[KgK:] C.L.R. James: Imperialismus in Afrika

Der gro­ße Krieg für die Demo­kra­tie (oder, aus der Sicht Hit­lers, der gro­ße Krieg für den Faschis­mus) wird in Afri­ka genau­so hef­tig aus­ge­foch­ten wie anders­wo. Es ist nicht nur eine Fra­ge der Stra­te­gie. Die kon­kur­rie­ren­den Impe­ria­lis­men wol­len Afri­ka in ers­ter Linie um Afri­kas wil­len, eine Tat­sa­che, die von den demo­kra­ti­schen Propagandist*innen mit der olym­pi­schen Erha­ben­heit völ­li­ger Igno­ranz oder völ­li­ger Heu­che­lei miss­ach­tet wird. Hit­ler jeden­falls sagt klar und deut­lich, dass er sei­nen Lebens­raum will. Aber sehen wir davon ab. Was wir hier tun wol­len, ist, ein paar Fak­ten über Afri­ka und sei­ne Rol­le in der impe­ria­lis­ti­schen Wirt­schaft und sei­ne Zukunft in einer sozia­lis­ti­schen Welt dar­zu­le­gen. Der Welt­markt, den der Kapi­ta­lis­mus geschaf­fen hat, ist so eng geknüpft, dass wir uns mit den grund­le­gen­den Pro­ble­men der moder­nen Gesell­schaft und der Lösung der per­ma­nen­ten Kri­se nicht nur in Afri­ka, son­dern im Welt­maß­stab aus­ein­an­der­set­zen müs­sen.

Bis 1914 hat­te die bri­ti­sche Bour­geoi­sie nicht die lei­ses­te Ahnung von der revo­lu­tio­nä­ren Gewalt, die der Kapi­ta­lis­mus vor allem in den Kolo­nien nähr­te. Ein obsku­rer rus­si­scher revo­lu­tio­nä­rer Exi­lant namens Lenin schrieb zuver­sicht­lich über die unver­meid­li­che Ent­ste­hung des Pro­le­ta­ri­ats in Indi­en und Chi­na als Anführer*innen der kom­men­den natio­na­lis­ti­schen Revo­lu­tio­nen. Aber wel­cher bri­ti­sche Poli­ti­ker oder Welt­pu­bli­zist mach­te sich schon dar­über Sor­gen? Es ist fast schon wert­voll, noch ein­mal zu lesen, was die­se wei­sen Män­ner von vor drei­ßig Jah­ren über die Welt zu sagen hat­ten und was wir zu sagen hat­ten. Aber zuerst die rus­si­sche Revo­lu­ti­on und dann die Wel­le natio­na­lis­ti­scher Revo­lu­tio­nen, die nach dem Krieg durch das bri­ti­sche und das fran­zö­si­sche Empi­re feg­ten, jag­ten der bri­ti­schen Bour­geoi­sie einen Schre­cken ein, der ihr unstill­ba­res Ver­lan­gen nach Beschwich­ti­gung weit­ge­hend erklärt. All die Geris­sen­heit, all die Lügen, die Gewalt, die schein­hei­li­ge Grau­sam­keit, die die bri­ti­sche herr­schen­de Klas­se über die Jahr­hun­der­te hin­weg aus­ge­macht haben, erwie­sen sich als macht­los, die gro­ße indi­sche Revo­lu­ti­on zu ersti­cken, und obwohl Chur­chill in der Öffent­lich­keit wenig über Indi­en sagt, denkt er nur über Deutsch­land mehr nach als über Indi­en.

Indien und Afrika

Die indi­sche Revo­lu­ti­on[1] über­rasch­te den bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus, aber als der voll­stän­di­ge Zer­fall der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft und ihre kolo­nia­len Fol­gen began­nen, sich der bri­ti­schen Bour­geoi­sie auf­zu­drän­gen, nahm eine sehr deut­lich aus­ge­präg­te Denk­strö­mung Gestalt an: Wir wur­den in Indi­en über­rum­pelt; wenn wir in Afri­ka nicht han­deln, wer­den wir auch dort über­rum­pelt wer­den. Der Höhe­punkt war die Grün­dung einer afri­ka­ni­schen For­schungs­ge­sell­schaft unter der Schirm­herr­schaft des Roy­al Insti­tu­te of Inter­na­tio­nal Affairs, die Ver­klei­dung, die die bri­ti­sche Regie­rung annimmt, wenn sie wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Fra­gen ohne offi­zi­el­le Ver­ant­wor­tung unter­su­chen will. Es wur­de eine mäch­ti­ge Kom­mis­si­on ein­ge­setzt, die aus den fähigs­ten Män­nern bestand, die in Eng­land für die­se Auf­ga­be gefun­den wer­den konn­ten. Ein Wirt­schafts­be­ra­ter der Bank von Eng­land, ein Oxford-Pro­fes­sor für Kolo­ni­al­ge­schich­te, der Her­aus­ge­ber von Natu­re, Juli­an Hux­ley, Arthur Sal­ter, Lord Lugard, nach Cecil Rho­des der größ­te aller afri­ka­ni­schen Pro­kon­suln, und eini­ge ande­re, alle unter dem Vor­sitz die­ses bekann­ten Libe­ra­len, Bewun­de­rers des Faschis­mus und Ver­tei­di­gers des „Bri­tish“ und „Ame­ri­can Way of Life“. Wir spre­chen von dem ver­stor­be­nen Lord Lothi­an. Das Komi­tee beschloss, eine voll­stän­di­ge Über­sicht über das kolo­nia­le Afri­ka zu erstel­len, und beauf­trag­te Lord Hai­ley, den Gou­ver­neur der Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen in Indi­en, mit der Durch­füh­rung die­ser Stu­die. Zur Vor­be­rei­tung der eigent­li­chen Arbeit in Afri­ka wur­den spe­zi­el­le For­schun­gen in Auf­trag gege­ben, von denen die wich­tigs­te eine Stu­die über kapi­ta­lis­ti­sche Inves­ti­tio­nen in Afri­ka war, die von Pro­fes­sor Fran­kel aus Johan­nes­burg durch­ge­führt wur­de. Aber die Stu­die (1837 Sei­ten) und Fran­kels Band (487 Sei­ten) wur­den 1938 vom Roy­al Insti­tu­te ver­öf­fent­licht. Sie stel­len eine Ankla­ge der kapi­ta­lis­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on dar, die man außer­halb der Sei­ten mar­xis­ti­scher Schriftsteller*innen unmög­lich fin­den wird.

Fran­kel schreibt mit der Frei­heit eines Men­schen ohne offi­zi­el­le Ver­ant­wor­tung. Hai­ley hat die Vor­sicht eines alten Beam­ten, mit der Unter­trei­bung eines Eng­län­ders und der evan­ge­li­ka­len Aus­drucks­wei­se, die Teil der bri­ti­schen impe­ria­lis­ti­schen Last ist. Bei­de kom­men jedoch zu dem glei­chen Schluss. Der Impe­ria­lis­mus in Afri­ka ist bank­rott. Es gibt nur einen Weg, die Situa­ti­on zu ret­ten, und das ist die Erhö­hung des Lebens­stan­dards, der Kul­tur und der Pro­duk­ti­vi­tät der ein­hei­mi­schen Afrikaner*innen. Die vol­le Bedeu­tung die­ser wirt­schaft­li­chen Schluss­fol­ge­rung kann nur vor dem poli­ti­schen Hin­ter­grund Afri­kas ver­stan­den wer­den, denn es ist das ers­te Gesetz der Exis­tenz und Selbst­er­hal­tung eines jeden Euro­pä­ers in Afri­ka, dass die Exis­tenz der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on in Afri­ka (und mit euro­päi­scher Zivi­li­sa­ti­on mei­nen die­se Men­schen natür­lich den euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus) von einer Tat­sa­che abhängt, näm­lich von der Erhal­tung des Afri­ka­ners in der Posi­ti­on der Unter­le­gen­heit, Segre­ga­ti­on und Rück­stän­dig­keit, in der er sich gegen­wär­tig befin­det. Dabei ist das bür­ger­li­che Den­ken durch den Pro­zess der Tren­nung des­sen, was dia­lek­tisch untrenn­bar ist, zu der Schluss­fol­ge­rung gelangt, dass es sich in Afri­ka, um sich selbst zu ret­ten, selbst zer­stö­ren muss.Was ist Afri­ka?

Die Unter­su­chung von Lord Hai­ley umfass­te ganz Afri­ka süd­lich der Saha­ra und beschränk­te sich nicht auf die bri­ti­schen Kolo­nien, denn die Bri­ten woll­ten offi­zi­ell alles über Afri­ka her­aus­fin­den, was es über Afri­ka zu erfah­ren gab. Die afri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung die­ses Gebie­tes wird auf 100.000.000 geschätzt. Die euro­päi­sche Bevöl­ke­rung beträgt davon etwa 2.250.000. Davon befin­den sich allein in der Süd­afri­ka­ni­schen Uni­on über 2.000.000 Men­schen. Für den Rest fin­det man Zah­len wie die­se: Fran­zö­sisch-West­afri­ka, Bevöl­ke­rung in run­den Zah­len, 14 Mil­lio­nen, wei­ße Bevöl­ke­rung 19.000; Bel­gisch-Kon­go, Bevöl­ke­rung 10 Mil­lio­nen, wei­ße Bevöl­ke­rung 18.000. In Kenia, das angeb­lich über Gebie­te ver­fügt, die für die Kolo­ni­sie­rung durch Wei­ße beson­ders geeig­net sind, beträgt die afri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung drei Mil­lio­nen, die wei­ße Bevöl­ke­rung 18.000. In Nige­ria, afri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung 19 Mil­lio­nen, wei­ße Bevöl­ke­rung 5.000. Nörd­lich der Zani­bes beträgt die wei­ße Bevöl­ke­rung kaum 100.000. Die Flä­che der Gebie­te beträgt etwa 8.260.000 Qua­drat­mei­len, drei­mal so groß wie die der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Das kolo­nia­le Afri­ka ist zum größ­ten Teil ein ein­zi­ges rie­si­ges Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger mit ein paar tau­send wei­ßen Sklaventreiber*innen. In Indi­en gibt es eine indi­sche Indus­trie- und Land­be­sit­zer­klas­se, in Chi­na eben­so. In Afri­ka gibt es nur Sklav*innen und Aufseher*innen. Die bri­ti­sche Regie­rung ist vor drei Jah­ren (theo­re­tisch) auf­ge­wacht und hat erkannt, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann, denn es zahlt sich nicht aus.

Das Eisenbahnfiasko

Das mer­kan­ti­lis­ti­sche Sys­tem hat­te Afri­ka über den Han­del aus­ge­beu­tet, ers­tens für Sklav*innen und zwei­tens für Pacotil­le, die Per­len, far­bi­ge Baum­wol­le und ande­ren Abfall, gegen die schwar­zen Sklav*innen ein­ge­tauscht wur­den. Mit dem Nie­der­gang des mer­kan­ti­len Sys­tems nach dem ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg wich Afri­ka bis zur Zeit des Kapi­tal­ex­ports aus dem Bild des euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus zurück. Bis 1935 belie­fen sich die gesam­ten Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land auf 6.111.000.000 Dol­lar. Von die­sem Betrag befin­den sich 77 Pro­zent oder 4.705.000.000.000 Dol­lar in bri­ti­schen Gebie­ten, und bri­ti­sche Inves­to­ren haben 75 Pro­zent die­ser Gesamt­sum­me bereit­ge­stellt. Im Han­del ist es das­sel­be. Im Jahr 1935 mach­te der Gesamt­han­del der bri­ti­schen Ter­ri­to­ri­en 85 Pro­zent des Gesamt­han­dels Afri­kas aus. Im Jahr 1907 betrug er 84 Pro­zent, und seit Jah­ren ist er nie unter 80 Pro­zent gefal­len.

Groß­bri­tan­ni­en domi­niert das gesam­te ein­hei­mi­sche Afri­ka, wobei die fran­zö­si­schen, bel­gi­schen und por­tu­gie­si­schen Kolo­nien ledig­lich Satel­li­ten die­ses ange­schwol­le­nen impe­ria­lis­ti­schen Mons­ters sind. Von den ins­ge­samt mehr als sechs Mil­li­ar­den Dol­lar, die aus dem Aus­land in Afri­ka inves­tiert wur­den, besteht fast die Hälf­te aus Dar­le­hen und Zuschüs­sen an Regie­run­gen, wäh­rend etwas weni­ger als ein Vier­tel, näm­lich 1.335.000.000 Dol­lar, um genau zu sein, in Eisen­bah­nen inves­tiert wur­den, die wie schwe­re Ket­ten an den euro­päi­schen Kapitalist*innen und der schwar­zen Arbeit in Afri­ka hän­gen. Afri­ka hat sie nicht gebraucht. Eisen­bah­nen müs­sen blü­hen­de Indus­trie­ge­bie­te oder dicht besie­del­te land­wirt­schaft­li­che Regio­nen bedie­nen, oder sie müs­sen neu­es Land erschlie­ßen (wie in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten), auf dem sich eine blü­hen­de Bevöl­ke­rung ent­wi­ckelt und die Eisen­bah­nen mit Ver­kehr ver­sorgt. Außer in den Berg­bau­re­gio­nen Süd­afri­kas sind all die­se Bedin­gun­gen nicht gege­ben. Den­noch wur­den Eisen­bah­nen zum Nut­zen euro­päi­scher Inves­to­ren und der Schwer­indus­trie, für einen vagen Zweck, der als „Öff­nung“ des Kon­ti­nents bekannt ist, und für die über­aus wich­ti­gen stra­te­gi­schen Zwe­cke benö­tigt. Das Ergeb­nis ist, dass heu­te in fast jeder Kolo­nie die Eisen­bah­nen von den Regie­run­gen ent­wi­ckelt wur­den, und bis heu­te kön­nen es sich nur die Regie­run­gen leis­ten, sie zu betrei­ben. Die meis­ten von ihnen sind über­baut wor­den. Als Fol­ge die­ser Aus­ga­ben wur­den die Eisen­bah­nen mit hohen Zins­ver­pflich­tun­gen belas­tet, die zu über­höh­ten Zöl­len auf den impor­tier­ten oder loka­len Ver­kehr füh­ren.

Kapital und Sklaverei

In dem Ver­such, die Pro­duk­ti­on für den Export zu impro­vi­sie­ren, die not­wen­dig ist, um die­sen hohen Zins­be­las­tun­gen gerecht zu wer­den, wur­den ver­schie­de­ne Arten von unwirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on in Angriff genom­men. An sich unwirt­schaft­lich, vor allem in Form von Mono­kul­tu­ren, und den Schwan­kun­gen des Welt­markts unter­wor­fen, sind eini­ge von ihnen heu­te zu Las­ten der betrof­fe­nen Gebie­te gewor­den. Im Ergeb­nis kommt Fran­kel zu fol­gen­der bemer­kens­wer­ter Schluss­fol­ge­rung:

Die Regie­run­gen wur­den immer wie­der gegen die grund­le­gen­de Schwie­rig­keit auf­ge­hetzt, dass Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen an sich nicht zu wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung füh­ren kön­nen, son­dern eine gleich­zei­ti­ge Aus­wei­tung der ande­ren Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren erfor­dern. Kapi­tal allein kann das wirt­schaft­li­che Pro­blem nicht lösen.

Mit ande­ren Wor­ten: Das Kapi­tal kann nicht erwar­ten zu gedei­hen, wenn die afri­ka­ni­schen Ein­ge­bo­re­nen ver­sklavt bleibt. In Kolo­nie um Kolo­nie sind die Beschwer­den die glei­chen. Im Jahr 1934 berich­te­te der Gene­ral­di­rek­tor der staat­li­chen nige­ria­ni­schen Eisen­bah­nen:

Der Han­del der Kolo­nie ist noch nicht so weit ent­wi­ckelt wie die Trans­port­ka­pa­zi­tät der Eisen­bahn­stre­cke. Kei­ne pri­va­te Eisen­bahn­ge­sell­schaft hät­te so vie­le Stre­cken­ki­lo­me­ter bau­en kön­nen, und die gan­ze Kolo­nie hat in hohem Maße von den Trans­port­ein­rich­tun­gen pro­fi­tiert… Wür­de man die jähr­li­chen Kapi­tal­kos­ten der Eisen­bahn dem Gesamt­ein­kom­men der Bevöl­ke­rung, der sie dient, gegen­über­stel­len, wäre klar, dass, abge­se­hen von einem wert­vol­len Mine­ra­li­en­fund, die Haupt­rich­tung, in der die jähr­li­chen Kapi­tal­kos­ten Jahr für Jahr aus den Ein­nah­men der Eisen­bahn gedeckt wer­den könn­ten, die Beför­de­rung einer sehr gro­ßen Men­ge land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­te durch die Eisen­bahn sein muss, und zwar die gesam­te Men­ge, wo immer die Eisen­bahn sie errei­chen kann. Ein aus­rei­chen­des Volu­men an Export­pro­duk­ten ist heu­te nicht vor­han­den…

Nige­ria ist eine der wohl­ha­bends­ten Kolo­nien, und dies vor allem, weil es über eine gro­ße ein­hei­mi­sche Bau­ern­schaft ver­fügt. Die Eisen­bahn­be­rich­te aus Fran­zö­sisch-Kon­go und Bel­gisch-Kon­go sagen genau das­sel­be, nur sagen sie es auf Fran­zö­sisch und mit mehr Ver­zweif­lung, weil die ein­hei­mi­sche Bau­ern­schaft in die­sen bei­den rie­si­gen Kolo­nien fehlt. Fran­kel schließt dar­aus:

Im All­ge­mei­nen wur­den die afri­ka­ni­schen Eisen­bah­nen auf der Grund­la­ge einer zu opti­mis­ti­schen Sicht der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­ra­te in den Gebie­ten, die sie bedie­nen, gebaut… Wenn die Erschlie­ßung neu­er Boden­schät­ze aus­bleibt, wird in naher Zukunft ein erheb­li­cher wei­te­rer Eisen­bahn­bau aus wirt­schaft­li­cher Sicht nicht gerecht­fer­tigt sein wird.

Mit ande­ren Wor­ten: Abschied von den Eisen­bah­nen.

Das Bergbau-Karussell

Im Jahr 1935 betrug der Gold­ex­port 47,6 Pro­zent des Gesamt­ex­ports Afri­kas. Der größ­te Teil die­ses Gol­des wur­de in der Süd­afri­ka­ni­schen Uni­on pro­du­ziert. Die­ser sagen­haft „wohl­ha­ben­de“ afri­ka­ni­sche Staat, in dem 90 Pro­zent der wei­ßen Bevöl­ke­rung des kolo­nia­len Afri­kas leben und den alle ande­ren afri­ka­ni­schen Kolo­nien benei­den, ist in Wirk­lich­keit eine der insta­bils­ten Volks­wirt­schaf­ten der Welt, und nie­mand kennt sie bes­ser als die Südafrikaner*innen selbst. Bis zur Ent­de­ckung von Dia­man­ten im Jah­re 1857 war die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung Süd­afri­kas fast aus­schließ­lich land­wirt­schaft­lich geprägt, und Süd­afri­ka spiel­te kei­ne Rol­le. Mit der Erschlie­ßung der Dia­man­ten­fel­der und danach des Gol­des wur­de die gesam­te Wirt­schaft all­mäh­lich von den Ein­künf­ten aus die­sen Indus­trien abhän­gig. 25 Jah­re lang haben die Legis­la­ti­ve und die Wähler*innen erklärt, dass das Land zu sei­nem eige­nen zukünf­ti­gen Heil Mit­tel und Wege fin­den müs­se, ande­re Ein­künf­te als aus dem Berg­bau zu erzie­len. Sie haben völ­lig ver­sagt. Mit Aus­nah­me der Wol­le gibt es heu­te in die­sem rie­si­gen Land kei­nen ein­zi­gen wich­ti­gen land­wirt­schaft­li­chen Roh­stoff, der nicht auf Schutz oder auf die Auf­recht­erhal­tung einer künst­li­chen Preis­struk­tur auf der Grund­la­ge von Direkt­sub­ven­tio­nen ange­wie­sen wäre.

Genau die glei­che Situa­ti­on besteht in der Indus­trie, die ohne den Berg­bau zur Hälf­te zusam­men­bre­chen wür­de. Auf die­se unge­sun­de Grund­la­ge wird eine wei­te­re bös­ar­ti­ge wirt­schaft­li­che Miss­bil­dung gepfropft. In den Jah­ren 1934 und 1935 waren 41 Pro­zent der in pri­va­ten Indus­trie­un­ter­neh­men beschäf­tig­ten Arbeitnehmer*innen Europäer*innen. Sie nah­men 74 Pro­zent der gezahl­ten Löh­ne und Gehäl­ter ein, was 1.010 Dol­lar pro Kopf ent­sprach. Die rest­li­chen 59 Pro­zent der Arbeiter*innen waren Nicht-Euro­pä­er, die 26 Pro­zent der Löh­ne und Gehäl­ter erhiel­ten, was 245 Dol­lar pro Kopf ent­sprach. In staat­li­chen Unter­neh­men erhiel­ten die Europäer*innen, die 66,3 Pro­zent der Beschäf­tig­ten aus­mach­ten, 91 Pro­zent der ins­ge­samt gezahl­ten Löh­ne und Gehäl­ter. Die rest­li­chen 9 Pro­zent der Löh­ne und Gehäl­ter wur­den unter den 33,7 Pro­zent der beschäf­tig­ten Nicht-Europäer*innen auf­ge­teilt.

Die orga­ni­sier­te Arbeiter*innenbewegung, d.h. die Aris­to­kra­tie der Arbeiter*innen, setz­te kurz nach dem Ers­ten Welt­krieg den Color Bar Act[2] durch, der Afrikaner*innen qua­li­fi­zier­te Arbeit ver­bot. Zu ihm gesel­len sich die reak­tio­nä­ren süd­afri­ka­ni­schen Bäuer*innen, die die Mehr­heit der Ein­ge­bo­re­nen auf ihren Far­men in einem Zustand der Leib­ei­gen­schaft und Skla­ve­rei hal­ten. Das sind die cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­ma­le der süd­afri­ka­ni­schen Arbeit: 1) eine nied­ri­ge durch­schnitt­li­che Pro­duk­ti­vi­tät, 2) eine künst­li­che Lohn­struk­tur, die auf den Ein­nah­men aus Gold und Dia­man­ten basiert, und 3) die buch­stäb­li­che Ver­ar­mung und Degra­die­rung von sechs Mil­lio­nen Schwar­zen durch weni­ger als die Hälf­te der wei­ßen Bevöl­ke­rung von zwei Mil­lio­nen; weni­ger als die Hälf­te, weil es eine rie­si­ge arme wei­ße Bevöl­ke­rung gibt. In der Berg­bau­in­dus­trie selbst erreicht das Ver­hält­nis unglaub­li­che Aus­ma­ße. Der Durch­schnitts­lohn des euro­päi­schen Arbeit­neh­mers in den Berg­wer­ken liegt in run­den Zah­len bei 155 Dol­lar pro Monat. Der des Ein­hei­mi­schen liegt bei etwa 20 Dol­lar. Der offi­zi­el­le Titel für die­se Dis­kri­mi­nie­rung lau­tet „zivi­li­sier­te Arbeit“.

Eine ruinöse Politik

Lord Hai­ley sieht, dass dies ein rui­nö­ses Geschäft ist. Er weiß, dass sowohl in der Indus­trie als auch in der Land­wirt­schaft letzt­lich die befrei­ten Afrikaner*innen die glei­cher­ma­ßen effi­zi­en­te­ren und weni­ger kost­spie­li­gen Produzent*innen wären. Wie er sagt: „…die sich häu­fen­den Bewei­se schei­nen Zwei­fel zu wecken…“, ob die euro­päi­sche Land­wirt­schaft jemals mehr tun könn­te, als selbst in guten Zei­ten einen sehr beschei­de­nen Lebens­un­ter­halt im Gegen­zug für har­te Arbeit zu ver­die­nen, und eine stän­dig wie­der­keh­ren­de Belas­tung für die Ein­nah­men der Regie­run­gen zu sein, selbst in schlech­ten Zei­ten. Er räumt ein, dass „obwohl es sowohl poli­ti­sche als auch theo­re­ti­sche Recht­fer­ti­gun­gen für die Annah­me einer Poli­tik der ‚zivi­li­sier­ten Arbeit‘ geben mag, […] ihre Not­wen­dig­keit den­noch bedau­ert wer­den“ müs­se. Hai­ley soll­te die Auf­ga­be über­tra­gen wer­den, den Arbeiteraristokrat*innen und Burenbäuer*innen genau zu erklä­ren, wie vor­teil­haft eine Ände­rung wäre. Kein Maß an Unter­trei­bung wür­de ihn davor bewah­ren, gelyncht zu wer­den.

Die Bedeu­tung Süd­afri­kas ist fol­gen­de: Die meis­ten ande­ren Kolo­nien in Afri­ka sind ent­we­der nach dem glei­chen Modell gebaut oder wün­schen sich, dass sie es sein könn­ten. Dar­um seh­nen sie sich nach der Ent­de­ckung irgend­ei­nes Groß­mi­ne­rals. Sie könn­ten dann die Zin­sen für die Eisen­bah­nen zah­len und vom Rest leben, wäh­rend der Ein­hei­mi­sche die Arbeit in den Minen ver­rich­tet. Wo es kei­ne Gewerk­schaf­ten gibt, die ihn sub­ven­tio­nie­ren, starrt der Euro­pä­er der Tat­sa­che ins Gesicht, dass er nicht mit dem ein­hei­mi­schen Afri­ka­ner kon­kur­rie­ren kann. Er kann den Afri­ka­ner am Kaf­fee­an­bau wie in Kenia hin­dern („wegen kör­per­li­cher und geis­ti­ger Unfä­hig­keit“), aber der Welt­markt, so wie er ist, wei­gert sich, sowohl den Afri­ka­ner für die Arbeit als auch den euro­päi­schen Bau­ern dafür zu bezah­len, dass er wie ein Gen­tle­man lebt, Whis­ky trinkt und Polo spielt. „Über­all“, so Hai­ley, „ist es daher wahr­schein­lich, dass der Fort­schritt des euro­päi­schen Wirt­schafts­sys­tems in Zukunft mit der Aus­beu­tung von Minen, mit dem Han­del und mit bestimm­ten spe­zia­li­sier­ten For­men der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on ver­bun­den sein wird, die im All­ge­mei­nen Kapi­tal für ihre Ent­wick­lung benö­ti­gen.“ Über­all, sowohl in Rho­de­si­en als auch in Fran­zö­sisch-Kon­go und Bel­gisch-Kon­go, Fran­zö­sisch-West­afri­ka und Bri­tisch-West­afri­ka, über­all außer in Süd­afri­ka (und Süd­rho­de­si­en). Wir haben gese­hen, wovon die­se Gebie­te abhän­gen. Ihr „Ide­al“ ist die erbar­mungs­lo­se Unter­drü­ckung der Ein­hei­mi­schen.

Hai­ley mur­melt miss­bil­li­gend, dass „die Mög­lich­keit einer voll­stän­di­gen Erfül­lung die­ses Ide­als von wirt­schaft­li­chen Fak­to­ren abhängt (wie z.B. von der Fort­set­zung der Gold­pro­duk­ti­on), die ihrer­seits Ver­än­de­run­gen unter­lie­gen kön­nen.“ Es sieht heu­te, drei Jah­re nach­dem Hai­ley schrieb, sicher­lich so aus, als ob der süd­afri­ka­ni­sche Gold­ex­port bald „einer Ver­än­de­rung unter­wor­fen“ wer­den könn­te. Für die ande­ren Gemein­schaf­ten, die nicht im Berg­bau tätig sind, hängt ihr „künf­ti­ger wirt­schaft­li­cher Wohl­stand … mehr von der all­ge­mei­nen Ent­wick­lung der ein­hei­mi­schen Wirt­schafts­tä­tig­keit als von den Ergeb­nis­sen der euro­päi­schen Unter­neh­men ab.“ Am wich­tigs­ten für den bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus ist, dass es für den Kapi­tal­ex­port außer dem Berg­bau kein wei­te­res Feld gibt. Nach etwas mehr als 50 Jah­ren und der Degra­die­rung einer Bevöl­ke­rung, die in der Geschich­te des moder­nen Kapi­ta­lis­mus ohne Par­al­le­le ist, haben die Imperialist*innen die­sen Punkt erreicht.

Der Zustand der Arbeiter*innen

Hai­ley muss­te vor­sich­tig sein. Fran­kel hat­te kei­nen Grund dazu. In sei­nem Werk, das voll­ge­packt ist mit sta­tis­ti­schen Tabel­len, hat Fran­kel ein The­ma. Er nennt es auf Sei­te sie­ben. Die Auf­ga­be besteht dar­in, „die Ideen zu erwei­tern und die krea­ti­ven Mög­lich­kei­ten des Bür­gers in einer brei­te­ren Gesell­schaft zu erhö­hen. Dies zu ver­wirk­li­chen ist der Schlüs­sel zur kolo­nia­len Staats­kunst.“ In Süd­afri­ka und in ganz Ost­afri­ka sind die Afrikaner*innen durch eine Rei­he von Geset­zen an bestimm­te Arbeitgeber*innen gebun­den, was prak­tisch Skla­ve­rei bedeu­tet. Fran­kel zufol­ge sei es

kei­ne Über­trei­bung zu sagen, dass eine grund­le­gen­de Ursa­che für das nied­ri­ge Durch­schnitts­ein­kom­men der Ein­woh­ner der Uni­on in der man­geln­den ‚wirt­schaft­li­chen Mobi­li­tät‘ ihrer Arbeit­neh­mer, sowohl der schwar­zen als auch der wei­ßen, liegt. Wir sind wie­der am Aus­gangs­punkt die­ser Stu­die ange­langt – Fort­schritt bedeu­tet Wan­del; Wan­del hem­men heißt Fort­schritt hem­men.

Im Gegen­satz zu Hai­ley for­dert er Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen, wenn auch nicht sofort gewinn­brin­gend, so doch unter einer Bedin­gung:

Letzt­lich wird die Zukunft der Kapi­tal­in­ves­ti­ti­on jedoch, wie die Zukunft des gesam­ten wirt­schaft­li­chen Fort­schritts in Afri­ka, davon abhän­gen, dass die afri­ka­ni­schen Völ­ker von den Fak­to­ren befreit wer­den, die ihren Fort­schritt in der Ver­gan­gen­heit gebremst haben, und von den künst­li­chen Beschrän­kun­gen, die in man­chen Ter­ri­to­ri­en noch immer die Ent­fal­tung ihrer Fähig­kei­ten ver­hin­dern…

Wenn die Erfah­run­gen des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts in Afri­ka über­haupt etwas bewie­sen haben, dann, dass der Reich­tum Afri­kas bis­her kaum ent­deckt wur­de, ein­fach weil er tief im Boden Afri­kas selbst liegt. Nur durch die koope­ra­ti­ven Bemü­hun­gen von Afrikaner*innen und Europäer*innen wird er aus­ge­gra­ben wer­den… Der Vor­hang für die afri­ka­ni­sche Sze­ne hat sich gera­de erst geho­ben…

Tat­säch­lich eröff­net das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert die Ära des kon­struk­ti­ven und krea­ti­ven Han­delns der west­li­chen Mäch­te in Afri­ka.

Fran­kel ist hier über eine gewal­ti­ge Schluss­fol­ge­rung gestol­pert. Er spricht nicht von der „Hebung des Lebens­stan­dards“ und so etwas wie pri­mi­ti­ve All­heil­mit­tel für die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus. Er hat das Feld der Ver­tei­lung ver­las­sen und das Pro­blem an der Wur­zel ange­packt – am Punkt der Pro­duk­ti­on.

Der Marxismus und die Kolonien

Was in Afri­ka geschieht und was die bri­ti­schen Impe­ria­lis­ten dar­über den­ken, betrifft alle ame­ri­ka­ni­schen Arbeiter*innen, nicht nur die Schwar­zen. Die Wider­sprü­che der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on drü­cken sich in einer Kon­zen­tra­ti­on von Reich­tum am einen Ende der Gesell­schaft und von Elend am ande­ren Ende aus. Alle den­ken­den ame­ri­ka­ni­schen Arbeiter*innen ken­nen die­se Tat­sa­che. Aber die­se Wider­sprü­che äußern sich auch in der Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums in rei­chen Natio­nen wie den USA, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Bel­gi­en und in der Kon­zen­tra­ti­on des Elends in armen wie Indi­en, Chi­na und Afri­ka. Es gibt hun­dert Mil­lio­nen Afrikaner*innen, die in Armut leben; über vier­hun­dert Mil­lio­nen Chines*innen, fast vier­hun­dert Mil­lio­nen Inder*innen. Roo­se­velt spricht von einem Drit­tel einer Nati­on. Die­se Men­schen machen die Hälf­te der Welt aus. Es ist der Kapi­ta­lis­mus, der sie ver­nich­tet, wie er die Welt ver­nich­tet. Er hat nun gestan­den, dass er in Afri­ka bank­rott ist. Sie müs­sen sich daher vom Kapi­ta­lis­mus befrei­en – aus dem­sel­ben Grund, aus dem sich der Arbei­ter in der west­li­chen Welt vom Kapi­ta­lis­mus befrei­en muss, um das „Kapi­tal“ zu benut­zen und nicht von ihm benutzt zu wer­den.

Fran­kel ist auf eine Ent­de­ckung gesto­ßen, aber er hat einen gro­ßen Feh­ler gemacht, als er das, was Afri­ka braucht, „Kapi­tal“ nann­te. Vor fast ein­hun­dert Jah­ren hat Marx in Lohn­ar­beit und Kapi­tal das Kapi­tal defi­niert. Es ist akku­mu­lier­te Arbeit. Und Land, nicht akku­mu­lier­te Arbeit, war in allen Gesell­schaf­ten vor der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft das wich­tigs­te Mit­tel der mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on. Kapi­tal ist jedoch akku­mu­lier­te Arbeit in einem bestimm­ten sozia­len Ver­hält­nis.

Die Herr­schaft der auf­ge­häuf­ten, ver­gan­ge­nen, ver­ge­gen­ständ­lich­ten Arbeit über die unmit­tel­ba­re, leben­di­ge Arbeit macht die auf­ge­häuf­te Arbeit erst zum Kapi­tal.

Das Kapi­tal besteht nicht dar­in, daß auf­ge­häuf­te Arbeit der leben­di­gen Arbeit als Mit­tel zu neu­er Pro­duk­ti­on dient. Es besteht dar­in, daß die leben­di­ge Arbeit der auf­ge­häuf­ten Arbeit als Mit­tel dient, ihren Tausch­wert zu erhal­ten und zu ver­meh­ren.

Wie Marx es im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest zum Aus­druck bringt:

In der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ist die leben­di­ge Arbeit nur ein Mit­tel, die auf­ge­häuf­te Arbeit zu ver­meh­ren. In der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft ist die auf­ge­häuf­te Arbeit nur ein Mit­tel, um den Lebens­pro­zess der Arbei­ter zu erwei­tern, zu berei­chern, zu beför­dern.

Fran­kel will die Exis­tenz der Afrikaner*innen för­dern, erwei­tern und berei­chern, nicht um sei­ne unsterb­li­che See­le zu ret­ten, son­dern um die afri­ka­ni­sche Wirt­schaft zu ret­ten. Was Fran­kel also wirk­lich for­dert, ist nicht das Kapi­tal, son­dern den Kom­mu­nis­mus. Hai­ley stellt jedoch ledig­lich fest: dafür kei­ne ange­häuf­te Arbeit mehr. Wie üblich sind es die Marxist*innen und die Bour­geoi­sie, die sich den Rea­li­tä­ten stel­len.

Die inhä­ren­te Undurch­führ­bar­keit des Kapi­tal­ver­hält­nis­ses tritt in Afri­ka sehr deut­lich her­vor. Dies ist auf das fort­ge­schrit­te­ne Sta­di­um der euro­päi­schen Kapi­tal­ent­wick­lung zurück­zu­füh­ren, als der Kapi­ta­lis­mus begann, in Afri­ka ein­zu­drin­gen, auf den pri­mi­ti­ven Cha­rak­ter der afri­ka­ni­schen Arbeit und auf die zusätz­li­che Schär­fe der Race-dif­fe­ren­zie­rung. Was Fran­kel nicht weiß, ist, dass das, was er in Afri­ka so deut­lich sieht, von Marx vor drei Genera­tio­nen nicht in Bezug auf Afri­ka, son­dern auf die gesam­te kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft gese­hen wur­de. Marx hat­te wenig über die sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft zu sagen, ins­be­son­de­re über ihre Basis, die sozia­lis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on der Arbeit. Die­se neue Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on wür­de vom Pro­le­ta­ri­at voll­endet wer­den, und, wie Lenin am nach­drück­lichs­ten sag­te, das Pro­le­ta­ri­at allein kön­ne sie voll­enden. Aber für Marx war das Pro­blem Afri­kas das Pro­blem der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, und nur der Sozia­lis­mus konn­te es lösen.

Der wirk­li­che Reich­tum der Gesell­schaft und die Mög­lich­keit bestän­di­ger Erwei­te­rung ihres Repro­duk­ti­ons­pro­zes­ses hängt also nicht ab von der Län­ge der Mehr­ar­beit, son­dern von ihrer Pro­duk­ti­vi­tät und von den mehr oder min­der reich­hal­ti­gen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, wor­in sie sich voll­zieht.[3]

Aber von Anfang bis Ende beton­te er, dass die­se Pro­duk­ti­vi­tät durch die Ent­wick­lung des Men­schen als Indi­vi­du­um erreicht wer­den müs­se. Im Sozia­lis­mus soll­te der Kon­sum des Men­schen von „der sozia­len Pro­duk­ti­vi­tät sei­ner eige­nen indi­vi­du­el­len Arbeit in ihrer Eigen­schaft als wahr­haft sozia­le Arbeit“ und in dem Maße bestimmt wer­den, „wie es die vol­le Ent­fal­tung sei­ner Indi­vi­dua­li­tät erfor­dert.“[4] Er sprach sel­ten vom Sozia­lis­mus, ohne dar­auf zurück­zu­kom­men, und sei­ne viel­leicht ein­dring­lichs­te Aus­sa­ge in die­sem Sin­ne fin­det sich in sei­nem Kapi­tel über Maschi­nen und moder­ne Indus­trie:

Wenn aber der Wech­sel der Arbeit sich jetzt nur als über­wäl­ti­gen­des Natur­ge­setz und mit der blind zer­stö­ren­den Wir­kung eines Natur­ge­set­zes durch­setzt, das über­all auf Hin­der­nis­se stößt, macht die gro­ße Indus­trie durch ihre Kata­stro­phen selbst es zur Fra­ge von Leben oder Tod, den Wech­sel der Arbei­ten und daher mög­lichs­te Viel­sei­tig­keit der Arbei­ter als all­ge­mei­nes gesell­schaft­li­ches Pro­duk­ti­ons­ge­setz anzu­er­ken­nen und sei­ner nor­ma­len Ver­wirk­li­chung die Ver­hält­nis­se anzu­pas­sen. Sie macht es zu einer Fra­ge von Leben oder Tod, die Unge­heu­er­lich­keit einer elen­den, für das wech­seln­de Explo­ita­ti­ons­be­dürf­nis des Kapi­tals in Reser­ve gehal­te­nen, dis­po­niblen Arbei­ter­be­völ­ke­rung zu erset­zen durch die abso­lu­te Dis­po­ni­bi­li­tät des Men­schen für wech­seln­de Arbeits­er­for­der­nis­se; das Teil­in­di­vi­du­um, den blo­ßen Trä­ger einer gesell­schaft­li­chen Detail­funk­ti­on, durch das total ent­wi­ckel­te Indi­vi­du­um, für wel­ches ver­schied­ne gesell­schaft­li­che Funk­tio­nen ein­an­der ablö­sen­de Betä­ti­gungs­wei­sen sind.[5]

Die einzige Lösung

Es ist die ein­zi­ge Lösung für die per­ma­nen­te Kri­se. Marx hat Phra­sen wie Leben und Tod nicht leicht­fer­tig benutzt. Lasst die leben­di­ge Arbeit die ange­häuf­te Arbeit nut­zen, um sich selbst zu ent­wi­ckeln. Das Pro­blem der Expan­si­on wird gelöst wer­den. Wenn die ange­häuf­te Arbeit die leben­di­ge Arbeit nur um der Expan­si­on der ange­häuf­ten Arbeit wil­len nutzt, rui­niert sie auto­ma­tisch ihre Fähig­keit zur Expan­si­on. Es erüb­rigt sich, an die­ser Stel­le auf die monu­men­ta­le For­schung und wis­sen­schaft­li­che Genau­ig­keit hin­zu­wei­sen, mit der Marx die Unver­meid­bar­keit sei­ner Schluss­fol­ge­run­gen demons­trier­te. Es ist Fran­kel zu ver­dan­ken, dass er nach der gründ­lichs­ten Unter­su­chung, die jemals über kapi­ta­lis­ti­sche Inves­ti­tio­nen in Afri­ka durch­ge­führt wur­de, zu der­sel­ben Schluss­fol­ge­rung kam. Sein Feh­ler ist es zu glau­ben, dass die­se ange­sam­mel­te Arbeits­kraft den Afrikaner*innen jemals zur Ver­fü­gung ste­hen kann, es sei denn durch die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on in Afri­ka und in Euro­pa.

Ein Wort bleibt noch zu sagen. Alle gro­ßen Kommunist*innen haben gewusst, dass der Mensch die größ­te aller Pro­duk­tiv­kräf­te ist. In dem all­ge­mei­nen Zusam­men­bruch der revo­lu­tio­nä­ren Ideo­lo­gie, der mit der Dege­ne­ra­ti­on der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on Schritt gehal­ten hat, ist ein Pseu­domar­xis­mus oder eine „wirt­schaft­li­che“ Ana­ly­se her­an­ge­wach­sen, die in der tech­ni­schen und insti­tu­tio­nel­len Reor­ga­ni­sa­ti­on der Gesell­schaft aller­lei Mög­lich­kei­ten sieht, ohne auch nur die gerings­te Rück­sicht auf die Rol­le der Arbeit zu neh­men. Der jüngs­te ist Herr Burn­ham, der uns dar­über infor­miert, dass die Mana­ger­ge­sell­schaft die Pro­ble­me der Expan­si­on in den Kolo­ni­al­län­dern lösen wird, die der „Kapi­ta­lis­mus“ nicht lösen konn­te. Und wie? Das sagt er nicht. Hit­ler hin­ge­gen sagt uns:

Die freie Berufs­wahl der Schwar­zen führt zur sozia­len Assi­mi­la­ti­on, die wie­der­um eine ras­si­sche Assi­mi­la­ti­on zur Fol­ge hat. Die Beru­fe der schwar­zen Kolo­ni­al­völ­ker und ihre Funk­ti­on im Arbeits­pro­zess der ‚neu­en Ord­nung‘ wer­den daher voll­stän­dig von den Deut­schen bestimmt.

Und noch ein­mal,

… [Die Schwar­zen] haben im deut­schen Kolo­ni­al­reich kein akti­ves oder pas­si­ves Wahl­recht; [ihnen] ist der Zugang zu Eisen­bah­nen, Stra­ßen­bah­nen, Restau­rants, Kinos und allen öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen ver­bo­ten.

Mit ande­ren Wor­ten: Hit­ler schlägt vor, die afri­ka­ni­sche Wirt­schaft aus­zu­wei­ten, indem er die afri­ka­ni­sche Arbeit wei­ter degra­diert, die­sel­be alte bank­rot­te Poli­tik des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus. Das ist ein Wider­spruch, der durch den Sozia­lis­mus gelöst wer­den kann und nicht durch Hit­lers Pan­zer­di­vi­sio­nen, die Ras­sen­pro­pa­gan­da von Goe­b­bels oder die theo­re­ti­schen Aus­flüch­te von Burn­ham.

Quel­le: Neue Inter­na­tio­na­le, Band VII Nr. 5, Juni 1941 /​Abschrift: Mar­xists Inter­net Archi­ve /​Geschrie­ben als J.R. John­son

[1] Der indi­sche Auf­stand von 1857, auch bekannt als die Sepoy-Meu­te­rei, begann einen fast jahr­hun­der­te­lan­gen natio­na­len Befrei­ungs­kampf, der 1947 in der Bil­dung eines unab­hän­gi­gen Indi­ens ende­te.

[2] Der Colour Bar Act, auch Mines and Works Act genannt, wur­de 1911 ein­ge­führt, um die aus­schließ­li­chen Rech­te der wei­ßen Arbei­ter auf bestimm­te Arbeits­plät­ze zu defi­nie­ren.

[3] Karl Marx: Das Kapi­tal, Drit­ter Band, MEW 25, S. 828.

[4] Die­ses Zitat konn­te in der eng­li­schen Aus­ga­be von Das Kapi­tal nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Das Ori­gi­nal ver­weist auf den Drit­ten Band, S. 1021.

[5] Karl Marx, Das Kapi­tal, Ers­ter Band, MEW 23, S. 511f.

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