[gfp:] Bundeswehroperationen im Weltraum

Das Weltraumlagezentrum

Ando­cken kann die Bun­des­wehr beim Auf­bau ihres neu­en Air and Space Ope­ra­ti­ons Cent­re (ASOC) in Uedem an ihr bereits bestehen­des Welt­raum­la­ge­zen­trum (übli­ches Bun­des­wehr­kür­zel: WRLa­geZ). Die­ses ist 2009 in Uedem auf­ge­stellt wor­den; es wird von der Luft­waf­fe gemein­sam mit dem Deut­schen Zen­trum für Luft- und Raum­fahrt (DLR) betrie­ben. Zen­tra­le Auf­ga­be des WRLa­geZ ist zunächst, wie es der Name sagt, Lage­bil­der aus dem Welt­raum zu erstel­len, um die Vor­aus­set­zun­gen für den Schutz soge­nann­ter kri­ti­scher Infra­struk­tur im All zu schaf­fen. Bei die­ser han­delt es sich um zivi­le wie auch um mili­tä­ri­sche deut­sche Satel­li­ten. Kon­kret befasst sich das WRLa­geZ nicht zuletzt mit der Gefähr­dung die­ser Satel­li­ten durch im All unkon­trol­liert, teil­wei­se mit höchs­ter Geschwin­dig­keit umher­flie­gen­den Welt­raum­schrott – etwa Trüm­mer zer­stör­ter Satel­li­ten – oder durch Son­nen­stür­me. Dar­über hin­aus berech­net die Ein­rich­tung die Flug­bahn von Objek­ten, die aus dem All in die Erd­at­mo­sphä­re ein­tre­ten und, sofern sie nicht ver­glü­hen, beim Auf­prall auf der Erd­ober­flä­che zer­stö­ren­de Wir­kung ent­fal­ten können.[1]

Unabhängig von den USA

Bereits seit Jah­ren ist die Luft­waf­fe bemüht, für das Welt­raum­la­ge­zen­trum Unab­hän­gig­keit von Staa­ten außer­halb der EU zu errei­chen. Dies zielt vor allem auf die USA. Noch ist das WRLa­geZ unter ande­rem auf Welt­raum­la­ge­da­ten ange­wie­sen, die es aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten erhält; dabei hat es aller­dings ledig­lich Zugriff auf eine Aus­wahl: Daten etwa über den Auf­ent­halts­ort von US-Mili­tär- und Geheim­dienst­sa­tel­li­ten oder deren Bruch­stü­cke behält Washing­ton für sich.[2] Aktu­ell wird die Inbe­trieb­nah­me eines neu­en, hoch­mo­der­nen Welt­raum­über­wa­chungs­ra­dars durch das WRLa­geZ vor­be­rei­tet. Das Sys­tem fir­miert unter dem Kür­zel GESTRA (Ger­man Expe­ri­men­tal Space Sur­veil­lan­ce and Tracking) und ist im Auf­trag des DLR vom Fraun­ho­fer Insti­tut für Hoch­fre­quenz­phy­sik und Radar­tech­nik (FHR) in Wacht­berg bei Bonn ent­wi­ckelt wor­den – dies mit Mit­teln aus dem Haus­halt des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums. GESTRA ermög­licht es, auch sehr klei­ne Objek­te im All zu iden­ti­fi­zie­ren, sie zu ver­fol­gen und ihre Flug­bahn zu berech­nen. Damit stellt es, so heißt es bei der Bun­des­wehr, „einen wich­ti­gen Schritt dar, um die bis­he­ri­ge Abhän­gig­keit von Welt­raum­la­ge­da­ten der USA zu mindern“.[3]

Europäische Spionagesatelliten

Um grö­ße­re Unab­hän­gig­keit von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist die Bun­des­re­gie­rung, was die deut­schen Mili­tär­ak­ti­vi­tä­ten im Welt­raum angeht, tat­säch­lich schon seit Jah­ren bemüht. Dies gilt etwa für die Spio­na­ge­sa­tel­li­ten SAR-Lupe, die wet­ter- und zeit­un­ab­hän­gig hoch­auf­lö­sen­de Bil­der von jedem Ort auf der Erde lie­fern kön­nen; sie wur­den in den Jah­ren von 2006 bis 2008 ins All trans­por­tiert und sind bis heu­te in Betrieb. Pro­du­ziert wur­den sie von einem Kon­sor­ti­um, das sich aus Unter­neh­men aus der EU zusam­men­setz­te und von der Bre­mer OHB geführt wur­de. Die Nach­fol­ge­sa­tel­li­ten mit der Bezeich­nung SARah, deren zuerst für 2019 geplan­te Inbe­trieb­nah­me durch die Bun­des­wehr ver­spä­tet erfolgt, wer­den eben­falls von OHB als Gene­ral­auf­trag­neh­mer her­ge­stellt. Für Unmut sorg­te im ver­gan­ge­nen Jahr, dass die Satel­li­ten von der US-Fir­ma SpaceX ins All gebracht wer­den sol­len, da sie die­se Dienst­leis­tung viel kos­ten­güns­ti­ger anbie­tet als die deutsch-fran­zö­si­sche Aria­ne Group.[4] Künf­tig könn­ten dafür aller­dings auch Pri­vat­un­ter­neh­men aus Deutsch­land zur Ver­fü­gung ste­hen. Die ein­schlä­gi­ge Start-up-Sze­ne in der Bun­des­re­pu­blik wecke Hoff­nun­gen, urtei­len Beob­ach­ter; aller­dings müs­se man sie för­dern – etwa mit dem Bau eines Welt­raum­bahn­hofs -, um ihre Abwan­de­rung in die USA zu ver­hin­dern, zumal sich US-Geheim­diens­te bereits für sie inter­es­sier­ten (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [5]).

Feindliche Angriffe

Aus Sicht der Bun­des­wehr rei­chen die Fähig­kei­ten des Welt­raum­la­ge­zen­trums frei­lich nicht mehr aus, um den Schutz der Spio­na­ge­sa­tel­li­ten oder auch des EU-Satel­li­ten­na­vi­ga­ti­ons­sys­tems Gali­leo zu gewähr­leis­ten, das seit 2016 in Betrieb ist; die Bun­des­wehr nutzt Berich­ten zufol­ge zwar noch vor allem das US-Sys­tem GPS, greift aber ergän­zend schon auf Gali­leo zurück [6] und dürf­te sich per­spek­ti­visch auch bei der Satel­li­ten­na­vi­ga­ti­on unab­hän­gig von den USA machen. Man müs­se in zuneh­men­dem Maß damit rech­nen, dass feind­li­che Kräf­te die deut­sche Welt­raumin­fra­struk­tur gezielt atta­ckier­ten – so „zum Bei­spiel durch den Ein­satz von Lasern zum Blen­den bzw. Zer­stö­ren von Opti­ken sowie gegen Solar­pa­nee­le, aber auch durch Anti-Satel­li­ten-Rake­ten“, heißt es bei der Bundeswehr.[7] Dies wie­ge umso schwe­rer, als hoch­mo­der­ne Waf­fen­sys­te­me immer stär­ker auf Satel­li­ten­da­ten ange­wie­sen sei­en. Erfolg­ten Angrif­fe auf die Satel­li­ten gleich „zum Auf­takt“ eines mili­tä­ri­schen Kon­flikts, dann wür­den die eige­nen Füh­rungs­fä­hig­kei­ten emp­find­lich redu­ziert. Dar­aus hat die Bun­des­wehr jetzt die Kon­se­quen­zen gezo­gen – mit dem Auf­bau des Air and Space Ope­ra­ti­ons Cent­re (ASOC). In ihm wer­den meh­re­re Ein­rich­tun­gen der Luft­waf­fe, dar­un­ter das WRLa­geZ, zusam­men­ge­zo­gen; es wird in Zukunft als zen­tra­ler natio­na­ler Füh­rungs­ge­fechts­stand die­nen. Geplant sind auch akti­ve Ope­ra­tio­nen der Bun­des­wehr im All, für die ein „umfas­sen­der Fähig­keits­auf­bau“ per­so­nel­ler wie tech­no­lo­gi­scher Art vor­ge­se­hen ist.[8]

Ein neues Einsatzgebiet

Details zu den Pla­nun­gen sind kaum bekannt. Das Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um hat im März 2017 eine „Stra­te­gi­sche Leit­li­nie Welt­raum“ ver­ab­schie­det, die den Rah­men für die Akti­vi­tä­ten der Bun­des­wehr im All absteckt, aller­dings als „VS – Nur für den Dienst­ge­brauch“ ein­ge­stuft und der Öffent­lich­keit daher nicht zugäng­lich ist.[9] Berich­ten zufol­ge heißt es in dem Doku­ment, man pla­ne die mili­tä­ri­sche Welt­raumin­fra­struk­tur unter ande­rem zur „Flug­kör­per­ab­wehr“ zu nutzen.[10] Die Akti­vi­tä­ten der Bun­des­wehr im All kor­re­spon­die­ren dabei mit Maß­nah­men der NATO, die auf ihrem Gip­fel am 3./4. Dezem­ber 2019 in Lon­don den Welt­raum offi­zi­ell als neu­es Ope­ra­ti­ons­ge­biet ein­ge­stuft hat. NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg hat­te zuvor erklärt: „Der Welt­raum ist für die Abschre­ckung und Ver­tei­di­gung des Bünd­nis­ses von wesent­li­cher Bedeutung.“[11]

[1] Sascha Mül­ler: Fähig­keits­auf­bau Welt­raum­ope­ra­tio­nen durch die Luft­waf­fe. bun​des​wehr​.de 21.09.2020.

[2] Karl Urban: Schrau­ben­schlüs­sel im Orbit auf­spü­ren, Crashs ver­mei­den. spek​trum​.de 21.09.2020.

[3] Sascha Mül­ler: Fähig­keits­auf­bau Welt­raum­ope­ra­tio­nen durch die Luft­waf­fe. bun​des​wehr​.de 21.09.2020.

[4] Die­ter Sürig: Space‑X soll Bun­des­wehr-Satel­li­ten ins All brin­gen. sued​deut​sche​.de 24.01.2019.

[5] S. dazu Kampf um deut­sche High-Tech-Fir­men.

[6] Tho­mas Wie­gold: EU-Satel­li­te­na­vi­ga­ti­on seit Tagen außer Betrieb. Fällt erst mal nicht so auf. augen​ge​ra​de​aus​.net 15.07.2019.

[7], [8] Sascha Mül­ler: Fähig­keits­auf­bau Welt­raum­ope­ra­tio­nen durch die Luft­waf­fe. bun​des​wehr​.de 21.09.2020.

[9] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der Abge­ord­ne­ten Dr. h.c. Tho­mas Sat­tel­ber­ger, Mario Bran­den­burg (Süd­pfalz), Kat­ja Suding, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on der FDP. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 19/​15308, 19.11.2019.

[10] Ope­ra­ti­ons­raum Welt­raum. Neu­es Deutsch­land 20.03.2017. S. dazu Krieg im Welt­raum.

[11] Alex­an­dra Brz­ozow­ski: NATO berei­tet sich auf neu­es Welt­raum­zeit­al­ter vor. eurac​tiv​.de 22.11.2019.

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