Shukrallah

Tarek Shu­kral­lah ist Politikwissenschaftler*in, politische*r Referent*in und Aktivist*in in sozia­len, migran­ti­schen bzw. anti­ras­sis­ti­schen sowie quee­ren Bewe­gun­gen und betreibt die digi­ta­le Skill-sharing-Platt­form mit Blog par​ti​zi​pie​ren​.org. Auf Insta­gram und Twit­ter ist Tarek unter @tarekshuk aktiv.

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