[labournet:] Privatisierung der Post: Höhere Preise, prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechtere Zustellung – und eine Tarifrunde dagegen

Dossier

Privatisierungsbremse für Leipzig“… Der Post­sek­tor ist durch aty­pi­sche und pre­kä­re Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se gekenn­zeich­net. Sie brau­chen nur auf die Paket­bo­ten von DHL, DPD, UPS oder Her­mes zu schau­en, die teil­wei­se auf frei­be­ruf­li­cher Basis arbei­ten, ohne sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt zu sein. Sie bekom­men Arbeits­ver­trä­ge vor­ge­legt, nach denen sie mit­un­ter 15 bis 20 Pake­te pro Stun­de zustel­len sol­len. Das ist weder im städ­ti­schen Bal­lungs­raum noch auf dem Land mög­lich. Wenn man in die Post-Filia­len schaut, die meist von Post-Agen­tu­ren abge­löst wur­den, geht es dort auch zu Unguns­ten der Beschäf­tig­ten aus. Es gibt kaum noch gesi­cher­te Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se im Beam­ten­sta­tus. Post-Agen­tur-Betrei­ber sind Kiosk­be­sit­zer, Lot­to­an­nah­me­stel­len, Tchi­bo-Shops und ähn­li­che Ein­rich­tun­gen, in denen unqua­li­fi­zier­tes Per­so­nal die Post­dienst­leis­tun­gen über­nimmt. (…) Fakt ist, dass bei der Pri­va­ti­sie­rung in den 90ern durch die Post­re­for­men I und II nicht dafür Sor­ge getra­gen wur­de, dass die »Pen­si­ons­las­ten«, wie es oft in der Pres­se heißt, von dem hoch­pro­fi­ta­blen, welt­weit größ­ten Logis­tik­kon­zern Deut­sche Post AG über­nom­men wur­den. Statt des­sen wird der Bund bis 2076 cir­ca 450 Mil­li­ar­den Euro an Witwen‑, Wai­sen- und sons­ti­gen Pen­sio­nen für die ehe­ma­li­gen Beam­ten des »gel­ben Rie­sen« zah­len. Trotz mil­li­ar­den­schwe­rer Gewin­ne gewähr­leis­tet der Staat eine Sub­ven­tio­nie­rung der Deut­schen Post AG in Höhe von sechs bis acht Mil­li­ar­den Euro pro Jahr. Das ist der Grund, war­um die »Aktie gelb« so gut dasteht…“ Inter­view von Simon Zei­se mit Tim Engart­ner in der jun­gen Welt vom 03.12.2018 externer Link, Tim Engart­ner ist ­Pro­fes­sor für Didak­tik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt am Main. Sein Buch »Staat im Aus­ver­kauf« ist 2016 im Cam­pus-Ver­lag erschie­nen. Sie­he dazu:

  • Warn­streiks bei Deut­scher Post AG: Mehr als 11.000 Strei­ken­de an über 300 Stand­or­ten /​Deut­sche Post plant für Nor­mal­ver­brau­cher einen Zustell­tag weni­ger pro Woche. Regie­rung treibt wei­te­re Libe­ra­li­sie­rung der Bran­che vor­an New
    • Warn­streiks bei Deut­scher Post AG: Mehr als 11.000 Strei­ken­de an über 300 Stand­or­ten
      “Im Tarif­kon­flikt mit der Deut­schen Post AG hat die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft (ver.di) mit ihren seit Mitt­woch (9.9.20) statt­fin­den­den Warn­streiks den Druck auf den Arbeit­ge­ber erhöht. Allein am heu­ti­gen Sams­tag (12.9.20) betei­lig­ten sich bis zum Nach­mit­tag rund 4.900 Beschäf­tig­te an den Warn­streiks an ver­schie­de­nen Stand­or­ten in 14 Bun­des­län­dern. Damit haben sich bis­lang ins­ge­samt mehr als 11.000 Beschäf­tig­te an über 300 Stand­or­ten im gesam­ten Bun­des­ge­biet an den Warn­streik­maß­nah­men betei­ligt. „Das ist ein deut­li­ches Zei­chen unse­rer Mit­glie­der in Rich­tung Arbeit­ge­ber“, sag­te Andrea Kocsis, stell­ver­tre­ten­de ver.di-Vorsitzende und Ver­hand­lungs­füh­re­rin im Tarif­kon­flikt mit der DP AG. „Eine 1,5 pro­zen­ti­ge Erhö­hung der Ent­gel­te, wie zuletzt vom Arbeit­ge­ber ange­deu­tet, fin­det bei unse­ren Mit­glie­dern kei­ner­lei Akzep­tanz. Sie sor­gen Tag für Tag für her­vor­ra­gen­de Unter­neh­mens­zah­len und machen nun klar, dass sie im Gegen­zug eine ordent­li­che Lohn­er­hö­hung ver­dient haben.“ Der Kon­zern bestä­tigt nach eige­nen Aus­sa­gen, dass er sei­ne Gewin­ne deut­lich stei­gern konn­te und „gestärkt aus der Kri­se“ her­aus­ge­he. Die Haupt­ver­samm­lung hat­te zuletzt eine im Ver­gleich zum Vor­jahr unver­än­der­te Divi­den­den­aus­schüt­tung an die Aktio­nä­re beschlos­sen. „Der Deut­schen Post AG geht es wirt­schaft­lich gut, das ist für alle offen­sicht­lich. Wir erwar­ten, dass der Arbeit­ge­ber in der kom­men­den Ver­hand­lungs­run­de auf unse­re For­de­rung einer deut­li­chen pro­zen­tua­len Stei­ge­rung der Löh­ne für alle von 5,5 Pro­zent ein­geht“, so Kocsis wei­ter. Der nächs­te Tarif­ver­hand­lungs­ter­min fin­det am 21./22. Sep­tem­ber 2020 statt.“ ver.di Pres­se­mit­tei­lung vom 12.09.2020 externer Link, sie­he zum Hin­ter­grund die ver.di-Sonderseite zur Tarif­run­de Deut­sche Post AG externer Link und #trPost2020
    • Lee­rer Brief­kas­ten am Mon­tag: Deut­sche Post plant für Nor­mal­ver­brau­cher einen Zustell­tag weni­ger pro Woche. Regie­rung treibt wei­te­re Libe­ra­li­sie­rung der Bran­che vor­an
      “… Dafür hat die Deut­sche Post die nächs­te Zumu­tung in pet­to. »Für uns stellt sich schon die Fra­ge, ob wir in Deutsch­land am Mon­tag eine flä­chen­de­cken­de Brief­zu­stel­lung brau­chen«, gab Unter­neh­mens­vor­stand Tobi­as Mey­er in einem Welt-Inter­view vom Mon­tag zu beden­ken. »Eine Fir­men­zu­stel­lung mit Brief­post ist an dem Wochen­tag sicher sinn­voll, aber bei pri­va­ter Post ist das frag­lich.« Auf den Ein­wurf des Jour­na­lis­ten, ob mit den Ein­schrän­kun­gen nicht auch die Kos­ten fal­len müss­ten, beschied der Ex-McK­in­sey-Mana­ger, der Ein­fluss sei nicht groß genug, »um ande­re Effek­te zu kom­pen­sie­ren und damit den Preis zu drü­cken«. Eine Dro­hung hat­te Mey­er auch noch parat: »Die aktu­el­le Por­to­ge­neh­mi­gung läuft Ende nächs­ten Jah­res aus. Dann wer­den wir wei­ter­se­hen.« Einen Vor­ge­schmack auf die kom­men­de Lee­re boten am Sonn­abend zahl­lo­se Brief­käs­ten im gesam­ten Bun­des­ge­biet. Im aktu­el­len Tarif­kon­flikt bei der Deut­schen Post hat­ten am Wochen­en­de knapp 5.000 Beschäf­tig­te in 14 Bun­des­län­dern ihre Arbeit nie­der­ge­legt. Seit Mitt­woch der Vor­wo­che waren nach Aus­kunft der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver­di 11.000 Bediens­te­te an mehr als 300 Stand­or­ten an Warn­streik­maß­nah­men betei­ligt. Ver­di ver­langt für die rund 140.000 Post-Mit­ar­bei­ter 5,5 Pro­zent mehr Lohn und ver­weist unter ande­rem auf die Dyna­mik des Online­ver­sand­han­dels. Bis­her hat der Kon­zern eine Auf­bes­se­rung der Ent­gel­te um 1,5 Pro­zent ange­deu­tet. Im Gespräch mit der Welt gab sich Vor­stand Mey­er ganz gene­rös: »Wir sagen ja auch nicht kate­go­risch, dass es eine Null­run­de geben muss.« Ein Abschluss gemäß Ver­di-For­de­rung wäre indes »ver­ant­wor­tungs­los«. Man dür­fe nicht aus­blen­den, »dass wir im ers­ten Halb­jahr in der Brief­men­ge mit elf Pro­zent den stärks­ten Ein­bruch seit jeher hat­ten«. Wor­an das wohl liegt? (…) Die Marsch­rich­tung lau­tet wie gehabt Libe­ra­li­sie­rung, damit die Kon­kur­renz vor allem im Wett­be­werb um die gro­ßen Geschäfts­kun­den Boden gewinnt. Der Nor­mal­ver­brau­cher dürf­te davon kaum etwas haben, außer wohl­fei­le Ver­spre­chen von sin­ken­den Kos­ten und bes­se­rem Ser­vice. Schon heu­te ope­rie­ren die meis­ten Kon­kur­ren­ten mit Dum­ping­prei­sen und ‑löh­nen. Nach den Plä­nen soll die Bun­des­netz­agen­tur zusätz­li­che Ein­griffs- und Kon­troll­rech­te gegen­über der Post bekom­men, um deren markt­be­herr­schen­de Stel­lung zu bre­chen, schrieb die FAZ. So sol­le der frü­he­re Staats­kon­zern die Ent­gel­te für Teil­leis­tun­gen für Geschäfts­kun­den nur noch so hoch anset­zen dür­fen, dass es »effi­zi­en­ten Unter­neh­men« mög­lich ist, über die­sen Weg Geld zu ver­die­nen.“ Arti­kel von Ralf Wurz­ba­cher in der jun­gen Welt vom 15.09.2020 externer Link
  • 25 Jah­re Pri­va­ti­sie­rung der Post – Die gro­ße Umver­tei­lung 
    “… 25 Jah­re ist es her, dass die Pri­va­ti­sie­rung der einst staat­li­chen Bun­des­post zum Abschluss kam. Drei Akti­en­ge­sell­schaf­ten gin­gen dar­aus her­vor: Die Deut­sche Post, die Deut­sche Tele­kom, die Post­bank. (…) Post, Bahn, Müll, Bil­dung, Ren­te, Gesund­heit, alles, was bis dahin zur soge­nann­ten Daseins­vor­sor­ge zähl­te, soll­te einer neu­en Hand­lungs­lo­gik gehor­chen. Sie lau­te­te im Kern: Kos­ten spa­ren, Umsatz stei­gern, Gewinn maxi­mie­ren. (…) Anfang der 1980er-Jah­re gab es in der alten Bun­des­re­pu­blik noch rund 29.000 eige­ne Post­fi­lia­len und Post­äm­ter, 35 Jah­re spä­ter kei­ne ein­zi­ge post­eige­ne Filia­le mehr, dafür 13.000 pri­va­te Post­agen­tu­ren. Tan­te-Emma-Läden rich­te­ten zum Bei­spiel in ihren Räu­men klei­ne gel­be Ver­kaufs­stel­len ein. Sie beka­men Geld dafür. Nicht viel für den Auf­wand, so die Kla­ge. Gegen­über einer eige­nen Filia­le spar­te die Post 60 Pro­zent an Kos­ten ein. Zwi­schen 1989 und 2006 strich die Deut­sche Post AG rund 173.000 Stel­len, 46.000 ent­stan­den bei der neu­en Kon­kur­renz. Die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se wur­den unsi­cher, Voll­zeit­ver­trä­ge durch Teil­zeit­ver­trä­ge ersetzt, Leih­ar­bei­ter und Sai­son­kräf­te ein­ge­stellt. Die Ein­kom­mens­sche­re klaff­te zuneh­mend aus­ein­an­der. Hat­te der Post­mi­nis­ter frü­her etwa 15-mal so viel wie ein Brief­trä­ger auf dem Gehalts­zet­tel, sind es beim Chef der pri­va­ti­sier­ten Post, Frank Appel, 268-mal so viel. Das passt ziem­lich genau in das Bild des jüngs­ten Berichts über die zuneh­men­de welt­wei­te sozia­le Ungleich­heit. Seit etwa 1980 wur­de in fast allen Län­dern der Welt öffent­li­ches Ver­mö­gen in gewal­ti­gem Aus­maß in pri­va­te Hän­de trans­fe­riert. Dort kon­zen­triert es sich. Pri­va­ti­sie­rung ist eine Umver­tei­lungs­ma­schi­ne. Das mag effi­zi­ent sein. Aber nicht für alle.“ Bei­trag von Sabi­ne Nuss vom 31.01.2020 beim Deutsch­land­funk Kul­tur externer Link
  • Post­re­form wird ver­schärft – Wirt­schafts­mi­nis­ter Alt­mai­er möch­te Zustel­lungs­ta­ge redu­zie­ren und Wett­be­werb der Brief­diens­te ver­schär­fen 
    “Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Peter Alt­mai­er (CDU) möch­te die Anzahl der Zustell­ta­ge für Brief­sen­dun­gen über­prü­fen. Dies ist das Kern­stück eines Gesetz­ent­wurfs zur Reform des Post­ge­set­zes von 1997. Wäh­rend Post­sen­dun­gen bis­lang an sechs Werk­ta­gen von Mon­tag bis Sams­tag zuge­stellt wer­den, könn­ten in Anleh­nung an eine EU-Norm künf­tig dar­aus nur noch fünf Tage wer­den. (…) Außer­dem soll laut Alt­mai­ers Reform­kon­zept wie in der Paket­zu­stel­lung die Lizenz­plicht für Brief­diens­te abge­schafft und durch eine ein­fa­che Mel­de­pflicht ersetzt wer­den. Dies soll den Wett­be­werb beflü­geln. Lizenz­pflicht bedeu­tet, dass Brief­zu­stel­ler­fir­men gegen­über der Bun­des­netz­agen­tur ein gewis­ses Maß an Zuver­läs­sig­keit, Leis­tungs­fä­hig­keit und Fach­kun­de nach­wei­sen müs­sen. Eine Abschaf­fung wür­de nach Ansicht vie­ler Kri­ti­ker unse­riö­se Anbie­ter auf den Plan rufen, Dum­ping­prak­ti­ken för­dern sowie die Lage zum Nach­teil von Beschäf­tig­ten und Kun­den wei­ter ver­schlech­tern. (…) Qua­li­täts­män­gel sind offen­bar eine Fol­ge der Mit­te der 1990er Jah­re von der schwarz-gel­ben Regie­rung Kohl mit Hil­fe der SPD ein­ge­lei­te­ten Pri­va­ti­sie­rung von Post, Post­bank und Tele­kom. Damit wur­den die Gewin­ne pri­va­ti­siert und die Ver­lus­te sozia­li­siert. Allein die inzwi­schen zu knapp 80 Pro­zent pri­va­ti­sier­te Deut­sche Post AG, die gera­de erst die Gebüh­ren für ver­schie­de­ne Ver­sen­dungs­ar­ten erhöht hat, schüt­tet Jahr für Jahr Divi­den­den in Mil­li­ar­den­hö­he an ihre Aktio­nä­re aus. Dem­ge­gen­über konn­te die staat­li­che Deut­sche Bun­des­post mit ihren Berei­chen Post, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on und Post­bank Ende der 1980er Jah­re noch rund fünf Mil­li­ar­den DM an den Bun­des­haus­halt abfüh­ren…” Arti­kel von Hans-Gerd Öfin­ger vom 18. August 2019 bei neu­es Deutsch­land online externer Link
  • Wir erin­nern an die Debat­te von 2017: Die Post ver­ab­schie­det sich nach und nach vom Aus­trä­ger [und der flä­chen­de­cken­den Grund­ver­sor­gung] 
  • Sie­he auch: 23 Jah­re Post­pri­va­ti­sie­rung
  • Zum Pri­va­ti­sie­rungs­pro­zeß sie­he auch unse­re Rubrik Post AG im Labour­Net-Archiv

Der Bei­trag Pri­va­ti­sie­rung der Post: Höhe­re Prei­se, pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se, schlech­te­re Zustel­lung – und eine Tarif­run­de dage­gen erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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