[perspektive:] Energieversorgung: Bundesregierung plant Bürgschaft für russisches Flüssiggasprojekt

Die Anlage Arctic LNG 2 soll im Norden Sibiriens Flüssiggas für den Export nach Asien und Europa fördern. Beteiligt sind der russische Energiekonzern Novatek sowie Firmen aus Frankreich, China und Japan. Die Bundesregierung will das Projekt einem geleakten Dokument zufolge mit Staatsgeld absichern. Die Gasanlage ist Teil der russischen Pläne, seine Arktisregion wirtschaftlich zu erschließen.

Die deutsch-rus­si­sche Gas­al­li­anz soll wei­ter­be­stehen, auf wel­chem Wege auch immer – viel­leicht lie­ße sich so der Stand­punkt der Bun­des­re­gie­rung zu den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der letz­ten Wochen zusam­men­fas­sen. Einer­seits dis­ku­tie­ren die Regie­rungs­par­tei­en noch immer kon­tro­vers über die Fer­tig­stel­lung der Ost­see-Gas­pipe­line Nord Stream 2. Zur Erin­ne­rung: Die USA hat­ten die­ses Pro­jekt seit dem letz­ten Jahr so hef­tig mit Sank­tio­nen tor­pe­diert, dass der Pipe­line­bau kurz vor der Fer­tig­stel­lung unter­bro­chen wur­de.

US-Sank­tio­nen gegen die deutsch-rus­si­sche Gas-Pipe­line „Nord Stream 2“ – Was steckt dahin­ter?

Der texa­ni­sche Sena­tor Ted Cruz droh­te dem Fähr­ha­fen in Sass­nitz (Meck­len­burg-Vor­pom­mern) zuletzt sogar öffent­lich mit „finan­zi­el­ler Zer­stö­rung“. Füh­ren­de CDU-Poli­ti­ker um Nor­bert Rött­gen nah­men die Ver­gif­tung des rus­si­schen Oppo­si­tio­nel­len Ale­xei Nawal­ny dann zum Anlass, einen Aus­weg aus dem außen­po­li­ti­schen Dilem­ma vor­zu­schla­gen. Nord Stream 2 sol­le als Straf­maß­nah­me gegen Russ­land gestoppt wer­den. Wie es mit der Pipe­line wei­ter­geht, ist noch immer unklar.

Die Minis­ter­prä­si­den­ten der öst­li­chen Bun­des­län­der spra­chen sich zuletzt klar für die Fer­tig­stel­lung aus. Russ­land hat demons­tra­tiv zwei Ver­le­ge­schif­fe in Sass­nitz anle­gen las­sen, um den Bau der letz­ten 160 Kilo­me­ter Pipe­line schnell durch­zu­drü­cken. Die Bun­des­kanz­le­rin wie­der­um hat sich „noch kein abschlie­ßen­des Urteil gebil­det“.

Flüs­sig­gas aus der Ark­tis

Inmit­ten die­ser Que­re­len macht nun eine ande­re Mel­dung über ein rus­si­sches Gas­pro­jekt auf sich auf­merk­sam. Wie das Han­dels­blatt berich­tet, plant die Bun­des­re­gie­rung offen­bar die Unter­stüt­zung eines Flüs­sig­gas­pro­jek­tes in der rus­si­schen Ark­tis durch eine staat­li­che Her­mes-Bürg­schaft. Aus einem gele­ak­ten Doku­ment der fran­zö­si­schen Export­kre­di­t­agen­tur Bpif­ran­ce sei dem­nach her­vor­ge­gan­gen, dass Deutsch­land 300 Mil­lio­nen US-Dol­lar für das Pro­jekt Arc­tic LNG 2 mit Staats­ga­ran­tien absi­chern wol­le. Die Gesamt­kos­ten des Pro­jekts wer­den auf 21 Mil­li­ar­den Dol­lar geschätzt.

Der Kli­ma­wan­del macht es mög­lich

Die Anla­ge Arc­tic LNG 2 soll Gas aus den Fel­dern der Jamal-Halb­in­sel in der sibi­ri­schen Ark­tis ver­flüs­si­gen. Das Flüs­sig­erd­gas (LNG) soll dann zu 80 Pro­zent nach Asi­en und 20 Pro­zent nach Euro­pa expor­tiert wer­den. Das Pro­jekt ist Teil einer rus­si­schen Initia­ti­ve zur stra­te­gi­schen Erschlie­ßung der Ark­tis. Die Erd­er­wär­mung führt dazu, dass die Nord­ost­pas­sa­ge (Nort­hern Sea Rou­te) durch das Nord­po­lar­meer nörd­lich von Sibi­ri­en über immer län­ge­re Zeit­räu­me im Jahr eis­frei und damit für Schif­fe durch­quer­bar ist.

Dies eröff­net Russ­land die Mög­lich­keit, schnel­le­re Trans­port­we­ge für die immensen Roh­stoff­vor­kom­men in sei­ner Ark­tis­re­gi­on auf­zu­bau­en. Neben Erd­gas sind das vor allem wich­ti­ge Mine­ra­li­en wie Nickel oder Pal­la­di­um. Damit wächst auch das Inter­es­se ande­rer kapi­ta­lis­ti­scher Staa­ten wie Chi­na, Japan oder den Euro­pä­ern am Zugang zur rus­si­schen Ark­tis.

Deut­sche Fir­men als Zulie­fe­rer?

Die­se Inter­es­sen­la­ge drückt sich auch in der Betei­li­gungs­struk­tur an Arc­tic LNG 2 aus. Das Pro­jekt gehört zu 60 Pro­zent dem rus­si­schen Ener­gie­kon­zern Nova­tek. Zehn Pro­zent hal­ten jeweils das fran­zö­si­sche Unter­neh­men Total, die chi­ne­si­schen Fir­men CNPC und CNOOC sowie ein japa­ni­sches Kon­sor­ti­um. Kre­dit­ge­ber sind Export­kre­di­t­agen­tu­ren und öffent­li­che Ban­ken aus Chi­na, Japan, Russ­land, Ita­li­en, Frank­reich und Deutsch­land.

Deutsch­land ist außer­dem über den Dax-Kon­zern Lin­de betei­ligt, der als Tech­no­lo­gie­aus­rüs­ter für Arc­tic LNG 2 fun­giert. Dane­ben sind Sie­mens oder sei­ne aus­ge­glie­der­te Ener­gie­spar­te als mög­li­che Zulie­fe­rer im Gespräch. Neben die­sen geschäft­li­chen Gesichts­punk­ten dürf­te die stra­te­gi­sche Sei­te aus deut­scher Sicht eine gewich­ti­ge Rol­le bei der Ent­schei­dung über Staats­ga­ran­tien spie­len. Soll­te Nord Stream 2 doch noch schei­tern, wäre die Betei­li­gung an Pro­jek­ten in der Ark­tis für Deutsch­land eine nahe­lie­gen­de Alter­na­ti­ve, um den Zugang zu rus­si­schem Gas den­noch wei­ter aus­zu­bau­en.

Wer­den die USA das Pro­jekt ver­hin­dern?

Das Pro­jekt ist jedoch ers­tens umstrit­ten. Wäh­rend das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um die Han­dels­blatt-Infor­ma­ti­on nicht kom­men­tie­ren woll­te, sprach SPD-Außen­po­li­ti­ker Nils Schmid von einem „fal­schen Signal“, soll­te Deutsch­land tat­säch­lich für Arc­tic LNG 2 bür­gen. Umwelt­ver­bän­de kri­ti­sie­ren die Gas­för­de­rung in der rus­si­schen Ark­tis wegen des hohen Methan­aus­sto­ßes ohne­hin.

Zwei­tens könn­ten die USA der rus­sisch-deut­schen Alli­anz wie­der ein­mal einen Strich durch die Rech­nung machen. Die USA haben weit­rei­chen­de Sank­tio­nen gegen Russ­lands Ener­gie- und Finanz­sek­tor erlas­sen. Betrof­fen sind mit Leo­nid Michel­son und Gen­na­dij Timt­schen­ko zwei Män­ner aus den Top 10 der reichs­ten Rus­sen. Timt­schen­ko hält über sei­ne Vol­ga Group 23,5 Pro­zent an Nova­tek, Michel­son ist Vor­stands­chef und Mehr­heits­ak­tio­när des Ener­gie­kon­zerns.

Der Bei­trag Ener­gie­ver­sor­gung: Bun­des­re­gie­rung plant Bürg­schaft für rus­si­sches Flüs­sig­gas­pro­jekt erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

Read More