[labournet:] [Start 8.11.2018] Forschungsprojekt „Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamte“ an der Ruhr Universität Bochum befragt Betroffene

Dossier

Stoppt PolizeigewaltKör­per­ver­let­zung im Amt durch Polizeibeamt*innen ist bis­lang kaum empi­risch unter­sucht, obwohl das The­ma auch die öffent­li­che Debat­te inten­siv beschäf­tigt. Ins­be­son­de­re zum Dun­kel­feld und zu vik­ti­mo­lo­gi­schen, also die Opfer­wer­dung betref­fen­den Aspek­ten, lie­gen prak­tisch kei­ne Erkennt­nis­se vor. Auch die Dyna­mik der Kon­flikt­si­tua­tio­nen und ihre Auf­ar­bei­tung ist unzu­läng­lich erforscht. Vor die­sem Hin­ter­grund unter­sucht das von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) geför­der­te Pro­jekt erst­ma­lig sys­te­ma­tisch rechts­wid­ri­ge poli­zei­li­che Gewalt­an­wen­dung aus der Per­spek­ti­ve der Opfer und im Kon­text des poli­zei­li­chen Bear­bei­tungs­pro­zes­ses. Im Fokus ste­hen dabei Vik­ti­mi­sie­rungs­pro­zes­se, das Anzei­ge­ver­hal­ten und die Dun­kel­feld­struk­tur, die mit einer quan­ti­ta­ti­ven Opfer­be­fra­gung (Online-Fra­ge­bo­gen) und qua­li­ta­ti­ven Expert*inneninterviews unter­sucht wer­den sol­len….“ – so beginnt die Vor­stel­lung des Pro­jekts „KVIAPOL“ der Juris­ti­schen Fakul­tät der Ruhr Uni­ver­si­tät Bochum, das seit dem 08. Novem­ber 2018 externer Link begon­nen hat. Dar­in wer­den zur Teil­nah­me ein­ge­la­den: „An der Stu­die kön­nen Betrof­fe­ne teil­neh­men, denen rechts­wid­ri­ge kör­per­li­che Gewalt durch die Poli­zei in Deutsch­land wider­fah­ren ist. Das Aus­fül­len des Fra­ge­bo­gens dau­ert ca. 30 Minu­ten. Ger­ne kön­nen Sie das Pro­jekt­team auch per E‑Mail (pgp) kon­tak­tie­ren…“ Sie­he dazu auch die kon­kre­te Vor­stel­lung des For­schungs­pro­gramms:

  • Zwi­schen­be­richt im For­schungs­pro­jekt zu rechts­wid­ri­ger Poli­zei­ge­walt: Über 70 Pro­zent der Befrag­ten berich­ten von kör­per­li­chen Ver­let­zun­gen New
    Die Befra­gung zeigt ein erheb­li­ches Dun­kel­feld. Ein Grund dafür ist, dass die Betrof­fe­nen die Erfolgs­aus­sich­ten einer Anzei­ge gering ein­schät­zen. Über 3.300 Berich­te konn­ten die For­sche­rin­nen und For­scher des Lehr­stuhls für Kri­mi­no­lo­gie der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum (RUB) von Prof. Dr. Tobi­as Sin­geln­stein im ers­ten Teil des Pro­jekts „Kör­per­ver­let­zung im Amt durch Polizeibeamt*innen“ (Kvia­pol) aus­wer­ten. Nach dem Abschluss der Online-Befra­gung prä­sen­tie­ren sie einen Zwi­schen­be­richt externer Link. Er zeigt unter ande­rem, dass in 86 Pro­zent der berich­te­ten Vor­fäl­le kein Straf­ver­fah­ren durch­ge­führt wur­de, die Fäl­le also nicht in die Sta­tis­tik ein­gin­gen. Über 70 Pro­zent der Befrag­ten berich­ten von kör­per­li­chen Ver­let­zun­gen. Wie stets bei Vik­ti­mi­sie­rungs­be­fra­gun­gen wur­den in der Stu­die Erfah­run­gen und Ein­schät­zun­gen der Befrag­ten erho­ben. Die Daten geben somit deren Per­spek­ti­ve auf die erleb­te Gewalt­an­wen­dung wie­der. Die Stich­pro­be ist auf­grund der gewähl­ten Rekru­tie­rungs­stra­te­gie nicht reprä­sen­ta­tiv. Den zwei­ten Teil der Stu­die, die noch bis zum Jahr 2020 läuft, bil­den 60 Inter­views mit Exper­tin­nen und Exper­ten aus Poli­zei, Jus­tiz und Zivil­ge­sell­schaft…” Mel­dung der RUB zum Zwi­schen­be­richt vom 17. Sep­tem­ber 2019 externer Link
  • Zwi­schen­bi­lanz des Unter­su­chungs­pro­jek­tes zur Poli­zei­ge­walt: Meis­tens bei Demons­tra­tio­nen, oft bei Fuß­ball­spie­len 
    „… Die Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum hat heu­te den Zwi­schen­be­richt zur größ­ten Poli­zei­ge­walt-Stu­die ver­öf­fent­licht, die je in Deutsch­land durch­ge­führt wur­de. Ins­ge­samt wur­den 3.375 Fäl­le mut­maß­lich rechts­wid­ri­ger oder über­mä­ßi­ger Poli­zei­ge­walt ana­ly­siert. Wie immer bei Befra­gun­gen von Betrof­fe­nen bil­det die­ser Aus­schnitt deren Ein­schät­zun­gen und Bewer­tun­gen ab und nur in weni­gen Fäl­len gericht­lich fest­ge­stell­te Sach­ver­hal­te. In 55 Pro­zent der erfass­ten Fäl­le fand die Poli­zei­ge­walt bei einer Demons­tra­ti­on oder poli­ti­schen Akti­on statt, bei 25 Pro­zent auf einer Groß­ver­an­stal­tung oder einem Fuß­ball­spiel, die rest­li­chen 20 Pro­zent ver­tei­len sich über ande­re Kon­takt­si­tua­tio­nen mit der Poli­zei. In 54 Pro­zent der Fäl­le eska­lier­te die Situa­ti­on in weni­ger als zwei Minu­ten vom ers­ten Kon­takt bis zu der berich­te­ten Gewalt­aus­übung. Das galt vor allem für Groß­ver­an­stal­tun­gen wie Demons­tra­tio­nen und Fuß­ball­spie­le, aber auch für Maß­nah­men wie Fest- und Inge­wahrsam­nah­men, Woh­nungs­durch­su­chun­gen und Stra­ßen­ver­kehrs­kon­trol­len außer­halb von Groß­ver­an­stal­tun­gen, heißt es in der Stu­die. Am häu­figs­ten kam es zu Schlä­gen und Stö­ßen sowie dem Ein­satz von Reiz­gas (Pfef­fer­spray). Dabei berich­te­ten mehr als zwei Drit­tel der Befrag­ten von phy­si­schen Ver­let­zun­gen. 19 Pro­zent der Betrof­fe­nen gaben an, schwe­re Ver­let­zun­gen erlit­ten zu haben, zum Bei­spiel Kno­chen­brü­che, schwe­re Kopf­ver­let­zun­gen und inne­re Ver­let­zun­gen…“ – aus dem Bei­trag „Stu­die: Poli­zei­ge­walt rich­tet sich meis­tens gegen Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer und Fuß­ball­fans“ von Mar­kus Reu­ter am 17. Sep­tem­ber 2019 bei netz­po­li­tik externer Link in dem der vor­ge­leg­te Zwi­schen­be­richt vor­ge­stellt und kom­men­tiert wird. Sie­he dazu auch den Link zum Zwi­schen­be­richt, einen Kom­men­tar dazu und eine Mel­dung über ers­te Reak­tio­nen:
    • Poli­zei­li­che Gewalt­an­wen­dun­gen aus Sicht der Betrof­fe­nen“ von Lai­la Abdul-Rah­man, Han­nah Espín Grau und Tobi­as Sin­geln­stein am 17. Sep­tem­ber 2019 beim Lehr­stuhl für Kri­mi­no­lo­gie an der RUB externer Link ist eben der vor­ge­stell­te Zwi­schen­be­richt des Unter­su­chungs­pro­jek­tes, des­sen AutorIn­nen ein­lei­tend zur Daten­la­ge und Gül­tig­keit infor­mie­ren: „… Von 5.677 voll­stän­dig aus­ge­füll­ten Fra­ge­bö­gen ent­fie­len 3.678auf den Haupt­fra­ge­bo­gen zu eige­nen Erfah­run­gen mit kör­per­li­cher Gewalt durch Polizist*innen im Rah­men der Dienst­aus­übung, die die Betrof­fe­nen als über­mä­ßig bzw. rechts­wid­rig bewer­te­ten. Wei­te­re 1.999 Per­so­nen nutz­ten die Befra­gung, um Zeu­gen­er­fah­run­gen, ande­re For­men als kör­per­li­che Gewalt oder das Feh­len von ent­spre­chen­den Gewalt­er­fah­run­gen zu berich­ten; die­se Anga­ben sind nicht Gegen­stand der vor­lie­gen­den Aus­wer­tung (s. 2.2).Von den 3.678 abge­schlos­se­nen Haupt­fra­ge­bö­gen wur­den im Pro­zess der Daten­be­rei­ni­gung 303 Fra­ge­bö­gen aus dem Daten­satz aus­ge­schlos­sen. Die ver­blei­ben­den 3.375 Fäl­le fan­den Ein­gang in die Ana­ly­sen. Wie stets bei Vik­ti­mi­sie­rungs­be­fra­gun­gen bil­det die­ses Sam­ple Ein­schät­zun­gen und Bewer­tun­gen der Befrag­ten ab und nur in weni­gen Fäl­len gericht­lich fest­ge­stell­te Sach­ver­hal­te. Dies ist bei der Bewer­tung der Ergeb­nis­se zu berück­sich­ti­gen und von beson­de­rer Bedeu­tung, da die Abgren­zung zwi­schen der recht­mä­ßi­gen Aus­übung unmit­tel­ba­ren Zwangs durch die Poli­zei einer­seits und rechts­wid­ri­ger poli­zei­li­cher Gewalt­aus­übung ande­rer­seits für juris­ti­sche Lai*innen mit­un­ter nicht ein­fach vor­zu­neh­men ist...“
    • „Offi­zi­el­le Bestä­ti­gung“ von Sebas­ti­an Bähr am 17. Sep­tem­ber 2019 in neu­es deutsch­land online externer Link zu die­ser Ver­öf­fent­li­chung unter ande­rem: „… Eine Stu­die zur Erfor­schung ille­ga­ler Poli­zei­ge­walt könn­te dies nun ändern und die Debat­te womög­lich sogar vor­an­brin­gen. Sie bestä­tigt näm­lich das, was den Betrof­fe­nen bis­her kei­ner glau­ben woll­te: Ja, ille­ga­le Poli­zei­ge­walt ist real. Sie schüch­tert ein, sie bringt Leid und sie ist vor allem weit­aus stär­ker ver­brei­tet, als die amt­li­chen Zah­len nahe­le­gen. Betrof­fe­ne zei­gen Beam­te nicht an, weil sie Angst haben oder nicht glau­ben, dass es etwas nützt. Schon seit Jah­ren wer­den von Bür­ger­recht­lern unab­hän­gi­ge Beschwer­de­stel­len und eine indi­vi­du­el­le Kenn­zeich­nungs­pflicht für Poli­zis­ten gefor­dert. Was kam? Neue Poli­zei­ge­set­ze in meh­re­ren Län­dern, die die Befug­nis­se der Beam­ten noch mehr aus­wei­ten. Ähn­li­che Ten­den­zen sind über­all in Euro­pa spür­bar: Statt mehr Bür­ger­rech­ten und Kon­trol­le der Poli­zei gibt es auto­ri­tä­re Sehn­süch­te…“
    • „Kaum Ankla­gen bei Poli­zei­ge­walt in BRD“ am 18. Sep­tem­ber 2019 in der jun­gen welt externer Link mel­det dazu ers­te Reak­tio­nen: „… Die innen­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Bun­des­tags­frak­ti­on der Par­tei Die Lin­ke, Ulla Jel­pke, sowie Amnes­ty Inter­na­tio­nal Deutsch­land bekräf­tig­ten jeweils am Diens­tag ihre For­de­run­gen nach der Ein­füh­rung unab­hän­gi­ger Beschwer­de­stel­len, denen Betrof­fe­ne wie Beam­te Vor­fäl­le mel­den könn­ten. Zudem müss­ten die Kon­troll­me­cha­nis­men gegen­über der Poli­zei gestärkt wer­den, erklär­te Jel­pke. In der Aus­bil­dung müs­se »der Respekt vor den Bür­ger­rech­ten stär­ker betont wer­den«...“
  • Stu­die zu Poli­zei­ge­walt: Erst­mals wer­den auch Opfer gehört 
    Manch­mal ist ein Poli­zist nicht Freund und Hel­fer, son­dern Täter. 2.000 Anzei­gen wegen Kör­per­ver­let­zung im Amt gibt es in Deutsch­land pro Jahr. Aller­dings lan­det nur ein Bruch­teil der Fäl­le vor Gericht. War­um das so ist und womit Gewalt durch Poli­zis­ten zusam­men­hängt, unter­sucht Tobi­as Sin­geln­stein am Insti­tut für Kri­mi­no­lo­gie der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum. Erst­ma­lig wur­den in die­ser Stu­die die Opfer von Poli­zei­ge­walt befragt. Nun beginnt die Aus­wer­tung. Auch Bie­le­fel­der Anwäl­te und Wis­sen­schaft­ler sind auf Ergeb­nis­se gespannt, doch die Poli­zei ist kri­tisch. (…) Aktu­ell ist über das Phä­no­men unrecht­mä­ßi­ge Gewalt durch Poli­zis­ten nur wenig bekannt. “Es ist aber ein gesell­schaft­lich beson­ders rele­van­tes The­ma”, meint Sin­geln­stein. “Schließ­lich geht es um den Miss­brauch staat­li­cher Exe­ku­tiv­be­fug­nis­se.” Seit Herbst 2018 hat sein Team Opfer von Poli­zei­ge­walt zu ihren Erfah­run­gen befragt, abge­run­det wird die Stu­die durch Inter­views mit Poli­zis­ten, Juris­ten und Opfer­be­ra­tungs­stel­len. Ziel ist es, das soge­nann­te Dun­kel­feld auf­zu­hel­len, also Erkennt­nis­se über Poli­zei­ge­walt zu erlan­gen, die nicht in den offi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken auf­tau­chen. (…) Der Bie­le­fel­der Rechts­an­walt Sebas­ti­an Nickel hat auch an der Befra­gung teil­ge­nom­men. Im Zuge der Nazi-Demo geriet er selbst in Kon­flikt mit der Poli­zei: Ihm wur­de der Zugang zu einem Man­dan­ten ver­wehrt und er beob­ach­te­te, wie eine Kol­le­gin mit einem Hals­tuch gewürgt wur­de. Gewalt durch Poli­zis­ten sei ein The­ma, das häu­fig auf sei­nem Schreib­tisch lan­de. “Aber in mei­nen 15 Jah­ren Berufs­er­fah­rung habe ich noch nie erlebt, dass jemand Ankla­ge erho­ben hat.” Zudem sei es eine schwie­ri­ge Ent­schei­dung, ob man einen Poli­zis­ten wegen Kör­per­ver­let­zung anzei­gen sol­le: “Das muss wohl­über­legt sein. Denn meis­tens folgt eine Anzei­ge wegen Wider­stand als Retour­kut­sche”, weiß Nickel. Vie­le Opfer wür­den des­halb von einer Anzei­ge abse­hen. So kön­nen Fäl­le im Dun­kel­feld ver­schwin­den. (…) Bis die Ergeb­nis­se der Stu­die vor­lie­gen, dau­ert es aber noch eine Wei­le, weil die Exper­ten­in­ter­views noch aus­ste­hen…” Arti­kel von Domi­nik Len­ze vom 19.03.2019 bei Neue West­fä­li­sche online externer Link
  • „For­schungs­pro­gramm des Pro­jekts“ eben­falls seit dem 08. Novem­ber 2018 bei der Jura-Fakul­tät der RUB externer Link, wor­in ein­lei­tend fest­ge­hal­ten wird: „Zum Umfang rechts­wid­ri­ger Gewalt­an­wen­dung durch Polizeibeamt*innen lie­gen bis­lang kaum empi­risch gesi­cher­te Erkennt­nis­se vor. Einer­seits wer­den die vor­han­de­nen sta­tis­ti­schen Zah­len zur Kör­per­ver­let­zung im Amt, die eine äußerst gerin­ge Ankla­ge­quo­te von etwa 2–3 % aus­wei­sen, höchst unter­schied­lich inter­pre­tiert. Die Deu­tun­gen rei­chen von einem hohen Anteil unbe­rech­tig­ter Anzei­gen bis hin zur mas­sen­haf­ten rechts­wid­ri­gen Pri­vi­le­gie­rung von Amtsträger*innen. Ande­rer­seits gibt es trotz anhal­ten­der öffent­li­cher Dis­kus­si­on prak­tisch kei­ne Stu­di­en zum Dun­kel­feld die­ses Delikts­be­reichs, obwohl die­ses mut­maß­lich eine beson­de­re Struk­tur auf­weist…

Der Bei­trag [Start 8.11.2018] For­schungs­pro­jekt „Kör­per­ver­let­zung im Amt durch Poli­zei­be­am­te“ an der Ruhr Uni­ver­si­tät Bochum befragt Betrof­fe­ne erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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