[LCM:] Waldbrände in Kalifornien: Sonnenstaat unter Hochspannung

Ein Hin­ter­grund­be­richt zur Wech­sel­wir­kung zwi­schen Kli­ma­kri­se und Spät­ka­pi­ta­lis­mus am Bei­spiel Kali­for­ni­ens.

Und wie­der mal häu­fen sich die Rekor­de, wenn es um die dies­jäh­ri­ge Feu­er­sai­son in Kali­for­ni­en geht. Den Anfang mach­te dies­mal die Zahl an Blitz­ein­schlä­gen, die im August im bevöl­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­staat nie­der­gin­gen. Allein vom 19.bis 21. August schlu­gen inner­halb von 72 Stun­den mehr als 12 000 Blit­ze ein – ein Rekord­wert. Satel­li­ten­auf­nah­men zei­gen die aus dem Welt­raum sicht­ba­ren Fol­gen die­ses unge­wöhn­lich hef­ti­gen und aus­ge­dehn­ten Extrem­wet­ter­er­eig­nis­ses. Durch die Blit­ze wur­den mehr als 560 Feu­er ent­zün­det, die sich inzwi­schen zu einer der schwers­ten Feu­er­ka­ta­stro­phen in der Geschich­te des Bun­des­staats aus­ge­wei­tet haben.

Ver­ant­wort­lich dafür sei, laut Meteo­ro­lo­gen, der sehr tro­cke­nen Win­ter, auf den ein beson­ders hei­ßer und tro­cke­ner Som­mer folg­te. Mit­un­ter sei­en die Brän­de in dem aus­ge­dorr­ten und unter einer regel­rech­ten “Hit­ze­kup­pel” lei­den­den Land durch soge­nann­te “Tro­cken­stür­me” (dry storms) aus­ge­löst wor­den, bei denen der die Blitz­ein­schlä­ge beglei­ten­de Regen vor dem Auf­tref­fen auf die staub­tro­cke­ne Vege­ta­ti­on in der hei­ßen Luft ver­duns­te­te.

Anfang Sep­tem­ber wan­del­ten sich Tei­le Kali­for­ni­ens so in eine apo­ka­lyp­ti­sche, von Oran­ge­tö­nen gepräg­te Kulis­se, die an Fil­me wie Bla­de Run­ner 2049 das Reboot der Doom-Shoo­ter von 2016 erin­ner­te. Ange­facht von neu­en Tem­pe­ra­tur­re­kor­den, die lokal an die 50 Grad Cel­si­us her­an­reich­ten, block­ten Rauch­wol­ken das Son­nen­licht in Los Ange­les und San Fran­cis­co, sodass die Bewoh­ner die­ser West­küs­ten­städ­te ihre Tage unter einem oran­gen Him­mel in Atem­schutz­mas­ken ver­brin­gen muss­ten, wäh­rend zugleich ein Asche­re­gen auf Tei­le Süd­ka­li­for­ni­ens nie­der­ging.

Die ver­hee­ren­den Feu­er, die zehn­tau­sen­de Qua­drat­ki­lo­me­ter Kali­for­ni­ens erfass­ten, haben min­des­tens 86 Men­schen­le­ben gefor­dert und mehr als 1600 Häu­ser zer­stört. Dabei gerie­ten die Ein­satz­kräf­te Kali­for­ni­ens bei der Feu­er­be­kämp­fung schnell an ihre Kapa­zi­täts­gren­zen. Die Res­sour­cen und das Per­so­nal des Son­nen­staa­tes sei­nen bereits über­be­las­tet, klag­te des­sen Gou­ver­neur, Gavin New­som, bei einem Appell um Bei­stand Ende August. Zwar hat­ten etli­che US-Bun­des­staa­ten Kali­for­ni­en ihre vol­le Unter­stüt­zung zuge­sagt, doch blieb die kon­kre­te Hil­fe für die rund 12 000 Feu­er­wehr­leu­te, die in Kali­for­ni­en die dies­jäh­ri­gen Feu­er bekämpf­ten, weit hin­ter den Erwar­tun­gen zurück. Von den 375 Ein­satz­grup­pen der Feu­er­wehr, die der Gou­ver­neur bei sei­nen Amts­kol­le­gen in zehn Bun­des­staa­ten ange­for­dert hat­te, kamen nur 45 tat­säch­lich zum Ein­satz.

Von der unge­wöhn­lich star­ken Hit­ze­wel­le ist näm­lich nicht nur Kali­for­ni­en betrof­fen, son­dern wei­te Tei­le der west­li­chen USA. Die “Hit­ze­kup­pel”, unter der sich vie­le Regio­nen des Lan­des befän­den, ent­fa­che auch in ande­ren Bun­des­staa­ten Brän­de, sodass die Mög­lich­kei­ten zur “gegen­sei­ti­gen Hil­fe” beschränkt sei­en, erklär­te der demo­kra­ti­sche Gou­ver­neur. Die Trump-Admi­nis­tra­ti­on hat indes in die­ser schwe­ren Kri­se kon­se­quent jeg­li­che Hil­fe aus Washing­ton ver­wei­gert.

Die Kli­ma­l­eug­ner im Wei­ßen Haus sabo­tie­ren nicht nur jeg­li­che nen­nens­wer­te Kli­ma­po­li­tik in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, sie instru­men­ta­li­sie­ren zugleich die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels im voll ent­brann­ten US-Wahl­kampf. Kali­for­ni­en höre nicht auf die Bun­des­re­gie­rung, pol­ter­te der Prä­si­dent Ende August, des­we­gen wür­den die Feu­er das Land ver­wüs­ten, da das Lan­des­re­gie­rung nicht – so wört­lich – “den Boden sau­ber” hal­te. Trump droh­te über­dies, finan­zi­el­le For­de­run­gen gegen­über dem Bun­des­staat zu erhe­ben, weil der nicht alle abge­stor­be­nen Blät­ter und Bäu­me besei­ti­ge.

Dabei dürf­ten die knap­pen “Res­sour­cen” zur Bekämp­fung der an Inten­si­tät zuneh­men­den Brän­de in den all­jähr­li­chen Feu­er­sai­sons noch wei­ter abschmel­zen. Das zeigt sich allein schon dar­an, wie in Fol­ge des letz­ten Kri­sen­schubs im Jahr 2008 damit umge­gan­gen wur­de. Nach dem Plat­zen der gro­ßen Immo­bi­li­en­bla­sen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, als die mil­li­ar­den­schwe­ren “Bai­louts” für den mit Schrott­pa­pie­ren über­schwemm­ten Finanz­sek­tor die öffent­li­che Ver­schul­dung rasch anstei­gen lie­ßen, muss­ten auch die zuvor aus­ge­spar­ten Feu­er­weh­ren har­te Ein­schnit­te hin­neh­men. Repor­ta­gen aus dem Jahr 2010 geben einen Ein­blick in den “bei­spiel­lo­sen” Kahl­schlag, den die Feu­er­weh­ren im Gefol­ge der Wirt­schafts­kri­se, die dem Plat­zen der Immo­bi­li­en­bla­sen folg­te, in vie­len Regio­nen Kali­for­ni­ens erfah­ren haben. In Städ­ten wie Val­le­jo ist die Zahl der Feu­er­wehr­lau­te hal­biert wor­den, in San Jose oder San Die­go sind gan­ze Feu­er­wa­chen ein­fach geschlos­sen wor­den. Die Bür­ger wur­den auf den Schil­dern, die auf den geschlos­se­nen Gebäu­den ange­bracht wur­den, dar­über auf­ge­klärt, dass hier kei­ne Feu­er­wehr­leu­te mehr tätig sei­en. Im Not­fall sol­le man die Num­mer 911 wäh­len – den Not­ruf der Poli­zei. Begrenz­te Neu­ein­stel­lun­gen von Feu­er­wehr­leu­ten gab es in Kali­for­ni­en erst wie­der nach den ver­hee­ren­den Brän­den 2018.

Die “knap­pen Res­sour­cen”, die nun der Gou­ver­neur Kali­for­ni­ens beklagt, sind also genau­so eine Fol­ge der zuneh­men­den Kri­sen­an­fäl­lig­keit und der eska­lie­ren­den inne­ren Wider­sprü­che des Spät­ka­pi­ta­lis­mus, wie die dies­jäh­ri­ge Feu­er­ka­ta­stro­phe. Der die neo­li­be­ra­le Finan­zia­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung der Welt­wirt­schaft beglei­ten­de Kahl­schlag der Infra­struk­tur, der die spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten anfäl­li­ger für kli­ma­be­ding­te Natur­ka­ta­stro­phen macht, ist auf­grund der kri­sen­be­dingt zuneh­men­den Sys­tem­zwän­ge auch nicht so ein­fach revi­dier­bar. Cal­Fire, die Brand­be­kämp­fungs­be­hör­de Kali­for­ni­ens, woll­te auf­grund des sich immer stär­ker im Bun­des­staat bemerk­bar machen­den Kli­ma­wan­dels eigent­lich 500 neue Feu­er­wehr­leu­te ein­stel­len. Auf­grund der schwe­ren Finanz- und Wirt­schafts­kri­se in den USA, die durch die Maß­nah­men zur Pan­de­mie­be­kämp­fung aus­ge­löst wor­den ist, sind es nur 167 Neu­ein­stel­lun­gen gewor­den. Es gebe nicht genug Per­so­nal, Lösch­fahr­zeu­ge und Bull­do­zer, klag­te ein Mit­ar­bei­ter der Behör­de gegen­über Medi­en. Die Feu­er­wehr­leu­te müss­ten der­zeit Wochen­ar­beits­zei­ten von 72 Stun­den durch­hal­ten.

Zudem wer­den die Effek­te die­ser mage­ren Neu­ein­stel­lun­gen bei der Lan­des­be­hör­de durch Kür­zun­gen bei etli­chen städ­ti­schen Feu­er­weh­ren kon­ter­ka­riert. Auf­grund der kata­stro­pha­len Finanz­la­ge sah sich etwa San Die­go im ver­gan­ge­nen Mai genö­tigt, erheb­li­che Kür­zun­gen bei städ­ti­schen Pro­gram­men zu erwä­gen – dar­un­ter auch Trai­nings­pro­gram­me für die Feu­er­wehr. In Hemet im kali­for­ni­schen River­si­de Coun­try wer­den auf­grund der Wirt­schafts­kri­se frei wer­den­de Stel­len bei der Feu­er­wehr nicht besetzt, die mit­un­ter noch dazu mit ver­al­te­tem Gerät arbei­ten muss. Die Stadt hat im Kri­sen­ver­lauf rund 34 Pro­zent ihrer Steu­er­ein­nah­men ver­lo­ren.

Die Fol­gen der Wirt­schaftskri­se – die mas­si­ven Streu­aus­fäl­le – schrän­ken somit die Mög­lich­kei­ten des Staa­tes ein, den Fol­gen der Kli­makri­se wirk­sam zu begeg­nen. Beson­ders krass trat die­se Wech­sel­wir­kung zwi­schen der inne­ren und äuße­ren Schran­ke des Kapi­tals in Süd­eu­ro­pa zuta­ge, wo in den letz­ten Jah­ren hun­der­te Men­schen bei his­to­risch bei­spiel­lo­sen Feu­er­ka­ta­stro­phen umka­men. Die Län­der der euro­päi­schen Peri­phe­rie waren nach Aus­bruch der Euro­kri­se vom dama­li­gen deut­schen Finanz­mi­nis­ter Schäub­le mit sadis­ti­schen Spar­pa­ke­ten drang­sa­liert wor­den. Davon war auch die Infra­struk­tur zur Feu­er­be­kämp­fung betrof­fen. Anders als Por­tu­gal und Grie­chen­land han­delt es sich bei Kali­for­ni­en aber um ein Zen­trum des Welt­sys­tems, das sich kaum noch eine adäqua­te Feu­er­be­kämp­fung leis­ten kann. Das erlaubt einen Ein­blick in die gesell­schaft­li­che Zer­rüt­tung der USA.

Die Haus­halts­kür­zun­gen an der West­küs­te, die die Bekämp­fung der Feu­er­ka­ta­stro­phe erschwe­ren, haben auch vor den Gehäl­tern der nun bis an den Rand der tota­len Erschöp­fung arbei­ten­den Feu­er­wehr­leu­te nicht halt gemacht. Im Mai beschloss das klam­me Kali­for­ni­en, wo eini­ge der reichs­ten Kon­zer­ne und Olig­ar­chen der Welt resi­die­ren, die Ver­gü­tun­gen der in der Brand­be­kämp­fung arbei­ten­den Ange­stell­ten um 7,5 Pro­zent zu kür­zen. Anstatt gut bezahl­ter und aus­ge­bil­de­ter Feu­er­wehr­leu­te setzt der ver­bren­nen­de Son­nen­staat auf sai­so­nal ange­stell­te und in Wind­sei­le aus­ge­bil­de­te Kräf­te. Rund 900 sol­cher Sai­son­ar­bei­ter wur­den im Juli, bei Beginn der Feu­er­sai­son, in aller Eile zu “Feu­er­wehr­leu­ten” aus­ge­bil­det und an die Feu­er­front gewor­fen.

Mit die­sen Not­maß­nah­men will der West­küs­ten­staat die Aus­fäl­le bei der Beschaf­fung von Arbeits­kräf­ten in der Feu­er­be­kämp­fung kom­pen­sie­ren. Sobald not­wen­di­ge Arbei­ten im Kapi­ta­lis­mus nicht in Form von Lohn­ar­beit gelis­tet wer­den kön­nen, grei­fen seit der Frü­hen Neu­zeit, seit dem berüch­tig­ten atlan­ti­schen Drei­ecks­han­del, Ten­den­zen zum Auf­bau eines auf Zwangs­ar­beit beru­hen­den Arbeits­re­gimes. Im Fall Kali­for­ni­ens waren es die, welt­weit in Rela­ti­on zur Bevöl­ke­rung zahl­reichs­ten, Gefäng­nis­in­sas­sen, die zumeist in sol­chen Fäl­len bei der Brand­be­kämp­fung als “Infan­te­rie” ein­ge­setzt wur­den. Doch auch hier greift bereits eine Kri­sen­ten­denz in die Ande­re: Die Coro­na-Pan­de­mie hat sich in der Gefäng­nis­in­dus­trie der USA bereits stark aus­ge­brei­tet, wes­halb kaum noch Feu­er­be­kämp­fungs­mann­schaf­ten aus Gefäng­nis­in­sas­sen gebil­det wer­den konn­ten.

Der kri­sen­be­ding­te Zer­fall der gesell­schaft­li­chen Infra­struk­tur, der zuneh­mend mit den Fol­gen des kapi­ta­lis­ti­schen Kli­ma­wan­dels in Wech­sel­wir­kung tritt, wirkt sich beson­ders ver­hee­rend beim Ener­gie­sek­tor Kali­for­ni­ens aus. Ange­sichts von neu­en Rekord­wer­ten bei den Tem­pe­ra­tu­ren, die bis knapp 50 Grad Cel­si­us reich­ten, stel­len Kli­ma­an­la­gen ins­be­son­de­re für vie­le älte­re Bür­ger Kali­for­ni­ens eine Über­le­bens­not­wen­dig­keit dar. Und es waren gera­de die­se hei­ßen Tage Mit­te August, wo die Ener­gie­ver­sor­ger des bevöl­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­staa­tes den Strom für mehr als drei Mil­lio­nen Bür­ger abstel­len muss­ten, um im Hei­mat­land der glo­ba­len IT-Indus­trie einen Zusam­men­bruch des maro­den Strom­net­zems zu ver­hin­dern. Der in Hit­ze­pha­sen durch die mas­sen­haf­te Benut­zung von Kli­ma­an­la­gen zuneh­men­de Strom­be­darf über­for­dert das alte Strom­netz Kali­for­ni­ens, das in etwa so maro­de ist wie die Infra­struk­tur der Sowjet­uni­on in der zwei­te Hälf­te der 80er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts. Wäh­rend rech­te und neo­li­be­ra­le Medi­en umge­hend den in Kali­for­ni­en ein­ge­lei­te­ten Umstieg auf erneu­er­ba­re Ener­gien für die Strom­aus­fäl­le ver­ant­wort­lich mach­ten, sind die Ursa­chen der “Black­outs” eher im Feh­len eines neu­en Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes zu ver­or­ten.

Ame­ri­kas der­zei­ti­ge Infra­struk­tur wur­de im Nach­kriegs­auf­schwung errich­tet, in den 50er bis 70er Jah­ren, als der Boom der Auto­in­dus­trie und das For­dis­ti­sche Akku­mu­la­ti­ons­re­gime den Staa­ten genug Steu­er­gel­der für den ent­spre­chen­den Infra­struk­tu­rel­len Umbau der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten ver­schaff­ten. Nach dem Aus­lau­fen die­ses Booms – in Deutsch­land ger­ne als Wirt­schafts­wun­der bezeich­net – ab den 80er Jah­ren muss­ten auch die sub­stan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen zum Aus­bau der Infra­struk­tur ein­ge­stellt wer­den, da der Staat lang­fris­tig nur dann inves­tie­ren kann, wenn er genü­gend Finanz­mit­tel aus brei­ter Akku­mu­la­ti­on in Gestalt von Lohn­steu­ern, etc. abschöp­fen kann. Mit der Deindus­tria­li­sie­rung der USA ging somit auch ein Ver­fall der Infra­struk­tur ein­her, die nur noch not­dürf­tig auf­recht­erhal­ten wird, ohne dass umfas­sen­de Moder­ni­sie­rungs­pro­gram­me ernst­haft umge­setzt wür­den. Dies gilt auch für das kali­for­ni­sche Strom­netz, das sich in lang­sa­mer Auf­lö­sung befin­det und schon des öfte­ren durch Fun­ken­flug Feu­er­ka­ta­stro­phen ver­ur­sacht hat. Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus ist somit selbst in sei­nen Zen­tren kaum noch in der Lage, die unren­ta­blen, infra­struk­tu­rel­len Fix­kos­ten des Ver­wer­tungs­pro­zes­ses zu tra­gen. Gewis­ser­ma­ßen steht nun wie­der die Elek­tri­fi­zie­rung der Gesell­schaft zur Dis­po­si­ti­on – zumin­dest der abge­häng­ten und mar­gi­na­li­sier­ten Gesell­schafts­sich­ten.

Die mit dem Neo­li­be­ra­lis­mus ein­her­ge­hen­de sozia­le Spal­tung der Gesell­schaft droht, in Wech­sel­wir­kung mit der Kli­ma­kri­se, zu einem buch­stäb­li­chen Aus­ein­an­der­bre­chen der spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft als einer eini­ger­ma­ßen kohä­ren­ten, sozia­len Struk­tur zu füh­ren. In einem Meer aus Zer­fall zeich­nen sich nur noch Inseln funk­tio­nie­ren­der Kapi­tal­ver­wer­tung ab. Zwi­schen jenen Bevöl­ke­rungs­tei­len auf, die noch die Mit­tel haben, der Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu begeg­nen, und all jenen, die die­se Mit­tel nicht haben, tut sich ein immer grö­ßer wer­den­der Abgrund auf. Auch hier, beim Zer­fall der Kapi­tal­ver­ge­sell­schaf­tung, ist Kali­for­ni­en Avant­gar­de und Schritt­ma­cher für den gesam­ten Wes­ten.

Wer kann sich in Zei­ten knap­per Kas­sen bei­spiels­wei­se noch eine anstän­di­ge Feu­er­wehr leis­ten? Schon im ver­gan­ge­nen Jahr zeich­ne­te sich im Son­nen­staat ein neu­er Trend zur Pri­vat­feu­er­wehr ab. Rei­che Gated Com­mu­nities oder von der Ober­klas­se bewohn­te Sied­lun­gen und Stadt­tei­le leis­ten sich ein­fach pri­va­te Brand­be­kämp­fer, die nicht unter dem Man­gel an Aus­rüs­tung und Per­so­nal lei­den, den ihre öffent­lich ange­stell­ten Kol­le­gen erfah­ren. Je nach Stand­punkt han­delt es sich hier­bei, laut New York Times, um eine “dys­to­pi­sche Form der Ungleich­heit”, oder eine “not­wen­di­ge Dienst­leis­tung”. So oder so wer­den der Bran­che ange­sichts des Kli­ma­wan­dels, der die Feu­er Kali­for­ni­ens immer gefähr­li­cher macht, sowie einer unter­fi­nan­zier­ten öffent­li­chen Feu­er­wehr gute Wachs­tums­chan­cen pro­gnos­ti­ziert: Rund 3000 Dol­lar kos­te eine pri­va­te Feu­er­be­kämp­fungs­ein­heit – pro Tag, ver­steht sich.

Nicht nur die unter­schied­lich effek­ti­ve Bekämp­fung der Brän­de, auch der unglei­che Wie­der­auf­bau der durch Feu­ers­brüns­te ver­wüs­te­ten Ort­schaf­ten ver­tieft die bereits gege­be­ne sozia­le Spal­tung der kali­for­ni­schen Gesell­schaft. Das Aus­maß und die Schnel­lig­keit, mit der öffent­li­che Gel­der und sons­ti­ge Hil­fen in ver­brann­te Ort­schaf­ten und Regio­nen flie­ßen, sind abhän­gig von deren Durch­schnitts­ein­kom­men und sozia­ler Schich­tung. Dabei sind gera­de die sozi­al benach­tei­li­gen afro­ame­ri­ka­ni­schen oder his­pa­ni­schen Min­der­hei­tenin Kali­for­ni­en beson­ders benach­tei­ligt. Die­se Dis­kre­panz im Wie­der­auf­bau resul­tiert oft aus der schwa­chen Macht­stel­lung ärme­rer Com­mu­nities im Polit­be­trieb, die sich kei­ne effek­ti­ve Lob­by­ar­beit leis­ten kön­nen. Zudem kön­nen sich in den armen Vier­teln die Bewoh­ner kaum noch die bestän­dig im Preis stei­gen­den Feu­er­ver­si­che­run­gen leis­ten, was den Wie­der­auf­bau zusätz­lich erschwert und in die Län­ge zieht. Und selbst die Pro­gram­me zur För­de­rung rege­ne­ra­ti­ver Ener­gie­ge­win­nung, etwa durch die Instal­la­ti­on sub­ven­tio­nier­ter Solar­zel­len auf Haus­dä­chern, kom­men haupt­säch­lich wohl­ha­ben­den Kali­for­ni­ern zugu­te.

Die gehei­lig­te “unsicht­ba­re Hand” des kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes ist dabei der wich­tigs­te Brand­be­schleu­ni­ger. Dies nicht nur auf­grund des dem Kapi­tal inne­woh­nen­den Ver­wer­tungs­zwan­ges, der die Welt um sei­ner Selbst­ver­meh­rung wil­len buch­stäb­lich ver­brennt, son­dern, im Fal­le Kali­for­ni­ens, auch ganz kon­kret, wo das Feu­er­ri­si­ko inzwi­schen ein­fach in dem Immo­bi­li­en­markt ein­ge­preist ist. Die absur­den Immo­bi­li­en­prei­se an der Küs­te Kali­for­ni­ens haben ein­kom­mens­schwa­che Bevöl­ke­rungs­schich­ten in die feu­er­ge­fähr­de­ten Regio­nen im Inne­ren des Bun­des­staa­tes abge­drängt.

Des­we­gen finden sich nun die Armen in den am meis­ten von Wald- und Busch­brän­den gefähr­de­ten Regio­nen wie­der. Den bes­ten Schutz vor Brän­den stel­len aber gera­de die teu­ren Haus­dä­cher aus Stein dar, die sich nur die­je­ni­gen wohl­ha­ben­den Kali­for­ni­er leis­ten kön­nen, die ohne­hin die feu­er­ge­fähr­de­ten Regio­nen mei­den, in denen fast alle Häu­ser Holz­dä­cher haben. Der kapi­ta­lis­ti­sche Markt sorgt in sei­ner uner­gründ­li­chen Weis­heit also dafür, dass gera­de in den Regio­nen leicht brenn­ba­re Holz­häu­ser errich­tet wer­den, die beson­ders anfäl­lig für Groß­feu­er sind.

Der Autor publi­zier­te zu die­sem The­ma das Buch Kli­ma­kil­ler Kapi­tal. Wie ein Wirt­schafts­sys­tem unse­re Lebens­grund­la­gen zer­stört.

# Titel­bild: Chris­to­pher Michel: CC BY 2.0 “The day The Sun Didn’t Rise” Gol­den Gate Bridge in San Fran­cis­co

Der Bei­trag Wald­brän­de in Kali­for­ni­en: Son­nen­staat unter Hoch­span­nung erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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