[gfp:] Das deutsch-emiratische Sturmgewehr

Entscheidung für C. G. Haenel

Die Thü­rin­ger Waf­fen­schmie­de C. G. Haen­el hat den Auf­trag zur Her­stel­lung des neu­en Sturm­ge­wehrs der Bun­des­wehr erhal­ten. Dies hat das Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ges­tern bestä­tigt. Bei der Waf­fe han­delt es sich laut Berich­ten um den Maschi­nen­ka­ra­bi­ner MK556, der in einer halb­au­to­ma­ti­schen Ver­si­on (CR223) bereits von der säch­si­schen Poli­zei genutzt wird.[1] Haen­el soll davon 120.000 Stück lie­fern; der Kauf­preis wird aktu­ell auf eine Vier­tel­mil­li­ar­de Euro bezif­fert. Nicht zum Zuge kommt Heck­ler & Koch, ein Tra­di­ti­ons­lie­fe­rant der Bun­des­wehr, der bereits seit 1959 deren Stan­dard­waf­fe pro­du­zier­te – zunächst das G3, dann das G36. Letz­te­res soll, so hat es die dama­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en im Jahr 2015 ent­schie­den, aus­ge­mus­tert wer­den, weil es angeb­lich bei Dau­er­feu­er und in hei­ßen Kli­ma­zo­nen nicht ziel­ge­nau trifft. Der Beschluss hat lan­ge für Debat­ten gesorgt, nicht zuletzt, weil aus der Bun­des­wehr immer wie­der bekräf­tigt wur­de, man habe in Gefech­ten kei­ner­lei nega­ti­ve Erfah­run­gen mit der Waf­fe gemacht.[2]

„ITAR free“

Die Ent­schei­dung gegen Heck­ler & Koch ist auch des­halb bemer­kens­wert, weil der Obern­dor­fer Waf­fen­her­stel­ler meh­re­re euro­päi­sche Streit­kräf­te belie­fert und Beob­ach­ter dar­in eine gewis­se „Har­mo­ni­sie­rung“ auf dem Kon­ti­nent erken­nen woll­ten, wie sie poli­tisch im Grund­satz ange­strebt wird. So wird das Heck­ler & Koch-Sturm­ge­wehr HK416 von den Streit­kräf­ten Nor­we­gens und Frank­reichs als Stan­dard­waf­fe genutzt; Spe­zi­al­kräf­te Groß­bri­tan­ni­ens und Polens haben es eben­so in Ver­wen­dung wie das deut­sche Kom­man­do Spe­zi­al­kräf­te (KSK) oder die Kampf­schwim­mer der Bun­des­wehr. Die Waf­fe habe sich „zum euro­päi­schen Sturm­ge­wehr gemau­sert“, heißt es bei Heck­ler & Koch.[3] Der Bun­des­wehr-Tra­di­ti­ons­lie­fe­rant galt bei der Aus­schrei­bung für die G36-Nach­fol­ge­waf­fe auch des­halb zunächst als Favo­rit, weil das Sturm­ge­wehr den Anfor­de­run­gen zufol­ge „ITAR free“ sein soll; damit gemeint ist der Ver­zicht auf US-Bau­tei­le, deren Nut­zung zur Ein­hal­tung der US-Rüs­tungs­ex­port­be­stim­mun­gen („Inter­na­tio­nal Traf­fic in Arms Regu­la­ti­ons“, ITAR) ver­pflich­tet. Auf die Aus­schrei­bung pas­sen­de Waf­fen pro­mi­nen­ter Heck­ler & Koch-Kon­kur­ren­ten, etwa Sig­Sau­er, ent­hal­ten US-Kom­po­nen­ten. „ITAR free“, erläu­ter­te kürz­lich ein Rüs­tungs­ex­per­te, „gilt in Euro­pas Rüs­tungs­bran­che und Poli­tik inzwi­schen als Zei­chen für Selbst­be­wusst­sein, Selbst­be­stim­mung und die Suche nach Souveränität“.[4]

Merkwürdige Verflechtungen

Unge­wiss ist, ob die Zurück­wei­sung des Heck­ler & Koch-Ange­bots mit merk­wür­di­gen Vor­gän­gen in der Eigen­tü­mer­struk­tur der Obern­dor­fer Waf­fen­schmie­de zu tun hat. Bei die­ser hat Mit­te Juli die Finanz­hol­ding CDE (Com­pa­gnie de Déve­lo­p­pe­ment de l’Eau) aus Luxem­burg rund 60 Pro­zent über­nom­men und den deut­schen Inves­tor Andre­as Heeschen als Mehr­heits­ei­gen­tü­me­rin abge­löst. Heeschen hat­te mit recht dubio­sen Geschäf­ten wohl dazu bei­getra­gen, dass Heck­ler & Koch tief in Schul­den geriet; zudem hat­te er im Jahr 2015 der CDE gegen ein umfang­rei­ches Dar­le­hen Akti­en verpfändet.[5] Hin­ter der CDE wie­der­um steht der fran­zö­si­sche Inves­tor Nico­las Walew­ski, der behaup­tet, ein Nach­fah­re Napo­le­on Bona­par­tes zu sein; die Finanz­hol­ding, die laut Aus­sa­ge von Heeschen von einer Off­shore-Fir­ma auf der Kari­bik­in­sel Bar­ba­dos kon­trol­liert wird [6], ist Heck­ler & Koch seit gerau­mer Zeit über per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen ver­bun­den gewe­sen: So gehört dem CDE-Ver­wal­tungs­rat mit dem Finanz­ex­per­ten Nico­las Bock­landt ein lang­jäh­ri­ges Auf­sichts­rats­mit­glied der Obern­dor­fer Waf­fen­schmie­de an. Die Über­nah­me der Mehr­heits­an­tei­le in Obern­dorf wur­de der CDE erst nach mehr­jäh­ri­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen erlaubt, in deren Ver­lauf Medi­en berich­te­ten, der BND habe die undurch­sich­ti­gen Struk­tu­ren der Finanz­hol­ding in äußerst peni­bler Wei­se über­prüft. Nach der Mehr­heits­über­nah­me durch die CDE kün­dig­te Heck­ler & Koch an, der ehe­ma­li­ge Geheim­dienst­ko­or­di­na­tor im Bun­des­kanz­ler­amt Klaus-Die­ter Frit­sche wer­de in den Auf­sichts­rat der Waf­fen­schmie­de ein­tre­ten. Frit­sche hat­te zuletzt öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen, als bekannt wur­de, dass er sich im August 2019 im Kanz­ler­amt für Wire­card ein­ge­setzt hatte.[7] Wire­card-Akti­en in grö­ße­rem Umfang hielt nicht zuletzt der heu­ti­ge Heck­ler & Koch-Mehr­heits­ei­gen­tü­mer Walew­ski.

Caracal Germany

Mit C. G. Haen­el kommt nicht nur ein Her­stel­ler zum Zug, der bereits die Spe­zi­al­kräf­te der Bun­des­wehr mit dem Scharf­schüt­zen­ge­wehr G29 aus­stat­tet, son­dern auch einer, der sich im Besitz eines Rüs­tungs­kon­glo­me­rats aus den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten befin­det. Haen­el gehört zur emi­ra­ti­schen Cara­cal Inter­na­tio­nal, einem Schuss­waf­fen­her­stel­ler, der zunächst von der eben­falls emi­ra­ti­schen Tawa­zun Hol­ding über­nom­men wur­de; die­se ist in deut­schen Rüs­tungs­krei­sen bekannt, seit sie im Novem­ber 2007 ein Joint Ven­ture mit Rhein­me­tall zum Bau einer Muni­ti­ons­fa­brik in den Emi­ra­ten grün­de­te (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [8]). Inzwi­schen ist Cara­cal nach meh­re­ren Umgrup­pie­run­gen in der emi­ra­ti­schen Rüs­tungs­in­dus­trie in der EDGE Group mit Sitz in Abu Dha­bi auf­ge­gan­gen; Haen­el fir­miert dort als „Cara­cal Germany“.[9] Die EDGE Group wie­der­um wur­de Ende ver­gan­ge­nen Jah­res in dem Bestre­ben gegrün­det, der – noch – eher schwa­chen emi­ra­ti­schen Rüs­tungs­bran­che einen neu­en Auf­trieb zu ver­lei­hen. Ähn­li­che Bemü­hun­gen um den Auf­bau einer eige­nen Rüs­tungs­in­dus­trie fin­den auch in Sau­di-Ara­bi­en statt – bis vor kur­zem unter maß­geb­li­cher Mit­wir­kung eines Ex-Spit­zen­ma­na­gers von Rheinmetall.[10]

Deutsch-emiratische Rüstungskooperation

Mit dem Auf­trag an Haen­el bzw. Cara­cal Ger­ma­ny, das neue Stan­dard-Sturm­ge­wehr für die Bun­des­wehr zu bau­en, ver­dich­ten sich die deutsch-emi­ra­ti­schen Rüs­tungs­be­zie­hun­gen wei­ter. Sie grün­den nicht nur dar­auf, dass die Emi­ra­te seit Jah­ren zu den bedeu­tends­ten Kun­den deut­scher Rüs­tungs­kon­zer­ne gehören.[11] Im Jahr 2011 betei­lig­te sich der emi­ra­ti­sche Staats­fonds Aabar an der Grün­dung der Fir­ma Rhein­me­tall Algé­rie, die Rad­pan­zer „Fuchs“ für die alge­ri­schen Streit­kräf­te mon­tiert. Ein Jahr spä­ter wirk­te er an der Grün­dung der Fir­ma SAPPL-MB mit, die – eben­falls für das alge­ri­sche Heer – Daim­ler-Mili­tär-Lkw fertigt.[12] Im Jahr 2011 über­nahm außer­dem die Pri­vin­vest Group mit Sitz in Abu Dha­bi und Bei­rut einen Teil der HDW in Kiel, der dann zunächst unter dem Fir­men­na­men Abu Dha­bi Mar Kiel zwei MEKO A200-Fre­gat­ten für die alge­ri­sche Mari­ne bau­te, bevor er sich spä­ter, im Früh­jahr 2015, in Ger­man Naval Yards Kiel umbe­nann­te. Die Ursa­che: Die im Besitz von Pri­vin­vest befind­li­che Werft bemüh­te sich um den Auf­trag zum Bau von vier Kor­vet­ten für Isra­els Mari­ne, woll­te das jedoch, da die Emi­ra­te damals den Staat Isra­el noch nicht aner­kann­ten, unter einem nach außen unver­däch­ti­gen Namen tun. Ger­man Naval Yards Kiel, von Abu Dha­bi aus kon­trol­liert, hat den Auf­trag erhal­ten. Die ers­te der Kor­vet­ten hat ihre ers­ten Pro­be­fahr­ten bereits hin­ter sich und soll kom­men­des Jahr in Betrieb genom­men werden.[13] Ger­man Naval Yards Kiel arbei­tet auch für die deut­sche Mari­ne und soll etwa am Bau des mil­li­ar­den­schwe­ren Mehr­zweck­kampf­schiffs MKS 180 betei­ligt wer­den.

[1] Tho­mas Wie­gold: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um bestä­tigt: Haen­el soll neu­es Sturm­ge­wehr für die Bun­des­wehr lie­fern (m. Ergän­zun­gen). augen​ge​ra​de​aus​.net 15.09.2020.

[2] Sol­da­ten haben kei­ne Pro­ble­me mit dem Sturm­ge­wehr. wiwo​.de 14.10.2015.

[3] State­ment zur Ver­ga­be­ent­schei­dung der Bun­des­wehr. Pres­se­mit­tei­lung von Heck­ler & Koch. Obern­dorf, 15.09.2020.

[4] Ger­hard Heg­mann: ITAR free – So will sich Euro­pas Mili­tär vom US-Dik­tat befrei­en. welt​.de 06.08.2020.

[5] Ex-Gene­ral Kujat gibt als Auf­sichts­rats­chef bei Heck­ler & Koch auf. han​dels​blatt​.com 31.07.2020.

[6] Tho­mas Wie­gold: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um bestä­tigt: Haen­el soll neu­es Sturm­ge­wehr für die Bun­des­wehr lie­fern (m. Ergän­zun­gen). augen​ge​ra​de​aus​.net 15.09.2020.

[7] S. dazu Der Fall Wire­card (II).

[8] S. dazu Die Schlacht um Al Huday­dah (II).

[9] cara​cal​.ae/​s​u​b​s​i​d​i​a​r​ies.

[10] S. dazu Man schießt deutsch und Busi­ness as usu­al.

[11] S. dazu Ara­bi­sche Waf­fen­brü­der.

[12] S. dazu Flücht­lings­ab­wehr in Nord­afri­ka (I).

[13] S. dazu Die Schlacht um Al Huday­dah (II).

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