[ak:] Strategien gegen einen Corona-Kapitalismus

Ulrich Brand erör­tert in sei­nem neu­en Buch Wege zum Post-Wachs­tum und zum Auf­bau von Gegen-Hege­mo­nie

Die Kli­ma- und Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung haben die Dring­lich­keit der Kli­ma­kri­se und die Not­wen­dig­keit von Alter­na­ti­ven in das all­ge­mei­ne poli­ti­sche Bewusst­sein geho­ben. Poli­ti­sche Erfol­ge im Sin­ne einer Über­set­zung in ansatz­wei­se der Kri­se ange­mes­se­ne Geset­ze blie­ben in den letz­ten Mona­ten trotz­dem aus. Um nicht resi­gniert in einen auto­ri­tä­ren, auf grü­nes Wachs­tum set­zen­den Coro­na-Kapi­ta­lis­mus zu steu­ern, ist das Ver­ständ­nis von Hege­mo­nie sehr hilf­reich. Ulrich Brand zeigt in sei­nem neu­en Buch »Post-Wachs­tum und Gegen-Hege­mo­nien« Stra­te­gien auf, die Hoff­nung geben.

Das Buch ver­bin­det eine Aus­wahl von Bei­trä­gen zu unter­schied­li­chen The­men, die der Autor, der den Begriff der impe­ria­len Lebens­wei­se zusam­men Mar­kus Wis­sen geprägt hat, zwi­schen 2012 und 2020 geschrie­ben hat. Es zu lesen, lohnt sich bereits für die drei aktu­ell ver­fass­ten Tex­te. Brand ana­ly­siert die Coro­na-Kri­se und zeigt die Ver­bin­dungs­li­ni­en zu den ande­ren aku­ten Kri­sen von Kli­ma, Care-Arbeit, der Demo­kra­tie und der Poli­tik durch eine stär­ker wer­den­de Rech­te auf. Die­se sei­en Aus­druck des vor­herr­schen­den Ver­hält­nis­ses unse­rer Gesell­schaf­ten zur Natur. Brand fragt jedoch, was aus der Coro­na-Kri­se gelernt wer­den kann, und zeigt auf, wie lin­ke Poli­tik zur Bekämp­fung der Kri­sen aus­se­hen könn­te. Hier schlägt der Autor vor, die Per­spek­ti­ve von Post-Wachs­tum ein­zu­neh­men, die­se mit einem brei­ten poli­ti­schen Pro­jekt (Lin­ker Green New Deal) zu kom­bi­nie­ren und mit »Demo­kra­ti­schem Öko-Sozia­lis­mus« auch ein per­spek­ti­vi­sches poli­ti­sches Pro­jekt zu ent­wer­fen.

Ein wich­ti­ges Ele­ment auf die­sem Weg ist das Anknüp­fen an Erfah­run­gen, per­sön­lich, aber auch his­to­risch und gesell­schaft­lich. Ein Abschnitt des Buchs ver­sam­melt Bei­trä­ge mit Ana­ly­sen zu Latein­ame­ri­ka. Sie unter­strei­chen, wie wert­voll es ist, von den Erfah­run­gen sozia­ler Bewe­gun­gen mit den soge­nann­ten pro­gres­si­ven Regie­run­gen in Latein­ame­ri­ka zu ler­nen. Der letz­te, sehr theo­re­ti­sche, den­noch gut les­ba­re Bei­trag im Buch erör­tert Staat­lich­keit aus einer neo­mar­xis­ti­schen Per­spek­ti­ve. Mit Blick auf Erfah­run­gen aus Boli­vi­en plä­diert der Autor dafür, dass der Staat Teil sich ver­än­dern­der Hege­mo­nie sein muss. Was ein kri­ti­sches und dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis von Staat­lich­keit, Poli­tik und Hege­mo­nie aus­macht, erklärt Brand mit Bezug auf Nicos Pou­lant­z­as und Anto­nio Gram­sci. Die Hege­mo­nie haben herr­schen­de Grup­pen und Klas­sen inne, wenn sie ihre Inter­es­sen als All­ge­mein­in­ter­es­se ver­mit­teln kön­nen. Das heißt, dass die Beherrsch­ten den kapi­ta­lis­tisch-impe­ria­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen zustim­men und die­se als alter­na­tiv­los emp­fin­den.

Im Sin­ne einer kri­ti­schen Wis­sens­pro­duk­ti­on bezieht sich Brand offen auf Ana­ly­sen und Ideen, die von Men­schen aus unter­schied­li­chen Regio­nen und Kon­tex­ten kom­men. Beim »Coro­na-Kapi­ta­lis­mus« stützt sich der Ver­fas­ser auf die kana­di­sche Jour­na­lis­tin Nao­mi Klein, die damit eine Bear­bei­tung der Kri­se im Inter­es­se der Wohl­ha­ben­den und natur­zer­stö­re­ri­schen Wirt­schafts­bran­chen meint. Brands Ana­ly­se der aktu­el­len Ten­den­zen machen deut­lich, war­um es jetzt erst recht not­wen­dig ist, alter­na­ti­ve Ent­wick­lun­gen zu erkämp­fen. Dafür zeich­net er ein Pro­jekt für Kli­ma­ge­rech­tig­keit und Frei­heit. Für ein sol­ches müss­ten lin­ke Bewe­gun­gen ihr stra­te­gi­sches Ver­hält­nis zum Staat über­den­ken. Hier­bei bezieht er sich auf die tref­fen­den Ana­ly­sen der Bewe­gungs­ak­teu­rin Doro­thee Häu­ßer­mann zum Umgang der lin­ken Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung mit dem Sys­tem­wan­del.

Die Bei­trä­ge sind eine gelun­ge­ne Zusam­men­stel­lung unter­schied­li­cher Kon­zep­te, The­men und Ana­ly­se­e­be­nen. Leser*innen kön­nen das Kon­zept der impe­ria­len Lebens- und Pro­duk­ti­ons­wei­se ken­nen­ler­nen oder sich mit Über­le­gun­gen zu Bil­dung, der Enquete-Kom­mis­si­on oder Gewerk­schaf­ten beschäf­ti­gen. Der Arti­kel »Tra­de Uni­ons for Future« ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie Brand in sei­nen Ana­ly­sen his­to­ri­sche Bezü­ge her­stellt. Grund­sätz­lich posi­tiv zu beto­nen ist außer­dem, dass die Errun­gen­schaf­ten von etwa femi­nis­ti­schen Kämp­fen Aner­ken­nung fin­den. Alle, die Stra­te­gien zum Errei­chen einer soli­da­ri­schen Lebens­wei­se dis­ku­tie­ren (wol­len), kön­nen in dem Buch Inspi­ra­ti­on und zahl­rei­che Anknüp­fungs­punk­te fin­den.

Evelyn Linde

Eve­lyn Lin­de ist in der Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung aktiv und arbei­tet als poli­ti­sche Bild­ne­rin zur Digi­ta­li­sie­rung.

Ulrich Brand: Post-Wachs­tum und Gegen-Hege­mo­nie. Kli­ma­st­reiks und Alter­na­ti­ven zur impe­ria­len Lebens­wei­se. VSA-Ver­lag, Ham­burg 2020. 256 Sei­ten, 16,80 EUR.

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