[GAM:] Brasilien: Evangelikale und rechte Angriffe auf Frauenrechte nach dem Putsch

Liga Socia­lis­ta, Info­mail 1118, 23. Sep­tem­ber 2020

Am 27. August 2020 ver­üb­te die Regie­rung Bol­so­na­ro ein wei­te­res bös­ar­ti­ges Atten­tat auf die Rech­te der Frau­en. Gemäß ihrer reak­tio­nä­ren, kon­ser­va­ti­ven und grau­sa­men Poli­tik greift der vom Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um erlas­se­ne Para­graph 2282 das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Recht auf unter­stütz­te Abtrei­bung an.

In Bra­si­li­en garan­tiert das Gesetz seit 1940 Frau­en den Zugang zur unter­stütz­ten Abtrei­bung, wenn die Fort­set­zung der Schwan­ger­schaft das Leben der Frau bedroht oder sie durch Ver­ge­wal­ti­gung her­bei­ge­führt wur­de. Im Jahr 2004 ver­ab­schie­de­te das Obers­te Bun­des­ge­richt ein Urteil, das den Schwan­ger­schafts­ab­bruch bei föta­ler Anen­ze­pha­lie, einem Zustand, bei dem der größ­te Teil der Groß­hirn­rin­de des unge­bo­re­nen Kin­des fehlt, ent­kri­mi­na­li­siert. Der Wider­stand gegen die­ses Urteil war der Aus­lö­ser für die Angrif­fe auf das lega­le Recht auf Abtrei­bung.

Im August 2013 sank­tio­nier­te Prä­si­dent Dil­ma Rouss­eff einen Gesetz­ent­wurf, der dem natio­na­len Gesund­heits­dienst (SUS) zur Pflicht mach­te, den Opfern sexu­el­len Miss­brauchs eine sofor­ti­ge Ver­sor­gung zu gewäh­ren. Reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen ver­such­ten sofort, die Schwan­ger­schafts­ver­hü­tung mit der „Pil­le danach“ in Fäl­len sexu­el­ler Gewalt zu stop­pen, weil sie argu­men­tier­ten, dies wür­de Ärz­tIn­nen den Weg zu Abtrei­bun­gen öff­nen. Gegen­wär­tig schreibt das Gesetz vor, dass alle Kran­ken­häu­ser des öffent­li­chen Net­zes unter ande­rem unver­züg­lich die Dia­gno­se und die „Pil­le danach“ für das Opfer sowie die medi­zi­ni­sche Behand­lung kör­per­li­cher Ver­let­zun­gen und psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung, Schutz vor sexu­ell über­trag­ba­ren Krank­hei­ten (STD), HIV-Tests und Zugang zu Infor­ma­tio­nen über gesetz­li­che Rech­te und ande­re ver­füg­ba­re Gesund­heits­diens­te anbie­ten müs­sen.

Reaktion

Kurz nach der Ver­ab­schie­dung des Geset­zes im Okto­ber 2013 stell­te Edu­ar­do Cun­ha, ein Abge­ord­ne­ter der „evan­ge­li­ka­len Frak­ti­on“, die Geset­zes­vor­la­ge PL 5069 vor, die einen gro­ßen Rück­schritt für die Frau­en­rech­te dar­stellt. Der Gesetz­ent­wurf war eine kla­re Reak­ti­on sei­tens reli­giö­ser Füh­re­rIn­nen gegen die Garan­tie des Zugangs zu Abtrei­bung in Fäl­len von Ver­ge­wal­ti­gung und anen­ze­pha­len Föten (Föten, bei denen ein bedeu­ten­der Teil des Groß­hirns nicht ent­wi­ckelt ist). Auf­grund einer hef­ti­gen Reak­ti­on von Akti­vis­tIn­nen und Par­la­men­ta­rie­rIn­nen, die ver­such­ten, Tei­le des Tex­tes zu ändern, kam die Geset­zes­vor­la­ge im Par­la­ment zum Still­stand, zumal kurz dar­auf das Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren gegen Dil­ma Rouss­eff begann.

Der Auf­stieg reak­tio­nä­rer Kräf­te nach dem Par­la­ments­putsch, der Dil­ma ver­dräng­te, dann die Wahl von Jair Bol­so­na­ro und die Bil­dung einer sozi­al­kon­ser­va­ti­ven, rechts­ex­tre­men Regie­rung ebne­ten den Weg für erneu­te Atta­cken auf die Rech­te der Frau­en. Die Auf­lö­sung des Frau­en­se­kre­ta­ri­ats und die Schaf­fung des Minis­te­ri­ums für Fami­lie und Men­schen­rech­te unter der evan­ge­li­schen Pas­to­rin Dama­res Alves mach­ten deut­lich, dass die Agen­da für Fort­schrit­te bei den Frau­en­rech­ten abge­schlos­sen war. Die Zeit der Rück­schrit­te, Ver­lus­te und Angrif­fe hat­te begon­nen.

Drastische Gesetzesverschärfung und reaktionäre Hetze

Ende 2019 wur­de das Gesetz 13.931 ver­ab­schie­det, das Ange­hö­ri­ge der Gesund­heits­be­ru­fe ver­pflich­tet, Ver­ge­wal­ti­gungs­fäl­le der Poli­zei zu mel­den. Die betrof­fe­nen Frau­en sind außer­dem zu einer aus­führ­li­chen Schil­de­rung gegen­über dem ärzt­li­chen Per­so­nal ver­pflich­tet und müs­sen dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass ihnen für den Fall, dass sie den Vor­wurf nicht bewei­sen kön­nen, straf­recht­li­che Ver­fol­gung droht. Die­ses Gesetz bricht die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht und hin­dert Frau­en, die unter häus­li­cher Gewalt lei­den, wirk­sam dar­an, in Ver­ge­wal­ti­gungs­fäl­len medi­zi­ni­sche Hil­fe in Anspruch zu neh­men, weil sie die Reak­ti­on ihrer Täter fürch­ten.

Letz­ten August scho­ckier­te ein Fall von Ver­ge­wal­ti­gung das Land, sowohl wegen der Art des Ver­bre­chens selbst als auch wegen der Behand­lung des Opfers. Ein 10-jäh­ri­ges Kind, das von sei­nem Onkel sexu­ell miss­braucht wor­den war, seit es 6 Jah­re alt wur­de, wur­de schwan­ger. Die Reak­ti­on auf das Kind war so repres­siv, dass eine Grup­pe von Frau­en vor dem Kran­ken­haus tätig wur­de, um sicher­zu­stel­len, dass es medi­zi­nisch ver­sorgt und ein Ver­fah­ren zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­ge­führt wur­de.

Fun­da­men­ta­lis­ti­sche Grup­pen taten alles, um eine lega­le Abtrei­bung zu ver­hin­dern und dann das Kind selbst des Mor­des anzu­kla­gen. Das Frau­en­mi­nis­te­ri­um betei­lig­te sich an die­sen Aus­schrei­tun­gen gegen das 10jährige Mäd­chen. Es gibt in der Tat Hin­wei­se dar­auf, dass es das Minis­te­ri­um selbst war, das die Infor­ma­tio­nen und Daten des Kin­des an fun­da­men­ta­lis­ti­sche Grup­pen wei­ter­ge­ge­ben hat.

Die Reak­ti­on der Regie­rung auf den Ein­satz der femi­nis­ti­schen Grup­pen, die das Kind unter­stütz­ten, erfolg­te rasch. Sie ver­füg­te den Erlass 2282, der das Gesetz 13.931 modi­fi­ziert, das die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht ver­letzt, indem es Ärz­tIn­nen ver­pflich­tet, die Behör­den zu benach­rich­ti­gen. Dem femi­nis­ti­schen Netz­werk von Gynä­ko­lo­gIn­nen zufol­ge erschwert, ja ver­un­mög­licht es Frau­en, die sich vor ihren Angrei­fern ver­ste­cken müs­sen, Hil­fe und Unter­stüt­zung zu suchen. In jedem Fal­le wer­den die Opfer noch grö­ße­ren Gefah­ren aus­ge­setzt.

Den Ärz­tIn­nen zufol­ge ist Ver­trau­lich­keit uner­läss­lich, um Frau­en in die Lage zu ver­set­zen, den Aggres­sor anzu­zei­gen. Die Anwe­sen­heits­pflicht eines/​r Anäs­the­sis­tenIn büro­kra­ti­siert die Betreu­ung zusätz­lich. Die Ärz­tIn­nen stel­len klar, dass in den meis­ten Fäl­len ein Abbruch durch medi­ka­men­tö­se und nicht durch chir­ur­gi­sche Mit­tel eine sol­che Anwe­sen­heit unnö­tig macht. Nur im letz­te­ren Fall wäre ein/​e Anäs­the­sis­tIn in jedem Fall obli­ga­to­risch.

Das Dekret schreibt die Pflicht einer Ultra­schall­un­ter­su­chung vor, die der Frau gezeigt wer­den muss, mit dem ein­zi­gen Zweck, Frau­en ein schlech­tes Gewis­sen zu berei­ten, weil sie Abtrei­bun­gen vor­neh­men las­sen wol­len. Zudem kann es den Schmerz von bereits geschwäch­ten und ver­ge­wal­tig­ten Frau­en ver­stär­ken.

Die Per­ver­si­tät die­ser rechts­ra­di­ka­len Regie­rung ist klar. Dekret 2282 hat das kla­re Ziel, der Regie­rung die vol­le Kon­trol­le über alle lega­len Abtrei­bungs­ver­fah­ren zu gewäh­ren, um mehr und mehr die ver­ge­wal­tig­ten Kör­per von Frau­en (Kin­der und Erwach­se­ne) zu kon­trol­lie­ren. Die Vor­ankün­di­gung der Hil­fe­leis­tung wird Daten für die Kon­trol­le und die Ver­wei­ge­rung der Rech­te von Frau­en lie­fern. Wenn es ihnen gelingt, Zugang zu erhal­ten, wer­den die Schwie­rig­kei­ten, eine/​n Anäs­the­sis­tIn zu bekom­men (die/​der die Teil­nah­me ver­wei­gern kann), mehr Not und Leid für die Frau­en ver­ur­sa­chen, und dar­über hin­aus stellt die Ultra­schall­un­ter­su­chung für Frau­en, die Opfer tie­fer Gewalt sind, Fol­ter dar.

Zeit des Rückschritts

Wir leben in einer Zeit des tie­fen sozia­len Rück­schritts. Zusätz­lich zu all den Ver­lus­ten, die wir als Lohn­ab­hän­gi­ge erlei­den, lei­den wir als arbei­ten­de Frau­en in Stadt und Land. Es ist bekannt, dass Abtrei­bung in Bra­si­li­en für rei­che Frau­en rela­tiv leicht und unein­ge­schränkt ver­füg­bar ist. Das Ver­bot gilt nur für arme Frau­en, die ille­ga­len Ver­fah­ren aus­ge­setzt sind, bei denen Arbei­te­rin­nen, von denen vie­le Müt­ter sind, ver­stüm­melt oder getö­tet wer­den.

In dem Land, in dem Anga­ben des bra­si­lia­ni­schen Jahr­buchs für öffent­li­che Sicher­heit aus dem Jahr 2018 durch­schnitt­lich 180 Ver­ge­wal­ti­gun­gen pro Tag vor­kom­men, die Mehr­heit (53,8 %) gegen Mäd­chen bis 13 Jah­re alt, reprä­sen­tiert die­ses Dekret mehr als Gewalt gegen Frau­en. Es bedeu­tet, dass wir heu­te eine Regie­rung haben, die die­se Gewalt, die­se Ver­ge­wal­ti­gungs­pra­xis bekräf­tigt, indem sie Frau­en bestraft, sie dazu ver­ur­teilt, Müt­ter der Frucht die­ser Gewalt zu wer­den, oder sie sogar fol­tert und die­sen Frau­en, die Opfer einer männ­lich chau­vi­nis­ti­schen Gesell­schaft sind, die Schuld zuschiebt.

Die Ver­fas­sung von 1988 garan­tiert einen säku­la­ren Staat und die Tren­nung von Kir­che und Staat. Daher gibt es weder Raum noch eine ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge für die Ein­mi­schung der Kir­che in die unter­stütz­te Abtrei­bung, die seit 1940 im Straf­ge­setz­buch garan­tiert wird. Es stellt einen gro­ßen Rück­schritt für Frau­en, Mäd­chen und Kin­der dar, die arm, unschul­dig, ohne Hil­fe, unter­drückt und geschwächt sind.

Wir wis­sen, dass die Rea­li­tät für Frau­en aus den wohl­ha­bends­ten Schich­ten ganz anders aus­sieht. Sie sind kei­ner­lei Zwän­gen, Druck oder Unsi­cher­hei­ten aus­ge­setzt. Der gan­ze Pro­zess ver­läuft ver­trau­lich, sie befin­den sich in ange­neh­mer Umge­bung und wer­den in völ­li­ger Sicher­heit und Dis­kre­ti­on betreut. Es gibt kei­ne undich­ten Stel­len, kei­ne reli­giö­sen Fana­ti­ke­rIn­nen, kei­ne Heuch­le­rIn­nen, die an den Türen der Kli­ni­ken demons­trie­ren. Es han­delt sich also nicht um eine Fra­ge der Sor­ge um das Leben, son­dern um rei­ne Heu­che­lei und Fana­tis­mus, die vom reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus auf­ge­zwun­gen wer­den, der in der gegen­wär­ti­gen Regie­rung Stär­ke besitzt und zur Umkeh­rung aller Erobe­run­gen führt, die der Kampf der Frau­en im Land erreicht hat.

Wir müs­sen die­sen reak­tio­nä­ren Atta­cken mit aller Kraft wider­ste­hen! Unse­re Ant­wort muss klar und geschlos­sen sein, um die Rech­te der arbei­ten­den Frau­en zu ver­tei­di­gen! Der 28. Sep­tem­ber ist der latein­ame­ri­ka­ni­sche und kari­bi­sche Tag für lega­le Abtrei­bung. Wir müs­sen ener­gi­sche und ent­schlos­se­ne Maß­nah­men ergrei­fen, damit die­ses Dekret auf­ge­ho­ben wird und wir unse­re Rech­te wei­ter durch­set­zen, und dür­fen kei­nen Rück­zug von ihnen zulas­sen!

  • Für die Auf­he­bung des Gesetz 13.931 und des Dekrets 2282!
  • Für die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs!
  • Für die Ver­tei­di­gung des Lebens der Frau­en!

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