[KgK:] Frankreichs Neue Antikapitalistische Partei: Lehren für Revolutionär:innen

Die­ser Arti­kel erschien zuerst am 20. Sep­tem­ber 2020 auf Left Voice. Er wur­de vor dem Hin­ter­grund der aktu­el­len Stra­te­gie­de­bat­ten in der US-ame­ri­ka­ni­schen Lin­ken ver­fasst, stellt aber auch für deutsch­spra­chi­ge Leser:innen eine loh­nen­de Lek­tü­re dar.

„Die welt­po­li­ti­sche Lage in ihrer Gesamt­heit ist vor allem gekenn­zeich­net durch die his­to­ri­sche Kri­se der Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats.“ Mit die­sen Wor­ten begann Leo Trotz­ki das, was als das Über­gangs­pro­gramm bekannt gewor­den ist – das Grün­dungs­do­ku­ment der Vier­ten Inter­na­tio­na­le. Heu­te ist die­se Aus­sa­ge so wahr wie 1938, als sie geschrie­ben wur­de. Damals spie­gel­te es den Bank­rott der Drit­ten Inter­na­tio­na­le wider, die sich voll­stän­dig an das sta­li­nis­ti­sche Regime in der Sowjet­uni­on ange­passt und den Kampf für eine Revo­lu­ti­on in der gan­zen Welt weit­ge­hend auf­ge­ge­ben hat­te. In den letz­ten 82 Jah­ren hat sich die­se Kri­se in vie­len Län­dern viel­fach gezeigt.

Als Reak­ti­on auf die­se „his­to­ri­sche Kri­se“ ver­su­chen Trotzkist:innen, revo­lu­tio­nä­re Par­tei­en auf­zu­bau­en, die das Füh­rungs­va­ku­um fül­len könn­ten. Es ist die­ser Ansatz, der Trotzkist:innen als Erb:innen von Lenin und den Bol­sche­wi­ki und den Trotz­kis­mus als revo­lu­tio­nä­re Kon­ti­nui­tät von Lenin und den Bol­sche­wi­ki eta­bliert. Manch­mal ist es ein ein­sa­mer Weg. Ande­re Male bie­ten sich gro­ße Mög­lich­kei­ten, sich mit ande­ren Kräf­ten zu ver­ei­nen und dar­an zu arbei­ten, sie in eine revo­lu­tio­nä­re Rich­tung unab­hän­gig von der herr­schen­den Klas­se zu bewe­gen.

Frank­reich bie­tet uns zwei über­zeu­gen­de Bei­spie­le für die Kos­ten eines Schei­terns bei der Lösung der Füh­rungs­kri­se. Bei­de sind für revo­lu­tio­nä­re Sozialist:innen, auch inter­na­tio­nal, unge­heu­er lehr­reich.

Im Mai 1968 begann Frank­reich eine zwei­mo­na­ti­ge Odys­see in eine vor­re­vo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on, die die Wirt­schaft prak­tisch zum Still­stand brach­te. Sie begann mit Student:innenprotesten gegen Kapi­ta­lis­mus, Kon­su­mis­mus und den US-impe­ria­lis­ti­schen Krieg in Viet­nam, der von der fran­zö­si­schen Bour­geoi­sie unter­stützt wur­de. Nach­dem die Student:innen von der Poli­zei gewalt­sam unter­drückt wur­den, rie­fen wei­te Tei­le der Gewerk­schafts­be­we­gung in Frank­reich zu Soli­da­ri­täts­streiks auf, die damals die Vor­stel­lun­gen aller Betei­lig­ten spreng­ten. Etwa elf Mil­lio­nen Arbeiter:innen tra­ten in den Streik, nahe­zu ein Vier­tel der Gesamt­be­völ­ke­rung des Lan­des. Die Regie­rung funk­tio­nier­te nicht mehr und die Regierungsführer*innen befürch­te­ten eine Revo­lu­ti­on. Ende Mai flüch­te­te Prä­si­dent Charles de Gaul­le kurz­zei­tig sogar heim­lich nach Deutsch­land.

Obwohl eine voll­stän­di­ge Geschich­te der Ereig­nis­se vom Mai-Juni 1968 in Frank­reich den Rah­men die­ses Arti­kels spren­gen wür­de, kann man sagen, dass der zen­tra­le Grund dafür, dass ein sozia­ler und poli­ti­scher Auf­stand sol­chen Aus­ma­ßes nicht zu einer Revo­lu­ti­on wur­de, genau in Trotz­kis oben zitier­ten Wor­ten liegt. In den nächs­ten Jahr­zehn­ten, ins­be­son­de­re ab den frü­hen 1980er Jah­ren, wur­de das keyne­sia­ni­sche Wirt­schafts­pa­ra­dig­ma – die Beein­flus­sung der Volks­wirt­schaf­ten durch eine akti­vis­ti­sche Sta­bi­li­sie­rungs- und Inter­ven­ti­ons­po­li­tik der Regie­run­gen –, das den größ­ten Teil der Welt wäh­rend der „30 glor­rei­chen Jah­re“ unmit­tel­bar nach dem Zwei­ten Welt­krieg beherrscht hat­te, rasch vom Neo­li­be­ra­lis­mus ver­drängt. Die­ser war dar­auf gerich­tet, eben­so vie­le wirt­schaft­li­che Fak­to­ren vom öffent­li­chen auf den pri­va­ten Sek­tor zu über­tra­gen. Es war eine Zeit inten­si­ver Angrif­fe gegen die Arbeiter:innenklasse in Form von Pri­va­ti­sie­run­gen, Angrif­fen auf gewerk­schaft­li­cher Rech­te und dem Zer­rei­ßen sozia­ler Sicher­heits­net­ze, gegen die sich das Pro­le­ta­ri­at als weit­ge­hend macht­los erwies – ein wei­te­rer Aus­druck der Kri­se der Füh­rung.

Der Klassenkampf in Frankreich in jüngster Zeit

Das zwei­te Bei­spiel aus Frank­reich ist auf die Gro­ße Rezes­si­on zurück­zu­füh­ren, die sich ab 2008 welt­weit aus­brei­te­te. Ab 2011 ent­stan­den als Reak­ti­on auf die Ver­su­che der herr­schen­den Klas­se, die gro­ße Mehr­heit der Men­schen für das wirt­schaft­li­che Gemet­zel des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems zah­len zu las­sen, in meh­re­ren Län­dern Bewe­gun­gen des zivi­len Unge­hor­sams – gegen die Gier der Kon­zer­ne und die Ungleich­heit des Wohl­stands. In Spa­ni­en zum Bei­spiel besetz­ten die Indi­gna­dos öffent­li­che Plät­ze für Pro­tes­te gegen die Spar­po­li­tik. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ent­stan­den Occu­py Wall Street und dann die brei­te­re Occu­py-Bewe­gung. In Frank­reich gab es eine rela­tiv gerin­ge Reso­nanz, die von bür­ger­li­chen Kommentator:innen vor allem dar­auf zurück­ge­führt wur­de, dass die fran­zö­si­sche Jugend damit rech­ne­te, im nächs­ten Jahr Fran­çois Hol­lan­de von der Sozia­lis­ti­schen Par­tei zum Prä­si­den­ten wäh­len zu kön­nen. Tat­säch­lich war dies ein Bei­spiel für die Kri­se der pro­le­ta­ri­schen Füh­rung.

Hol­lan­de, ein Sozi­al­de­mo­krat, wur­de tat­säch­lich gewählt, und er mach­te sich dar­an, nach der Pfei­fe des glo­ba­len Kapi­tals zu tan­zen. Ins­be­son­de­re führ­te er ein Pro­gramm der Arbeits­markt­li­be­ra­li­sie­rung ein, um die Arbeit „fle­xi­bler“ zu machen – in einem Land mit den viel­leicht strengs­ten Arbeits­ge­set­zen zum Schutz der Arbeiter:innen aller ent­wi­ckel­ten Län­der. Das nach Hol­lan­des Arbeits­mi­nis­ter benann­te El-Khom­ri-Gesetz ziel­te dar­auf ab, Ent­las­sun­gen zu erleich­tern, Abfin­dun­gen für ent­las­se­ne Arbeiter:innen zu redu­zie­ren, Arbeits­zeit­be­schrän­kun­gen zu lockern und Über­stun­den­zu­schlä­ge zu kür­zen.

Der Wider­stand war schnell und mas­siv. Pro­tes­te bra­chen aus, auch am 31. März 2016, als 1,2 Mil­lio­nen Men­schen auf die Stra­ße gin­gen. Im glei­chen Zeit­raum war der Place de la Répu­bli­que in Paris zum Schau­platz nächt­li­cher Beset­zun­gen gewor­den. Dort fand eine Volks­ver­samm­lung statt, um die bei­den wich­tigs­ten Par­tei­en Frank­reichs anzu­kla­gen. Die Beset­zun­gen ver­brei­te­ten sich dann über das gan­ze Land und erreich­ten mehr als 30 Städ­te.

Im Jahr 2017 tra­ten Eisenbahner:innen in den Streik, um gegen die Bemü­hun­gen der Regie­rung um die Pri­va­ti­sie­rung der staat­li­chen fran­zö­si­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft zu kämp­fen, die sowohl Per­so­nen- als auch Güter­trans­port leis­tet. Wirk­lich beschleu­nig­te sich der klas­sen­kämp­fe­ri­sche Pro­zess dann 2018 mit dem Auf­kom­men des Mou­ve­ment des Gilets Jau­nes – der Bewe­gung der Gel­ben Wes­ten. Es begann mit einer Online-Mas­sen­pe­ti­ti­on im Mai des­sel­ben Jah­res, in der gegen die Steu­er­re­for­men der Regie­rung pro­tes­tiert wur­de, die die Arbeiter:innenklasse und die Mit­tel­schich­ten der fran­zö­si­schen Gesell­schaft mit stei­gen­den Mie­ten und höhe­ren Prei­sen für Treib­stoff und den „Waren­korb“, den Öko­no­men übli­cher­wei­se zur Mes­sung der Lebens­hal­tungs­kos­ten ver­wen­den, erdrück­ten. Fast eine Mil­li­on Men­schen unter­zeich­ne­ten die Peti­ti­on.

Die ent­ste­hen­de Bewe­gung setz­te sich vor allem aus Men­schen aus Bevöl­ke­rungs­schich­ten zusam­men, die von der Regie­rung weit­ge­hend ver­nach­läs­sigt wur­den und für die neo­li­be­ra­le Refor­men über Jahr­zehn­te hin­weg abso­lut nichts bewirkt hat­ten. Zu ihren For­de­run­gen gehör­ten nied­ri­ge­re Kraft­stoff­steu­ern, die Wie­der­ein­füh­rung der fran­zö­si­schen Soli­da­ri­täts­steu­er auf Ver­mö­gen und die Erhö­hung des Min­dest­lohns.

Im wei­te­ren Ver­lauf des Jah­res lös­ten vor allem die stei­gen­den Treib­stoff­prei­se Pro­tes­te aus – die Teilnehmer:innen tru­gen die für das Land typi­schen gel­ben Warn­wes­ten, die man zum Bei­spiel bei der Rei­ni­gung von Stra­ßen und Parks durch städ­ti­sche Ange­stell­te sieht. In Frank­reich sind die Fahrer:innen gesetz­lich ver­pflich­tet, eine sol­che Wes­te in ihren Fahr­zeu­gen mit­zu­füh­ren und sie bei Not­fäl­len zu tra­gen. Die Wes­ten der Demons­tran­ten soll­ten sym­bo­li­sie­ren, dass sich Frank­reich in einer Not­si­tua­ti­on befin­det. Zunächst fan­den die Demons­tra­tio­nen inmit­ten von Ver­kehrs­krei­seln statt und waren daher gut sicht­bar, aber nicht beson­ders stö­rend, doch sie wur­den nach und nach immer mili­tan­ter. Die Blo­cka­de von Stra­ßen und Treib­stoff­de­pots wur­de zur Nor­ma­li­tät. Manch­mal kam es zu Kämp­fen mit der Poli­zei, deren Gewalt­an­wen­dung schwe­re Ver­let­zun­gen und meh­re­re Todes­op­fer zur Fol­ge hat­te, was in den Main­stream-Medi­en in aller Welt ange­pran­gert wur­de.

Ende 2018 began­nen die Gymnasiast:innen auch gegen die Bil­dungs­re­form­plä­ne des Prä­si­den­ten Emma­nu­el Macron zu pro­tes­tie­ren, die mit ziem­li­cher Sicher­heit zu grö­ße­ren Ungleich­hei­ten unter den fran­zö­si­schen Student:innen füh­ren wür­den. Als die Poli­zei am 6. Dezem­ber 140 pro­tes­tie­ren­de Schüler:innen vor einer Schu­le in Man­tes-la-Jolie fest­nahm und ein Video der Mas­sen­ver­haf­tung erschien, auf dem die Schü­ler mit den Hän­den hin­ter dem Kopf kniend zu sehen waren, lös­te dies Empö­rung aus. Im wei­te­ren Ver­lauf des Dezem­bers began­nen die Ver­kehrs­blo­cka­den der Gel­ben Wes­ten auf dem Höhe­punkt der Weih­nachts­ein­kaufs­zeit die Schlie­ßung von Gewer­be­ge­bie­ten und Waren­häu­sern zu erzwin­gen.

Der Klas­sen­kampf dau­er­te über wei­te Tei­le des Jah­res 2019 an, aber es war vor allem die Gelb­wes­ten­be­we­gung, die wei­ter­hin mit der Poli­zei zusam­men­stoß. Als sich das Jahr dem Ende zuneig­te, erhitz­te sich jedoch die Situa­ti­on erneut, und zwar viel brei­ter. Mit­te Novem­ber gin­gen Tau­sen­de von Krankenhausmitarbeiter:innen in ganz Frank­reich auf die Stra­ße, um mit der Paro­le „Ret­tet die öffent­li­chen Kran­ken­häu­ser!“ gegen Kür­zun­gen im Gesund­heits­sys­tem zu pro­tes­tie­ren. Zwei Wochen spä­ter insze­nier­ten fran­zö­si­sche Bäuer:innen rund um Paris eine rol­len­de Stra­ßen­blo­cka­de mit Trak­to­ren, ein­tau­send davon in der Nähe der Champs-Ély­sées und des Arc de Triom­phe. Dann, am 5. Dezem­ber, brach die Höl­le los. Es begann ein Gene­ral­streik gegen Macrons bru­ta­len Ren­ten­re­form­plan, der, wenn er in Kraft getre­ten wäre, die rie­si­gen Sie­ge, die die fran­zö­si­sche Arbeiter:innenklasse über Jahr­zehn­te errun­gen hat­te, zunich­te gemacht hät­te. An die­sem Tag tra­ten mehr als 30 Gewerk­schaf­ten in Akti­on, mit dem Ziel, das gan­ze Land lahm­zu­le­gen. Die meis­ten Stadt­bahn­li­ni­en rund um Paris wur­den still­ge­legt und die Eisenbahner:innen stan­den im Mit­tel­punkt der Aktio­nen. Am ers­ten Tag waren etwa 1,5 Mil­lio­nen Men­schen im gan­zen Land auf den Stra­ßen unter­wegs.

Es wur­de der längs­te Streik in der fran­zö­si­schen Geschich­te, mit gro­ßer Unter­stüt­zung der gesam­ten fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rung (laut Umfra­gen im Janu­ar 2020). Nur weni­ge Tage nach Beginn des Streiks streik­ten die staat­li­che Eisen­bahn­ge­sell­schaft und das gesam­te Nah­ver­kehrs­sys­tem im Groß­raum Paris. Balletttänzer:innen der Opé­ra Natio­nal de Paris, deren eige­ner Ren­ten­plan ange­grif­fen wur­de, streik­ten und führ­ten drau­ßen vor der Men­ge den Schwa­nen­see auf. Gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­te Arbeiter:innen in den Kraft­wer­ken unter­bra­chen den Strom für gro­ße Unter­neh­men wie Ama­zon und schlos­sen im Geis­te Robin Hoods Woh­nun­gen von Men­schen in Arbeiter:innenvierteln wie­der an, die ihre Rech­nun­gen nicht bezah­len konn­ten. Am 25. Janu­ar schlos­sen sich fran­zö­si­sche Feu­er­wehr­leu­te den täg­li­chen Demons­tra­tio­nen an. Es kam zu anhal­ten­den gewalt­sa­men Zusam­men­stö­ßen mit der Poli­zei. “Die Inter­na­tio­na­le“ wur­de von Demonstrant:innen gesun­gen, sie skan­dier­ten „Revo­lu­ti­on jetzt!“ und „Stürzt den Kapi­ta­lis­mus!“

Die­se aus­ge­dehn­te Peri­ode des Klas­sen­kamp­fes in Frank­reich war selbst für Frank­reich, ein Land, in dem mili­tan­te Streiks häu­fi­ger als in den meis­ten ande­ren euro­päi­schen Län­dern statt­fin­den, etwas unty­pisch. Es gab ekla­tan­te Anzei­chen für eine Kampf­be­reit­schaft der Arbeiter:innenklasse, die weit über die offi­zi­el­le Füh­rung der Gewerk­schaf­ten hin­aus­ging. Basis­mit­glie­der und Gel­be Wes­ten waren mehr als bereit, trotz des Wider­stands der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie gemein­sam zu kämp­fen. Und als sich die Eisenbahner:innen gegen die Pri­va­ti­sie­rung aus­spra­chen, ver­such­te die Gewerk­schafts­füh­rung, eine Tak­tik durch­zu­set­zen, die den Streik auf nur drei Tage pro Woche beschränk­te; Arbeiter:innen vom lin­ken Flü­gel der Gewerk­schaft kämpf­ten gegen die Büro­kra­tie und for­der­ten einen unbe­fris­te­ten Streik. In dem spä­te­ren Bahn­streik, der im Dezem­ber 2019 inmit­ten des Kamp­fes um die Ren­ten­re­form begann, grün­de­ten Basis­mit­glie­der ein Koor­di­nie­rungs­ko­mi­tee aus Arbeiter:innen der Eisen­bahn­ge­sell­schaf­ten, um den Streik auf­recht­zu­er­hal­ten und so ein ech­tes Bei­spiel für Arbeiter:innendemokratie und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen. Eine neue Avant­gar­de ent­stand.

Trotzkist:innen in Frank­reich sind in der Cou­rant Com­mu­nis­te Révo­lu­ti­onn­aire (CCR, Revo­lu­tio­när-Kom­mu­nis­ti­sche Strö­mung) orga­ni­siert. Zusam­men mit ande­ren, die nicht Mit­glie­der der inter­na­tio­na­len Trotz­kis­ti­schen Frak­ti­on sind, bil­den sie eine revo­lu­tio­nä­re Strö­mung inner­halb der Nou­veau Par­ti Anti­ca­pi­ta­lis­te (NPA, Neue Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Par­tei) und geben auch unse­re Schwes­ter­sei­te Révo­lu­ti­on Per­ma­nen­te her­aus. Sie waren wich­ti­ge Anführer:innen der Eisenbahner:innen bei die­sen Aktio­nen und ins­be­son­de­re im Koor­di­na­ti­ons­ko­mi­tees. Da die Trotzkist:innen star­ke Ver­bin­dun­gen zu den Gelb­wes­ten auf­ge­baut hat­ten, waren sie maß­geb­lich dar­an betei­ligt, den Kampf gegen die Ren­ten­re­form mit den For­de­run­gen die­ser Bewe­gung zu ver­bin­den.

Der Aus­bruch der Pro­tes­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nach dem Poli­zei­mord an Geor­ge Floyd wei­te­te sich auf Frank­reich, wie auf vie­le ande­ren Län­dern der Welt, aus, und auch die anti­ras­sis­ti­sche Bewe­gung in den ers­ten Mona­ten des Jah­res 2020 erleb­te einen Auf­schwung. Die Trotzkist:innen hat­ten auch eine Schlüs­sel­rol­le dabei gespielt, strei­ken­de Gewerk­schaf­ter mit dem Komi­tee „Gerech­tig­keit für Ada­ma Tra­o­ré“ zusam­men­zu­brin­gen, das sich orga­ni­siert hat­te, seit der jun­ge mali­sche Fran­zo­se 2016 im Poli­zei­ge­wahr­sam ermor­det wur­de.

Die Ankunft von Covid-19 in Frank­reich hat natür­lich wesent­lich dazu bei­getra­gen, dass die­se Aktio­nen nach­lie­ßen, da die von der Regie­rung ver­häng­te Qua­ran­tä­ne schließ­lich alle bis auf „essen­ti­el­le“ Arbeiter:innen von der Stra­ße hol­te. Den­noch gin­gen die anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tio­nen wei­ter, und bei vie­len davon ertön­te die Paro­le „Wir sind Anti­ka­pi­ta­lis­ten“.

Die sozia­len Auf­stän­de der letz­ten Jah­re hat­ten ein enor­mes Poten­zi­al, und die fran­zö­si­schen Trotzkist:innen haben ent­spre­chend ein­ge­grif­fen. Sie haben dafür gekämpft, die Bewe­gung pro­gram­ma­tisch vor­an­zu­brin­gen und auf die demo­kra­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on hin­zu­ar­bei­ten, die sowohl für kurz­fris­ti­ge Gewin­ne als auch für das letzt­end­li­che Ziel der Revo­lu­ti­on not­wen­dig ist. Aber wie­der­um war die vor­ran­gi­ge Beschrän­kung genau das, was Trotz­ki 1938 geschrie­ben hat­te: die „his­to­ri­sche Kri­se der Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats“. Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie und die refor­mis­ti­sche Lin­ke haben die Bewe­gung auf Schritt und Tritt behin­dert und auf­ge­hal­ten. Es war nicht so, dass die Bewe­gung nicht zu einer revo­lu­tio­nä­re­ren Poli­tik vor­an­schrei­ten konn­te, weil sie nicht bereit war, die­sen Kampf zu füh­ren. Viel­mehr war es ohne eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei mit Mas­sen­ein­fluss unmög­lich, das Kräf­te­ver­hält­nis zur herr­schen­den Klas­se zu ändern.

Wo war bei all dem die NPA – die Par­tei mit dem „Anti­ka­pi­ta­lis­mus“ im Namen – geblie­ben? War­um war sie nicht in der Lage, die Lücke der revo­lu­tio­nä­ren Füh­rung zu fül­len? Die Beant­wor­tung die­ser Fra­gen setzt vor­aus, dass wir uns einen Teil der Geschich­te der Par­tei anschau­en.

Die Ursprünge der NPA

Die Grün­dung der NPA im Jahr 2009 war zum gro­ßen Teil das Ergeb­nis eines lang­fris­ti­gen Abglei­tens von der revo­lu­tio­nä­ren Poli­tik in den Zen­tris­mus durch eine der wich­tigs­ten, sich als trotz­kis­tisch bezeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen Frank­reichs, die Ligue Com­mu­nis­te Révo­lu­ti­onn­aire (LCR, Revo­lu­tio­när-Kom­mu­nis­ti­sche Liga). Die­se fun­gier­te als die fran­zö­si­sche Sek­ti­on des Ver­ei­nig­ten Sekre­ta­ri­ats der Vier­ten Inter­na­tio­na­le – der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on, die aus der 1963 erfolg­ten Wie­der­ver­ei­ni­gung eines Teils der trotz­kis­ti­schen Welt­be­we­gung resul­tier­te, nach­dem sie sich zehn Jah­re zuvor gespal­ten hat­te.

Ein Ver­ständ­nis des Zen­tris­mus und wie er der revo­lu­tio­nä­ren Poli­tik ent­ge­gen­ge­setzt ist, ist einer der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der Grün­dung, der Ent­wick­lung und des gegen­wär­ti­gen Zustands der NPA. Zen­tris­mus wird in der revo­lu­tio­nä­ren mar­xis­ti­schen Bewe­gung im Wesent­li­chen als eine Mischung aus revo­lu­tio­nä­rer und refor­mis­ti­scher Poli­tik defi­niert. Er zeigt sich typi­scher­wei­se als revo­lu­tio­när in Wor­ten, aber refor­mis­tisch in Taten, wobei die Wor­te dar­auf abzie­len, die Taten, die einen Ver­rat dar­stel­len, zu ver­de­cken. Meis­tens wer­den die­se Taten mit einem Appell an den „Rea­lis­mus“ gerecht­fer­tigt – was bedeu­tet, dass die Prin­zi­pi­en und ein wirk­lich unab­hän­gi­ger Klas­sen­kampf auf­ge­ge­ben wer­den und eine Anpas­sung an die Bour­geoi­sie in der einen oder ande­ren Form statt­fin­det. Wie Trotz­ki ein­mal schrieb: „Wie oft sind wir schon einem selbst­ge­fäl­li­gen Zen­tris­ten begeg­net, der sich selbst für einen ‚Rea­lis­ten‘ hält, nur weil er ohne jeg­li­chen ideo­lo­gi­schen Bal­last schwim­men geht und von jeder umher­zie­hen­den Strö­mung mit­ge­ris­sen wird. Er ist unfä­hig zu ver­ste­hen, dass Prin­zi­pi­en kein toter Bal­last sind, son­dern eine Ret­tungs­lei­ne für einen revo­lu­tio­nä­ren Schwim­mer.“1

Ein Jahr zuvor hat­te Trotz­ki for­mu­liert: „Auf dem ideo­lo­gi­schen Gebiet führt der Zen­tris­mus ein Schma­rot­zer­da­sein“. Er mach­te dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass „[d]er Zen­trist […] gern sei­ne Feind­schaft gegen den Refor­mis­mus kund [gibt], […] aber den Zen­tris­mus [ver­schweigt]; dar­über hin­aus hält er den Begriff des Zen­tris­mus selbst für ‚unklar‘, ‚will­kür­lich‘ usw., – mit ande­ren Wor­ten – der Zen­tris­mus liebt es nicht, wenn man ihn beim Namen nennt.“ Im Hin­blick dar­auf, wie sie in der Arbei­ter­be­we­gung funk­tio­nie­ren, beschrieb er die Zentrist:innen fer­ner als geneigt, „die grund­sätz­li­che Kri­tik zu ver­tau­schen mit per­sön­li­chem Kom­bi­nie­ren und klein­li­cher, orga­ni­sa­tio­nel­ler Diplo­ma­tie.“ Er sah sich auch mit den Schwie­rig­kei­ten kon­fron­tiert, den Zen­tris­mus genau zu cha­rak­te­ri­sie­ren – der, wie er schrieb, “ not­wen­di­ger­wei­se stets ‚kon­junk­tu­rel­len‘ Cha­rak­ter hat“:

Vor allem muss man sich ein kla­res Bild machen von den cha­rak­te­ris­tischs­ten Zügen des heu­ti­gen Zen­tris­mus. Das ist nicht leicht: ers­tens, weil der Zen­tris­mus kraft sei­ner orga­ni­schen Form­lo­sig­keit sich nur schwer zu einer genau­en Bestim­mung her­gibt: er kenn­zeich­net sich viel mehr durch das, was ihm fehlt, als durch das, was er ent­hält; zwei­tens hat der Zen­tris­mus noch nie der­ma­ßen in allen Far­ben des Regen­bo­gens geschil­lert wie jetzt, denn noch nie auch befan­den sich die Rei­hen der Arbei­ter­be­we­gung so in Gärung wie heut­zu­ta­ge. Poli­ti­sche Gärung bedeu­tet, dem Wesen des Begrif­fes selbst nach, Umgrup­pie­rung, Ver­schie­bung zwi­schen den bei­den Polen Mar­xis­mus und Refor­mis­mus, d. h. das Durch­lau­fen ver­schie­de­ner Sta­di­en des Zen­tris­mus.2

Was hat all dies mit der Grün­dung der NPA zu tun? Auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne war das Ver­ei­nig­te Sekre­ta­ri­at mehr als ein Jahr­zehnt zuvor zu dem Schluss gekom­men, dass es zwar „nicht an Grün­den [man­gelt], die Flam­me der revo­lu­tio­nä­ren Hoff­nung bren­nen zu las­sen“, die „stärks­te Ten­denz“ in der Arbei­ter­be­we­gung jedoch “ jene der Anpas­sung und des Kom­pro­mis­ses im Namen des Rea­lis­mus“ sei – in Anleh­nung an die Wor­te, die Trotz­ki zur Beschrei­bung des Zen­tris­mus ver­wen­det hat­te.3 Das Ver­ei­nig­te Sekre­ta­ri­at beschloss jedoch auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, die Prin­zi­pi­en, die Trotz­ki als „Ret­tungs­lei­ne für einen revo­lu­tio­nä­ren Schwim­mer“ gegen zen­tris­ti­sche Ten­den­zen cha­rak­te­ri­siert hat­te, zu ver­wer­fen, und ent­schied sich im Wesent­li­chen dafür, ihre natio­na­len Sek­tio­nen zuguns­ten einer „brei­te­ren Umgrup­pie­rung mit ande­ren lin­ken Orga­ni­sa­tio­nen“ zu liqui­die­ren. Sie sah vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten hin­sicht­lich der Form, die sie anneh­men könn­te, vor­aus. Es bedeu­te­te letzt­lich jedoch in einem Land nach dem ande­ren eigent­lich nur den Bei­tritt zu ande­ren viel grö­ße­ren Par­tei­en – „ex“-stalinistische Par­tei­en, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en und in einem Fall sogar ein „büro­kra­ti­sches mao­is­ti­sches Kon­glo­me­rat“ –, denen es an einem revo­lu­tio­nä­ren Pro­gramm man­gel­te.

Die Ori­en­tie­rung stell­te für die LCR-Füh­rung trotz ihrer Unter­stüt­zung eine Schwie­rig­keit dar. Im Gegen­satz zu ihren Schwes­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen in ande­ren euro­päi­schen Län­dern ver­füg­te die LCR über kei­ne amor­phe „Umgruppierungs“-ähnliche Orga­ni­sa­ti­on, in die sie sich zurück­zie­hen konn­te und die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Sozia­lis­ti­sche Par­tei sowie die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei waren mit ande­ren nicht­re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten mit ihren eige­nen Umgrup­pie­rungs­be­mü­hun­gen beschäf­tigt. Daher beschloss die LCR, eine neue „brei­te“ eige­ne Par­tei zu grün­den, und rief zu einer neu­en Par­tei mit einem anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­gramm auf. Wie Vir­gi­nia de la Sie­ga (damals Mit­glied einer Min­der­heits­ten­denz inner­halb der LCR) erklärt: „Der Auf­ruf wur­de im Wesent­li­chen von mobi­li­sier­ten Sek­to­ren der Mit­tel­klas­se und der Arbeiter:innenklasse gehört, die gegen den Neo­li­be­ra­lis­mus und sei­ne Fol­gen rebel­lier­ten. Für die­je­ni­gen von uns, die an eine Revo­lu­ti­on glaub­ten (und wei­ter­hin glau­ben), wür­de die gro­ße Her­aus­for­de­rung der NPA dar­in bestehen, das Bewusst­sein die­ser Sek­to­ren zu schär­fen, um sie anti­ka­pi­ta­lis­tisch und revo­lu­tio­när zu machen. Dafür zähl­ten wir auf die Kon­ti­nui­tät der Kämp­fe und unser Ver­ständ­nis der Grund­prin­zi­pi­en.“ Sie buch­sta­bier­ten ein pro-sozia­lis­ti­sches Pro­gramm und lehn­ten die Idee ab, dass es einen „guten pro­duk­ti­ven Kapi­ta­lis­mus“ geben kann, ein­schließ­lich des so genann­ten „grü­nen Kapi­ta­lis­mus“.

Sie erklär­te, als die LCR 2008 den Pro­zess der Grün­dung der NPA ein­lei­te­te, habe es einen gewal­ti­gen Pro­zess und eine kla­re inter­na­tio­na­lis­ti­sche Aus­rich­tung gege­ben:

Vie­le blick­ten begeis­tert auf die­se Par­tei, die von unten auf­ge­baut wer­den soll­te und in der revo­lu­tio­nä­re Marxist:innen mit Tau­sen­den von Arbeiter:innen, Student:innen, Haus­frau­en, Men­schen zusam­men­kom­men konn­ten, die noch nicht revo­lu­tio­när waren, die aber ver­such­ten, die Welt, in der sie leb­ten, zu ver­än­dern.

Nach einer natio­na­len Kam­pa­gne, die eini­ge Mona­te dau­er­te, fand am 6. Febru­ar 2009 der Grün­dungs­kon­gress statt. Es gab 630 Dele­gier­te, die von den 9.123 Mit­glie­dern gewählt wur­den, wel­che in 465 Komi­tees in ganz Frank­reich orga­ni­siert waren. Um den in den Grün­dungs­prin­zi­pi­en pro­kla­mier­ten inter­na­tio­na­lis­ti­schen Cha­rak­ter zu bekräf­ti­gen, waren 100 Dele­ga­tio­nen von Par­tei­en und inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen anwe­send. Die Bera­tun­gen wur­den von einem Mit­glied der UGTG (Uni­on géné­ra­le des tra­vail­leurs de Gua­de­lou­pe) eröff­net. Gua­de­lou­pe, eine der letz­ten fran­zö­si­schen Kolo­nien, war fünf Wochen lang durch einen Gene­ral­streik gelähmt. Die Sit­zung vom 7. Febru­ar begann mit den Inter­ven­tio­nen eines Ver­tre­ters der Volks­front zur Befrei­ung Paläs­ti­nas und eines israe­li­schen anti­zio­nis­ti­schen Kämp­fers.

Die Trotzkist:innen waren von Anfang an dabei. Unse­re Genoss:innen der CCR sahen die Grün­dung der NPA als einen der Wege zu einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei, als einen Weg, Kräf­te neu zu grup­pie­ren, die in eine revo­lu­tio­nä­re Rich­tung bewegt wer­den konn­ten, ohne das Gepäck derer zu tra­gen, die ent­schie­den zen­tris­tisch waren. Ja, die LCR-Füh­rung brach­te die­ses Gepäck mit, aber die Reak­ti­on auf den Auf­ruf der LCR war der wich­ti­ge­re Teil des Kal­küls. Arbeiter:innen, die kei­ner poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on ange­hör­ten, began­nen sich anzu­schlie­ßen. Neu radi­ka­li­sier­te Jugend­li­che von den Uni­ver­si­tä­ten und Migrant:innen aus den Vor­or­ten began­nen, zur NPA zu strö­men. Men­schen aus der Arbeiter:innenklasse, die sich selbst nie als „revo­lu­tio­när“ bezeich­nen wür­den, waren bestrebt, eine sol­che Par­tei zu haben. Hier bot sich die Gele­gen­heit, revo­lu­tio­nä­re Prin­zi­pi­en zu ver­tei­di­gen und mög­li­cher­wei­se eine revo­lu­tio­nä­re Füh­rung auf­zu­bau­en, um sich auf den nächs­ten Auf­stand in Frank­reich vor­zu­be­rei­ten.

Die Krise der NPA heute

Die NPA ent­wi­ckel­te sich zu einem Anzie­hungs­pol für die Men­schen in Frank­reich, ins­be­son­de­re für Jugend­li­che und jun­ge Arbeiter:innen, die genau in dem Moment für revo­lu­tio­nä­re Poli­tik gewon­nen wur­den, als sie sich in einem ech­ten Klas­sen­kampf befan­den. Genau aus die­sem Grund beschlos­sen die Trotzkist:innen der CCR, der NPA bei­zu­tre­ten. Aber ein Jahr­zehnt spä­ter hat die NPA nicht mehr als 2.000 akti­ve Mit­glie­der – weit­ge­hend das Ergeb­nis des Manö­vrie­rens der ehe­ma­li­gen LCR-Führer:innen und ihrer Bemü­hun­gen, eine „rela­ti­ve Mehr­heit“ zu hal­ten, da sich die Par­tei­ba­sis wei­ter nach links beweg­te und in jeder der oben beschrie­be­nen Kampf­pha­sen neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Kräf­te ange­zo­gen wur­den. Die Kluft zwi­schen dem Refor­mis­mus der bestehen­den Füh­rung und der Rich­tung die­ser Basis wur­de unhalt­bar.

Die zen­tris­ti­sche Füh­rung der NPA hat den größ­ten Teil eines Jahr­zehnts damit ver­bracht, der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie ent­ge­gen­zu­kom­men und Hin­der­nis­se für die Ein­heit der ver­schie­de­nen Kräf­te der Arbeiter:innenklasse zu errich­ten, die die fran­zö­si­sche Gesell­schaft erschüt­tert haben, wäh­rend sie gleich­zei­tig ihre Posi­ti­on mit revo­lu­tio­nä­rer Rhe­to­rik ver­schlei­er­te. Es ist ihr nicht gelun­gen, die sich radi­ka­li­sie­ren­den Mas­sen auf den Weg zu einer revo­lu­tio­nä­re­ren Per­spek­ti­ve zu füh­ren. Und jetzt, wo sogar der Anschein ihrer Mehr­heit auf dem nächs­ten Par­tei­tag ver­lo­ren zu gehen droht, unter­neh­men die Zentrist:innen einen neu­en Ver­such, die Par­tei durch eine Spal­tung zu zer­stö­ren, bevor sie das Ver­spre­chen, das die Genos­sen der CCR bei ihrer Grün­dung gese­hen hat­ten, tat­säch­lich ein­lö­sen kann.4

Danie­la Cobet, eine Genos­sin der CCR, erklär­te auf einer kürz­lich abge­hal­te­nen Sit­zung der „Som­mer­schu­le“ der NPA, was im Vor­feld des nächs­ten Par­tei­tags der NPA gera­de vor sich geht, und erläu­ter­te die Per­spek­ti­ve der Trotzkist:innen inner­halb der NPA – die dar­in besteht, die NPA als expli­zit revo­lu­tio­nä­re Par­tei neu zu bele­ben:

Was wären die Zie­le des nächs­ten Kon­gres­ses? Für uns wäre es falsch, die Dis­kus­sio­nen des Kon­gres­ses von den Dis­kus­sio­nen über die neue Situa­ti­on, die sich eröff­net hat, zu tren­nen. Die­ser Kon­gress wird nicht in irgend­ei­ner Situa­ti­on statt­fin­den, son­dern in einer Situa­ti­on, die von einer Wirt­schafts­kri­se tief erschüt­tert wur­de, die zu einer sozia­len Kata­stro­phe füh­ren wird, wie es sie wahr­schein­lich seit den 1930er Jah­ren nicht mehr gege­ben hat. Sie fin­det vor allem in Frank­reich […] auf einem Ter­rain statt, das seit 2016 eine Anhäu­fung von Kämp­fen ist und in dem die Mas­sen­be­we­gung der Arbeiter:innen eine Rei­he von Expe­ri­men­ten unter­nom­men hat, die gro­ße sozia­le Explo­sio­nen oder zumin­dest die Mög­lich­keit sol­cher Explo­sio­nen in der nächs­ten Peri­ode erwar­ten las­sen. […]

Viel­leicht waren wir uns in der Ver­gan­gen­heit nicht über Ele­men­te der Ori­en­tie­rung einig, aber heu­te geht es dar­um, dar­über nach­zu­den­ken, wie wir die poli­ti­sche Situa­ti­on cha­rak­te­ri­sie­ren […] und wel­che Auf­ga­ben sich dar­aus für die Revolutionär:innen erge­ben. Nur dann wer­den wir in der Lage sein, die Kon­tu­ren der Par­tei zu defi­nie­ren, die die Revolutionär:innen brau­chen. Anstatt das zu tun, ist heu­te die Spal­tung der NPA, der Rück­schritt zu einer klei­nen Orga­ni­sa­ti­on von ein paar hun­dert Kämpfer:innen, weni­ger eta­bliert, weni­ger jung, kei­ne Lösung, um vor­wärts gehen zu kön­nen.

Cobet bezog sich auf eine Cha­rak­te­ri­sie­rung der NPA durch Oli­vi­er Besan­cenot, den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten der LCR von 2007 und jetzt der wich­tigs­te öffent­li­che Spre­cher der NPA, der sie als „nur ein Werk­zeug“ beschrie­ben hat­te, und füg­te hin­zu: „Die Par­tei ist in der Tat nur ein Werk­zeug, aber sie ist ein sehr wich­ti­ges Werk­zeug, ohne das die Revo­lu­ti­on oft unmög­lich ist oder in jedem Fall zu Nie­der­la­gen führt, die für unse­re Klas­se sehr kost­spie­lig sind. Unter die­sem Gesichts­punkt wäre es sehr scha­de, das unvoll­kom­me­ne Werk­zeug der NPA zu zer­stö­ren, ohne sicher zu sein, dass wir ein bes­se­res, schär­fe­res, effi­zi­en­te­res Werk­zeug haben wer­den, um in den Klas­sen­kampf ein­zu­grei­fen.“

Einige Lehren für die Vereinigten Staaten

Die Erfah­rung der NPA bie­tet eini­ge wert­vol­le Leh­ren für die viel­fäl­ti­gen Wege zum Auf­bau revo­lu­tio­nä­rer Par­tei­en und zur Lösung der „his­to­ri­schen Kri­se“, die Trotz­ki 1938 dar­leg­te. Die Kräf­te, die für revo­lu­tio­nä­re Poli­tik gewon­nen wer­den kön­nen, ent­wi­ckeln sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se. Es ist wenn über­haupt sel­ten ein linea­rer Pro­zess, an dem sich die­je­ni­gen, die sich bereits zur Revo­lu­ti­on ver­pflich­tet haben, ein­fach ori­en­tie­ren kön­nen.

Daher haben wir in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zwei auf­schluss­rei­che Bei­spie­le. Das eine ist die Sozia­lis­ti­sche Par­tei (SP) in den spä­ten 1930er Jah­ren und wie ame­ri­ka­ni­sche Trotzkist:innen sich inner­halb die­ser refor­mis­ti­schen Par­tei an einem radi­ka­li­sie­ren­den lin­ken Flü­gel ori­en­tier­ten, der haupt­säch­lich aus Jugend­li­chen bestand, aber auch eine bedeu­ten­de Grup­pe von Gewerkschafter:innen reprä­sen­tier­te. Die Trotzkist:innen tra­ten der Sozia­lis­ti­schen Par­tei mas­sen­haft bei, um mit die­ser wach­sen­den Grup­pe inner­halb die­ser Par­tei in Kon­takt zu tre­ten. Den Trotzkist:innen gelang es, Hun­der­te und Aber­hun­der­te für die revo­lu­tio­nä­re Poli­tik zu gewin­nen und sie aus der refor­mis­ti­schen SP her­aus­zu­ho­len, damit sie zur Grün­dung der US-ame­ri­ka­ni­schen Sek­ti­on der Vier­ten Inter­na­tio­na­le bei­tru­gen.

Das ande­re Bei­spiel sind die Demo­cra­tic Socia­list of Ame­ri­ca (DSA) in der jüngs­ten Peri­ode, deren Mit­glie­der­zahl in den letz­ten Jah­ren enorm gestie­gen ist, da immer mehr Men­schen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten – ins­be­son­de­re jun­ge US-Amerikaner:innen – offen sozia­lis­ti­sche Ideen anneh­men. Natür­lich sind die bei­den Bei­spie­le bei wei­tem nicht iden­tisch. Die SP war eine klas­si­sche Par­tei der Sozi­al­de­mo­kra­tie; die DSA ist es nicht. Und auch die DSA und die NPA haben gro­ße Unter­schie­de. Zum Bei­spiel hat die NPA nie einen Kan­di­da­ten wie Ber­nie San­ders unter­stützt, der von der DSA in der letz­ten Vor­wahl­sai­son der Demo­kra­ti­schen Par­tei für die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur unter­stützt wur­de, der sich zu nichts ande­rem ver­pflich­tet hat, als den Kapi­ta­lis­mus zu refor­mie­ren und der gene­rell alle Pro­jek­te des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus außer­halb der US-Gren­zen unter­stützt hat.

Eine Rei­he von Genoss:innen von Left Voice wur­den DSA-Mit­glie­der, um sich mit radi­ka­li­sie­ren­den jun­gen Men­schen aus­ein­an­der­zu­set­zen, wie es die Trotzkist:innen Ende der 1930er Jah­re getan hat­ten, um mit ihnen Erfah­run­gen zu machen und sie für revo­lu­tio­nä­re Poli­tik zu gewin­nen.

An die­ser Stel­le enden die Ähn­lich­kei­ten mit der NPA. Wie Cobet bezüg­lich der Mit­glied­schaft der CCR in der NPA erklär­te:

Unser Inter­es­se, was die Genoss:innen von Révo­lu­ti­on Per­ma­nen­te betrifft, ist es nicht, ein ‚Bus­war­te­häus­chen‘ zu haben, wo wir unse­re Frak­ti­on wei­ter auf­bau­en kön­nen. […] Im Gegen­teil, wir schla­gen seit einem Jahr das Pro­jekt vor, die NPA in eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei umzu­wan­deln, die ver­schie­de­ne Tra­di­tio­nen der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung zusam­men­führt, die aber auch die bes­ten Ele­men­te der Avant­gar­de, die in den Kämp­fen seit 2016 ent­stan­den ist, in ihren Schoß auf­neh­men kann.

Und durch die­se Betei­li­gung haben die Genoss:innen des CCR zu jedem Zeit­punkt danach gestrebt, die „bes­ten Bau­meis­ter“ der NPA zu sein, ins­be­son­de­re indem sie dabei hal­fen, eine star­ke, kämp­fe­ri­sche Koali­ti­on zu schmie­den, die sowohl gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­te als auch pre­kä­re Arbeiter:innen, eben­so wie die Gewerk­schafts­be­we­gung und die anti­ras­sis­ti­schen Bewe­gung zusam­men­bringt. Ins­be­son­de­re sind es die Trotzkist:innen der CCR, die gegen die LCR-Füh­rung der NPA kämpf­ten, als sie, anstatt an der Bil­dung einer ech­ten Ein­heits­front mit den Gel­ben Wes­ten zu arbei­ten, um den fran­zö­si­schen kapi­ta­lis­ti­schen Staat direkt mit gemein­sa­men For­de­run­gen zu kon­fron­tie­ren, die Bewe­gung statt­des­sen als „klein­bür­ger­lich“ und „rechts“ abta­ten.

Dies sind alles Ele­men­te der wirk­lich revo­lu­tio­nä­ren Per­spek­ti­ve, die die Trotzkist:innen in die NPA ein­brin­gen. So sieht es aus, wenn man für ein Par­tei­pro­gramm kämpft, das auf Klas­sen­un­ab­hän­gig­keit von den Kapitalist:innen basiert.

Wie in Frank­reich stellt sich auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Fra­ge nach einer revo­lu­tio­nä­ren Füh­rung – und einer unab­hän­gi­gen sozia­lis­ti­schen Par­tei der Arbeiter:innenklasse – als ent­schei­dend her­aus. Mona­te­lan­ge Kämp­fe um die Pan­de­mie, die Angrif­fe auf essen­ti­el­le Arbeiter:innen, Poli­zei­m­or­de und die kom­men­de wirt­schaft­li­che Kata­stro­phe, für die die herr­schen­de Klas­se ver­su­chen wird, die Arbeiter:innen bezah­len zu las­sen – all dies wirft die Fra­ge auf, wie man etwas mehr als eine reagie­ren­de Gegen­wehr auf­bau­en kann. Wie ver­wan­deln wir die ent­ste­hen­de Avant­gar­de und die brei­te­ren Kräf­te, die sich nach links bewe­gen, in eine Orga­ni­sa­ti­on, die Mas­sen­ein­fluss hat und zur Lösung der „his­to­ri­schen Kri­se der Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats“ bei­tra­gen kann?

Dies sind bren­nen­de Fra­gen, mit denen Revolutionär:innen heu­te kon­fron­tiert sind. Es ist nicht über­trie­ben zu sagen, dass die Art und Wei­se, wie sie gelöst wer­den, letzt­lich den Unter­schied zwi­schen einer Zukunft des Sozia­lis­mus oder der Bar­ba­rei aus­ma­chen wird.

Fuß­no­ten

1. Leo Trotz­ki, “Sec­ta­ria­nism, Cen­trism and the Fourth Inter­na­tio­nal,” 22. Okto­ber 1935, eige­ne Über­set­zung.

2. Leo Trotz­ki, „Der Zen­tris­mus und die Vier­te Inter­na­tio­na­le“, März 1934.

3. Die Lek­tü­re des voll­stän­di­gen Doku­ments lohnt auf­grund der ein­zig­ar­ti­gen Dar­stel­lung, wie sich Zentrist:innen ein Bein aus­rei­ßen müs­sen, um ihren Refor­mis­mus und ihre Auf­ga­be von Prin­zi­pi­en in pseu­do-revo­lu­tio­nä­re Begrif­fe zu hül­len. Ver­ei­nig­tes Sekre­ta­ri­at der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, „Der Auf­bau der Inter­na­tio­na­le heu­te. Reso­lu­tio­nen des XIV. Welt­kon­gres­ses der IV. Inter­na­tio­na­le, 1995“.

4. Für eine detail­lier­te­re Erklä­rung die­ser bevor­ste­hen­den „Spal­tung“ sie­he Klas­se Gegen Klas­se, „Was geschieht in der Neu­en Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Par­tei in Frank­reich?„, 6. August 2020.

Klas­se Gegen Klas­se