[Freiheitsliebe:] Systemwechsel: Haben wir noch Zeit?

„Zeit“ ist immer ein ent­schei­den­der Fak­tor in der Poli­tik und Geschich­te, aber er hat noch sie so eine wich­ti­ge Rol­le gespielt wie beim Kli­ma­wan­del. Wäh­rend eini­ge argu­men­tie­ren, dass uns die Zeit davon­läuft, macht John Moly­neux eine Ver­än­de­rung des Groß­han­dels­sys­tems zur ein­zi­gen Ant­wort.

Die War­nung des IPCC-Berichts vom Okto­ber 2018, dass die Welt noch zwölf Jah­re Zeit hat, um eine Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu ver­mei­den, war zwei­fel­los ein wesent­li­cher Fak­tor für die Aus­lö­sung einer glo­ba­len Wel­le des Kli­ma­ak­ti­vis­mus, ins­be­son­de­re in Per­son von Gre­ta Thun­berg sowie in Form von Mas­sen­schul­streiks und der Extinc­tion-Rebel­li­on-Bewe­gung.

Gleich­zei­tig ist klar, dass die­se War­nung von ver­schie­de­nen Per­so­nen­grup­pen auf unter­schied­li­che Wei­se „gehört“ und inter­pre­tiert wer­den konn­te und wur­de. Ich möch­te eini­ge die­ser Inter­pre­ta­tio­nen und ihre Aus­wir­kun­gen betrach­ten, ins­be­son­de­re in Bezug auf die Fra­ge, ob noch die Zeit bleibt, eine Sys­tem­än­de­rung her­bei­zu­füh­ren, oder ob es auf­grund der kur­zen Zeit not­wen­dig ist, sich auf Ver­än­de­run­gen zu kon­zen­trie­ren, die inner­halb des vom Kapi­ta­lis­mus gege­be­nen Rah­mens umge­setzt wer­den kön­nen.

Opportunismus & Greenwashing

Bevor ich zu die­sem Punkt kom­me, möch­te ich jedoch dar­auf hin­wei­sen, dass vie­le oppor­tu­nis­ti­sche Politiker*innen die „zwölf Jah­re War­nung“ anders auf­ge­fasst haben als Gre­ta und ihre Anhän­ger. Zwölf Jah­re sind für sie tat­säch­lich eine sehr lan­ge Zeit: drei Amts­zei­ten eines US Prä­si­den­ten, zwei vol­le Par­la­ment­s­pe­ri­oden in Groß­bri­tan­ni­en und in vie­len ande­ren Län­dern. In ande­ren Wor­ten: genug Zeit, um ihre Ambi­tio­nen zu erfül­len, sich einen Platz in den Geschichts­bü­chern oder zumin­dest eine Ren­te und meh­re­re Ver­wal­tungs­rats­man­da­te zu sichern, bevor über­haupt etwas Sub­stan­zi­el­les getan wer­den muss.

In der Pra­xis bedeu­tet dies, dass ver­schie­de­ne Kom­mis­sio­nen auf­ge­stellt wer­den, eini­ge Hand­lungs­plä­ne erstellt wer­den, an eini­gen Kon­fe­ren­zen teil­ge­nom­men wird und ein gewis­ses Maß an Green­wa­shing betrie­ben wird. Soll­test du der CEO eines gro­ßen Öl‑, Gas- oder Auto­mo­bil­un­ter­neh­mens sein, trifft für dich das­sel­be zu.

Am gegen­über­lie­gen­den Ende des Spek­trums befan­den sich vie­le Men­schen, vor allem jun­ge Leu­te, wel­che die War­nung so ver­stan­den, dass es buch­stäb­lich nur zwölf Jah­re gebe, um das glo­ba­le Aus­ster­ben zu ver­hin­dern.

Das sind kei­ne äqui­va­len­ten Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen: Die ers­te Inter­pre­ta­ti­on ist äußerst zynisch und glei­cher­ma­ßen für Mensch und Natur schäd­lich, die zwei­te ist naiv aber gut gemeint. Bei­de blei­ben jedoch Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen des Berichts und des Kli­ma­wan­dels.

Der Kli­ma­wan­del ist kein Ereig­nis, das mög­li­cher­wei­se im Jahr 2030 ein­tre­ten kann oder nicht und das durch Sofort­maß­nah­men abge­wen­det wer­den könn­te, son­dern ein Pro­zess der bereits im Gan­ge ist. Jede Woche, jeder Monat oder jedes Jahr, in denen die CO2-Emis­sio­nen nicht redu­ziert wer­den, ver­schärft das Pro­blem und erschwert die Bewäl­ti­gung. Aus dem glei­chen Grund gibt es kei­ne abso­lu­te Frist, nach wel­cher es zu spät wäre, etwas zu tun und wir genau­so gut den Geist auf­ge­ben könn­ten.

Der Fokus des IPCC-Berichts war nicht auf das „Aus­ster­ben“, son­dern haupt­säch­lich dar­auf gelegt, was wir tun müs­sen, um die glo­ba­le Erwär­mung auf 1,5° Cel­si­us über dem vor­in­dus­tri­el­len Niveau zu hal­ten, und was die wahr­schein­li­chen Aus­wir­kun­gen wären, wenn wir zulas­sen, dass gar 2° erreicht wür­den.

Was der Bericht in sei­ner Zusam­men­fas­sung für poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger tat­säch­lich fest­stell­te:

A1. Es wird geschätzt, dass mensch­li­che Akti­vi­tä­ten unge­fähr eine glo­ba­le Erwär­mung von etwa 1,0° Cel­si­us über dem vor­in­dus­tri­el­len Niveau ver­ur­sacht haben, ver­mut­lich im Bereich von 0,8–1,2° Cel­si­us. Die glo­ba­le Erwär­mung erreicht ver­mut­lich zwi­schen 2030 und 2052 die 1,5°-Celsius-Marke, wenn es wei­ter­hin mit der aktu­el­len Rate zunimmt. (hohe Wahr­schein­lich­keit)

Außer­dem wird hin­zu­ge­fügt, ziem­lich offen­sicht­lich, wie ihr euch den­ken könnt:

B.5. Kli­ma­be­zo­ge­ne Risi­ken für Gesund­heit, Lebens­grund­la­ge, Ernäh­rungs­si­cher­heit, Was­ser­ver­sor­gung, mensch­li­che Sicher­heit und Wirt­schafts­wachs­tum wer­den mit einer glo­ba­len Erwär­mung auf 1,5° Cel­si­us vor­aus­sicht­lich zuneh­men und bei einer Erwär­mung auf 2° Cel­si­us wei­ter stei­gen.

Ich zitie­re die­se Pas­sa­gen nicht, weil ich den IPCC-Bericht als hei­li­ge Schrift oder auf irgend­ei­ne ande­re Wei­se als das letz­te Wort in die­ser Ange­le­gen­heit betrach­te. Ganz im Gegen­teil, mir ist klar, dass die­ser Bericht in sei­nen Vor­her­sa­gen kon­ser­va­tiv war – was nicht ver­wun­der­lich ist, im Anbe­tracht des­sen, dass sei­ne Ent­wick­lung einen Kon­sens unter Tau­sen­den Wis­sen­schaft­lern erfor­der­te – in der Rea­li­tät schrei­ten die glo­ba­le Erwär­mung und vor allem ihre Aus­wir­kun­gen schnel­ler vor­an, als vom IPCC erwar­tet.

Das Countdown-Rätsel

Mei­ne Absicht ist es viel mehr zu zei­gen, dass es sich laut IPCC und einem ernst­haf­ten Ver­ständ­nis des Kli­ma­wan­dels nicht um eine Klip­pe han­delt, von der wir 2030 alle fal­len, oder um ein ande­res genau vor­her­seh­ba­res Datum, son­dern um einen inten­si­vie­ren­den Pro­zess mit zuneh­mend kata­stro­pha­len Aus­wir­kun­gen. Inner­halb die­ses Pro­zes­ses wird es höchst­wahr­schein­lich Kipp­punk­te geben, an denen sich das Tem­po des Wan­dels beschleu­nigt und bestimm­te Ver­schie­bun­gen irrever­si­bel wer­den. Nie­mand weiß genau, wann dies soweit ist, und selbst dann wer­den wir immer noch über einen Pro­zess spre­chen und nicht über das voll­stän­di­ge Aus­ster­ben.

Ein kor­rek­tes, wis­sen­schaft­lich fun­dier­tes Ver­ständ­nis die­ses Pro­zes­ses ist von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Als Akti­vist ist es ver­mut­lich nicht hilf­reich, sich an einer Art Count­down auf­zu­hän­gen – jetzt haben wir nur noch zehn Jah­re, neun Jah­re, acht Jah­re … übrig, um den Pla­ne­ten zu ret­ten –, als gäbe es einen fes­ten Zeit­plan. Schließ­lich wol­len wir auch nicht an den Pran­ger gestellt wer­den, weil wir zu oft fal­schen Alarm aus­rie­fen, weil die Welt dann doch nicht unter­ging. Das wis­sen­schaft­li­che Ver­ständ­nis ist eine wich­ti­ge Grund­la­ge für die Beant­wor­tung der ent­schei­den­den Fra­ge, ob für eine Sys­tem­än­de­rung noch Zeit bleibt.

Das Argu­ment, es gebe nicht aus­rei­chend Zeit, einen „Sys­tem­wan­del“ her­bei­zu­füh­ren, womit ich den Sturz des Kapi­ta­lis­mus mei­ne, ist schon seit gerau­mer Zeit im Umlauf, lan­ge vor der Zwölf-Jah­re-War­nung. Ich erin­ne­re mich, dass das Argu­ment in der Cam­pai­gn Against Cli­ma­te Chan­ge, als ich in den frü­hen Neun­zi­gern zum ers­ten Mal damit zu tun hat­te, gewalt­sam (und wütend) gegen einen eher glück­lo­sen Trotz­kis­ten vor­ge­bracht wur­de.

„Es bleibt kei­ne Zeit, um auf dei­ne Revo­lu­ti­on zu war­ten“, wur­de ihm ent­geg­net.

Natür­lich kann das „Keine-Zeit“-Argument jetzt als Deck­man­tel von Pro-Kapi­ta­lis­ten genutzt wer­den, eben­so aber auch guten Gewis­sens von Men­schen, die es für eine prak­ti­sche Mög­lich­keit hal­ten, um den Kapi­ta­lis­mus zu erset­zen. Als Beweis dafür zitie­re ich Alan Thor­nett, der sein Leben lang Sozia­list ist. In sei­nem Buch Facing the Apo­ca­lyp­se: Argu­ments for Eco­so­cia­lism (dt. etwa „Vor der Apo­ka­lyp­se: Argu­men­te für Öko­so­zia­lis­mus“) schreibt Alan:

Die Stan­dard­lö­sung, die von den meis­ten radi­ka­len Lin­ken ver­tre­ten wird … ist der revo­lu­tio­nä­re Sturz des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus – umge­setzt inner­halb der nächs­ten zwölf Jah­re, denn in der Zeit müs­sen wir es geschafft haben …

Ein sol­cher Ansatz ist maxi­ma­lis­tisch, links und nutz­los. Als Sozia­lis­ten kön­nen wir alle mit bei­den Hän­den für die Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus stim­men, denn das ist natür­lich auch unser lang­fris­ti­ges Ziel. Doch als Ant­wort auf die glo­ba­le Erwär­mung inner­halb der nächs­ten 12 Jah­re macht das kei­nen Sinn.

Dies stellt eine „Glaub­wür­dig­keits­lü­cke“ dar: Wäh­rend der kata­stro­pha­le Kli­ma­wan­del tat­säch­lich vor der Türe steht, kann das­sel­be kaum glaub­wür­dig von der glo­ba­len sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on gesagt wer­den – es sei denn ich habe irgend­was ver­passt. Es mag nicht unmög­lich sein, doch ist die Aus­sicht auf eine Ant­wort auf die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del in wei­ter Fer­ne.

Um es klar aus­zu­drü­cken: Wenn der Umsturz des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus in den ver­blei­ben­den zwölf Jah­ren die ein­zi­ge Lösung für die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del ist, dann gibt es kei­ne Lösung für die glo­ba­le Erwär­mung und den Kli­ma­wan­del.

Alan hat hier das Argu­ment, dass ich anfech­ten möch­te, sehr deut­lich zum Aus­druck gebracht.

Reform oder Revolution oder beides?

Die ers­te Sache, die gesagt wer­den muss, ist, dass für ernst­haf­te Sozia­lis­ten und Mar­xis­ten (begin­nend mit Marx, Engels und Rosa Luxem­burg) der Kampf um die Revo­lu­ti­on dem Kampf um Refor­men in kei­ner Fra­ge ent­ge­gen­ge­setzt ist. Viel­mehr ist Revo­lu­ti­on etwas, das aus dem Kampf um kon­kre­te For­de­run­gen her­vor­geht.[i] So wie Marxist*innen die Über­zeu­gung, die ein­zi­ge Lösung gegen Aus­beu­tung sei die Abschaf­fung des Lohn­sys­tems, mit der Unter­stüt­zung des gewerk­schaft­li­chen Kamp­fes für Lohn­er­hö­hun­gen und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen ver­bin­den, so kön­nen sie für unmit­tel­ba­re Anfor­de­run­gen wie den kos­ten­lo­sen öffent­li­chen Ver­kehr kämp­fen, fos­si­le Brenn­stof­fe im Boden belas­sen und mas­siv in erneu­er­ba­re Ener­gien inves­tie­ren, wäh­rend sie gleich­zei­tig für die öko­so­zia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on ein­tre­ten.

Auf die­se Wei­se wird die Mög­lich­keit eines öko­lo­gisch nach­hal­ti­gen Kapi­ta­lis­mus auf die Pro­be gestellt.

Die­se not­wen­di­ge Ant­wort erschöpft das Pro­blem jedoch nicht. Wenn die Revo­lu­ti­on als zu errin­gen­de Lösungs­ent­wick­lung als zu ent­fernt und unrea­lis­tisch erscheint, soll­ten Klimaaktivist*innen prak­tisch ihre gan­ze Ener­gie dar­auf kon­zen­trie­ren, Refor­men zu gewin­nen, anstatt für die Revo­lu­ti­on zu argu­men­tie­ren und sich nur für die­se zu orga­ni­sie­ren. Dar­über hin­aus wür­de der Schwer­punkt über­wie­gend auf Refor­men nur auf die­ser Fra­ge lie­gen. Was wäre – außer einer abs­trak­ten Moral – der Sinn, sich auf The­men wie Arbeit­neh­mer­rech­te, Anti­ras­sis­mus, Repro­duk­ti­ons­rech­te von Frau­en, LGBTQ+-Rechte usw. zu fokus­sie­ren, wenn in den nächs­ten Jah­ren doch das Über­le­ben der gesam­ten Mensch­heit auf dem Spiel steht?

Wenn jedoch ange­nom­men wird, dass sich der Kapi­ta­lis­mus in die­ser Hin­sicht als nicht oder nur unzu­rei­chend refor­mier­bar erwei­sen wird, ist es not­wen­dig, öko­so­zia­lis­ti­sche Kam­pa­gnen mit revo­lu­tio­nä­rem Akti­vis­mus, Pro­pa­gan­da und Orga­ni­sa­ti­on auf einer brei­te­ren Front zu ver­bin­den und anzu­er­ken­nen, dass die Revo­lu­ti­on eine Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung zu zahl­rei­chen The­men erfor­dern wird und es ange­sichts zahl­rei­cher Tei­le-und-herr­sche-Stra­te­gien ihrer Ver­ei­ni­gung bedarf.

Folg­lich stel­len sich drei ganz rea­le Fra­gen:

1. Wie wahr­schein­lich ist es, dass der Kli­ma­wan­del durch Refor­men auf der Grund­la­ge des Kapi­ta­lis­mus gestoppt oder ein­ge­dämmt wer­den kann?

2. Wie „fern“ ist die Mög­lich­keit einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on?

3. Gibt es Alter­na­ti­ven zu die­ser binä­ren Welt?

Bei der ers­ten Fra­ge haben ich und ande­re Öko­so­zia­lis­ten (ins­be­son­de­re John Bel­l­a­my Fos­ter, Lan Angus, Micha­el Lowy, Mar­tin Emp­son, Amy Lea­ther usw.) argu­men­tiert, dass die Mög­lich­keit, kapi­ta­lis­tisch mit dem Kli­ma­wan­del umzu­ge­hen, im Extrem­fall gering ist, sei es in zwölf, zwan­zig oder in vier­zig Jah­ren.[ii]

Ein­fach aus­ge­drückt ist der Kapi­ta­lis­mus ein Sys­tem, das von Natur aus und unauf­halt­sam durch wett­be­werbs­fä­hi­ge Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on auf Kol­li­si­ons­kurs mit der Natur getrie­ben wird. Und die Indus­trie fos­si­ler Brenn­stof­fe spielt bei die­ser Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on eine der­art zen­tra­le Rol­le, dass es kei­ne rea­lis­ti­sche Aus­sicht dar­auf gibt, dass der Kapi­ta­lis­mus sei­ne Abhän­gig­keit von ihr been­den könn­te.

Wie sieht Revolution aus?

Bei der zwei­ten Fra­ge muss ich mir ein­ge­ste­hen, dass die Mög­lich­keit einer inter­na­tio­na­len sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in der Tat sehr gering erscheint, wenn die nächs­ten zwölf Jah­re der unmit­tel­ba­ren Ver­gan­gen­heit ähneln, bei­spiels­wei­se den letz­ten fünf­zig Jah­ren. Die Tat­sa­che des Kli­ma­wan­dels garan­tiert jedoch, dass das nächs­te Jahr­zehnt NICHT der Ver­gan­gen­heit ähneln wird. Im Gegen­teil, genau die Bedin­gun­gen, die durch die glo­ba­le Erwär­mung her­vor­ge­ru­fen wer­den – zuneh­mend uner­träg­li­che Hit­ze, Dür­ren, Brän­de, Stür­me, Über­schwem­mun­gen usw. –, wer­den das Bewusst­sein der Mehr­heit der Men­schen für die Not­wen­dig­keit, den Kapi­ta­lis­mus zu been­den, und für die Mög­lich­keit einer Revo­lu­ti­on ver­än­dern.

Die Tat­sa­che, dass sich die ver­schär­fen­de Kli­ma­kri­se von einer umfas­sen­de­ren Umwelt­kri­se (in einer Viel­zahl von For­men), einer sich ver­schär­fen­den und wie­der­keh­ren­den Wirt­schafts­kri­se (wie der­zeit offen­sicht­lich) und zuneh­mend inter­na­tio­na­len geo­po­li­ti­schen und mili­tä­ri­schen Span­nun­gen (wie zum Bei­spiel mit Chi­na und Russ­land) beglei­tet wird.

Hier ist die Tat­sa­che, die zu Beginn die­ses Arti­kels fest­ge­stellt wur­de, dass die „zwölf Jah­re“ kei­ne genaue oder end­gül­ti­ge Frist sind und nie sein kön­nen, sehr wich­tig. Wenn der Kapi­ta­lis­mus, wie ich es für über­wäl­ti­gend wahr­schein­lich hal­te, nicht in der Lage ist, die Erwär­mung auf 1,5° Cel­si­us zu begren­zen, bedeu­tet das nicht, wie Thor­nett meint, dass das Spiel aus und der Kampf ver­lo­ren ist, son­dern dass sich alle oben beschrie­be­nen Bedin­gun­gen und Kata­stro­phen ver­schär­fen und sich dabei die Wahr­schein­lich­keit von Mas­sen­auf­stän­den und Revo­lu­tio­nen erhöht.

Vie­le Men­schen kön­nen sich zwar durch­aus eine Revo­lu­ti­on in einem Land vor­stel­len, doch erscheint ihnen die Idee einer inter­na­tio­na­len oder glo­ba­len Revo­lu­ti­on nur wenig plau­si­bel. Dies erscheint in der Tat äußerst unwahr­schein­lich, wenn unter inter­na­tio­na­ler Revo­lu­ti­on eine gleich­zei­ti­ge welt­weit koor­di­nier­te Rebel­li­on ver­stan­den wird, doch was dies nie das Sze­na­rio, das von Befürworter*innen der inter­na­tio­na­len Revo­lu­ti­on ins Auge gefasst wur­de.

Es ist viel­mehr so, dass sich die Revo­lu­ti­on in einem Land – Bra­si­li­en oder Ägyp­ten, Irland oder Ita­li­en – in einer lan­gen aber kon­ti­nu­ier­li­chen Rei­he von Kämp­fen auf ande­re Län­der aus­brei­ten könn­te und wür­de. Dies ist eine Aus­sicht, die durch die Erfah­rung der jüngs­ten Wel­le des Kamp­fes tat­säch­lich ver­stärkt wird.

Der Ara­bi­sche Früh­ling lös­te 2011 als Ket­ten­re­ak­ti­on zunächst eine Rei­he von Auf­stän­den von Tune­si­en nach Ägyp­ten, Liby­en, Bah­rain und Syri­en aus, bevor auch klei­ne­re, aber immer noch bedeu­ten­de Revol­ten wie die Indi­gna­dos in Spa­ni­en oder Occu­py in den USA davon inspi­riert wur­den. Dann gab es 2019 eine Wel­le von Mas­sen­auf­stän­den auf der gan­zen Welt – die fran­zö­si­schen Gelb­wes­ten, Sudan, Hai­ti, Hong­kong, Alge­ri­en, Puer­to Rico, Chi­le, Ecua­dor, Irak, Liba­non usw. Wich­tig war auch, dass sich die Schü­ler­streiks welt­weit ver­brei­te­ten und in die­sem Jahr sogar mit­ten in COVID-19 Black-Lives-Mat­ter-Demons­tra­tio­nen statt­fan­den.

Dies macht deut­lich, dass sich in der heu­ti­gen glo­ba­li­sier­ten Welt Revol­ten mit erstaun­li­cher Reich­wei­te und Schnel­lig­keit inter­na­tio­nal aus­brei­ten kön­nen. Die inter­na­tio­na­len Aus­wir­kun­gen einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in einem Land wären immens. Die­se wären umso grö­ßer, wenn die Revo­lu­ti­on – und so wird es auch sein – ein star­kes öko­lo­gi­sches und gegen den Kli­ma­wan­del gerich­te­tes Ele­ment auf­weist. Denn unab­hän­gig von den Debat­ten über den Sozia­lis­mus in einem Land in der Ver­gan­gen­heit wird klar sein, dass kei­ne Revo­lu­ti­on in Süd­afri­ka oder Frank­reich, Indo­ne­si­en oder Chi­le in der Lage sein wird, den Kli­ma­wan­del zu bekämp­fen, wäh­rend die USA, Chi­na, Russ­land und Indi­en ihre Geschäf­te wie gewohnt fort­set­zen. Der Kli­ma­wan­del ist ein inter­na­tio­na­les The­ma wie kein ande­res in der Geschich­te.

Sozialismus oder Barbarei

In Bezug auf die Fra­ge nach ande­ren Alter­na­ti­ven, um den Kapi­ta­lis­mus ent­we­der nach­hal­tig zu machen oder ihn mit­tels Revo­lu­ti­on zu stür­zen, gibt es zwei, die ins Auge sprin­gen: Es gibt die Stra­te­gie, den Kapi­ta­lis­mus durch den Gewinn einer Par­la­ments­wahl in den Sozia­lis­mus zu über­füh­ren – was man die Cor­byn-Stra­te­gie nen­nen könn­te. Oder es gibt die „Alter­na­ti­ve“ der faschistischen/​autoritären Bar­ba­rei. Die ers­te ist lei­der illu­so­risch und die zwei­te ist bedau­er­li­cher­wei­se nur all­zu real.

Was ich (in sei­ner jüngs­ten Aus­prä­gung) die Cor­byn-Stra­te­gie genannt habe, ist in der Tat sehr alt und geht zumin­dest auf Karl Kaut­sky und die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands vor dem Ers­ten Welt­krieg zurück. Sie wur­de zahl­rei­chen prak­ti­schen Tests unter­zo­gen – mit kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen, ob in Deutsch­land selbst, in Ita­li­en wäh­rend der Roten Jah­re, in Chi­le 1970–1973, oder in jün­ge­rer Zeit mit Syri­za in Grie­chen­land oder eben mit Cor­byn (außer dass Cor­byn den not­wen­di­gen all­ge­mei­nen Wahl­sieg nicht errin­gen konn­te).

Ober­fläch­lich betrach­tet scheint die­se Stra­te­gie bes­ser umsetz­bar und plau­si­bler als die Revo­lu­ti­on zu sein, doch in Wirk­lich­keit ist sie von Grund auf feh­ler­be­haf­tet. Die bestehen­de kapi­ta­lis­ti­sche herr­schen­de Klas­se wird weder in einem Land noch inter­na­tio­nal auf­grund eines sozia­lis­ti­schen Wahl­siegs frei­wil­lig ihre Macht abge­ben.

Im Gegen­teil: Sie wird ihre gesam­te wirt­schaft­li­che Macht (durch Inves­ti­ti­ons­streiks, Kapi­tal­flucht, den Run auf Wäh­run­gen usw.), ihre sozia­le und ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie, ins­be­son­de­re durch die Medi­en, und vor allem ihre Kon­trol­le über den Staat ein­set­zen, um die poten­zi­el­le sozia­lis­ti­sche Regie­rung auf Trab zu brin­gen oder sie wenn nötig zu zer­stö­ren.[iii]

Eine sol­che Sabo­ta­ge könn­te nur durch die revo­lu­tio­nä­re Mobi­li­sie­rung der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung bekämpft und über­wun­den wer­den. Des­halb ist die­se Opti­on trotz aller pro­gres­si­ven Absich­ten eine Illu­si­on. Sie wird ent­we­der zu der Art Revo­lu­ti­on wer­den, die sie eigent­lich über­flüs­sig machen soll­te – oder sich wird sich in Luft auf­lö­sen.

Wenn es um die faschistische/​autoritäre Opti­on geht, wis­sen wir aus bit­te­rer Erfah­rung – der Erfah­run­gen Ita­li­ens, Deutsch­lands, Spa­ni­ens, Por­tu­gals, Chi­les und anders­wo – dass dies eine ech­te Mög­lich­keit ist und in vie­ler­lei Hin­sicht die Gegen­sei­te der Medail­le des Schei­terns der refor­mis­ti­schen Opti­on. Und wenn wir uns heu­te in der Welt umse­hen, wie das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem in einer mehr­di­men­sio­na­len Kri­se gefan­gen ist, kön­nen wir in vie­len ver­schie­de­nen eine wach­sen­de poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung und die Kräf­te der extre­men Rech­ten Län­dern beob­ach­ten. Es ist eine furcht­ba­re Tat­sa­che, dass drei gro­ße Län­der (die USA, Bra­si­li­en und Indi­en) unter rechts­ex­tre­mer, wenn nicht voll­stän­dig faschis­ti­scher Kon­trol­le ste­hen und dass eine beträcht­li­che Anzahl wei­te­rer Län­der von hoch­gra­dig auto­ri­tä­ren Regi­men regiert wird.

Mit zuneh­men­der Kli­ma­kri­se und den damit ver­bun­de­nen Kli­ma­f­lücht­lin­gen wird die autoritäre/​faschistische Opti­on für in Panik gera­te­ne herr­schen­de Klas­sen und eini­ge ihrer Anhän­ger in der Mit­tel­schicht immer attrak­ti­ver. Auf lan­ge Sicht wird der Faschis­mus die glo­ba­le Erwär­mung nicht auf­hal­ten, doch könn­te die­ses Schei­tern auf der ande­ren Sei­te eines Oze­ans der Bar­ba­rei lie­gen.

Um auf die Fra­ge zurück­zu­kom­men, ob es noch Zeit für einen Sys­tem­wech­sel gibt: Nie­mand kann prä­zi­se die Zukunft vor­her­sa­gen,[iv] doch ist das mit Abstand wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio, dass die sich beschleu­ni­gen­de Kli­ma- und Umwelt­kri­se den Klas­sen­kampf und die poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung auf brei­ter Front ver­schär­fen wird.

Die­ser Pro­zess wird zuneh­men, wenn sich die Welt der 1,5°-Celsius-Schwelle nähert und setzt sich nach dem Über­schrei­ten wei­ter fort. Die Bewe­gung muss sich nicht nur damit befas­sen, wie wir den Kli­ma­wan­del ver­lang­sa­men oder auf­hal­ten, son­dern auch wie wir mit den ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen umge­hen: mit Bar­ba­rei oder Soli­da­ri­tät?

Der Kapi­ta­lis­mus in all sei­nen For­men wird sich zuneh­mend der Bar­ba­rei zuwen­den. Nur ein Sys­tem­wech­sel – der Ersatz des Kapi­ta­lis­mus durch den Sozia­lis­mus – wird eine Ant­wort ermög­li­chen, die auf der arbei­ten­den Gesell­schaft und der mensch­li­chen Soli­da­ri­tät beruht.

Die­ser Arti­kel von John Moly­neux wur­de ursprüng­lich im Glo­bal Eco­so­cia­list Net­work ver­öf­fent­licht, erschien dann auf Rebel News und wur­de von Rebec­ca Nosek für Die Frei­heits­lie­be über­setzt.

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[i] Das offen­sicht­lichs­te Bei­spiel ist die rus­si­sche Revo­lu­ti­on, die aus den For­de­run­gen nach Brot, Land und Frie­den her­vor­ge­gan­gen ist, doch gilt das Glei­che für prak­tisch alle Mas­sen­re­vo­lu­tio­nen.

[ii] Sie­he z. B. John Moly­neux, „Apo­ca­lyp­se Now! Cli­ma­te chan­ge, capi­ta­lism and revo­lu­ti­on“, Irish Mar­xist Review 25, 2019; Mar­tin Emp­son ed. Sys­tem Chan­ge not Cli­ma­te Chan­ge, Book­marks, Lon­don, 2019.

[iii] Sie­he auch Lenin for Today, Chap­ter 3, Book­marks, Lon­don 2017, wo ich aus­führ­lich die­ses Argu­ment dar­le­ge.

[iv] „In rea­li­ty one can ‘sci­en­ti­fi­cal­ly’ fore­see only the strugg­le but not the con­cre­te moments of the strugg­le“, Anto­nio Gram­sci, Selec­tions from the Pri­son Note­books, Lon­don 1971, p.438

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Gastbeitrag

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