[gG:] (Italien) Brenner-Prozess – Erklärung im Gerichtssaal von etwa 20 Angeklagten

Hier eine Erklä­rung die im soge­nann­ten Bren­ner-Pro­zess vor­ge­le­sen wor­den ist. Im Jahr 2016 kam es auf der ita­lie­ni­schen Sei­te des Bren­ner­pass zu Aus­schrei­tun­gen gegen eine Schlie­ßung der Gren­ze, von Sei­tens Öster­reich, um Flücht­lin­gen die Ein­rei­se zu ver­bie­ten.

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Bren­ner-Pro­zess – Erklä­rung im Gerichts­saal von etwa 20 Ange­klag­ten

Erklä­rung vor dem Gericht von Bozen

Jeden Tag erdrückt das Grenz­sys­tem Tau­sen­de von Men­schen. Was zwi­schen Syri­en und der Tür­kei, zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land, im Archi­pel der Ägä­is, an der Gren­ze zwi­schen Bos­ni­en und Kroa­ti­en, in den Gefan­ge­nen­la­gern in Liby­en, im Mit­tel­meer­raum geschieht, bestä­tigt, dass die Mau­ern und die Jagd auf die Armen das Gesicht unse­rer Gegen­wart sind. Wäh­rend Waren frei von einer Sei­te des Pla­ne­ten zur ande­ren rei­sen, wer­den die Men­schen rück­sichts­los zwi­schen denen auf­ge­teilt, die die Gren­zen über­schrei­ten kön­nen, und denen, die es nicht kön­nen: zwi­schen den Unter­ge­tauch­ten und den Geret­te­ten, mit den Wor­ten von Pri­mo Levi. Zuerst legt eine Wirt­schafts­ord­nung – ver­hee­rend in ihrer Kriegs­lo­gik und mit zuneh­men­der Plün­de­rung von Roh­stof­fen, Öko­sys­te­men und Nah­rungs­mit­tel­selbst­ver­sor­gung – die Bedin­gun­gen fest, unter denen Mil­lio­nen von Frau­en und Män­nern gezwun­gen sind, die Län­der zu ver­las­sen, in denen sie gebo­ren und auf­ge­wach­sen sind; dann treibt ein gigan­ti­scher Appa­rat aus Sta­chel­draht, elek­tro­ni­scher Über­wa­chung und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern die­se „zurück­ge­wie­se­ne Mensch­heit“ in einen schreck­li­chen Hin­der­nis­lauf; die­je­ni­gen, die die Selek­ti­on über­le­ben, müs­sen dann so erschöpft und ver­ängs­tigt sein, jeg­li­che Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen in den Län­dern, in denen sie lan­den, zu akzep­tie­ren. Und genau aus die­sem Grund schließ­lich kann man den insti­tu­tio­nel­len und sozia­len Ras­sis­mus als Sün­den­bock für die Schul­di­gen benen­nen.

Als der öster­rei­chi­sche Staat Ende 2015 sei­ne Absicht erklär­te, am Bren­ner eine ein­wan­de­rungs­hem­men­de Bar­rie­re zu errich­ten, betra­fen die Beschwer­den der ita­lie­ni­schen Insti­tu­tio­nen nur und aus­schließ­lich die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die die­se Mau­er auf den Güter­tran­sit haben wür­de. Als Sinn­bild einer Ver­gan­gen­heit, die nicht ver­geht, wur­de die Pres­se­kon­fe­renz zum Bar­rie­re­pro­jekt direkt von der öster­rei­chi­schen Poli­zei abge­hal­ten und das Gan­ze als rei­ne „tech­ni­sche Lösung“ für den Grenz­schutz prä­sen­tiert. Der Aus­druck selbst – „tech­ni­sche Lösung“ – soll­te das Blut zum Kochen brin­gen.

Wäh­rend das Bal­lett der gegen­sei­ti­gen Erklä­run­gen zwi­schen der öster­rei­chi­schen und der ita­lie­ni­schen Regie­rung lief, fan­den auf ita­lie­ni­schem Ter­ri­to­ri­um bereits Poli­zei­kon­trol­len der ÖBB-Züge statt, und die „tech­ni­sche Lösung“ wur­de wei­ter nach Süden ver­legt. Mona­te­lang konn­ten Per­so­nen mit einem nicht-wei­ßen Gesicht nicht ein­mal in die­se Züge ein­stei­gen, weder in Bozen noch in Vero­na. Das Grenz­sys­tem hin­ge­gen ist ein mobi­les Gerät, das einer­seits mit Poli­zei­raz­zi­en und Ver­wal­tungs­ge­fäng­nis­sen ver­bun­den ist. (Und es soll­te gut die Tat­sa­che wider­spie­geln, dass die­sel­be „tech­ni­sche Lösung“ vor Mona­ten ange­nom­men wur­de, um die Covid-19-Posi­ti­ven unter den Fah­rern und Pas­sa­gie­ren auf dem Weg nach Öster­reich zu kon­trol­lie­ren und zurück­zu­wei­sen: die poten­ti­ell „Infi­zier­ten“ waren dies­mal wir).

Aus all die­sen Grün­den hat jemand mehr­mals Züge der ÖBB blo­ckiert; des­halb wur­de in den Mona­ten vor der Demons­tra­ti­on vom 7. Mai 2016 von vie­len Sei­ten auf dem Kon­zept „wenn Men­schen nicht pas­sie­ren, pas­sie­ren auch Güter nicht“ beharrt; des­halb schei­tern die Reden dar­über, wie man die Ver­wal­tung die­ses Greu­els namens „tech­ni­sche Lösung“ bewerk­stel­li­gen kann.

Was die Pre­mier­mi­nis­ter als eine Art Ent­wurf dar­stell­ten, der von eini­gen „Bos­sen“ ver­zerrt und von vie­len „Gesel­li­gen“ aus­ge­führt wur­de, war ein­fach das Gefühl, dass wir auf die­se Unge­rech­tig­keit reagie­ren muss­ten. Die „ehr­li­chen Bür­ger“, die heu­te nicht zwi­schen dem, was legal ist, und dem, was rich­tig ist, unter­schei­den wol­len – d.h. sie schla­fen in jenem Gehor­sam ein, vor dem sie vor den Wor­ten Han­nah Arendts („Nie­mand hat das Recht zu gehor­chen“) war­nen, die die Insti­tu­tio­nen mit gro­ßer Heu­che­lei vor die­ses Gericht gebracht haben – erin­nern sich sehr genau an die­je­ni­gen, die sich abwand­ten, als in die­sem Land Juden depor­tiert und Par­ti­sa­nen erschos­sen wur­den.

Lasst uns nun zu den Vor­zü­gen des Pro­zes­ses kom­men. Das Ver­bre­chen der „Ver­wüs­tung und Plün­de­rung“ – als sol­ches und mehr noch, wie es von den Staats­an­wäl­ten inter­pre­tiert wur­de – lei­tet sich direkt aus dem faschis­ti­schen Straf­ge­setz­buch von 1930 ab. Sie war bereits 1859 mit Arti­kel 157 des Straf­ge­setz­bu­ches des König­reichs Sar­di­ni­en und 1889 mit Arti­kel 252 des Zanar­del­li-Gesetz­bu­ches erschie­nen. In die­sen Fäl­len wur­de nicht nur aus­drück­lich auf den Bür­ger­krieg und das Mas­sa­ker Bezug genom­men, son­dern die Stra­fen reich­ten von 3 bis 15 Jah­ren. Mit dem faschis­ti­schen Gesetz­buch ver­schwin­det jedoch die klei­ne Sache, die man Bür­ger­krieg nennt, wäh­rend die in Arti­kel 419 vor­ge­se­he­ne Grund­stra­fe bei 8 Jah­ren beginnt. Dann kam die „aus dem Wider­stand gebo­re­ne Demo­kra­tie“, wird man sagen. In der Tat. Der Arti­kel ist nach wie vor Arti­kel 419, und die vor­ge­se­he­nen Stra­fen sind die glei­chen. Nun, da auf die­se Wei­se die juris­ti­sche Absur­di­tät erreicht wird, so dass man im Ver­gleich dazu mit dem Vor­wurf der Betei­li­gung an einem „bewaff­ne­ten Auf­stand gegen die Staats­ge­wal­ten“ ent­schie­den weni­ger ris­kiert, ist das in Arti­kel 419 defi­nier­te lan­ge ein so genann­tes ruhen­des Ver­bre­chen geblie­ben. Einer der weni­gen Fäl­le, in denen sie von 1945 bis Ende der 90er Jah­re ange­wandt wur­de, waren die 1948 nach dem Angriff an Togliat­ti1 aus­ge­bro­che­nen Auf­stän­de, bei denen in eini­gen Städ­ten die Par­ti­sa­nen mit Maschi­nen­ge­weh­ren auf die Stra­ße gin­gen… Heu­te ist die Schwel­le der akzep­tier­ten Ableh­nung so nied­rig, dass ver­sucht wird – und in eini­gen Fäl­len sogar gelun­gen ist -, das Ver­bre­chen der „Ver­wüs­tung und Plün­de­rung“ auf Demons­tra­tio­nen anzu­wen­den, für die es sogar gro­tesk ist, von „weit­rei­chen­der Zer­stö­rung“ zu spre­chen. Und so kom­men wir zu dem vor eini­gen Mona­ten in die­sem Gerichts­saal wie auf einer nor­ma­len Ein­kaufs­lis­te for­mu­lier­ten Antrag von 338 Jah­ren Gefäng­nis. All dies gegen eine vom Innen­mi­nis­te­ri­um gefor­der­te Ent­schä­di­gung von 8.000 Euro… Wir über­las­sen dann den Anwäl­ten die – in Wirk­lich­keit viel poli­ti­sche­re als „tech­ni­sche“ – Fra­ge der sehr non­cha­lan­ten Art und Wei­se, in der das Ver­bre­chen der mate­ri­el­len und mora­li­schen Mit­tä­ter­schaft am Wider­stand und an der Ver­let­zung Dut­zen­den von Men­schen durch die ein­fa­che Anwe­sen­heit bei die­ser Para­de in Fra­ge gestellt wird.

Wie aus den zitier­ten Flug­blät­tern und ande­ren Mate­ria­li­en und sogar aus den Fil­men, die in den letz­ten Anhö­run­gen wie beses­sen gezeigt wur­den, ersicht­lich ist, bestand die Absicht die­ser Demons­tra­ti­on dar­in, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­ni­en zu blo­ckie­ren – tat­säch­lich wur­de die Demons­tra­ti­on von der Poli­zei und den Cara­bi­nie­ri über­la­den, gera­de als sie auf die Glei­se ablenk­te. „Wenn eini­ge Men­schen die Gren­ze nicht über­schrei­ten kön­nen, dann geht nichts und nie­mand vor­bei“: Bestimm­te ethi­sche Kon­zep­te bedür­fen manch­mal einer groß­zü­gi­gen prak­ti­schen Demons­tra­ti­on.

Gren­zen töten. Durch Ertrin­ken, Erfrie­ren, durch Unfäl­le auf Berg­we­gen oder ent­lang von Eisen­bahn­li­ni­en. Oder direkt, mit der Füh­rung der Poli­zei, wie in Grie­chen­land dank der De-fac­to-Legi­ti­ma­ti­on durch die Euro­päi­sche Uni­on gesche­hen. Wir wol­len uns an all dem nicht mit­schul­dig machen.

Jedem das Sei­ne. Was uns betrifft, so bean­spru­chen wir die Bedeu­tung und den Geist die­ses 7. Mai mit erho­be­nem Haupt. Als Zei­chen der Wut gegen die tau­send For­men des staat­li­chen Ras­sis­mus. Als Aus­druck der Soli­da­ri­tät mit einer gejag­ten Mensch­heit. Und als eine Ges­te der Unter­stüt­zung. Gegen­über den Werk­tä­ti­gen, die in Süd­ita­li­en kämp­fen, gegen­über den Migrant*innen, die gegen den Men­schen­han­del rebel­lie­ren, gegen­über den Inter­nier­ten, die in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Demo­kra­tie revol­tie­ren. Gegen­über denen, die über­all auf der Welt nicht aus­wei­chen oder Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, weil sie die Frei­heit aller und aller bis hin zum Glücks­spiel lie­ben.

Wir geben uns nicht als Opfer von Repres­sio­nen aus. Wir sind uns bewusst, was unse­re Posi­ti­on auf der Sei­te der Ver­damm­ten die­ser Erde und gegen die Plä­ne der Macht bedeu­tet.
Las­set uns die Zeit der Unter­wer­fung auf­hö­ren.

Bozen, 11. Sep­tem­ber 2020

Agne­se Tren­tin, Rober­to Bot­t­a­me­di, Mas­si­mo Pas­sa­ma­ni, Luca Dol­ce, Giu­lio Ber­dus­co, Car­lo Casuc­ci, Giu­lia Per­lot­to, Chris­tos Tasiou­las, Fran­ces­co Cian­ci, Andrea Paro­la­ri, Mat­tia Maga­gna, Sirio Manfri­ni, Luca Ras­su, Rober­to Bona­deo, Mar­co Deso­gus, Gian­lu­ca Fran­ce­schet­to, Gre­go­i­re Pau­pin, Clau­dio Risi­ta­no, Gui­do Pao­let­ti, Danie­le Qua­ran­ta.

1A.d.Ü., Pal­mi­ro Togliat­ti war der Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens und am 14. Juli 1948 schoss ein Faschist 3 Mal auf ihn. Das Leben von Togliat­ti hang an einen Faden und wäh­rend die­sen Tag gab es meh­re­re Auf­stän­de und Gene­ral­streiks ent­lang Ita­li­en.

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