[SAV:] „Aus allen Poren triefend vor Blut und Schmutz“: Wie der britische Kapitalismus auf der Sklaverei beruhte

Tom Cos­tel­lo, Socia­list Alter­na­ti­ve (Schwes­ter­or­ga­ni­sa­ti­on der SAV und Sek­ti­on der ISA in Eng­land, Wales und Schottland)

„Neu­lich schick­te mir jemand einen Leit­ar­ti­kel aus dem »Eco­no­mist«. Es ging um den Skla­ven­han­del und behaup­tet wur­de, »man kann den Skla­ven­han­del nicht abschaf­fen, weil es all die­se unge­bil­de­ten Schwar­zen in Afri­ka gibt, die dort nichts zu tun haben aber auf den Plan­ta­gen Ame­ri­kas benö­tigt wer­den«. Die Lösung des »Eco­no­mist«: Der Skla­ven­han­del müs­se regu­liert wer­den.“

Tony Benn; brit. Sozi­al­de­mo­krat

Infol­ge der sich welt­weit und in rasan­tem Tem­po aus­brei­ten­den neu­en „Black Lives Matter“-Bewegung begin­nen jun­ge Leu­te in Groß­bri­tan­ni­en in nie dage­we­se­nem Aus­maß, sich mit unse­rem his­to­ri­schen Erbe zu beschäf­ti­gen, das vom Impe­ria­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus geprägt ist. Eine mul­ti-eth­nisch zusam­men­ge­setz­te Bewe­gung unter Feder­füh­rung von PoC und ande­ren Min­der­hei­ten ange­hö­ri­ger Men­schen drängt dar­auf, Denk­mä­ler und Sta­tu­en nie­der­zu­rei­ßen, die Per­so­nen wie Edward Cols­ton oder Cecil Rho­des zei­gen. Es geht hier­bei um Kolo­ni­al­her­ren, die die bri­ti­sche Geschich­te durch­zie­hen.

Das ist eine ganz außer­or­dent­li­che Ent­wick­lung. Wenn wir uns näm­lich mit unse­rer Ver­gan­gen­heit befas­sen, dann kön­nen wir auch begrei­fen, wes­halb das Phä­no­men Ras­sis­mus heu­te immer noch exis­tiert. Es geht nicht allein um die Ein­stel­lung ein­zel­ner Rassist*innen son­dern dar­um, die sys­te­misch beding­ten Wur­zeln des Ras­sis­mus zu erken­nen. Fakt ist, dass das Sys­tem der kolo­nia­len Aus­beu­tung und Skla­ve­rei, das die Groß­mäch­te Euro­pas durch­ge­setzt haben, eng ver­knüpft ist mit dem Auf­kom­men des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems. Es kam nicht zur Ein­füh­rung der Skla­ve­rei, weil es zuvor schon einen gegen Dun­kel­häu­ti­ge gerich­te­ten Ras­sis­mus gege­ben hät­te. Das genaue Gegen­teil war der Fall: Über Jahr­hun­der­te hin­weg hat die kapi­ta­lis­ti­sche Klas­se Bri­tan­ni­ens ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen ganz bewusst beför­dert und geschürt, um das eige­ne Han­deln zu legi­ti­mie­ren.

Die Geburtsstunde des Kapitals

Bevor der bri­ti­sche Kapi­ta­lis­mus sei­ne spä­te­re Rol­le im welt­wei­ten Skla­ven­han­del ein­neh­men konn­te, war es im 17. Jahr­hun­dert in Eng­land zu dras­ti­schen Ver­än­de­run­gen gekom­men. Dass der Kapi­ta­lis­mus zuneh­mend in der Land­wirt­schaft Ein­zug gehal­ten hat, führ­te zur Ver­drän­gung der Land­be­völ­ke­rung, die bis dato ihre Äcker selbst bewirt­schaf­tet hat­te. Da im Par­la­ment aber „Enclo­sure Acts“ beschlos­sen wur­den (die auf die Pri­va­ti­sie­rung von bis dato gemein­schaft­lich genutz­tem Boden hin­aus­lie­fen), wur­de die Land­be­völ­ke­rung ihrer Lebens­grund­la­ge beraubt. Zur sel­ben Zeit kam es zu umfas­sen­den Ver­än­de­run­gen hin­sicht­lich der öko­no­mi­schen Struk­tu­ren. Beglei­tet wur­den die­se Ein­frie­dungs-Maß­nah­men der Län­de­rei­en dadurch, dass die unter­schied­li­chen Regie­run­gen die Öko­no­mie ganz bewusst und immer stär­ker markt­wirt­schaft­lich aus­rich­te­ten. Par­al­lel dazu unter­drück­te man auf bru­ta­le Art und Wei­se die Mög­lich­kei­ten und Ver­su­che der Arbeiter*innen sich im Sin­ne ange­mes­se­ner Lebens­be­din­gun­gen kol­lek­tiv zu orga­ni­sie­ren.

Dem bei wei­tem größ­ten Teil der land­lo­sen Bäue­rin­nen und Bau­ern blieb nichts ande­res übrig, als sich in das sich aus­brei­ten­de Netz­werk der Städ­te und neu­en Fabri­ken in Eng­land ein­zu­fü­gen. Die ent­spre­chen­den Stand­or­te wur­den rasch zu Zen­tren der ent­ste­hen­den kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se, die gewillt war, ihren Wohl­stand und ihre Macht aus der Aus­beu­tung der Arbeits­kraft des Pro­le­ta­ri­ats zu zie­hen.

Die­se Trans­for­ma­ti­on des eng­li­schen Wirt­schafts­sys­tems schuf die Grund­la­ge für den glo­ba­len Han­del – wenn auch auf Basis extre­mer Ungleich­heit und Pro­fit­gier. Bald schon sorg­ten die Kapitalist*innen dafür, dass der in sei­ner Ent­ste­hung befind­li­che eng­li­sche Kapi­ta­lis­mus die Kon­trol­le über die Kolo­nien des gesam­ten Kari­bik-Raums bekam.

Auf die­ser Grund­la­ge soll­ten fort­an Roh­stof­fe (vor allem Zucker­rohr und Tabak) geern­tet wer­den, um sie dann in ganz Euro­pa wei­ter­zu­ver­kau­fen. Wer aber soll­te auf dem Land die Arbeit tun? Die Kolo­ni­al­her­ren in der alten Hei­mat begrif­fen, dass sich der Kapi­ta­lis­mus nur wür­de wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen, wenn es zu einer Über­ein­kunft käme, mit der eine rapi­de und bis dato bei­spiel­lo­se Akku­mu­la­ti­on (= Anhäu­fung) von Reich­tum mög­lich gemacht wer­den könn­te. Um dies zu gewähr­leis­ten, begann die Bour­geoi­sie damit, sich auf die „Schuld­knecht­schaft“ zu stüt­zen. Es ging hier­bei um ein Sys­tem, in dem ver­arm­te eng­li­sche und iri­sche Arbeiter*innen ange­heu­ert wur­den, um über einen Zeit­raum von drei bis sie­ben Jah­ren in den Kolo­nien zu arbei­ten.

Auch wenn die­se hell­häu­ti­gen Zwangs­ar­beits­kräf­te übli­cher Wei­se danach in die Frei­heit ent­las­sen wur­den, um sich nach ihrer Ver­trags­lauf­zeit dann ande­re Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se zu suchen, waren die Bedin­gun­gen, unter denen sie dies taten, bru­tal und ernied­ri­gend. Genau wie die Sklav*innen wur­den sie als das Eigen­tum der Plantagenbesitzer*innen betrach­tet. Ihr Wert rich­te­te sich allein nach der Men­ge, die sie durch Schuf­te­rei zu ern­ten im Stan­de waren. Danach erst wink­te die Frei­heit. In vie­len Fäl­len wur­den ihre Ver­trä­ge in Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se umge­wan­delt, die der Skla­ve­rei ähnel­ten. Die Knech­te, die zu flie­hen wag­ten, wur­den – nach­dem man sie wie­der ein­ge­fan­gen hat­te, mit einem Brand­zei­chen mar­kiert. Damit ver­dop­pel­te sich ihre Zeit in der Zwangs­ar­beit. Viel­fach star­ben sie aber vor­her auf­grund der har­ten Bedin­gun­gen, die in der Kari­bik vor­herrsch­ten.

Neben die­sen Zwangs­ar­beits­kräf­ten arbei­te­te eine klei­ne­re Grup­pe von Sklav*innen, die man an der West­küs­te Afri­kas ein­ge­fan­gen hat­te. Die Kolo­ni­al­her­ren leb­ten in stän­di­ger Sor­ge, dass hell­häu­ti­ge Zwangsarbeiter*innen und dun­kel­häu­ti­ge Sklav*innen zuein­an­der fin­den und sich im Kampf gegen ihre Aus­beu­ter ver­ei­nen könn­ten. Bestä­tigt wur­de die­se Angst im Jahr 1676, als es in Vir­gi­nia zur „Bacon’s Rebel­li­on“ kam. Zwangsarbeiter*innen aus Euro­pa und Sklav*innen aus Afri­ka ver­ei­nig­ten sich mit „frei­en“ Arbeiter*innen und for­der­ten die Herr­schaft der Sklavenhalter*innen und Plantagenbesitzer*innen her­aus.

Um der Gefahr einer erneu­ten Ver­ei­ni­gung vor­zu­be­rei­ten, wur­den Geset­ze erlas­sen, mit deren Hil­fe die Men­schen strikt nach eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit getrennt wur­den. Wür­de man die Hell­häu­ti­gen und die Dun­kel­häu­ti­gen von­ein­an­der tren­nen sowie die Bedin­gun­gen der Dun­kel­häu­ti­gen ver­schlech­tern, um die der Hell­häu­ti­gen etwas zu ver­bes­sern, so wäre es mög­lich, den ver­arm­ten hell­häu­ti­gen Unter­drück­ten das Gefühl des Auf­stiegs im Sys­tem zu geben. Auf die­se Wei­se könn­ten sie ein fal­sches Gemein­schafts­ge­fühl mit ihren hell­häu­ti­gen Besitzer*innen ent­wi­ckeln. Dies wür­de wie­der­um dazu füh­ren, dass das Poten­ti­al für gemein­sa­me Kämp­fe der Unter­drück­ten mini­miert wird.

Zu jener Zeit und unter dem Ein­druck der gra­vie­ren­den Eng­li­schen Revo­lu­ti­on der 1640er Jah­re mach­ten in Eng­land Berich­te über die wah­ren Bedin­gun­gen in den Kolo­nien und die Rea­li­tät der hell­häu­ti­gen Zwangsarbeiter*innen die Run­de. Die­se Erzäh­lun­gen über die wah­ren Bedin­gun­gen der Schuld­knech­te führ­ten dazu, dass immer weni­ger Arbeits­kräf­te ange­heu­ert wer­den konn­ten. Vie­len war dann doch ein Leben zu Hau­se in Armut lie­ber als Ernied­ri­gung und Fol­ter in Über­see. Das war der Beginn der sys­te­ma­ti­schen Ein­fuhr von Sklav*innen aus Afri­ka. 1638 gab es in Bar­ba­dos ledig­lich 200 afri­ka­ni­sche Sklav*innen, 1653 waren es dann bereits 20.000.

Im Mut­ter­land selbst muss­te das Sys­tem für eine umfang­rei­che Per­spek­ti­ve auf recht­li­cher, poli­ti­scher wie auch reli­giö­ser Ebe­ne sor­gen. Schließ­lich muss­te man in der Lage sein, die zuneh­men­de Abhän­gig­keit Bri­tan­ni­ens von der Skla­ve­rei zu recht­fer­ti­gen. Bald schon lie­fer­ten die Gerich­te Urtei­le ab, die die „Recht­mä­ßig­keit“ des Skla­ven­han­dels und ‑besit­zes bestä­tig­ten. Auch die Kir­che beeil­te sich, eine theo­lo­gi­sche Grund­la­ge für den Skla­ven­han­del zu „ent­de­cken“. So fand man bei­spiels­wei­se in der katho­li­schen Leh­re, dass Sklav*innen in Gefan­gen­schaft von ihren „urei­ge­nen Sün­den befreit“ wer­den. Dabei fuß­te die theo­re­ti­sche Recht­fer­ti­gung der Skla­ve­rei nir­gends und an kei­ner Stel­le auf mehr als nur pseu­do-wis­sen­schaft­li­chen „Ras­s­e­theo­rien“. Indem man die Belan­ge der Kapitalist*innen zum Aus­druck brach­te, wur­de die Vor­stel­lung ent­wi­ckelt, dass Men­schen afri­ka­ni­scher Abstam­mung einer „min­der­wer­ti­gen Ras­se“ ange­hö­ren wür­den, die dazu bestimmt sei, ein Leben unter­halb der Hell­häu­ti­gen zu füh­ren.

Die trei­ben­de Kraft zur Ent­wick­lung die­ser „Theo­rien“ ist nicht mit der „Natur des Men­schen“ zu begrün­den. Die­se Theo­rien exis­tier­ten, um die nöti­gen Vor­aus­set­zun­gen für die stei­gen­de Abhän­gig­keit des Kapi­ta­lis­mus vom Han­del mit Men­schen zu schaf­fen. Und es war exakt die­ser Zeit­raum, in der etli­che der ras­sis­ti­schen Kate­go­rien („schwarz“ und „weiß“ zum Bei­spiel), die wir heu­te immer noch benut­zen, das Licht der Welt erblick­ten.

Für die Unter­neh­men wur­de die Skla­ve­rei schnell zum Mit­tel der Wahl. An den West­küs­ten Afri­kas wur­den gan­ze Städ­te nie­der­ge­brannt. Bestehen­de Infra­struk­tur und Biblio­the­ken wur­den dem Erd­bo­den gleich­ge­macht. Jede Spur von ent­wi­ckel­ter Zivi­li­sa­ti­on in Afri­ka muss­te aus­ra­diert wer­den, um die Vor­stel­lung von einem Kon­ti­nent von „Wil­den“ zu kon­stru­ie­ren, der unter die Kon­trol­le der „Wei­ßen“ gehört. Aus Sicht der bri­ti­schen herr­schen­den Klas­se mach­te dies abso­lut Sinn: Nur so waren sie in der Lage, die bei­spiel­lo­se Bru­ta­li­tät zu „begrün­den“, die um sich griff. Sklav*innen wur­den mit Waf­fen­ge­walt auf die Schif­fe getrie­ben und über den Atlan­tik ver­schifft. In Ame­ri­ka hat­ten sie dann 18 Stun­den am Tag in brü­ten­der Hit­ze auf den Plan­ta­gen zu arbei­ten. Letzt­end­lich sind 12 Mil­lio­nen Men­schen zur Han­dels­wa­re gemacht wor­den. Die Sklav*innen, die sich wäh­rend der Über­fahrt krank fühl­ten oder aber unge­hor­sam waren, wur­den über Bord gewor­fen. Schät­zungs­wei­se 1,5 Mil­lio­nen von den o.g. 12 Mil­lio­nen ver­lo­ren so schon auf dem Atlan­tik ihr Leben.

Die Pra­xis, Men­schen als Sklav*innen zu hal­ten, war natür­lich nichts Neu­es. In der Geschich­te gab es ganz unter­schied­li­che Klas­sen­ge­sell­schaf­ten, in der die Skla­ve­rei gän­gi­ge Pra­xis war. Dies gilt sicher­lich vor allem für das Alte Grie­chen­land und das Römi­sche Reich. Die­se For­men der Skla­ven­hal­te­rei waren jedoch in zwei­fa­cher Hin­sicht anders gela­gert: In den Skla­ven­hal­ter-Gesell­schaf­ten der Anti­ke wur­den Men­schen nicht auf­grund ihrer Her­kunft, eth­ni­schen Abstam­mung oder „Ras­se“ ver­sklavt. Men­schen jeg­li­cher Abstam­mung und eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit konn­ten sich am Ende in Ket­ten wie­der­fin­den. Zwei­tens grün­de­ten die­se Gesell­schaf­ten zwar in hohem Maße auf der Skla­ve­rei. Es war aber der Kapi­ta­lis­mus (und hier vor allem der bri­ti­sche), der auf­grund sei­ner wei­te­ren Fort­ent­wick­lung von der Skla­ven­hal­tung erst abhän­gig gewor­den war. Nie­mand ande­res als Karl Marx hob die­sen Punkt an meh­re­ren Stel­len sehr dif­fe­ren­ziert her­vor:

„Ohne Skla­ve­rei kei­ne Baum­wol­le; ohne Baum­wol­le kei­ne moder­ne Indus­trie. Nur die Skla­ve­rei hat den Kolo­nien ihren Wert gege­ben; die Kolo­nien haben den Welt­han­del geschaf­fen; und der Welt­han­del ist die Bedin­gung der Groß­in­dus­trie. So ist die Skla­ve­rei eine öko­no­mi­sche Kate­go­rie von der höchs­ten Wich­tig­keit.“

(Marx, Das Elend der Phi­lo­so­phie, 1847)

„Die Ent­de­ckung der Gold- und Sil­ber­län­der in Ame­ri­ka, die Aus­rot­tung, Ver­skla­vung und Ver­gra­bung der ein­ge­bor­nen Bevöl­ke­rung in die Berg­wer­ke, die begin­nen­de Erobe­rung und Aus­plün­de­rung von Ost­in­di­en, die Ver­wand­lung von Afri­ka in ein Geheg zur Han­dels­jagd auf Schwarz­häu­te, bezeich­nen die Mor­gen­rö­te der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ära.“

(Marx, Das Kapi­tal, MEW 23, 1867, S. 779)

Abolition

Heut­zu­ta­ge wol­len kapi­ta­lis­ti­sche Historiker*innen uns ger­ne glau­ben machen, dass die Skla­ve­rei ein­fach auf­grund der mora­li­schen Ein­stel­lung der eng­li­schen Bour­geoi­sie abge­schafft wor­den ist. Die Wahr­heit liegt hin­ge­gen woan­ders.

Ein ganz wesent­li­cher Fak­tor für den Aus­stieg Bri­tan­ni­ens aus dem Skla­ven­han­del war der schlich­te Umstand, dass die Bour­geoi­sie immer gerin­ge­ren Nut­zen dar­aus zog. Der bri­ti­sche Kapi­ta­lis­mus und der aus der Skla­ve­rei erwirt­schaf­te­te Pro­fit wirk­ten bei der Ent­ste­hung der Indus­trie-Arbei­ter­schaft wie Geburts­hel­fer. Die­se wur­de grö­ßer und grö­ßer und sam­mel­te sich in den Städ­ten, um sich in den dor­ti­gen Fabri­ken zu ver­din­gen. All­zu oft wur­den auch Kin­der ein­ge­stellt, die die­sel­ben Arbeits­stun­den ableis­te­ten wie die Sklav*innen. So began­nen die Kapitalist*innen zu erken­nen, dass Kin­der­ar­beit eine ech­te Alter­na­ti­ve war zur bis­he­ri­gen Pra­xis, Geld für die Ver­schif­fung von Men­schen aus West­afri­ka nach Ame­ri­ka aus­zu­ge­ben. Schließ­lich konn­te man die Arbeits­kräf­te ja auch im eige­nen Land aus­beu­ten – und dabei auf die neu­en hoch­mo­der­nen Tech­no­lo­gien zurück­grei­fen. Unge­ach­tet des­sen hielt die bri­ti­sche herr­schen­de Klas­se an der Skla­ve­rei fest. Der Han­del mit Sklav*inen wur­de zwar ver­bo­ten, die Aus­beu­tung der Sklav*innen hin­ge­gen nicht.

Eini­ge began­nen damit, öko­no­misch begrün­de­te Argu­men­te gegen die Skla­ve­rei vor­zu­brin­gen. So sprach sich Adam Smith, der heu­te als einer der größ­ten Öko­no­men des Kapi­ta­lis­mus betrach­tet wird, in sei­nem Klas­si­ker „Wohl­stand der Natio­nen“ für die Aboli­ti­on, die Abschaf­fung der Skla­ve­rei aus. Sei­ne Begrün­dung lau­te­te, dass die Skla­ve­rei einer wei­te­ren öko­no­mi­schen Ent­wick­lung im Wege ste­hen wür­de. Sklav*innen hät­ten dem­nach kei­nen Anreiz, krea­ti­ve Arbeit zu leis­ten, und die Sklavenhalter*innen sähen kei­nen Ansporn, um die Pro­duk­ti­vi­tät ihrer Län­de­rei­en zu stei­gern.

Ent­schei­dend ist aber, dass die Abschaf­fung der Skla­ve­rei letzt­lich die Fol­ge des Kamp­fes von unten gewe­sen ist. Im Lau­fe des 18. und 19. Jahr­hun­derts stieg die Anzahl und Inten­si­tät von Skla­ven­auf­stän­den an. Ähn­lich ver­hielt es sich mit den Kämp­fen der Arbei­ter­klas­se in Bri­tan­ni­en selbst. Bereits drei Jah­re vor der Ver­ab­schie­dung des 1807 ange­nom­me­nen Geset­zes über den Skla­ven­han­del („Slave Tra­de Act“) hat­ten dun­kel­häu­ti­ge Sklav*innen auf der Insel Saint-Dom­in­gue (heu­ti­ges Hai­ti) inspi­riert von der Gro­ßen Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ihre Her­ren gestürzt und die ers­te freie dun­kel­häu­ti­ge Repu­blik der moder­nen Geschich­te gegrün­det. Am bes­ten beschrie­ben wird dies im Klas­si­ker von C.L.R. James: The Black Jaco­bins.

Der britische Kapitalismus nach dem Ende der Sklaverei

In der Pha­se bis 2015 hat­ten die bri­ti­schen Steuerzahler*innen die Kos­ten für einen 300-Mil­li­ar­den-Pfund-Kre­dit zu tra­gen, den die Regie­rung 1835 auf­ge­nom­men hat­te. Mit die­sem Geld wur­den aller­dings nicht die Sklav*innen ent­schä­digt. Die­ses Geld ging an die Sklavenhalter*innen! Das ist die „ruhm­rei­che“ Aboli­ti­on, für die sich die Politiker*innen der herr­schen­den Klas­se ein­ge­setzt haben.

Und wäh­rend man uns weis­zu­ma­chen ver­sucht, mit dem Gesetz von 1807 sei die Skla­ve­rei abge­schafft wor­den, stellt dich die Rea­li­tät doch etwas kom­pli­zier­ter dar. Auch wenn die Betei­li­gung Bri­tan­ni­ens am Skla­ven­han­del damit been­det war, sind die Sklav*innen mehr als 30 wei­te­re Jah­re unter der Kon­trol­le ihrer Her­ren geblie­ben. Dies geschah nach Umbe­nen­nung des alten Sys­tems, und fort­an war nur noch von der „appren­ti­ce­ship“ (dt.: Lehre/​Ausbildung) die Rede. Auf die­se Wei­se hat­te die Pro­fit­ma­che­rei durch mas­sen­haf­te Ver­skla­vung wei­ter­hin Bestand.

Zahl­rei­che Sozialist*innen wer­den Marx her­an­zie­hen, der in „Das Kapi­tal“ (MEW 23, 1867, S. 779) schrieb, der Kapi­ta­lis­mus käme „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutz­trie­fend“ daher. Das ist kei­ne Über­trei­bung, denn selbst nach der Abschaf­fung des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels blieb die kolo­nia­le Unter­wer­fung das Blut in den Adern des bri­ti­schen und euro­päi­schen Kapi­ta­lis­mus. Die ras­sis­ti­schen Mythen, die heu­te noch bis in die letz­te Ecke der Welt – von Süd­afri­ka über Indi­en und dar­über hin­aus – getra­gen wer­den, gehen alle­samt hier­auf zurück.

Heu­te mögen sich vie­le die Fra­ge stel­len, wie es sein kann, dass die Men­schen geschwie­gen haben als der Skla­ven­han­del in vol­lem Gan­ge war. War­um hat sich nie­mand dage­gen aus gespro­chen? Eine Ant­wort dar­auf liegt auf der Hand: Man hat dies in Form einer star­ken aboli­tio­nis­ti­schen Bewe­gung getan, die Züge von Klas­sen­be­wusst­sein der Arbei­ter­schaft trug. Doch auch wenn die herr­schen­de Klas­se nicht mehr direkt in die Besitz-Skla­ve­rei inves­tier­te, so hielt sie doch ein welt­um­span­nen­des Sys­tem auf­recht, das aus rück­sichts­lo­ser Aus­beu­tung, Armut und ras­sis­ti­scher Unter­drü­ckung bestand. Heu­te wie damals ist der Ras­sis­mus fes­ter Bestand­teil des Sys­tems namens Kapi­ta­lis­mus in den USA, Bri­tan­ni­en und welt­weit.

Über­all kann man den Zusam­men­hang zwi­schen sys­te­ma­ti­schem Ras­sis­mus damals und in sei­ner heu­ti­gen Form erken­nen. Fakt ist, dass die „Tories“ die Par­tei der Skla­ve­rei waren. Ange­fan­gen bei der abscheu­lich ras­sis­ti­schen „Rivers of Blood“-Rede des frü­he­ren Gesund­heits­mi­nis­ters Enoch Powell (1968) bis hin zur Brand­ka­ta­stro­phe im Gren­fell-Hoch­haus (2017) und dem Wind­rush-Abschie­be­skan­dal (2018) – die Wur­zeln des aus­län­der­feind­li­chen Ras­sis­mus der „Tories“ rei­chen defi­ni­tiv zurück bis ins Gesell­schafts­sys­tem der Skla­ve­rei. Damit ist nicht gesagt, dass alle „Tories“ posi­tiv gegen­über Sklavenhalter*innen ein­ge­stellt sind. Doch durch die vom Kapi­ta­lis­mus ange­heiz­te Spal­tung unter den Men­schen sind die gesam­te Geschich­te hin­durch die Vor­stel­lun­gen hono­riert wor­den, nach denen rück­schritt­li­ches Ver­hal­ten gut gehei­ßen wird – ganz gleich, ob ras­sis­tisch, frau­en­feind­lich oder homo­phob.

Der Mar­xis­mus begreift, dass der bes­te Weg, um sich der Unter­drü­ckung zu erweh­ren, dar­in besteht, eine Ein­heits­front der Arbei­ter­klas­se zu bil­den, um die­ses maro­de Sys­tem wie auch die ver­kom­me­nen Ansich­ten, die ihm zugrun­de lie­gen, an der Wur­zel gepackt aus­zu­rei­ßen. Vom ers­ten Tag an bestand die Auf­ga­be des Ras­sis­mus dar­in, die Men­schen der Arbei­ter­klas­se in feind­li­che Lager auf­zu­tei­len. Die den unter­schied­li­chen Eth­ni­en ange­hö­ri­gen Arbeiter*innen soll­ten so dar­an gehin­dert wer­den, ihre gemein­sa­men Inter­es­sen zu erken­nen. Wer das ver­stan­den hat, wird nicht nur die ras­sis­ti­schen Denk­mä­ler umstür­zen son­dern auch das bestehen­de ras­sis­ti­sche Sys­tem. Oder – um es mit Marx Worten zu sagen „Die Arbeit in wei­ßer Haut kann sich nicht dort eman­zi­pie­ren, wo sie in schwar­zer Haut gebrand­markt wird.“ (Marx, Das Kapi­tal, MEW 23, 1867, S. 318) .

Heu­te skan­die­ren die Aktivist*innen von BLM: „Kein Leben ist etwas wert, so lan­ge das Leben Dun­kel­häu­ti­ger wert­los bleibt!“. Das grei­fen wir posi­tiv auf, indem wir den revo­lu­tio­nä­ren Kampf für eine sozia­lis­ti­sche Zukunft noch ver­stär­ken.

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