[gfp:] Nachbarschaft in Flammen

Kein „cordon sanitaire“

Die EU ist schon seit vie­len Jah­ren bemüht, ihren Ein­fluss in den Län­dern rings um ihr Ter­ri­to­ri­um sys­te­ma­tisch zu stär­ken. „Wir müs­sen dar­auf hin­ar­bei­ten, dass öst­lich der Euro­päi­schen Uni­on und an den Mit­tel­meer­gren­zen ein Ring ver­ant­wor­tungs­voll regier­ter Staa­ten ent­steht, mit denen wir enge, auf Zusam­men­ar­beit gegrün­de­te Bezie­hun­gen pfle­gen kön­nen“, hieß es etwa in der „Euro­päi­schen Sicher­heits­stra­te­gie“, die am 12. Dezem­ber 2003 ver­ab­schie­det wurde.[1] Bereits damals ging es nicht nur um öko­no­mi­sche Vor­tei­le – etwa den pri­vi­le­gier­ten Bezug von Roh­stof­fen aus den Län­dern Nord­afri­kas und die Nut­zung der angren­zen­den Staa­ten als güns­tig erreich­ba­re Absatz­märk­te -, son­dern auch um stra­te­gi­sche Hilfs­diens­te, etwa die Funk­ti­on, Flücht­lin­ge in Nord­afri­ka fest­zu­set­zen. Zehn Jah­re spä­ter, 2013, for­der­ten Ber­li­ner Regie­rungs­be­ra­ter in einem Stra­te­gie­pa­pier, Deutsch­land und die EU soll­ten sich mit ihrer aus­wär­ti­gen Ein­fluss­ar­beit „in ers­ter Linie“ auf ihr „Umfeld von Nord­afri­ka über den Mitt­le­ren Osten bis Zen­tral­asi­en kon­zen­trie­ren“; sie sahen sich frei­lich mit Blick auf die Lage in Liby­en und Syri­en gezwun­gen ein­zu­räu­men, dass die Lage dort „zuneh­mend insta­bil“ werde.[2] In den Dis­kus­sio­nen, die die Ver­öf­fent­li­chung des aktu­ell gül­ti­gen Bundeswehr-„Weißbuchs“ vor­be­rei­te­ten, war 2015 unmiss­ver­ständ­lich von einem „Kri­sen­bo­gen“ rings um die Uni­on die Rede [3], wäh­rend Anfang 2016 der Lei­ter der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz, Wolf­gang Ischin­ger, äußer­te, die „Visi­on“ von einer EU, „die sich mit einem cor­don sani­taire der Sta­bi­li­tät, des wach­sen­den Wohl­stands und der Zusam­men­ar­beit sowohl süd­lich des Mit­tel­meers als auch in Ost­eu­ro­pa umge­ben kann“, sei „mas­siv gescheitert“.[4]

„Viel schlimmer geworden“

Haben sich Ber­lin und Brüs­sel im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt als unfä­hig erwie­sen, die sich ste­tig zuspit­zen­den Kri­sen und Krie­ge im Staa­ten­ring um die EU auch nur im Ansatz unter Kon­trol­le zu bekom­men, so hat sich die Lage die­ses Jahr wei­ter ver­schärft. „In den ver­gan­ge­nen zehn Mona­ten ist unse­re Nach­bar­schaft von Liby­en bis Bela­rus in Flam­men ver­sun­ken“, hielt unlängst der EU-Außen­be­auf­trag­te Josep Bor­rell fest: „Alles ist viel schlim­mer gewor­den, als ich es hät­te erwar­ten können.“[5] Zu den bis­he­ri­gen, unver­än­dert schwe­len­den Kon­flik­ten hin­zu­ge­kom­men sei­en „die Span­nun­gen im öst­li­chen Mit­tel­meer“ zwi­schen Grie­chen­land und Zypern auf der einen sowie der Tür­kei auf der ande­ren Sei­te, die „expo­nen­ti­ell“ zunäh­men und „ein star­kes Risi­ko einer Kon­fron­ta­ti­on“ beinhal­te­ten, „die über Wor­te hin­aus­geht“. Die Lage im Staa­ten­ring um die Uni­on ist die­se Woche Gegen­stand ver­schie­de­ner Spit­zen­tref­fen in Brüs­sel: Zunächst befas­sen sich am heu­ti­gen Mon­tag die EU-Außen­mi­nis­ter unter ande­rem mit der Lage in Liby­en und in Bela­rus, bevor sich am Don­ners­tag und am Frei­tag die EU-Staats- und Regie­rungs­chefs unter ande­rem der Situa­ti­on im öst­li­chen Mit­tel­meer wid­men wer­den. Dabei ste­hen dem Bestre­ben, der Uni­on eine füh­ren­de Rol­le bei der Kon­flikt­bei­le­gung sowie anschlie­ßend kon­trol­lie­ren­den Ein­fluss zu ver­schaf­fen, anhal­tend schar­fe Macht­kämp­fe zwi­schen Ber­lin und Paris im Weg.

Deutsch-französische Differenzen

Dies trifft zum einen auf den Liby­en-Krieg zu, der auf der Tages­ord­nung des heu­ti­gen Tref­fens der EU-Außen­mi­nis­ter steht. Frank­reich unter­stützt seit gerau­mer Zeit den ost­li­by­schen War­lord Kha­li­fa Haftar, wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung seit einem guten Jahr inten­siv danach strebt, auf den Kon­flikt als Mitt­le­rin Ein­fluss zu neh­men; dazu dien­te etwa die Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz Mit­te Janu­ar, die frei­lich von Beob­ach­tern weit­hin als geschei­tert ein­ge­schätzt wird.[6] Paris hat zuletzt sei­ne Mari­ne­prä­senz im Mit­tel­meer (im NATO-Rah­men) genutzt, um die Lie­fe­rung tür­ki­scher Waf­fen an Haft­ars Geg­ner – die „Ein­heits­re­gie­rung“ in Tri­po­lis – zu ver­hin­dern zu suchen, frei­lich ohne Erfolg (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [7]); nun will es der EU-Ope­ra­ti­on „Iri­ni“ eine Fre­gat­te zur Ver­fü­gung stel­len, um erneut gegen Waf­fen­schmug­gel an die „Ein­heits­re­gie­rung“ vorzugehen.[8] Die deut­sche Fre­gat­te „Ham­burg“ ihrer­seits hat im Rah­men von „Iri­ni“ jüngst die Lie­fe­rung von Treib­stoff an Haft­ars ost­li­by­sche Mili­zen gestoppt.[9] Könn­te man noch ver­mu­ten, Ber­lin und Paris ergänz­ten sich bei ihrem gegen­sätz­li­chen Vor­ge­hen womög­lich, indem eine Sei­te die Rüs­tungs­trans­por­te an die „Ein­heits­re­gie­rung“, die ande­re Sei­te dage­gen die­je­ni­gen an Haftar stop­pe, so arbei­ten die stärks­te und die zweit­stärks­te Macht der EU auf diplo­ma­ti­scher Ebe­ne zur Zeit offen gegen­ein­an­der: Wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung eine für den 5. Okto­ber am Rand der UN-Gene­ral­ver­samm­lung geplan­te vir­tu­el­le Liby­en-Kon­fe­renz unter­stützt [10], berei­tet Paris völ­lig unab­hän­gig davon einen eige­nen „Liby­en-Gip­fel“ in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt vor [11]. Die inner­eu­ro­päi­schen Dif­fe­ren­zen ver­schlech­tern die Chan­cen, Liby­en unter Kon­trol­le zu bekom­men, ein wei­te­res Stück.

Berlin gegen Paris

Ähn­lich ver­hält es sich beim Kon­flikt im öst­li­chen Mit­tel­meer zwi­schen Grie­chen­land und Zypern auf der einen, der Tür­kei auf der ande­ren Sei­te. Frank­reich posi­tio­niert sich offen auf der Sei­te der EU-Mit­glie­der Grie­chen­land und Zypern, ver­stärkt sei­ne Mili­tär­prä­senz im öst­li­chen Mit­tel­meer, betei­ligt sich an grie­chisch-zypri­schen Manö­vern und ver­langt ener­gisch schar­fe Sank­tio­nen gegen Anka­ra. Die Bun­des­re­gie­rung wie­der­um ist bemüht, die Tür­kei nicht zu ver­prel­len, weil sie auch wei­ter­hin mit ihr koope­rie­ren will – aus geo­stra­te­gi­schen Grün­den und zur Flücht­lings­ab­wehr (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [12]); sie sucht des­halb auch in die­sem Kon­flikt die Rol­le einer Mitt­le­rin ein­zu­neh­men und lehnt all­zu schrof­fe Straf­maß­nah­men gegen Anka­ra ab. Der Streit zwi­schen Ber­lin und Paris um das Vor­ge­hen in dem Kon­flikt ist bereits auf ver­gan­ge­nen EU-Zusam­men­künf­ten aus­ge­tra­gen wor­den und über­schat­tet jetzt auch den infor­mel­len EU-Gip­fel, auf dem am Don­ners­tag und am Frei­tag die­ser Woche ein gemein­sa­mes Vor­ge­hen der Uni­on gegen die Tür­kei fest­ge­legt wer­den soll. Eine Annä­he­rung ist bis­her nicht in Sicht.

Konflikte im Osten

Blei­ben Erfol­ge bei den Bestre­bun­gen aus, die Kon­trol­le der EU an ihren Mit­tel­meer­gren­zen zu stär­ken, so gilt das auch für die Ost­gren­zen – für die Ukrai­ne und nun auch für Bela­rus. Hat­ten die Bun­des­re­pu­blik und die EU ihren Par­tei­gän­gern in Kiew im Ver­lauf der Unru­hen 2013/​14 einen vor­teil­haf­ten Über­gang an ihre Sei­te in Aus­sicht gestellt, so ist es ihnen bis heu­te weder gelun­gen, den Ver­lust der Krim wett­zu­ma­chen, noch die Kämp­fe um die Ost­ukrai­ne bei­zu­le­gen: Die Absicht Ber­lins und Brüs­sels, sich der Welt in Ost­eu­ro­pa als erfolg­rei­che Kon­flikt­lö­ser zu prä­sen­tie­ren, ist geschei­tert. Aktu­ell zeigt sich, dass die Uni­on auch bei ihrem Ver­such, Bela­rus auf ihre Sei­te zu zie­hen, nicht wie gewünscht von der Stel­le kommt; der Bruch des Lan­des mit Russ­land und sei­ne exklu­si­ve Anbin­dung an die Uni­on blei­ben – jeden­falls bis heu­te – aus. Even­tu­el­le wei­te­re Schrit­te, die eige­nen Posi­tio­nen in Minsk zu stär­ken, wer­den die­se Woche in Brüs­sel dis­ku­tiert.

Deutsch-europäische Weltpolitik

An ihren Gren­zen seit Jah­ren schei­ternd, wol­len Ber­lin und die EU nun welt­po­li­tisch aus­grei­fen – bis nach Ost­asi­en. Die Bun­des­re­gie­rung hat dazu Anfang des Monats ein Stra­te­gie­pa­pier vor­ge­legt („Leit­li­ni­en zum Indo-Pazi­fik“, ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [13]); die EU-Staats- und Regie­rungs­chefs wol­len auf ihrem Gip­fel auch über die Chi­na­po­li­tik der Uni­on bera­ten. Ber­lin hat in sei­nen „Indo-Pazi­fik-Leit­li­ni­en“ bereits über Bun­des­wehr­ope­ra­tio­nen in Ost­asi­en spe­ku­liert – ohne dass Lösun­gen für die Kon­flik­te an den eige­nen Gren­zen auch nur in Sicht wären.

[1] Ein siche­res Euro­pa in einer bes­se­ren Welt. Euro­päi­sche Sicher­heits­stra­te­gie. Brüs­sel, den 12. Dezem­ber 2013. S. dazu Die Krie­ge der nächs­ten Jah­re (I).

[2] Neue Macht – Neue Ver­ant­wor­tung. Ele­men­te einer deut­schen Außen- und Sicher­heits­po­li­tik für eine Welt im Umbruch. Ein Papier der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) und des Ger­man Mar­shall Fund of the United Sta­tes (GMF). Ber­lin, Okto­ber 2013. S. auch Die Neu­ver­mes­sung der deut­schen Welt­po­li­tik.

[3] Par­ti­zi­pa­ti­ons­pha­se zum Weiß­buch 2016: Enge Abstim­mung mit inter­na­tio­na­len Part­nern in Brüs­sel. www​.bmvg​.de 30.04.2015. S. dazu Moder­nes Stra­te­gie­ver­ständ­nis (II).

[4] Eine Zukunfts­auf­ga­be für die EU. Inter­na­tio­na­le Poli­tik, Januar/​Februar 2016, S. 28–32.

[5] Micha­el Peel, Ben Hall: EU’s neigh­bour­hood ‚engul­fed in fla­mes’, warns for­eign poli­cy chief. ft​.com 13.09.2020.

[6] S. dazu Die Ber­li­ner Liby­en-Kon­fe­renz (II).

[7] S. dazu In den Ein­satz vor Liby­en.

[8] La Fran­ce va enga­ger une nou­vel­le fré­ga­te dans l’o­pé­ra­ti­on euro­péen­ne Iri­ni en Libye. ouest​-fran​ce​.fr 16.09.2020.

[9] Mari­ne stoppt Tan­ker. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 12.09.2020.

[10] Deutsch­land und die UN pla­nen neue Liby­en-Kon­fe­renz. swr​.de 17.09.2020.

[11] Un som­met liby­en à Paris avant un agen­da ély­séen tout ent­ier dédié à Erdo­gan. intel​li​gen​ce​on​line​.fr 14.09.2020.

[12] S. dazu Streit um die Tür­kei­po­li­tik.

[13] S. dazu Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (I).

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