[gfp:] Geschäft statt Entkopplung

Verhandlungsfortschritte

In den Ver­hand­lun­gen über das Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men zwi­schen der EU und Chi­na hät­ten zuletzt wich­ti­ge Fort­schrit­te erzielt wer­den kön­nen, heißt es in einer gemein­sa­men Pres­se­er­klä­rung, die EU-Rats­prä­si­dent Charles Michel, EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en und, im Namen der Ber­li­ner EU-Rats­prä­si­dent­schaft, Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel nach der gest­ri­gen Video­kon­fe­renz mit Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping kon­sta­tier­ten. Dabei gehe es um „Fort­schrit­te bei den Ver­hal­tens­re­geln für Staats­un­ter­neh­men, in Bezug auf den erzwun­ge­nen Tech­no­lo­gie­trans­fer und die Trans­pa­renz von Subventionen“.[1] Offe­ne Fra­gen gebe es noch bei den „Pro­ble­men des glei­chen Markt­zu­gangs und der nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung“; auf die­sen bei­den Fel­dern müs­se „drin­gend … wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­den“. Die gest­ri­gen Gesprä­che sei­en zudem „wich­tig“ gewe­sen, heißt es wei­ter, „um die Dyna­mik des hoch­ran­gi­gen Aus­tau­sches zwi­schen der EU und Chi­na auf­recht zu erhal­ten“. Man habe schar­fe Kri­tik an der „Aus­höh­lung der Grund­rech­te und ‑frei­hei­ten“ in Hong­kong sowie der „Behand­lung von eth­ni­schen und reli­giö­sen Min­der­hei­ten“ in der Volks­re­pu­blik geübt. Den­noch wol­le man nicht nur das Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men bis Jah­res­en­de unter Dach und Fach brin­gen, son­dern auch „die Gesprä­che über die Stra­te­gi­sche Agen­da 2025“ fort­füh­ren, die „die Zusam­men­ar­beit zwi­schen der EU und Chi­na“ bün­deln soll. Der ursprüng­lich geplan­te EU-Chi­na-Gip­fel, der pan­de­mie­be­dingt abge­sagt wer­den muss­te, soll nächs­tes Jahr nach­ge­holt wer­den.

Der mit Abstand größte Markt

Mit sei­nem Bestre­ben, die Arbei­ten an dem EU-Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men mit Chi­na noch die­ses Jahr zum Abschluss zu brin­gen, folgt Brüs­sel For­de­run­gen von Unter­neh­men aus diver­sen EU-Staa­ten, ins­be­son­de­re aus Deutsch­land. Hin­ter­grund ist nicht nur, dass die Volks­re­pu­blik als Absatz­markt deut­scher Fir­men eine immer grö­ße­re Bedeu­tung erhält. Tat­säch­lich hat sie in den ers­ten sie­ben Mona­ten des lau­fen­den Jah­res, beschleu­nigt durch die Covid-19-Pan­de­mie, die in Euro­pa und in Nord­ame­ri­ka weit­aus schlim­me­re Fol­gen zei­tigt als in Chi­na, Frank­reich als zweit­größ­tes Ziel­land deut­scher Expor­te abge­löst und könn­te, wie es in einer Ana­ly­se des Köl­ner Insti­tuts der Deut­schen Wirt­schaft (IW) heißt, schon gegen Jah­res­en­de „die neue Num­mer eins“ unter den Absatz­märk­ten der Bun­des­re­pu­blik werden.[2] Zudem gewinnt die Volks­re­pu­blik wei­ter an Attrak­ti­vi­tät als Pro­duk­ti­ons­stand­ort für den chi­ne­si­schen Markt, der mit etwa 1,4 Mil­li­ar­den poten­zi­el­len Kun­den die­je­ni­gen der EU (rund 450 Mil­lio­nen Ein­woh­ner) und der Ver­ei­nig­ten Staa­ten (330 Mil­lio­nen Ein­woh­ner) zusam­men­ge­nom­men um mehr als die Hälf­te über­trifft. Dem chi­ne­si­schen Wachs­tum ver­dan­ken euro­päi­sche Unter­neh­men teil­wei­se bei­spiel­lo­se Pro­fi­te. So konn­ten laut einer Umfra­ge der Euro­pean Cham­ber of Com­mer­ce in Chi­na 39 Pro­zent ihrer Mit­glieds­fir­men im ver­gan­ge­nen Jahr ein Umsatz­wachs­tum von bis zu 20 Pro­zent erzie­len; elf Pro­zent erreich­ten sogar noch höhe­re Wachstumsraten.[3]

Mediales Bild und ökonomische Realität

Ent­spre­chend bestä­tigt die Umfra­ge der Euro­pean Cham­ber of Com­mer­ce in Chi­na Berich­te nicht, die in deut­schen Medi­en zur Zeit kol­por­tiert wer­den – Berich­te, denen zufol­ge sich west­li­che Fir­men aktu­ell inten­siv bemüh­ten, ihre Pro­duk­ti­ons­stät­ten aus Chi­na in ande­re Staa­ten zu ver­le­gen, etwa in Län­der des süd­ost­asia­ti­schen Staa­ten­bun­des ASEAN oder nach Indi­en. Tat­säch­lich gilt dies im Wesent­li­chen für die­je­ni­gen Fir­men, die in Chi­na schon lan­ge zu nied­rigs­ten Löh­nen für die Aus­fuhr in alle Welt pro­du­zie­ren. Bereits vor Jah­ren haben nicht weni­ge von ihnen begon­nen, sich in Län­dern wie Viet­nam oder Kam­bo­dscha um den Auf­bau neu­er Fabri­ken zu bemü­hen, weil die Löh­ne in Chi­na stei­gen, wäh­rend sie in Süd­ost­asi­en noch deut­lich nied­ri­ger sind. Wie die Euro­pean Cham­ber of Com­mer­ce in Chi­na kon­sta­tiert, hält die über­wie­gen­de Mehr­heit ihrer Mit­glie­der an ihren Akti­vi­tä­ten in der Volks­re­pu­blik jedoch fest; Unter­neh­men, die in Chi­na für den rie­si­gen chi­ne­si­schen Markt pro­du­zie­ren, sind ten­den­zi­ell sogar bemüht, die Vor-Ort-Pro­duk­ti­on noch zu vertiefen.[4] Selbst im Febru­ar, als die Covid-19-Pan­de­mie in Chi­na am schlimms­ten wüte­te, dach­ten der Han­dels­kam­mer zufol­ge nur elf Pro­zent der Fir­men aus der EU dar­über nach, in Chi­na geplan­te Inves­ti­tio­nen in ande­re Län­der umzu­len­ken; ihre Zahl habe seit­dem, so heißt es, gewiss nicht zuge­nom­men. Ex-Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Rudolf Schar­ping, heu­te Stra­te­gie­be­ra­ter für deut­sche Unter­neh­men in Chi­na, urteilt: „Es gibt einen Unter­schied zwi­schen dem media­len, vor allem poli­tisch gepräg­ten Bild des Ver­hält­nis­ses [der EU zu Chi­na] und der [öko­no­mi­schen] Realität“.[5]

„Systemischer Rivale“

Dabei posi­tio­niert sich die EU – im Bestre­ben, ihren Welt­macht­an­spruch gegen das auf­stei­gen­de Chi­na durch­zu­set­zen – tat­säch­lich auch offen­siv gegen Bei­jing. Heißt es etwa in der EU-Chi­na­stra­te­gie vom März 2019, Chi­na sei „Part­ner“, „Wett­be­wer­ber“ und „sys­te­mi­scher Riva­le“ zugleich [6], so wird gegen­wär­tig vor allem die Riva­li­tät betont. Hin­ter­grund ist nicht zuletzt, dass inzwi­schen 15 EU-Mit­glie­der, weil sie ihre öko­no­mi­schen Inter­es­sen allein im EU-Rah­men nur unzu­läng­lich berück­sich­tigt fin­den, eige­ne Wirt­schafts­ver­ein­ba­run­gen mit Chi­na im Rah­men der „Neu­en Sei­den­stra­ße“ („Belt and Road Initia­ti­ve“, BRI) getrof­fen haben und dass in man­chen EU-Län­dern, dar­un­ter Ita­li­en [7], aber auch Deutsch­land [8], die Volks­re­pu­blik spür­bar an Anse­hen gewinnt. Im Bemü­hen, die eige­nen Rei­hen zu schlie­ßen und Bei­jing in die Defen­si­ve zu drän­gen, hat unlängst etwa der EU-Außen­be­auf­trag­te Josep Bor­rell geäu­ßert, die EU müs­se gegen „den chi­ne­si­schen Expan­sio­nis­mus“ zu Fel­de zie­hen, der dar­auf abzie­le, „die inter­na­tio­na­le Ord­nung in ein selek­ti­ves mul­ti­la­te­ra­les Sys­tem mit chi­ne­si­schen Merk­ma­len zu ver­wan­deln“; dies gel­te es zu ver­hin­dern und „die euro­päi­schen Wer­te“ sowie die eige­ne Tech­no­lo­gie zu schützen.[9] Bor­rell for­der­te einen offen­si­ven Schul­ter­schluss der Uni­on gegen die Volks­re­pu­blik, sprach sich zugleich aber dage­gen aus, die EU im Kon­flikt mit Bei­jing offen an der Sei­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu posi­tio­nie­ren.

Keine Entkopplung

Wie Ber­lin die wider­sprüch­li­chen Ele­men­te in der Chi­na­po­li­tik zusam­men­zu­fü­gen sucht, hat am Wochen­en­de der Staats­mi­nis­ter im Aus­wär­ti­gen Amt Niels Annen erläu­tert. Annen erklär­te, wegen der „Men­schen­rechts­la­ge“ in der Volks­re­pu­blik und wegen Bei­jings jüngs­ter „Mili­tär­ma­nö­ver im Süd­chi­ne­si­schen Meer“ habe es eine „Neu­ori­en­tie­rung in Euro­pa“ gege­ben; als Bei­spiel für die neu­en aggres­si­ven Töne kön­nen Bor­rells Äuße­run­gen gel­ten. Es gebe aller­dings „auch den Wil­len“ in der EU, „mit Chi­na im Dia­log zu blei­ben“, kon­sta­tier­te Annen nicht zuletzt mit Blick auf die Inter­es­sen der Wirt­schaft: „Wir wol­len eine Part­ner­schaft auf Augenhöhe.“[10] Es gebe „aus Washing­ton seit Mona­ten mas­si­ve poli­ti­sche Angrif­fe auf Peking“, „eine regel­rech­te Kam­pa­gne“; „eine neue glo­ba­le Kon­fron­ta­ti­on“ nach dem Modell des Kal­ten Krie­ges aber sei „nicht in unse­rem Inter­es­se“: „Ent­kopp­lung kann nicht unse­re Stra­te­gie sein.“ Annen füg­te hin­zu, daher spre­che er sich „gegen eine Dämo­ni­sie­rung von Chi­na aus“; es gel­te „Gesprächs­ka­nä­le offen zu hal­ten“. Die Ber­li­ner Stra­te­gie zielt dem­nach dar­auf ab, sich zwar offen­siv gegen Bei­jing zu posi­tio­nie­ren, zugleich aller­dings Eigen­stän­dig­keit gegen­über Washing­ton zu wah­ren – im Inter­es­se der expan­die­ren­den deut­schen Indus­trie.

[1] Video­kon­fe­renz der Füh­rungs­spit­zen der EU und Chi­nas: Die Wer­te und Inter­es­sen der EU auf höchs­ter Ebe­ne wah­ren. Gemein­sa­me Pres­se­er­klä­rung von ER-Prä­si­dent Michel, Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin von der Ley­en und Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel. bun​des​re​gie​rung​.de 14.09.2020.

[2] Gali­na Kolev: Chi­na steu­ert auf Export­zi­el­land Num­mer eins zu. IW-Kurz­be­richt 84/​2020. Köln, 16.07.2020.

[3], [4] Euro­pean Cham­ber of Com­mer­ce in Chi­na: Posi­ti­on Paper 2020/​2021. Bei­jing, Sep­tem­ber 2020.

[5] Max Haer­der: „Mer­kel ver­steht sich auf den rich­ti­gen Umgang mit Chi­na“. wiwo​.de 14.09.2020. S. auch „Chi­na bleibt Part­ner“.

[6] EU-Chi­na – A stra­te­gic out­look. Brussels, 12 March 2019.

[7] S. dazu Zur Scha­dens­be­gren­zung nach Rom.

[8] S. dazu Die Sor­gen der Trans­at­lan­ti­ker.

[9] Josep Bor­rell: La doc­tri­na Sina­tra. poli​ti​cae​x​te​rior​.com 01.09.2020.

[10] Moritz Koch: Staats­mi­nis­ter Niels Annen kri­ti­siert Peking unge­wöhn­lich scharf. han​dels​blatt​.com 13.09.2020.

Read More