[ak:] Plötzlich Proimperialistisch

Geht es um Russ­land und den Wes­ten, ver­lie­ren man­che Lin­ke regel­mä­ßig die Ner­ven und den poli­ti­schen Kom­pass

Es gibt Oppo­si­tio­nel­le, die ver­schwin­den, wer­den ver­gif­tet oder ermor­det – und Reak­tio­nen aus der Poli­tik blei­ben weit­ge­hend aus. Dazu gehö­ren vor­nehm­lich Oppo­si­tio­nel­le, die von Nato-Staa­ten zum Schwei­gen gebracht wer­den. Men­schen wie Saki­ne Can­siz, die gemein­sam mit zwei wei­te­ren kur­di­schen Akti­vis­tin­nen 2013 in Paris ermor­det wur­de, mut­maß­lich vom tür­ki­schen Geheim­dienst. Oder die tür­ki­schen Kommunist*innen der TKP-ML, die in Mün­chen meh­re­re Jah­re lang im Knast saßen, obwohl sie weder einer in Deutsch­land ver­bo­te­nen Orga­ni­sa­ti­on ange­hör­ten, noch eine Straf­tat began­gen hat­ten.

Und dann gibt es Oppo­si­tio­nel­le, deren Able­ben oder Ver­let­zun­gen für gro­ßes Getö­se sor­gen. Zu die­ser Sor­te gehört der ver­gif­te­te rus­si­sche Oppo­si­tio­nel­le Ale­xei Nawal­ny, der vor eini­gen Tagen in der Ber­li­ner Cha­ri­té aus dem künst­li­chen Koma erwacht ist.

Die­ses gehö­ri­ge Maß an Dop­pel­mo­ral in Sachen Skan­da­li­sie­rung von Men­schen­rechts­ver­stö­ßen liegt dar­in begrün­det, dass die Regie­run­gen die­ser Welt zum Anpran­gern von Repres­sio­nen und Ein­for­dern von Demo­kra­tie ein eher funk­tio­na­les Ver­hält­nis haben: Die Beur­tei­lung der Men­schen­rechts­la­ge eines Staa­tes durch einen ande­ren hängt von den Bezie­hun­gen zuein­an­der ab. Dass der Wer­te­wes­ten gut und der Schur­ken­os­ten böse sei, ist ele­men­ta­rer Teil der Ideo­lo­gie der Nato-Staa­ten: Wäh­rend einem US-ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten wie Barack Oba­ma trotz Droh­nen­krieg in Afgha­ni­stan und der Wei­ter­füh­rung des Fol­ter­la­gers Guan­ta­na­mo der Frie­dens­no­bel­preis ver­lie­hen wur­de, gal­ten rus­si­sche Staats­leu­te im Wes­ten den meis­ten schon immer als Böse­wich­te.

Lin­ke soll­ten die­se Bigot­te­rie benen­nen, kri­ti­sie­ren, sich aber hüten, Par­tei auf der Sei­te irgend­wel­cher Macht­blö­cke zu ergrei­fen.

Lin­ke soll­ten die­se Bigot­te­rie benen­nen, kri­ti­sie­ren, sich aber hüten, Par­tei auf der Sei­te irgend­wel­cher Macht­blö­cke zu ergrei­fen. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Kapi­tal­frak­tio­nen und geo­po­li­tisch kon­kur­rie­ren­den impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten müs­sen uns inter­es­sie­ren, doch posi­ti­ve Bezugs­punk­te soll­ten immer fort­schritt­li­che Kräf­te und die Kämp­fe von Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten in den jewei­li­gen Staa­ten sein – und nie­mals ihre Regie­run­gen.

Lei­der ver­lie­ren aber Tei­le der Lin­ken, wenn es um Kon­flik­te zwi­schen Russ­land und dem »Wes­ten« geht, regel­mä­ßig die Ner­ven und den poli­ti­schen Kom­pass. Und so durch­zieht seit der Ver­gif­tung Nawal­nys mal wie­der ein Streit die Lin­ke: »Ihr bestärkt die Kriegs­trei­be­rei gegen Russ­land!«, rufen die einen, in der Links­par­tei for­dern nicht weni­ge den Wei­ter­bau von Nord Stream 2 – der zusätz­li­chen Gas­pipe­line, die Euro­pa mit rus­si­schem Gas ver­sor­gen soll. »Ihr ver­harm­lost Putin!«, rufen die ande­ren zurück – vie­le von ihnen for­dern den Abbruch der Bau­ar­bei­ten an der fast fer­tig­ge­stell­ten Pipe­line als Druck­mit­tel gegen Putin in Sachen Nawal­ny. Was ins­be­son­de­re des­halb komisch anmu­tet, da es sich bei Nawal­ny nicht um einen lin­ken oder wenigs­tens libe­ra­len Oppo­si­tio­nel­len han­delt, son­dern um jeman­den, der sich selbst als Natio­na­lis­ten bezeich­net und regel­mä­ßig an der Sei­te von Faschist*innen und Antisemit*innen an natio­na­lis­ti­schen Auf­mär­schen teil­nimmt.

Bei­de Sei­ten in die­sem Streit machen sich auf die Suche nach der Wahr­heit und der mora­lisch rich­ti­gen Posi­ti­on in Mos­kau, Washing­ton oder Ber­lin. Sie wer­den nicht fün­dig wer­den, denn Staa­ten sind Macht- und nicht Moral­in­stru­men­te. Wer Nawal­ny ver­gif­tet hat und war­um, wird viel­leicht nie ans Tages­licht kom­men – und es ist auch frag­lich, wel­che Rele­vanz die­se Fra­gen für Lin­ke eigent­lich haben.

Umso wich­ti­ger wäre dafür die Suche nach den mate­ri­el­len Ursa­chen für die Zuspit­zung zwi­schen dem »Wes­ten« und Russ­land. Sie lie­gen einer­seits im geo­po­li­ti­schen Rin­gen um umkämpf­te Län­der wie die Ukrai­ne oder Syri­en und um Ein­fluss­nah­me auf Län­der wie Weiß­russ­land begrün­det – und ande­rer­seits im damit ver­wo­be­nen Wett­streit zwi­schen rus­si­schen, US-ame­ri­ka­ni­schen, deut­schen und ande­ren Kapi­tal­frak­tio­nen. Es geht, kurz gesagt, um den Impe­ria­lis­mus und genau­er gesagt um den Wett­streit ver­schie­de­ner impe­ria­lis­ti­scher Staa­ten. Und übri­gens: Ja, auch Russ­land ist ein impe­ria­lis­ti­scher Staat, egal wel­che lin­ke Impe­ria­lis­mus­de­fi­ni­ti­on man her­an­zieht, ob Lenin, Luxem­burg oder Kaut­sky.

Anselm Schindler

Anselm Schind­ler schreibt in ak regel­mä­ßig über den Krieg in Syri­en, er ist in der Kam­pa­gne Make Roja­va Green Again aktiv.

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