[ak:] Identitätspolitik

Moria ist das Ende der euro­päi­schen Idee? Moria ist die Idee

Das Abschre­ckungs­la­ger Moria auf der Insel Les­bos ist Geschich­te. Ein Feu­er, mut­maß­lich von Bewohner*innen gelegt, um ihre Eva­ku­ie­rung zu erzwin­gen, nach­dem das Coro­na­vi­rus das Lager erreich­te, hat wei­te Tei­le von Moria zer­stört. Was aus den Men­schen wird, die dort unter men­schen­ver­ach­ten­den Bedin­gun­gen leben muss­ten, ist offen. Euro­päi­sche Politiker*innen haben aber klar gemacht, dass sie um jeden Preis ver­hin­dern wer­den, dass die­se Men­schen in Sicher­heit gelan­gen. Sie wei­ter auf der Insel fest­zu­hal­ten, hat obers­te Prio­ri­tät.

War­um kämp­fen Politiker*innen aller euro­päi­schen Län­der mit einer sol­chen Ver­bis­sen­heit dage­gen an, dass 12.000 Men­schen in Not gehol­fen wird? Was wäre so schlimm dar­an, wenn die­se Men­schen das Elend, in das sie gezwun­gen wur­den, hin­ter sich las­sen könn­ten?

Die Ant­wort ist: Es geht nicht um die 12.000 Men­schen, nicht um sie per­sön­lich. Moria war und ist ein Monu­ment der Abschre­ckung und der euro­päi­schen Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Ein Ort, der für die euro­päi­sche Iden­ti­tät eine min­des­tens so wich­ti­ge Rol­le spielt wie die gemein­sa­me Wäh­rung oder die EU-Flag­ge. Moria ist die Ver­sinn­bild­li­chung der Gren­ze um den euro­päi­schen Kon­ti­nent, eine Demons­tra­ti­on, dass euro­päi­sche Leben wert­vol­ler sind als die jener Men­schen außer­halb der euro­päi­schen Mau­ern.

Moria spielt für die euro­päi­sche Iden­ti­tät eine min­des­tens so wich­ti­ge Rol­le wie die gemein­sa­me Wäh­rung oder die EU-Flag­ge.

Die euro­päi­sche Idee basiert auf der Behaup­tung, dass Krieg, Hun­ger und Elend nichts mehr sind, was »wir in Euro­pa«, son­dern was Men­schen außer­halb Euro­pas erlei­den. In Moria und an ver­gleich­ba­ren Orten wer­den die Bil­der pro­du­ziert, die für die­se Behaup­tung gebraucht wer­den, die Men­schen auf der Flucht als Bedro­hung und als von Müll umge­be­ne Elen­de zeich­nen, als Ande­re, als Nicht-Europäer*innen, letzt­lich als Nicht-Men­schen. Es ist kein Zufall, dass Bewohner*innen der Abschre­ckungs­la­ger immer wie­der ent­geis­tert dar­auf hin­wei­sen, dass sie doch auch Men­schen sei­en. Es ist die Mensch­lich­keit, die ihnen an und durch die­se Orte genom­men wird. Das ist ihr Zweck.

Als die EU-Außen­gren­zen vor fünf Jah­ren ins Wan­ken gerie­ten, weil hun­dert­tau­sen­de Men­schen auf der Flucht vor Krieg und Ver­trei­bung sich auf den Weg nach Euro­pa mach­ten, wur­de Moria noch wich­ti­ger. Moria ist »2015 darf sich nicht wie­der­ho­len«. Eine Garan­tie, dass die Tren­nung in drin­nen und drau­ßen noch gilt – dass »wir« und »sie« nicht die glei­che Sor­te Men­schen sind.

Die­se Behaup­tung ist eine Grund­la­ge kapi­ta­lis­ti­scher Herr­schaft in Zei­ten wach­sen­der öko­no­mi­scher und öko­lo­gi­scher Kri­sen. Orte wie Moria pro­du­zie­ren den Kon­sens der Beherrsch­ten in Euro­pa: Sie sor­gen dafür, dass die Gren­ze zwi­schen innen und außen jene zwi­schen unten und oben über­la­gert. Daher ist es der größ­te Unsinn, in Moria »die euro­päi­sche Idee« oder die »euro­päi­schen Wer­te« vor die Hun­de gehen zu sehen. Moria ist die euro­päi­sche Idee – ein Alp­traum.

Es ist somit nicht nur ein Gebot der Mensch­lich­keit, für die Schlie­ßung von Moria und das Ende aller Lager und Gren­zen ein­zu­tre­ten; es ist die Bedin­gung dafür, dass die Men­schen, die an unter­schied­li­chen Orten und unter unter­schied­li­chen Bedin­gun­gen aus­ge­beu­tet wer­den, als Klas­se zusam­men kämp­fen kön­nen.

Jan Ole Arps

Jan Ole Arps ist Redak­teur bei ak.

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