[ak:] Gegen den Strich

Der Duis­bur­ger Dis­kurs­ana­ly­ti­ker Sieg­fried Jäger ist im Alter von 83 Jah­ren gestor­ben

Eigent­lich wird im Bespre­chungs­raum des Duis­bur­ger Insti­tuts für Sprach- und Sozi­al­for­schung nicht geraucht. Doch das scher­te Sieg­fried Jäger, den wir alle nur Sigi nann­ten, wenig. Auch ohne die Auto­ri­tät des Insti­tuts­grün­ders hät­te er sich wäh­rend der Dis­kus­si­on genüss­lich eine Ziga­ret­te ange­zün­det. Als er mal auf­ge­for­dert wur­de, doch bit­te die Kip­pe aus­zu­ma­chen, fluch­te er, argu­men­tier­te elo­quent mit Fou­caults Bio-Poli­tik und zog ein wei­te­res Mal demons­tra­tiv an sei­ner Ziga­ret­te.

Vom fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Michel Fou­cault, der Sigi wie kein zwei­ter geprägt hat­te, gibt es eine inter­es­san­te Pas­sa­ge zur Herr­schaft im Kapi­ta­lis­mus: »Die Bour­geoi­sie ist intel­li­gent, scharf­sich­tig und berech­nend. Kei­ne Herr­schafts­form war jemals so frucht­bar und damit so gefähr­lich, so tief ein­ge­wur­zelt wie die ihri­ge. Wenn man ihr lau­te Ankla­gen ent­ge­gen­schleu­dert, wird sie nicht umfal­len; sie wird nicht ver­lö­schen wie eine Ker­ze, die man aus­bläst.« Das wuss­te Sigi nur all­zu gut, forsch­te und publi­zier­te er mit dem DISS haupt­säch­lich zu den The­men extre­me Rech­te, Ras­sis­mus, Natio­na­lis­mus, Neo­li­be­ra­lis­mus, Mili­ta­ris­mus und Bio­po­li­tik; zu The­men also, die im Lau­fe sei­nes wis­sen­schaft­li­chen und poli­ti­schen Lebens nicht gera­de an Rele­vanz ver­lo­ren haben – im Gegen­teil.

Sigi war seit 1972 Pro­fes­sor für Sprach­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Duis­burg. Bis in die 1970er noch stark vom Mar­xis­mus geprägt, wid­me­te er sich ab den 1980er Jah­ren dann vor allem Fou­cault. 1987 grün­de­te er mit sei­ner Frau Mar­ga­re­te Jäger und ande­ren das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS). Ein lin­kes, undog­ma­ti­sches, unab­hän­gi­ges Insti­tut. Zen­tra­les Mot­to: Wis­sen­schaft gegen den Strich. In die­sem Sin­ne wur­de dort, feder­füh­rend von Sigi, die Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­ly­se (KDA) ent­wi­ckelt.

In die gesellschaftliche Debatte intervenieren

Auch durch den Aus­tausch mit sei­nem Umfeld und sei­nen Stu­die­ren­den beschäf­tig­te er sich seit den 1980er Jah­ren mit der Neu­en Rech­ten. Zen­tral war dabei, völ­ki­sches Den­ken nicht als etwas zu ver­ste­hen, das ledig­lich exklu­siv für eini­ge weni­ge Split­ter­grup­pen ist. Gera­de weil der völ­ki­sche Natio­na­lis­mus in der »Mit­te der Gesell­schaft« ver­an­kert ist, geht von ihm eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Gefahr aus.

Ähn­li­ches gilt für ein wei­te­res für Sigi wich­ti­ges The­ma: In den frü­hen 1990er Jah­ren, in der Zeit der Pogro­me und Mor­de gegen Migrant*innen, Geflüch­te­te und neu­er­lich erstar­ken­der ras­sis­ti­scher und natio­na­lis­ti­scher Dis­kur­se wand­te er sich der Ana­ly­se des all­täg­li­chen und insti­tu­tio­na­li­sier­ten Ras­sis­mus zu, in einer Zeit wohl­ge­merkt, in der ein Groß­teil der Meinungsmacher*innen noch immer davon aus­ging, Ras­sis­mus aka »Aus­län­der-« oder »Frem­den­feind­lich­keit« sei­en mit dem Ende des NS von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Mit den Publi­ka­tio­nen wie »Brand­Sät­ze« inter­ve­nier­te das DISS in die Erzäh­lung, Ras­sis­mus kön­ne wirk­sam durch eine Beschnei­dung des Asyl­rech­tes begeg­net wer­den. Dabei hob das Insti­tut die Mit­ver­ant­wor­tung von Medi­en und Poli­tik an den Angrif­fen her­vor.

Für Sigi war immer klar: Wis­sen­schaft muss ein­grei­fend sein. Die­se Devi­se ver­trat Sigi auch bei wis­sen­schaft­li­chen Kon­fe­ren­zen, wo er sich dann eben von so man­chen Kolleg*innen anhö­ren muss­te, das DISS betrei­be eher poli­ti­schen Akti­vis­mus als objek­ti­ve Wis­sen­schaft.

Sigi wuss­te mit Fou­cault, dass Wis­sens­pro­duk­ti­on immer auch Wahr­heits­pro­duk­ti­on ist. Wer ande­res behaup­tet, so Sigi, spielt eine macht­vol­le Kar­te aus, macht sich und die wis­sen­schaft­li­chen Wahr­hei­ten unan­greif­bar. Und die­se aka­de­mi­sche Unan­greif­bar­keit, also Wis­sen­schaft, die Kon­sens erzeugt, war Sigi zutiefst suspekt. So ver­ach­te­te er die »aka­de­mi­schen Esel, ihre Dumpf­heit und Kurz­sich­tig­keit, die Wis­sens- und Kri­tik­feind­lich­keit der heu­ti­gen Uni­ver­si­tät ins­ge­samt«, wie er 2007 in einem Nach­ruf auf Alfred Schobert schrieb.

Dass die Herr­schafts­form nicht ein­fach umfal­len wird, recht­fer­ti­ge eine gewis­se Trau­rig­keit, fährt Fou­cault in der Pas­sa­ge über die bür­ger­li­che Herr­schaft des Kapi­ta­lis­mus fort. »Umso mehr gilt es, in dem Kampf so viel Fröh­lich­keit, Hel­lig­keit und Aus­dau­er wie nur mög­lich hin­ein­zu­tra­gen. Wirk­lich trau­rig wäre, sich nicht zu schla­gen.« Mit sol­cher Lei­den­schaft begab sich auch Sigi in Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wenn wir abends nach der Dis­kurs­werk­statt län­ger auf ein paar Glä­ser Wein zusam­men saßen, frag­te er meist als ers­tes, was es Neu­es aus den poli­ti­schen Zusam­men­hän­gen gebe, in denen wir zu die­sem Zeit­punkt jeweils unter­wegs waren. Die grund­sätz­li­che Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se, die radi­ka­le Herr­schafts­kri­tik war das, was Sigi immer Ori­en­tie­rung war. Am 16. August 2020 ist er gestor­ben.

Regi­na Wam­per, Sebas­ti­an Fried­rich, Sara Mad­j­les­si-Rou­di und Jens Zim­mer­mann haben mit Sieg­fried Jäger am Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS) zusam­men­ge­ar­bei­tet. 

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