[gG:] Was ist Kapital(ismus)?

Es folgt ein, wie ich fin­de, sehr inter­es­san­ter Arti­kel von Nor­bert Häring zur Fra­ge, was Kap­ti­al eigent­li­che ist; wie soll­te „Kap­ti­al” sinn­voll defi­niert wer­den?

Das wahre Wesen des Kapitalismus: 1. Kapital als geronnene Macht

Bücher über den Kapi­ta­lis­mus haben Kon­junk­tur. Die meis­ten kom­men ohne Defi­ni­ti­on aus. Kapi­ta­lis­mus wird ein­fach mit Markt­wirt­schaft gleich­ge­setzt, eine
ver­nünf­ti­ge Defi­ni­ti­on von Kapi­tal gar nicht erst ver­sucht. Solan­ge das so bleibt, ist die Vor­macht des Kapi­tals unan­greif­bar, denn eine Reform der Wirt­schafts­ord­nung ist schwer
mög­lich, wenn man sich über ihr Wesen nicht klar ist.

Ist Kapi­tal das, was in Form von Maschi­nen, Anla­gen, Grund­stü­cken und Gebäu­den Ver­wen­dung in der Pro­duk­ti­on fin­det? Oder ist es das Geld mit dem Güter­pro­du­zen­ten und die
Finanz­bran­che „arbei­ten“? Oder bei­des? Es bleibt sehr oft ein­fach offen, nicht zuletzt bei Wer­ken wie „Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert“ mit dem der Fran­zo­se Tho­mas Piket­ty zum
Star-Öko­no­men gewor­den ist. Ganz anders das Buch „Capi­tal as Power“ (Kapi­tal als Macht) von Jona­than Nitzan und Shims­hon Bich­ler aus dem Jahr 2007. Die­ses frei im Inter­net
ver­füg­ba­re Buch hat die­sen mehr­tei­li­gen Bei­trag über das Wesen des Kapi­ta­lis­mus stark befruch­tet. Zusätz­li­che Inspi­ra­ti­on kommt von dem aktu­el­len Buch „The Code of Capi­tal“ der
deut­schen Rechts­pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Colum­bia, Katha­ri­na Pis­tor.

Die Ultra-Kurz­fas­sung lau­tet etwa so: Kapi­tal ist kein Pro­duk­ti­ons­mit­tel, son­dern ein Eigen­tums­recht auf die Erträ­ge der Pro­duk­ti­on. Kapi­ta­lis­ten ermög­li­chen nicht Pro­duk­ti­on,
son­dern sie drü­cken aus Gewinn­in­ter­es­se die Pro­duk­ti­on auf ein Niveau weit unter­halb der Men­ge, die tech­nisch effi­zi­ent und kos­ten­de­ckend her­stell­bar wäre.

Das Kapital des Robinson Crusoe

Ein­füh­rungs­lehr­bü­cher der Öko­no­mie legen gern die Grund­la­gen mit Bei­spie­len aus der Ein­per­so­nen­öko­no­mie des auf einer ein­sa­men Insel gestran­de­ten Robin­son Cru­soe. Tun wir das also
auch. Cru­soe über­le­be zunächst, indem er Fische mit sei­nen Hän­den fängt. Weil das nicht sehr ergie­big ist, spar­te er sich eini­ge Fische vom Mund ab, um an man­chen Tagen, statt zu
fischen, ein Netz zu flech­ten. Damit kann er dann sei­nen Fisch­be­darf in sehr viel kür­ze­rer Zeit, mit weni­ger Arbeit decken.

Für Main­stream-Öko­no­men ist das Netz ein Pro­duk­ti­ons­mit­tel, auch Kapi­tal­gut oder kurz Kapi­tal genannt.

Gegen die Bezeich­nung als Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist nichts ein­zu­wen­den. Gegen die Bezeich­nung als Kapi­tal schon. Denn Kapi­tal, so wie der Begriff gemein­hin ver­wen­det wird, hat einen
Ver­gü­tungs­an­spruch, der dem­je­ni­gen zusteht, der das Kapi­tal bereit­stellt. Nach der vor­herr­schen­den „neo­klas­si­schen“ Kapi­tal­theo­rie, die wir gleich noch näher betrach­ten wer­den,
bemisst sich die­ser Ver­gü­tungs­an­spruch nach dem Anteil des Kapi­tals am Pro­duk­ti­ons­er­geb­nis, nach sei­ner „Pro­duk­ti­vi­tät“.

Was heißt das für Robin­son? Sagen wir, er fängt Fische unter Ein­satz eige­ner Arbeit und einem Netz, das er selbst gebaut hat. Was er fängt isst er. Es ist nicht mög­lich, zu
ermit­teln, wel­cher Anteil am Fang auf die (direk­te) Arbeit zurück­geht und wel­cher auf den Ein­satz der Fisch­fang­ge­rä­te. Ohne Arbeit ist der Ertrag des Net­zes Null, ohne Netz ist der
Ertrag des Fisch­fangs sehr nied­rig.

Es ist auch völ­lig unnö­tig und unin­ter­es­sant für Robin­son, die­se Antei­le zu ermit­teln. Das wird erst inter­es­sant, wenn eine zwei­te Per­son ins Spiel kommt, zum Bei­spiel Frei­tag, den
Robin­son im Roman von Dani­el Defoe aus der Gewalt von Kan­ni­ba­len befreit und zu sei­nem Die­ner macht. Robin­son brin­ge ihm bei, wie er ein Netz flech­ten und ver­wen­den kann, um zur
Ver­sor­gung bei­der Fische zu fan­gen.

Von nun an stel­le Frei­tag die Arbeit und Robin­son das Know­how zur Her­stel­lung des Pro­duk­ti­ons­mit­tels. Nun kann man von Kapi­tal spre­chen. Aber nicht das Netz ist das Kapi­tal, das
einen Ver­gü­tungs­an­spruch hat, son­dern das aus­schließ­li­che (aber han­del­ba­re) Recht Robin­sons auf die Nut­zung des Net­zes.

Die Machtfrage ist zentral

Will man die Pro­duk­ti­vi­tät und den Wert des „Kapi­tals“ von Robin­son bewer­ten, ist die rela­ti­ve Macht des vor­ma­li­gen Skla­ven­händ­lers Robin­son und sei­nes Die­ners Frei­tag von zen­tra­ler
Bedeu­tung. Es ist wei­ter­hin unmög­lich, objek­tiv fest­zu­stel­len, wel­cher Anteil des Fisch­fangs auf die Arbeit von Frei­tag und wel­cher auf das mit Robin­sons Know­how gebau­te Netz
zurück­geht. Man kann damit star­ten, zu ver­glei­chen, wie viel weni­ger Fische Frei­tag ohne Netz an einem Tag fan­gen wür­de. Aber ohne jemand, der das Netz aus­legt und wie­der ein­holt –
etwas, was Robin­son ent­we­der nicht tun kann oder nicht tun will – ist der Ertrag des Net­zes Null.

Wer wie viel vom Fang bekommt ist also Ver­hand­lungs­sa­che. Im Buch von Defoe steht Frei­tag in einem skla­ven­ar­ti­gen Ver­hält­nis zu Robin­son. Robin­son kann also ein­fach Frei­tag so vie­le
Fische zutei­len, wie er für ange­mes­sen hält.

Es könn­te auch anders her­um sein. Wäre Robin­son am Ver­hun­gern, weil er sel­ber kei­ne Fische fan­gen kann, und müss­te einem selbst­be­wuss­ten Ein­ge­bo­re­nen anbie­ten, die­sem gegen einen
Anteil am Fisch­fang bei­zu­brin­gen, wie man ein Netz baut, müss­te sich Robin­son viel­leicht mit einem Anteil zufrie­den geben, der ihn gera­de so am Leben erhält.

Von zen­tra­ler Bedeu­tung für die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on ist das Recht am geis­ti­gen Eigen­tum und am Eigen­tum gene­rell und die Macht, die­ses durch­zu­set­zen. Ohne die­ses Recht kein
Kapi­tal. Wenn Frei­tag das Netz ein­fach nach­bau­en kann, sieht es schlecht aus für Robin­sons Kapi­ta­lis­ten­an­spruch. Wenn er nicht durch geis­ti­ge oder kör­per­li­che Über­le­gen­heit (Macht)
ein Recht an geis­ti­gem Eigen­tum eta­blie­ren und durch­set­zen kann, ist sein Kapi­tal wert­los, auch wenn das Netz unver­än­dert pro­duk­tiv ist oder sein könn­te. Robin­son braucht also die
Macht, Frei­tag zu hin­dern, das, was er von ihm gelernt hat, selbst anzu­wen­den.

Die­se zen­tra­len Macht­fra­gen wer­den in der Lehr­buchöko­no­mie nie ange­spro­chen. Dabei wer­den sie nicht min­der wich­tig, wenn wir zu einer kom­ple­xe­ren Wirt­schafts­ord­nung mit vie­len
Men­schen kom­men – wie dem Kapi­ta­lis­mus. Die­se Macht­fra­gen ver­schwin­den ledig­lich hin­ter einem Schlei­er von als selbst­ver­ständ­lich hin­ge­nom­me­nen insti­tu­tio­nel­len Regeln. Die­se sind
aber nichts wei­ter als die in Insti­tu­tio­nen geron­ne­ne Macht des Robin­son, sei­ne Kapi­ta­lis­ten­in­ter­es­sen gegen die Arbeit­neh­mer­inter­es­sen des Frei­tag durch­zu­set­zen.

Durch den Schlei­er für selbst­ver­ständ­lich erklär­ter Insti­tu­tio­nen lässt die Öko­no­mik die Macht des Kapi­tals ver­schwin­den und stellt das Ver­tei­lungs­er­geb­nis als etwas dar, das sich
in einem fai­ren und objek­ti­ven Pro­zess her­aus­bil­det, bei dem alle die glei­chen Chan­cen auf Wohl­stand haben.

Das Kapital im Lehrbuch

Die Öko­no­mie-Lehr­bü­cher neh­men ein­fach an, es gäbe eine „Pro­duk­ti­ons­funk­ti­on“, die bestimmt, wie groß das Pro­duk­ti­ons­er­geb­nis bei ver­schie­de­nen Ein­satz­men­gen Arbeit und Kapi­tal ist.
Die­ser Funk­ti­on geben sie eine Form, mit der sich gut rech­nen lässt. Was Kapi­tal ist, bleibt dabei der Fan­ta­sie des Betrach­ters über­las­sen. Die meis­ten wer­den an Maschi­nen den­ken,
ande­re an Geld. Dank der ange­nom­me­nen For­mel lässt sich berech­nen, wie viel mehr Pro­dukt­ein­hei­ten (Fische) her­aus­kom­men, wenn man ent­we­der den Arbeits­ein­satz um eine Ein­heit erhöht
oder den Kapi­tal­ein­satz.

Das Ergeb­nis wird Grenz­pro­duk­ti­vi­tät der Arbeit bezie­hungs­wei­se des Kapi­tals genannt. Nach der neo­klas­si­chen Theo­rie sorgt der Markt dafür, dass die­se Grenz­pro­duk­ti­vi­tät, den Lohn
der Arbeit und die Ver­gü­tung des Kapi­tals bestimmt. Jeder bekommt, was er ver­dient. So hat John Bates Clark das aus­ge­drückt, als er die­se Theo­rie um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert
ent­wi­ckel­te. Er tat das aus­drück­lich mit dem Ziel, der Aus­beu­tungs­the­se der Mar­xis­ten etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Dass sei­ne Theo­rie dafür so geeig­net ist, erklärt ihre andau­ern­de
Popu­la­ri­tät, obwohl sie vol­ler Wider­sprü­che und Lücken steckt.

Die wich­tigs­te und größ­te Lücke: Was eine Ein­heit Kapi­tal ist, bleibt aus gutem Grund offen. Ist es ein zwei­tes Netz für Robin­son? Oder ein etwas grö­ße­res Netz? Die­se Fra­ge hat bis
heu­te nie­mand beant­wor­ten kön­nen. Ein Wein­fass und ein Kran las­sen sich ein­fach nicht zusam­men­zäh­len. Man kann zwar den Markt­wert der Kapi­tal­gü­ter zusam­men­zäh­len, aber das ist ein
Trick, bei dem man das, was zu erklä­ren ist – den Wert – benutzt, um sich sel­ber zu erklä­ren. In der soge­nann­ten Cam­bridge-Capi­tal-Kon­tro­ver­se zwi­schen den Neo­klas­si­kern von
Cam­bridge, USA, und ihren Kri­ti­kern in Cam­bridge, Eng­land, bei der es dar­um ging, zogen ers­te­re aner­kann­ter Maßen den Kür­ze­ren und muss­ten zuge­ben, dass ihre Kapi­tal­theo­rie nicht
funk­tio­niert und sie kei­ne Ein­heit für Kapi­tal haben. Bis heu­te wird so getan, als hät­te es die­se Nie­der­la­ge und die­se Ein­räu­mung nicht gege­ben.

Ein wei­te­res Pro­blem der Theo­rie: Das Ein­satz­ver­hält­niss von Arbeit und Kapi­tal zu vari­ie­ren ist nur in engen Gren­zen sinn­voll. Frei­tag kann nur ein Netz und nur eines bis zu einer
bestimm­ten Grö­ße bedie­nen. Ihm ein zwei­tes oder ein sehr gro­ßes Netz zu geben, bringt nichts. Oder neh­men wir das Bei­spiel von Bus­fah­rern (Arbeit) und Bus­sen (Kapi­tal). Es gibt ein
ver­nünf­ti­ges Ver­hält­nis von sagen wir zwei Bus­fah­rern pro Bus, mit dem sich alle Schich­ten abde­cken las­sen und die Beför­de­rungs­leis­tung effi­zi­ent pro­du­ziert wird. Erhöht man das
Ver­hält­nis auf zwei Bus­se für zwei Bus­fah­rer, so bringt das eine Reser­ve für tech­ni­sche Pro­ble­me, sonst aber nicht viel. Erhö­he ich die Anzahl der Bus­fah­rer auf drei pro Bus, gilt
das Glei­che. Es leuch­tet nicht ein, war­um unter sol­chen Bedin­gun­gen die Grenz­pro­duk­ti­vi­tät von Arbeit und Kapi­tal die Höhe der Löh­ne und Ren­di­te bestim­men soll­te, selbst wenn die­se
Grenz­pro­duk­ti­vi­tät bestimm­bar wäre.

Ein Öko­nom, der eine Pro­duk­ti­ons­funk­ti­on mit Arbeit und “Kapi­tal” als Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren ein­fach annimmt, und dar­aus sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen zieht, igno­riert sol­che ele­men­ta­ren
Pro­ble­me. Die For­mel funk­tio­niert ja auch her­vor­ra­gend, selbst wenn sie kei­ne Ent­spre­chung in der rea­len Welt hat. Und das Ergeb­nis ist poli­tisch oppor­tun für die Mäch­ti­gen.

Geld arbeitet nicht und produziert nichts

Die­je­ni­gen, die in der rea­len Geschäfts­welt mit dem Kapi­tal­be­griff han­tie­ren, ver­ste­hen dar­un­ter ein­fach, was man in der Bilanz als Eigen­ka­pi­tal und Fremd­ka­pi­tal (Schul­den) auf der
rech­ten Sei­te ste­hen hat: das Geld, das der Kapi­ta­list zur Ver­fü­gung hat. Typi­scher­wei­se hat das sehr wenig mit Maschi­nen und Anla­gen zu tun. Der Wert der Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist oft
im Ver­hält­nis zum Gesamt­ka­pi­tal in die­sem Sin­ne sehr gering. Bich­ler und Nitzan ver­an­schau­li­chen das in “Capi­tal as Power” mit der Bilanz und dem Bör­sen­wert von Micro­soft. Dort
stan­den 2005 Gebäu­de und Anla­gen im Wert von 2,3 Mrd. Dol­lar in der Bilanz, bei einem Bör­sen­wert von 283 Mil­li­ar­den Dol­lar. Nimmt man die Schul­den (Fremd­ka­pi­tal) hin­zu, die im
Bör­sen­wert ja nicht ent­hal­ten sind, kommt ein Gesamt­ka­pi­tal­wert von 306 Mrd. Dol­lar zusam­men. Wenig mehr als ein hal­bes Pro­zent geht auf den Wert der Pro­duk­ti­ons­mit­tel zurück.

Der Rest sind imma­te­ri­el­le Pro­duk­ti­ons­gü­ter, was man im gro­ßen und gan­zen mit Rech­ten über­set­zen kann. Nie­mand hat das Recht, die Soft­ware von Micro­soft zu kopie­ren und anzu­wen­den,
ohne dafür hohe Lizenz­ge­büh­ren an Micro­soft zu bezah­len.

Dar­an sieht man auch sehr schön, dass Kapi­tal nicht pro­duk­tiv ist, son­dern Pro­duk­ti­on ver­hin­dert und begrenzt. Soft­ware lässt sich prak­tisch kos­ten­los kopie­ren. Ohne das Kapi­tal von
Micro­soft bzw. sei­ner Besit­zer wür­de sehr viel mehr Soft­ware pro­du­ziert und ange­wen­det. Durch Pro­duk­ti­ons­be­gren­zung schaf­fen es die Besit­zer von Micro­soft, dass ihr Unter­neh­men zu
dem gewinn­träch­tigs­ten und wert­volls­ten der Welt gehört.

Das gilt nicht nur für Soft­ware. Auch die Mana­ger von Auto­mo­bil­un­ter­neh­men haben als Agen­ten der Kapi­tal­eig­ner den Auf­trag, die Pro­duk­ti­on unter die tech­nisch kos­ten­ef­fi­zi­en­te Men­ge
zu begren­zen, damit die Autos zu gewinn­ma­xi­mie­ren­den Prei­sen ver­kauft wer­den kön­nen.

In die­sem Sin­ne hat auch der berühm­te Öko­nom und Sozio­lo­ge Thor­stein Veblen pos­tu­liert, dass das moder­ne Unter­neh­men nicht ent­stan­den ist, um die Pro­duk­ti­vi­tät – im Sin­ne einer
mög­lichst gro­ßen Bedürf­nis­be­frie­di­gung mit vor­han­de­nen Pro­duk­ti­ons­mit­teln – zu erhö­hen, son­dern um sie zu begren­zen.

Heu­te gilt die­ses Sys­tem weit­hin als so selbst­ver­ständ­lich und alter­na­tiv­los, dass es gar nicht mehr hin­ter­fragt wird. Als die Öko­no­men noch genö­tigt waren, es zu ver­tei­di­gen und zu
recht­fer­ti­gen, taten sie das mit dem Argu­ment, dass es bes­ser funk­tio­nie­re als alter­na­ti­ve Sys­te­me. Zwar begren­ze Micro­soft aus Gewinn­ab­sicht die Pro­duk­ti­on von kos­ten­los
her­stell­ba­rer Soft­ware. Aber nur weil das mög­lich sei, sei die Soft­ware so gut gewor­den, wie sie heu­te ist.

Ob das stimmt, ist eine Fra­ge, die man nicht all­ge­mein­gül­tig beant­wor­ten kann. Kapi­ta­lis­mus ist in gewis­sem Sin­ne etwas gra­du­el­les. Im Spät­ka­pi­ta­lis­mus, wenn die Kapi­ta­lis­ten lan­ge
Zeit hat­ten, ihre zuneh­men­de Macht ein­zu­set­zen, um sich immer mehr Rech­te zu sichern, sind die kapi­ta­li­sier­ba­ren Rech­te so aus­ge­prägt, dass die Pro­duk­ti­on und Pro­duk­ti­vi­tät
ernst­haft lei­det. Unter­neh­mens­wer­te wer­den vor allem noch durch Umver­tei­lung geschaf­fen, indem der Anteil der Arbeit­neh­mer am Pro­duk­ti­ons­er­geb­nis gedrückt wird und die Gewinn­mar­ge,
die auf die Pro­dukt­prei­se auf­ge­schla­gen wird, zulas­ten der Kon­su­ment immer grö­ßer wird.

Wenn Urhe­ber­rech­te sich bis 70 Jah­re nach dem Tod eines Autors erstre­cken und noch dazu rück­wir­kend immer wie­der ver­län­gert wur­den, dann lässt sich dafür kei­ne Begrün­dung mit
not­wen­di­gen Anrei­zen mehr fin­den. Es ist klar, dass es hier nur um Umver­tei­lung zuguns­ten der Rech­te­inha­ber geht.

Auf vie­ler­lei Wei­sen wur­den Rech­te an geis­ti­gem Eigen­tum in den letz­ten Jahr­zehn­ten sowohl aus­ge­dehnt als auch ver­stärkt durch­ge­setzt. Bei Paten­ten gibt es Patent­di­ckich­te aus
stra­te­gi­schen Paten­ten, die nur ange­mel­det wer­den, damit ein Unter­neh­men in Ver­hand­lun­gen mit einem ande­ren Unter­neh­men etwas hat, was das ande­re Unter­neh­men an der Pro­duk­ti­on
hin­dern kann, sodass die­ses ande­re Unter­neh­men ein­wil­li­gen muss, sei­ner­seits die Nut­zung eines Patents zu erlau­ben.

Bran­chen mit sol­chen Patent­di­ckich­ten glei­chen Minen­fel­dern für klei­ne­re und mitt­le­re Unter­neh­men. Nur noch die größ­ten Unter­neh­men kön­nen es sich leis­ten, in die­sen Bran­chen tätig
zu sein. Die Gewinn­mar­gen sind dann ent­spre­chend hoch. Mobil­te­le­fo­nie ist ein Bei­spiel. Der Bör­sen­wert von Apple ist im Jahr 2020 bin­nen Mona­ten von einer auf zwei Bil­lio­nen Euro
gestie­gen.

Zusammenfassung und Ausblick

Nach­dem wir gese­hen haben, dass Kapi­tal kein Pro­duk­ti­ons­fak­tor ist, son­dern ein Pro­duk­ti­ons­ver­hin­de­rungs­fak­tor zur Aneig­nung und Stei­ge­rung von Gewin­nen, wird sich in Teil 2 zei­gen,
dass der Unter­neh­mens­wert und damit das Ver­mö­gen der Kapi­ta­lis­ten weni­ger davon abhängt, wie viel und was sie pro­du­zie­ren, son­dern vor allem von ihrem Erfolg dabei, sich einen
grö­ße­ren Anteil am Kuchen zu sichern.

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