[ak:] Memes als Verdrängungshilfe

Auf Face­book tum­melt sich eine ehe­mals lin­ke Bla­se, die Memes der Alt-Right-nahen Platt­form 4chan ver­wurs­tet

Ich bin damals in die radi­ka­le Lin­ke hin­ein­ge­ra­ten, weil ich ver­zwei­felt war. Mir waren die kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­se, und die Gewalt, die sie Men­schen zufüg­ten, die sich Men­schen in und auf­grund der Ver­hält­nis­se zufüg­ten, uner­träg­lich. Die herr­schen­den Umstän­de durch­schaut zu haben, ging für mich mit einem Schlag in die Magen­gru­be ein­her: Über­all erkennt man plötz­lich Ent­frem­dung, Aus­beu­tung, Ver­ro­hung, Unter­drü­ckung. Ich ent­wi­ckel­te einen schwer aus­halt­ba­ren Welt­schmerz, dem ich hoff­te mit­tels poli­ti­scher Arbeit bei­zu­kom­men. Für mich war die Aus­ein­an­der­set­zung mit Leid immer inte­gra­ler Bestand­teil anti­fa­schis­ti­scher und anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Poli­tik; schließ­lich war es jenes Leid, wel­ches das Stre­ben für die befrei­te Gesell­schaft zu been­den gedach­te (Zart wäre ein­zig das Gröbs­te: dass kei­ner mehr hun­gern soll).

Nun ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Leid, als auch dem ande­rer, psy­chisch recht anstren­gend und zer­mür­bend. Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass poli­ti­sche Aktivist*innen oft­mals mit psy­chi­schen Krank­hei­ten zu kämp­fen haben; und es ist zwin­gend not­wen­dig, einen ver­nünf­ti­gen Umgang mit den psy­chi­schen Aus­wir­kun­gen des eige­nen Akti­vis­mus zu fin­den.

Was zuneh­mend auf­fällt ist, dass sich vor allem jün­ge­re Män­ner inner­halb der lin­ken und post­links-anti­deut­schen Sze­ne sich dem Leid ande­rer jedoch nur noch in Form einer zyni­schen Distanz nähern kön­nen, und das eige­ne selbst kaum noch zulas­sen mögen. Wer einen Blick auf aktu­el­le lin­ke Meme-Sei­ten (1) wirft, wird mit einer Bild­spra­che kon­fron­tiert, die direkt aus dem Image­board 4chan stammt, das sich inner­halb der letz­ten Jah­re zu einem wich­ti­gen Forum für die Alt-Right ent­wi­ckelt hat. Zum einen wer­den kon­kret Memes und Meme-Vor­la­gen ver­wen­det, die auf 4chan ihren Ursprung fan­den. Popu­lär ist zum Bei­spiel ein Meme, in dem die Figur des »Wojack«, einem frus­trier­ten jun­gen Mann, der über einen Sach­ver­halt lamen­tiert, ihm gegen­über die Dar­stel­lung eines mas­ku­li­nen, bär­ti­gen »Chad«, also einer Ver­kör­pe­rung für hege­mo­nia­le Männ­lich­keit, der durch sei­ne Aus­sa­gen die Posi­ti­on des »Wojack« als infan­til und lächer­lich ent­larvt. Manch­mal wird das Meme auch mit einer geschlechts­spe­zi­fi­schen Kom­po­nen­te ver­wen­det, in der sich eine Frau und ein Chad gegen­über­ste­hen; auch hier nimmt der Chad die sou­ve­rä­ne und über­le­ge­ne Stel­lung ein.

Dass Memes ihren ursprüng­li­chen Sinn­ge­halt hin­ter sich las­sen, ist ihnen imma­nent, und es war abzu­se­hen, dass die im eher rech­ten oder liber­tä­ren 4chan-Kon­text eta­blier­ten Memes auch inner­halb lin­ker Struk­tu­ren ver­wen­det wer­den. Dass jedoch oft­mals ent­we­der unbe­wusst oder bewusst deren (patri­ar­cha­le, latent miso­gy­ne) Bild­spra­che repro­du­ziert wird, bleibt unre­flek­tiert.

Es sind nicht nur Memes, die aus dem 4chan-Kon­text adap­tiert wer­den, son­dern auch der dort omni­prä­sen­te Habi­tus: Zynis­mus, Iro­nie, Emo­ti­ons­lo­sig­keit, Bes­ser­wis­se­rei und das Ver­höh­nen von allem Unlieb­sa­men als »crin­gy«. Das Ver­schan­zen in die­ser zyni­schen Online-Bla­se ist mei­nes Erach­tens nach ein Umgang mit dem Schmerz, den das Leben als Kommunist*in unwei­ger­lich mit sich bringt: anstatt offen über sein Leid zu spre­chen, wird es abge­spal­ten. Es ist natür­lich nicht ver­wun­der­lich, dass die­se Bla­se aus 4chan-Lin­ken pri­mär männ­lich ist, denn in der männ­li­chen Sozia­li­sa­ti­on ist das Zulas­sen von oder gar das Spre­chen über Gefüh­le nicht vor­ge­se­hen.

Die Insze­nie­rung als abge­klär­ter und abge­stumpf­ter Post­lin­ker, der es inzwi­schen bes­ser weiß als die infan­ti­len Anti­fa-Kids, ist wich­ti­ger gewor­den als die Über­win­dung kapi­ta­lis­ti­scher Sach­zwän­ge. Dies führt unwei­ger­lich zu einer Ver­ro­hung auch im Pri­va­ten: der Umgang unter­ein­an­der ist her­ab­las­send und beleh­rend, man ver­hält sich weni­ger wie ein soli­da­ri­scher Genos­se anstatt wie Klas­sen­stre­ber und Schul­hof­bul­ly in einem. Es ist nach­voll­zieh­bar, dass man Lei­der­fah­run­gen von sich abspal­tet, aber es för­dert eine Kul­tur von Chau­vi­nis­mus und zwi­schen­mensch­li­cher Käl­te. Die­se Män­ner schaf­fen es, mit ihrem Pseu­do­wis­sen über kri­ti­sche Theo­rie hau­sie­ren zu gehen, haben die­se aber anschei­nend nie­mals ver­stan­den, sonst wür­den sie anders den­ken und han­deln.

Veronika Kracher

Vero­ni­ka Kra­cher arbei­tet zum Ver­hält­nis von Anti­se­mi­tis­mus und Anti­fe­mi­nis­mus, zur Alt-Right, zu Online-Rechts­ra­di­ka­lis­mus und vor allem zur Incel-Com­mu­ni­ty. Ihr Buch zu Incels erscheint Ende Sep­tem­ber 2020 im Ven­til-Ver­lag.

Anmer­kung
1) Bei Memes han­delt es sich um (vor allem) online ver­brei­te­te Mani­fes­tie­run­gen eines Kul­tur­phä­no­mens – vira­le Bil­der oder Vide­os sind Bei­spie­le für Memes.

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