[ak:] Massenbewegung gegen Lukaschenko

In Bela­rus kämp­fen Tau­sen­de für Neu­wah­len und das Ende des Poli­zei­staa­tes

Eine Woche nach Bekannt­ga­be des gefälsch­ten Wahl­er­geb­nis­ses in Bela­rus, kamen am 16. August 2020 in Minsk bis zu 200.000 Men­schen zu einer spon­tan orga­ni­sier­ten Demons­tra­ti­on zusam­men. Sie demons­trier­ten gegen die Wahl­fäl­schun­gen zuguns­ten des Dik­ta­tors Alek­san­dr Luka­schen­ko, für die Frei­las­sung poli­ti­scher Gefan­ge­ner und für die straf­recht­li­che Ver­fol­gung der eska­lie­ren­den Poli­zei­ge­walt, die in der Woche zuvor die Stra­ßen und die Unter­su­chungs­ge­fäng­nis­se heim­such­te.

Auf Social-Media-Platt­for­men wie dem Tele­gram-Kanal NEXTA Live wur­de doku­men­tiert, dass es am glei­chen Tag in min­des­tens 51 wei­te­ren bela­rus­si­schen Städ­ten zu spon­ta­nen Demons­tra­tio­nen kam. Nach der Wahl fan­den Demons­tra­tio­nen in allen regio­na­len Haupt­städ­ten statt: in Vitebsk, Mogi­lev, Gomel, Brest und Grod­no. Mit­nich­ten ist dies als urba­ne Revol­te zu begrei­fen – in min­des­tens 26 Städ­ten, mit weni­ger als 30.000 Einwohner*innen kam es Aktio­nen und gro­ßen Pro­tes­ten. Annä­hernd gro­ße Pro­tes­te gab es noch nie in Bela­rus.

Sie ent­stan­den gewis­ser­ma­ßen aus dem Nichts. Par­tei­en, eta­blier­te Gewerk­schaf­ten oder NGOs spiel­ten in der Koor­di­nie­rung kei­ne Rol­le. Die Anfüh­re­rin­nen sind Frau­en, die noch im Früh­jahr völ­lig unbe­kannt waren. Unter dem Luka­schen­ko-Regime, des­sen mäch­ti­ger Inlands­ge­heim­dienst die gesam­te Bevöl­ke­rung stark kon­trol­liert und die Men­schen ent­we­der in die Apa­thie treibt oder Auf­be­geh­ren hart bestraft, war das kaum zu erwar­ten. Die Bewe­gung hat vor allem ein Ziel: das Ende des Luka­schen­ko-Regimes

Was ist das für ein Regime?

Zu Sowjet­zei­ten war der heu­ti­ge Dik­ta­tor Par­tei­ak­ti­vist der KPdSU und lei­te­te einen Land­wirt­schafts­be­trieb. Mehr­mals wen­de­te er Gewalt gegen ihm unter­ge­be­ne Land­ar­bei­ter an. Als es unter Gor­bat­schow erst­mals zu frei­en Wah­len kam, zog er 1990 als unab­hän­gi­ger Kan­di­dat in das Par­la­ment der bela­rus­si­schen Sowjet­re­pu­blik ein.

Bela­rus wur­de 1991 unab­hän­gig. Auf sei­nem Weg zur Macht pro­fi­tier­te Luka­schen­ko stark davon, dass die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen des neu gegrün­de­ten Staa­tes insta­bil und unaus­ge­reift waren. Natio­na­le Popu­la­ri­tät erreich­te er als Lei­ter einer par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chung zu Kor­rup­ti­on. Der regie­ren­den poli­ti­schen Klas­se, die noch aus den Kadern der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei bestand, warf er tief­grei­fen­de Kor­rup­ti­on vor, ohne dass die­se Vor­wür­fe sach­lich rich­tig waren.

Ohne die Unter­stüt­zung einer Par­tei, ledig­lich mit einem infor­mel­len Unter­stüt­zungs­netz­werk aus Abge­ord­ne­ten, Beamt*innen und Unternehmer*innen gewann er 1994 die ers­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len in der Geschich­te des Lan­des.

Gleich zu Beginn sei­ner Amts­zeit begann er mit der Errich­tung einer per­so­na­lis­ti­schen Dik­ta­tur: Der Prä­si­di­al­ad­mi­nis­tra­ti­on unter­stell­te er die Stadt- und Gemein­de­ver­wal­tun­gen, er setz­te Zei­tun­gen unter Druck, ent­ließ mas­sen­haft Redakteur*innen staat­li­cher Medi­en und instal­lier­te Loya­lis­ten als Ver­fas­sungs­rich­ter. Ab 1995 führ­te er einen Macht­kampf mit dem Par­la­ment. Als sich Abge­ord­ne­te der demo­kra­ti­schen Oppo­si­ti­on zu einem Hun­ger­streik im Par­la­ment ver­sam­mel­ten, ließ er sie mit Gewalt aus dem Gebäu­de ent­fer­nen.

Im Novem­ber 1996 führ­te Luka­schen­ko ein Refe­ren­dum über eine Ver­fas­sungs­re­form durch, die die Gewal­ten­tei­lung in Bela­rus fak­tisch auf­hob: Der Prä­si­dent durf­te nun­mehr die Hälf­te der Ver­fas­sungs­rich­ter und die Hälf­te der Zen­tra­len Wahl­kom­mis­si­on bestim­men. Er erhielt das Recht, das Par­la­ment auf­zu­lö­sen und schuf eine zwei­te Par­la­ments­kam­mer, auf deren Zusam­men­set­zung er indi­rekt star­ken Ein­fluss neh­men konn­te. Zusätz­lich wur­den dem Par­la­ment zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten ent­zo­gen, die Arbeit der Regie­rung zu kon­trol­lie­ren.

Sozialer Wandel und Protest

1999 ver­schwan­den drei der wich­tigs­ten Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker des Lan­des: Juri Zach­a­ren­ko, Vik­tor Gont­schar und Ana­to­lij Kra­sov­ski. Zeu­gen­be­rich­te legen nahe, dass sie von Spe­zi­al­ein­hei­ten des Geheim­diens­tes ent­führt und getö­tet wur­den. Die Lei­chen sol­len danach ver­scharrt oder ver­brannt wor­den sein. Wei­te­re Regime­geg­ner wie der Jour­na­list Ana­to­li Mais­en­ja oder der Poli­ti­ker Gen­na­di Kar­pen­ko star­ben plötz­lich unter mys­te­riö­sen Umstän­den. Der skru­pel­lo­se Umgang mit der Oppo­si­ti­on hat sich bis heu­te gehal­ten. Auf­stre­ben­de Oppositionspolitiker*innen kom­men in Haft, wer­den ins Exil getrie­ben oder zwangs­wei­se in die Psych­ia­trie ein­ge­wie­sen – eine Pra­xis, die noch aus Sowjet­zei­ten stammt und die von Dissident*innen »Straf­psych­ia­trie« genannt wird.

Zwei jun­ge Pro­tes­tie­ren­de unter­hal­ten sich: »Ich wur­de gebo­ren als Putin bereits Prä­si­dent war.« Und: »Die Mehr­heit der Ver­letz­ten wäh­rend der Pro­tes­te wur­den in der Luka­schen­kos Amts­zeit gebo­ren.« Illus­tra­ti­on: Vic­to­ria Lomas­ko

Trotz der staat­li­chen Repres­si­on kommt es nun zu Mas­sen­pro­tes­ten, die vie­le bis­her nicht für mög­lich gehal­ten hat­ten. Eine wich­ti­ge Ursa­che liegt in der Ver­än­de­rung des sozia­len Gefü­ges. Im Unter­schied zu Russ­land und der Ukrai­ne wur­den staat­li­che Indus­trien in Bela­rus nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on nicht pri­va­ti­siert. Für den auto­ri­tä­ren Staat ist das eine wich­ti­ge Mög­lich­keit, Kon­trol­le aus­zu­üben. Die Men­schen, deren Brot­er­werb vom Staat abhän­gig ist, kön­nen zur Loya­li­tät erpresst wer­den. Wer sich gegen das Regime enga­giert, dem kann als ers­te Kon­se­quenz mit der Nicht­aus­zah­lung von Prä­mi­en oder mit Job­ver­lust gedroht wer­den.

Durch die zuneh­men­de Inte­gra­ti­on des Lan­des in die glo­ba­li­sier­te Wirt­schaft arbei­ten jedoch mitt­ler­wei­le 40 bis 45 Pro­zent aller Beschäf­tig­ten in der Pri­vat­wirt­schaft. 60.000 Men­schen arbei­ten im IT-Sek­tor. Die Ideen von Programmier*innen sind zu einer wich­ti­gen Res­sour­ce des Pro­tests gewor­den. Die Web­sei­ten staat­li­cher Behör­den wur­den zuletzt immer wie­der gehackt. Apps zur Koor­di­na­ti­on der Wahl­be­ob­ach­tung wur­den ent­wi­ckelt. Dadurch wur­den die Aus­ma­ße der Fäl­schun­gen bei Luka­schen­kos ver­meint­li­chen Wahl­sieg deut­lich.

Der Staat hat weni­ger direk­te Ver­fü­gungs­ge­walt über Men­schen, die in der Pri­vat­wirt­schaft ange­stellt sind. So konn­te es in den letz­ten Jah­ren immer häu­fi­ger zu Pro­tes­ten kom­men. Es reg­te sich Wider­stand gegen den Bau eines Atom­kraft­werks an der litaui­schen Gren­ze. Es gab brei­te Pro­tes­te gegen die Ein­füh­rung einer soge­nann­ten Schma­rot­zer­steu­er, einer spe­zi­el­len Steu­er für Arbeits­lo­se und nicht offi­zi­ell Beschäf­tig­te.

Im Früh­jahr 2020 ergriff Luka­schen­ko im Grun­de kei­ne Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Coro­na-Pan­de­mie. Nach­dem die Schul­den des Staa­tes jah­re­lang ste­tig gestie­gen sind, hat­te die Regie­rung kei­ne Reser­ven mehr, um Hilfs­maß­nah­men zu finan­zie­ren. Der ris­kan­te Ver­zicht auf Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men war die bil­ligs­te Mög­lich­keit, der Rezes­si­on ent­ge­gen­zu­wir­ken. Somit trat aus­ge­rech­net in dem Jahr, in dem sich Luka­schen­ko zur Wie­der­wahl stell­te, offen zuta­ge, dass Sys­tem Luka­schen­ko nicht in der Lage ist, sei­ne Bürger*innen vor den Fol­gen einer Wirt­schafts- und Gesund­heits­kri­se zu schüt­zen.

Vertreter*innen der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Eli­te des Lan­des kün­dig­ten ihre Kan­di­da­tur gegen Luka­schen­ko an. Die zwei aus­sichts­reichs­ten Kan­di­da­ten Andrij Bar­ba­ri­ko und Ser­gej Tich­anow­ski wur­de inhaf­tiert und nicht zur Wahl zuge­las­sen. Valerij Cep­ka­lo, ein drit­ter unab­hän­gi­ger Kan­di­dat, war gezwun­gen, das Land zu ver­las­sen. Die drei Wahl­kampf­teams ver­ei­nig­ten sich um Swet­la­na Tich­anow­ska­ja. Die bis dahin völ­lig unbe­kann­te Ehe­frau des inhaf­tier­ten Ser­gej Tich­anow­ski trat mit dem ein­zi­gen Pro­gramm­punkt an, nach der Wahl einen demo­kra­ti­schen Macht­wech­sel ermög­li­chen zu wol­len.

Wahl­kam­pa­gnen bie­ten in Bela­rus die ein­zi­ge Mög­lich­keit, legal fried­li­chen Pro­test zu orga­ni­sie­ren, bei dem die Teil­neh­mer kei­ne mas­si­ve Poli­zei­ge­walt fürch­ten müs­sen. Die gut orga­ni­sier­ten Wahl­kampf­auf­trit­te Tich­anow­ska­jas wur­den so zu den ers­ten fried­li­chen Mas­sen­kund­ge­bun­gen gegen das Luka­schen­ko-Regime.

Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl kam es wie erwar­tet zu mas­si­ven Fäl­schun­gen. Luka­schen­ko wur­de mit 80 Pro­zent der Stim­men zum Sie­ger erklärt. Noch am glei­chen Abend gin­gen tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ße. Täg­lich kam es zu neu­en Pro­tes­ten, die zunächst bru­tal nie­der­ge­schla­gen wur­den. Tau­sen­de Men­schen ver­schwan­den für Tage oder Wochen. In den Mins­ker Unter­su­chungs­ge­fäng­nis­sen wur­den Pro­tes­tie­ren­de, Journalist*innen und vie­le Unbe­tei­lig­te in extrem über­be­leg­te Kam­mern ein­ge­sperrt (bis zu 50 Per­so­nen in einer Fünf-Per­so­nen-Kam­mer) und bru­tal miss­han­delt. Im Netz kur­sier­ten zahl­rei­che Fotos von Men­schen, deren Gesich­ter und Ober­schen­kel voll­kom­men blau geprü­gelt wur­den. Sechs Men­schen wur­den mut­maß­lich von Poli­zei­ein­hei­ten getö­tet. Zwei davon wur­den erhängt in abge­le­ge­nen Wald­stü­cken gefun­den.

Folter und Misshandlungen

In Reak­ti­on auf die Gewalt­ex­zes­se grün­de­ten sich Streik­ko­mi­tees in zahl­rei­chen staat­li­chen Betrie­ben, dar­un­ter auch in den größ­ten, etwa dem Trak­to­ren­werk, dem Bela­rus­si­schen Metall­werk und in einem Schwer­trans­por­ter-Werk. Das Regime war dadurch gezwun­gen, sich für die Gewalt­ex­zes­se zu ent­schul­di­gen. Fried­li­che Mas­sen­pro­tes­te wur­den mög­lich. Die Gewalt­ex­zes­se der Poli­zei wur­den zwi­schen­zeit­lich zwar weni­ger, jedoch ent­le­digt sich das Regime nach und nach wich­ti­ger Oppo­si­tio­nel­ler. Sie wer­den nach und nach inhaf­tiert oder ins Exil gezwun­gen. Auf einen kurz- bis mit­tel­fris­ti­gen Erfolg kann die Mas­sen­be­we­gung wohl eher nicht hof­fen.

Zwar brach­te Luka­schen­ko eine Ver­fas­sungs­re­form ins Gespräch. Doch hält ihn die Pro­test­be­we­gung nicht für einen zuver­läs­si­gen Ver­hand­lungs­part­ner. Zu Recht. Aus Luka­schen­kos poli­ti­scher Bio­gra­fie und aus der neu­er­li­chen mar­tia­li­schen Reak­ti­on auf die Pro­tes­te geht klar her­vor, dass er nicht kom­pro­miss­be­reit ist. Er wird kaum frei­wil­lig sein Amt oder nur einen Teil sei­ner Macht abge­ben.

Auch dass der Repres­si­ons­ap­pa­rat des Staa­tes Luka­schen­ko gegen­über illoy­al wird, ist nicht zu erwar­ten. Am 27. August gab Putin dem Luka­schen­ko-Regime eine Art Über­le­bens­ga­ran­tie. »Alek­san­dr [Luka­schen­ko] bat mich, eine Reser­ve an Ord­nungs­kräf­ten bereit zu stel­len. Ich habe das getan«, sag­te Russ­lands Prä­si­dent in einem Fern­seh­in­ter­view.

Zum Erhalt des Regimes sind Luka­schen­ko und Putin offen­bar bereit, wei­ter mas­siv Gewalt anzu­wen­den. Doch ist die Pro­test­be­we­gung gegen Luka­schen­ko so groß und hete­ro­gen, dass sie ihre Spu­ren im Land hin­ter­las­sen wird.

Lukas Latz

Lukas Latz ist Jour­na­list und Sozio­lo­ge.

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