[re:volt mag:] Virus als Katalysator

Virus als Katalysator

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Am 11. März 2020, als offi­zi­ell die ers­te Coro­na-Infek­ti­on in der Tür­kei regis­triert wur­de, tön­te Staats­prä­si­dent Erdoğan ganz groß: »Kein Virus ist stär­ker als unse­re Vor­keh­run­gen.« Am Tenor ideo­lo­gi­scher Selbst­dar­stel­lung hat sich seit­dem wenig geän­dert: In völ­li­ger Ver­keh­rung der Tat­sa­chen wird die Tür­kei als Welt­spit­ze der Coro­na-Bekämp­fung prä­sen­tiert, wäh­rend der ent­wi­ckel­te Wes­ten den Bach run­ter­ge­he – auto­ri­tä­re Hybris at its best. Die­se Hybris und ihr Ver­spre­chen der Grö­ße haben Staats­prä­si­dent Erdoğan und das unter sei­ner Füh­rung orga­ni­sier­te natio­nal-auto­ri­tä­re Regime auch bit­ter nötig, wo doch die Rea­li­tät ganz anders aus­sieht: eine teils kata­stro­pha­le Pan­de­mie­be­kämp­fung, ein­bre­chen­de Umfra­ge­wer­te für das Regime, eine schwe­re Wirt­schafts­kri­se ins­be­son­de­re für die unte­ren und Mit­tel­klas­sen und eine erstar­ken­de Oppo­si­ti­on vor allem in den (oppo­si­ti­ons­ge­führ­ten) Groß­städ­ten. Das ent­geht natür­lich weder Erdoğan noch sei­nen Ver­bün­de­ten. Des­halb radi­ka­li­sie­ren sie ihre bis­he­ri­gen Haupt­me­cha­nis­men der auto­ri­tä­ren Kon­so­li­die­rung: mili­tä­ri­sche Aus­lands­ein­sät­ze, Inhaf­tie­rung von Oppo­si­tio­nel­len, Repres­si­on gegen Dissident*innen, Geset­ze zur Schwä­chung der Zivil­ge­sell­schaft, Ein­schrän­kung der Hand­lungs­fä­hig­keit oppo­si­tio­nel­ler Bürgermeister*innen, chau­vi­nis­ti­sche und sexis­ti­sche Pro­pa­gan­da und so wei­ter. Dabei ver­schär­fen sich auch die inter­nen Frak­ti­ons­kämp­fe des Regimes. SARS-CoV‑2 ist somit ein Kata­ly­sa­tor gesell­schaft­li­cher Ant­ago­nis­men in der Tür­kei. [1]

Hybris und Realität

Im Prin­zip han­delt die Tür­kei in der Bekämp­fung des Virus nach den­sel­ben Hand­lungs­ma­xi­men wie alle ent­wi­ckel­ten kapi­ta­lis­ti­schen Län­der des Wes­tens: Das Regime ver­sucht eine Stra­te­gie umzu­set­zen, die abwägt zwi­schen kurz­fris­ti­gen Sta­bi­li­täts- und Wirt­schafts­in­ter­es­sen und lang­fris­ti­gen Inter­es­sen kapi­ta­lis­ti­scher Akku­mu­la­ti­on. Ster­ben zu schnell zu vie­le Men­schen, kann es zur Desta­bi­li­sie­rung kom­men; wer­den zu vie­le beschrän­ken­de Maß­nah­men ver­hängt, fal­len die Pro­fi­te zu stark. Eine kon­se­quen­te Ein­däm­mungs­po­li­tik des Virus wird des­halb, wie auch in Deutsch­land, expli­zit nicht ver­folgt. Der Prä­si­den­ten­spre­cher Ibra­him Kalın brach­te das sehr direkt auf den Punkt, als er fest­hielt: »Die wirt­schaft­li­chen Kos­ten einer all­ge­mei­nen Aus­gangs­sper­re wären hoch.« Auch dem Gesund­heits­mi­nis­ter Fah­ret­tin Koca war klar, dass die Ein­däm­mungs­per­spek­ti­ve durch­aus mög­lich ist; er wisch­te sie aller­dings all­zu­mensch­lich bei­sei­te: »Um die­ses Pro­blem voll­stän­dig zu lösen, müss­te man eine voll­stän­di­ge Iso­la­ti­on imple­men­tie­ren. Aber kein Land der Welt will das. Auch die Tür­kei will das nicht. Aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den wird nir­gends auf der Welt und auch in der Tür­kei nicht auf voll­stän­di­ge Iso­la­ti­on gesetzt.«

Im Unter­schied aller­dings zu Län­dern wie der BRD ver­fügt die kri­sen­ge­beu­tel­te Tür­kei nicht über genug Res­sour­cen und vor allem das poli­ti­sche Regime nicht über genug Sta­bi­li­tät, um eine Kon­trol­le der Epi­de­mie im Rah­men jener Hand­lungs­ma­xi­men effek­tiv zu betrei­ben. Zwar wur­den nach und nach alle grö­ße­ren Geschäf­te und gas­tro­no­mi­schen Läden geschlos­sen, es gab aber im Prin­zip nie effek­ti­ve Kon­takt­be­schrän­kungs­maß­nah­men, und die meis­ten Maß­nah­men wur­den nur sehr zöger­lich und dann für ver­gleichs­wei­se kur­ze Zeit ein­ge­führt. Wie die tür­ki­sche Ärz­te­kam­mer (TTB) ganz rich­tig fest­hält, wälz­te der Staat die gesam­te Ver­ant­wor­tung auf die ein­zel­nen Bürger*innen ab und sorg­te selbst für die Ver­brei­tung einer Aura der Sorg­lo­sig­keit mit­tels einer soge­nann­ten »Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät« ab dem 1. Juni, inklu­si­ve pro­pa­gan­dis­ti­scher Groß­ver­an­stal­tun­gen wie die Ein­wei­hung der Hagia Sophia mit Hun­dert­tau­sen­den Betei­lig­ten. Auf dem bis­he­ri­gen Höhe­punkt der Virus­ver­brei­tung wur­den zwar wie­der­holt kom­plet­te Aus­gangs­sper­ren in meh­re­ren Groß­städ­ten ver­hängt. Dies aber bewusst nur an Wochen­en­den oder Fei­er­ta­gen, also an Tagen, an denen Arbeiter*innen sowie­so am ehes­ten frei haben und des­halb am wenigs­ten Pro­fi­te zu ent­fal­len dro­hen.

Das halb­her­zi­ge Vor­ge­hen in der Pan­de­mie­be­kämp­fung schlägt sich auch nur bedingt in ver­läss­li­chen Zah­len nie­der. Mit Stand vom 22. Sep­tem­ber 2020 sind offi­zi­ell 302.867 Men­schen mit SARS-CoV‑2 infi­ziert gewe­sen und 7.506 Per­so­nen dar­an ver­stor­ben. Aber noch Mona­te nach der ers­ten offi­zi­el­len Coro­na-Infek­ti­on gab es kaum eine genaue Auf­tei­lung der Infi­zier­ten und Toten nach Regio­nen, Alter und Vor­er­kran­kun­gen, so dass sich die Ärz­te­kam­mer über län­ge­ren Zeit­raum nicht in der Lage sah, eine ange­mes­se­ne epi­de­mio­lo­gi­sche Ana­ly­se vor­zu­neh­men. Erst am 1. Juli, also 112 Tage nach dem ers­ten regis­trier­ten Infek­ti­ons­fall, fing das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um an, regel­mä­ßi­ge Berich­te und Daten zu ver­öf­fent­li­chen. Aber bis zum heu­ti­gen Tage beschwert sich die Ärz­te­kam­mer über intrans­pa­ren­te und unzu­läng­li­che Daten. Irre­gu­la­ri­tä­ten in den zur Ver­fü­gung gestell­ten Daten sowie pro­hi­bi­ti­ve Inter­ven­tio­nen des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums in die For­schung wur­den in einem offe­nen Brief vom 15. August in der inter­na­tio­na­len Fach­zeit­schrift The Lan­cet von prak­ti­zie­ren­den Ärz­ten gebrand­markt und vom Gesund­heits­mi­nis­ter natür­lich sofort in der­sel­ben Zeit­schrift demen­tiert. Ärz­te­kam­mer wie Gewerk­schaf­ten des Gesund­heits­sek­tors wei­sen seit gerau­mer Zeit dar­auf hin, dass die ech­ten Infek­ti­ons­fäl­le weit über den offi­zi­el­len Zah­len lie­gen und dass sie Todes­fäl­le regis­trie­ren, die COVID-19 zuzu­ord­nen sind, aber anders klas­si­fi­ziert wer­den, um die Sta­tis­tik zu beschö­ni­gen. Der Istan­bu­ler Bür­ger­meis­ter Ima­moğlu mein­te kürz­lich, dass laut den ihm vor­lie­gen­den Zah­len allein Istan­bul so vie­le Neu­in­fek­tio­nen am Tag regis­triert wie das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um für die gan­ze Tür­kei angibt (also grob über 1500); ähn­li­ches mein­te der Bür­ger­meis­ter von Anka­ra, Man­sur Yavaş. Aus vie­len Städ­ten wur­de zumin­dest zeit­wei­se dar­über berich­tet, dass die Inten­siv­sta­tio­nen in Kran­ken­häu­sern über­füllt waren, was sogar der Gesund­heits­mi­nis­ter nach­träg­lich zuge­ben muss­te. Eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung der Groß­städ­te – etwa 70 Pro­zent – glaubt laut einer Umfra­ge den Zah­len des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums nicht. Aber auch schon die offi­zi­el­len Zah­len zei­gen, dass die Tür­kei in eine Pha­se der Locke­run­gen ein­trat, als die ers­te Wel­le noch gar nicht abge­klun­gen war, wes­halb Expert*innen wie die Tür­ki­sche Tho­rax-Ver­ei­ni­gung schon längst vor dem Gesund­heits­mi­nis­ter von einem »zwei­ten Peak der ers­ten Wel­le« spra­chen. Unter den Umstän­den einer intrans­pa­ren­ten und rela­ti­vie­ren­den Vor­ge­hens­wei­se der Regie­rung, über­rann­ter Kran­ken­häu­ser, stei­gen­der Infek­ti­ons- und Todes­fäl­le unter Kran­ken­haus­be­schäf­tig­ten und feh­len­den Schutz­maß­nah­men haben mitt­ler­wei­le Hun­der­te Gesund­heits­ar­bei­ten­de ihre Kün­di­gung ein­ge­reicht.

Als Fol­ge der unent­schlos­se­nen Pan­de­mie­be­kämp­fung erreich­te die effek­ti­ve Repro­duk­ti­ons­zahl [2] in Istan­bul kurz­zei­tig (Anfang April) den sagen­haf­ten Wert von 16 und tür­kei­weit (Ende März) den Wert von neun, was im welt­wei­ten Ver­gleich sehr hoch ist. Laut Ärz­te­kam­mer schnei­det die Tür­kei im Ver­gleich zu ähn­lich situ­ier­ten Län­dern auch in ande­ren Hin­sich­ten (Tote pro 1000 Einwohner*innen, Neu­in­fek­tio­nen gerech­net auf Tage nach dem ers­ten Infek­ti­ons­fall, usw.) eher schlech­ter ab. Dabei zei­gen ers­te vor­läu­fi­ge Stu­di­en, dass mit 0,81 Pro­zent Sero­prä­va­lenz von Coro­na­vi­rus-Anti­kör­pern in der Bevöl­ke­rung auch die Tür­kei weit ent­fernt ist von einer Her­denim­mu­ni­tät, für die ja grob 60 Pro­zent not­wen­dig wären (Stand: Ende Juni).

Dabei trifft SARS-CoV‑2 wie in den meis­ten Län­dern so auch in der Tür­kei die Schwächs­ten: Von den Fabri­ken über die Tex­til­bran­che und den Dienst­leis­tungs­sek­tor bis hin zum Bau­sek­tor hat­ten vie­le oft infor­mell beschäf­tig­te Arbeiter*innen, die nicht zum Manage­ment gehö­ren, kei­ne ande­re Wahl, als auch in Hoch­zei­ten der ers­ten Wel­le zu arbei­ten, oft ohne aus­rei­chen­de Schutz­be­stim­mun­gen, gefan­gen zwi­schen der Skyl­la der Infek­ti­on und der Cha­ryb­dis des Hun­gers. [3] Beson­ders nega­tiv betrof­fen sind Frau­en, inso­fern sie viel häu­fi­ger als Män­ner ihre Jobs ver­lo­ren und zudem den Groß­teil der zusätz­lich anfal­len­den Repro­duk­ti­ons­ar­bei­ten im Haus­halt über­nah­men, wie eine UN-Stu­die fest­hält. Auch in der Tür­kei bra­chen grö­ße­re Infek­ti­ons­ge­sche­hen an Pro­duk­ti­ons­stand­or­ten aus, so bei Super­Fresh (Lebens­mit­tel) und Ülker (Gebäck) in Bur­sa, Eti Gıda (Gebäck) in Eskişe­hir oder Gedik Piliç (Geflü­gel­fa­brik) in Uşak und BMC (Auto­mo­bil) in Izmir. In einer der größ­ten Fabri­ken des Lan­des, Dar­da­nel (Dosen­fisch) bei Çan­ak­ka­le, wand­ten Mana­ger ein soge­nann­tes »geschlos­se­nes Arbeits­sys­tem« an, um die Pro­duk­ti­on trotz eines gro­ßen Infek­ti­ons­ge­sche­hens fort­zu­set­zen. »Geschlos­se­nes Arbeits­sys­tem« hieß in die­sem Fall, dass die Infi­zier­ten nur mehr mit­ein­an­der auf Schicht arbei­ten und auf dem Betriebs­ge­län­de iso­liert von Kon­takt nach außen leben soll­ten – um nie­man­den sonst mehr anzu­ste­cken! Bei Ves­tel (Haus­halts­ge­rä­te), einer ande­ren gro­ßen Fabrik mit Tau­sen­den Arbeiter*innen, igno­rier­ten Manager*innen nicht nur Sicher­heits­be­stim­mun­gen und ver­such­ten ein gro­ßes Infek­ti­ons­ge­sche­hen zu ver­de­cken, son­dern sie expo­nier­ten die Arbeiter*innen wil­lent­lich und wis­sent­lich einem gro­ßen Infek­ti­ons­ri­si­ko. In Yus­ufe­li bei Art­vin hin­ge­gen wur­den Arbeiter*innen eines Stau­damms de fac­to vom Gou­ver­neur dazu gezwun­gen wei­ter auf der Bau­stel­le zu ver­blei­ben und zu arbei­ten trotz eines lau­fen­den Infek­ti­ons­ge­sche­hens. Außer BMC bei Izmir wur­den aber bis­her kei­ne der betrof­fe­nen Fabri­ken geschlos­sen. Bei einer sol­chen Sorg­lo­sig­keit ist es kein Wun­der, dass in Istan­bul – dem »Wuhan der Tür­kei« laut dem Gesund­heits­mi­nis­ter – die ärms­ten Vier­tel wie Bağcılar, Esen­ler und Bay­ram­paşa am hef­tigs­ten von der Epi­de­mie betrof­fen sind.

Um die tat­säch­li­chen Aus­ma­ße der Pan­de­mie ein­zu­schät­zen, könn­te man nun einen Blick auf die Exzess­mor­ta­li­tät (eine im Ver­hält­nis zu einem Ver­gleichs­zeit­raum fest­stell­ba­re erhöh­te Sterb­lich­keit) wer­fen, wie dies in Euro­pa üblich ist. Das ist aller­dings für die Tür­kei wegen der man­gel­haf­ten Daten­la­ge schwie­rig. Die New York Times und der Eco­no­mist haben welt­weit die Übersterb­lich­keit unter­sucht. Der Eco­no­mist kommt dabei zum Ergeb­nis, dass sich die Exzess­mor­ta­li­tät in Istan­bul auf der Höhe des ers­ten Peaks zwi­schen März und Mai auf grob 50 Pro­zent belief, wäh­rend die Anzahl der Exzess-Toten fast dop­pelt so groß war wie die offi­zi­ell fest­ge­stell­ten COVID-19-Toten. Die New York Times hin­ge­gen schätzt die Exzess­mor­ta­li­tät in Istan­bul im Ver­gleich zu 2017–19 auf grob 20 Pro­zent, aller­dings für den Zeit­raum von März bis Ende Juni. Da es aber kei­ne genau­en Zah­len zu allen Todes­fäl­len geschwei­ge denn zu COVID-19-Toten in Istan­bul gibt, ist dies nur eine gro­be Schät­zung und zudem nicht auf das gan­ze Land über­trag­bar. Prof. Ste­ve Hanke von der Johns Hop­kins Uni­ver­si­tät ord­ne­te die Tür­kei wegen all die­ser Unge­nau­ig­kei­ten und Intrans­pa­renz den­je­ni­gen Län­dern zu, deren Zah­len zu COVID-19 sehr unzu­ver­läs­sig sei­en.

Der Einbruch

Wie über­all sonst auf der Welt, führ­te die Coro­na-Kri­se auch in der Tür­kei trotz Beschö­ni­gungs­ver­su­chen des Regimes zu einem mas­si­ven Wirt­schafts­ein­bruch, der die unte­ren und mitt­le­ren Klas­sen ungleich här­ter trifft. Dabei traf aber die Coro­na indu­zier­te Kri­se auf eine sowie­so schon ange­schla­ge­ne Wirt­schaft, was zu einem Wäh­rungs­schock wie im Som­mer 2018 führ­te und das Poten­zi­al für eine aus­ge­wach­se­ne Wirt­schafts­kri­se hat. Die Indus­trie­pro­duk­ti­on brach zwi­schen Febru­ar und Mai durch­ge­hend ein und wuchs erst im Juni wie­der; die Net­to­ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen gin­gen, wie durch­ge­hend seit Mit­te 2018, zurück so wie auch das gesam­te Wirt­schafts­wachs­tum im zwei­ten Quar­tal 2020 um 9,9% gegen­über dem Vor­jah­res­quar­tal zurück­ging. Beson­ders stark waren Expor­te und Tou­ris­mus, die Haupt­de­vi­sen­ein­nah­men­quel­len der tür­ki­schen Wirt­schaft, betrof­fen: Wäh­rend Expor­te um grob 35 Pro­zent im zwei­ten Quar­tal gegen­über dem Vor­jah­res­zeit­raum ein­bra­chen, besuch­ten 75 Pro­zent weni­ger Besucher*innen die Tür­kei im ers­ten Halb­jahr im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum. Opti­mis­ti­sche Hoch­rech­nun­gen gehen davon aus, dass die Ein­nah­men aus dem Tou­ris­mus im gesam­ten lau­fen­den Jahr um mehr als 50 Pro­zent gegen­über 2019 ein­bre­chen könn­ten. Der IWF rech­net mit einem Ein­bruch des Brut­to­in­land­pro­duk­tes von fünf Pro­zent über das gesam­te Jahr, die OECD hin­ge­gen von 2,9 Pro­zent, wäh­rend die ech­te Arbeits­lo­sen­quo­te [4] schon jetzt um die 25 Pro­zent beträgt und bei Umfra­gen min­des­tens die Hälf­te aller Betei­lig­ten über finan­zi­el­le Ein­bu­ßen, Nöte und Zukunfts­ängs­te im Zuge der Pan­de­mie klagt. Bis zu 20 Mil­lio­nen Men­schen könn­ten in die Armut rut­schen, dop­pelt so vie­le wie bis­her.

Dem Regime ste­hen dabei nur sehr begrenz­te Mit­tel zur Ver­fü­gung, um die aktu­el­le Kri­se zu bekämp­fen. Wegen der struk­tu­rel­len Schwä­chen des Neo­li­be­ra­lis­mus in der Tür­kei (hohe Abhän­gig­keit von aus­län­di­schen Kapi­tal­flüs­sen, Devi­sen, Impor­ten für Bin­nen- wie Export­pro­duk­ti­on und so wei­ter) kam die tür­ki­sche Wirt­schaft schon 2013 ins Strau­cheln, als die us-ame­ri­ka­ni­sche Zen­tral­bank (US Fed) das Ende ihres zwecks Bekämp­fung der Kri­se 2007ff. imple­men­tier­ten Anlei­he­kauf- und Geld­ex­pan­si­ons­pro­gramms (quan­ti­ta­ti­ve easing) ver­kün­de­te. Die teil­wei­se Abwen­dung des Regimes vom neo­li­be­ra­li­be­ra­len Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus wie die Ablö­sung nicht­po­li­ti­scher Insti­tu­tio­nen und Wirt­schafts­po­li­ti­ken durch die Re-Poli­ti­sie­rung des Wirt­schafts­ma­nage­ments sowie Erdoğans dezisio­nis­ti­sche Poli­tik­ge­stal­tung kamen erschwe­rend hin­zu, so dass es seit 2013 zu meh­re­ren Ein­brü­chen der Wirt­schaft und einer Insta­bi­li­tät der­sel­ben kam. Als die­se Insta­bi­li­tät im Som­mer 2018 aus­ge­löst durch einen diplo­ma­ti­schen Kon­flikt mit den USA zu einem schwe­ren Wäh­rungs­schock führ­te, explo­dier­ten die Import­kos­ten und Aus­lands­schul­den des Pri­vat­sek­tors, was wie­der­um zu Rück­zah­lungs­pro­ble­men, Schul­den­um­struk­tu­rie­run­gen im Mil­li­ar­den­grö­ße, einer Explo­si­on der Infla­ti­on und zu einem Infla­ti­ons-indu­zier­ten Kon­sum­ti­ons­ein­bruch führ­te.

Als die Coro­na-indu­zier­te Wirt­schafts­kri­se unter die­sen Umstän­den ein­setz­te, inter­ve­nier­te die Regie­rung zuerst in drei­er­lei Art und Wei­se, um Unter­neh­men zu stüt­zen. Zum einen wur­de im März ein Kon­junk­tur­pa­ket im Umfang von 100 Mil­li­ar­den Tür­ki­schen Lira (TL) (der­zeit etwas weni­ger als 11,5 Mil­li­ar­den Euro) ver­ab­schie­det, das haupt­säch­lich aus Steu­er­erleich­te­run­gen und Lohn­ne­ben­kos­ten­hil­fen bestand, aber fast nichts für die Werk­tä­ti­gen selbst beinhal­te­te. Zum zwei­ten inter­ve­nier­te die Regie­rung mit­tels Zen­tral­bank (TCMB) und ande­ren öffent­li­chen Ban­ken mas­siv in den Finanz­markt und den Außen­han­del, um einen wei­te­ren Fall der Lira ange­sichts der sich trü­ben­den Welt­wirt­schafts­la­ge und der ein­set­zen­den Kapi­tal­flucht von etwas mehr als 11 Mil­li­ar­den US-Dol­lar in den ers­ten sechs Mona­ten des lau­fen­den Jah­res zu ver­hin­dern. Das beinhal­te­te den Ver­kauf von Devi­sen­re­ser­ven der Zen­tral­bank in einer Grö­ßen­ord­nung von grob 65 Mil­li­ar­den US-Dol­lar von Anfang des Jah­res bis Ende Juli, aber auch die Ein­füh­rung von leich­ten Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len und Han­dels­be­schrän­kun­gen wie die Beschrän­kung des Devi­sen­han­dels und die Erhö­hung von Import­zöl­len auf mitt­ler­wei­le fast 5000 Waren. Drit­tens stieg die Kre­dit­ver­ga­be an ange­schla­ge­ne Unter­neh­men zu rea­len Nega­tiv­zin­sen über öffent­li­che Ban­ken explo­si­ons­ar­tig.

Inmit­ten die­ses Coro­na-Ein­bruchs und der Kri­sen­maß­nah­men setz­te plötz­lich erneut ein schwe­rer Wäh­rungs­schock im August ein. Als der Tages­satz für TL-Swaps [5] in Lon­don in der Nacht des 4. August auf unglaub­li­che 1050 Pro­zent sprang – weil die schon erwähn­ten Kapi­tal­re­strik­tio­nen für aus­län­di­sche Ban­ken und Restrik­tio­nen von TL-Swaps zu einer TL-Kri­se von Anle­gern und dar­an anschlie­ßend zu einem Panik­ver­kauf von TL-dotier­ten Akti­en und Wert­pa­pie­ren zwecks Beschaf­fung von Liqui­di­tät in TL führ­te – fiel der Wert der Lira ins Boden­lo­se: Seit Anfang des Jah­res bis zum 17. Sep­tem­ber ver­lor die Lira fast 27 Pro­zent gegen den US-Dol­lar und 32 Pro­zent gegen­über dem Euro, den zwei für die tür­ki­sche Wirt­schaft wich­tigs­ten Aus­lands­wäh­run­gen. Rela­tiv schnell gin­gen die Net­to­re­ser­ven der TCMB – aus­schließ­lich Swaps – ins Nega­ti­ve und die TCMB muss­te Swap­de­als mit Qatar, Chi­na und den Pri­vat­ban­ken der Tür­kei abschlie­ßen, um die Lage zu ret­ten – was nicht viel brach­te, da nun die nega­ti­ven Net­to­re­ser­ven exklu­si­ve Swaps der TCMB die Situa­ti­on ver­schärf­ten. Weil Erdoğan seit Jah­ren gegen die Erhö­hung des Leit­zin­ses ist – und zwar nicht, weil er ein Idi­ot ist oder an eine »hete­ro­do­xe Wirt­schafts­theo­rie« glaubt, son­dern weil er zurecht die Ver­nich­tung der klei­nen und mitt­le­ren Unter­neh­men, eines wich­ti­gen Ele­ments sei­ner popu­la­ren Basis durch höhe­re Zins­ra­ten befürch­tet –, blieb der TCMB nichts ande­res übrig als im Prin­zip eine 180°-Wendung in der Kri­sen­be­kämp­fung hin­zu­le­gen: Der mas­si­ven Kre­dit­ex­pan­si­on folg­te eine eben­so mas­si­ve Kre­dit­kon­trak­ti­on und die TCMB fing an durch die Hin­ter­tür die Zins­ra­ten zu erhö­hen, obzwar der Leit­zins unver­än­dert blieb.

Ver­geb­lich die Tau­send Bemü­hun­gen der Sterb­li­chen: Die Lira stürzt wei­ter und Expert*innen gehen davon aus, dass der TCMB so lang­sam die Alter­na­ti­ven zur Erhö­hung des Leit­zi­nes aus­ge­hen, da die nega­ti­ven Real­zin­sen Inves­ti­tio­nen behin­dern und Druck auf Bank­ein­la­gen erzeu­gen, weil Konsument*innen wegen Furcht vor Kauf­kraft­ver­lust ihr Geld abzie­hen und in siche­re­re Anla­gen wie Immo­bi­li­en oder Wert­me­tal­le depo­nie­ren. Gold­im­por­te bele­gen mitt­ler­wei­le mit einem Anstieg von 119 Pro­zent in den ers­ten acht Mona­ten des Jah­res gegen­über dem Vor­jah­res­zeit­raum Platz eins im Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit der Tür­kei und die Regie­rung zer­bricht sich den Kopf dar­über, wie sie all die Schät­ze, die unter den Matrat­zen ver­steckt wer­den und fast halb so viel wert sind wie das Brut­to­in­lands­pro­dukt der Tür­kei, in das Finanz­sys­tem über­füh­ren kann. Gleich­zei­tig fal­len die Akti­en­prei­se tür­ki­scher Ban­ken stark wegen sin­ken­der Pro­fit­aus­sich­ten (da rea­ler Nega­tiv­zins) und pri­va­te Haus­hal­te inves­tie­ren immer mehr nicht mehr nur in aus­län­di­sche Wäh­run­gen, die mitt­ler­wei­le über 50 Pro­zent aller Bank­ein­la­gen aus­ma­chen, son­dern in Euro­bonds (Wert­pa­pie­re in aus­län­di­scher Wäh­rung), weil die­se höhe­re Pro­fi­te ver­spre­chen als Wäh­rungs­ein­la­gen. Ob die von der TCMB am 24. Sep­tem­ber vor­ge­nom­me­ne Erhö­hung des Leit­zin­ses um 200 Basis­punk­te von 8,25 Pro­zent auf 10,25 Pro­zent einen wirk­li­chen Trend­wech­sel im Kri­sen­ma­nage­ment mar­kiert, wird sich noch zei­gen, vor allem da der de fac­to Zins wegen den Hin­ter­tür-Maß­nah­men schon höher liegt und 10,25 Pro­zent immer noch einen rea­len Nega­tiv­zins dar­stel­len. Berat Albay­rak hin­ge­gen ist wei­ter­hin erpicht dar­auf, sei­ne künst­le­ri­sche Dau­er­per­for­mance mit dem Titel »Finanz­mi­nis­ter der Tür­kei« wei­ter auf­zu­füh­ren: Sei­ner Ansicht nach wer­de »dyna­misch« mit der Situa­ti­on umge­gan­gen und gewin­ne die Tür­kei wegen einer »kom­pe­te­ti­ven Wäh­rung«, was zu einem Höhen­flug füh­ren wer­de.

Fast alle die­se Maß­nah­men der Regie­rung wider­spre­chen stren­gen Dog­men des Neo­li­be­ra­lis­mus. Es scheint aber zu früh, um des­halb schon von einem Post-Neo­li­be­ra­lis­mus in der Tür­kei als eines eige­nen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes zu spre­chen, wie es der mar­xis­ti­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Ümit Akçay zu tun scheint. Eben­so ver­kehrt ist es, von einem neu­en Neo­li­be­ra­lis­mus in der Tür­kei zu spre­chen, wie es die Mar­xis­tin Pınar Bedir­ha­noğlu schon seit län­ge­rem tut. Neo­li­be­ra­lis­mus lässt sich nicht allein ver­ste­hen mit­tels eines Blicks auf das Ver­hält­nis von Kapi­tal und Arbeit; es muss auch noch das Ver­hält­nis von Staat und Kapi­tal und letzt­lich die Gesell­schafts­for­ma­ti­on als Gan­ze in Betracht gezo­gen wer­den. Die schwie­ri­ge, teils wider­sprüch­li­che Bezie­hung zwi­schen auto­ri­tä­ren Popu­lis­ten an der Macht, dem Neo­li­be­ra­lis­mus und den füh­ren­den Frak­tio­nen des Groß­ka­pi­tals wur­de von kri­ti­schen Forscher*innen glo­bal ver­glei­chend her­aus­ge­ar­bei­tet. Ob es sich in der Tür­kei bezüg­lich der poli­ti­schen Öko­no­mie der­zeit um einen Über­gang zu einer ande­ren Akku­mu­la­ti­ons­wei­se oder gar zu einem neu­en Neo­li­be­ra­lis­mus han­delt, lässt sich gar nicht so genau ange­ben, da sich die Tür­kei in die­ser Hin­sicht der­zeit eher in einem insta­bi­len Kri­sen­re­gime befin­det, um des­sen Sta­bi­li­sie­rung unter­schied­li­che Akteu­re auf Grund­la­ge unter­schied­li­cher Inter­es­sen und stra­te­gi­schen Vor­stel­lun­gen mit­ein­an­der fech­ten. Re-Poli­ti­sie­rung des Wirt­schafts­ma­nage­ments, eine viel zu star­ke und unkon­trol­lier­te Auto­no­mie der Exe­ku­ti­ve, Iso­la­ti­on in der Außen­po­li­tik und gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung beschrän­ken und behin­dern auch in der Tür­kei die Mobi­li­tät, Sta­bi­li­täts­in­ter­es­sen und Kon­trol­le der füh­ren­den Frak­tio­nen des Kapi­tals, wes­we­gen sich der größ­te Inter­es­sen­ver­band des Groß­ka­pi­tals, TÜSIAD, seit 2013 durch­ge­hend dies­be­züg­lich beschwert.

Auch wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie beton­te der TÜSIAD, dass zu frü­he Locke­run­gen gefähr­lich sind, eine Import­sub­sti­tu­ti­on gro­ße Schä­den ver­ur­sacht, dass Frau­en­rech­te zu ach­ten sind und letzt­lich dass ein poli­ti­sier­tes und Kre­dit-basier­tes Wirt­schafts­ma­nage­ment nicht funk­tio­niert und statt­des­sen ein pro­duk­ti­ves Update des tür­ki­schen Kapi­ta­lis­mus von­nö­ten ist. Selbst­ver­ständ­lich sind es aber zugleich die füh­ren­den Frak­tio­nen des Groß­ka­pi­tals in der Tür­kei, die am meis­ten von der Wirt­schafts­po­li­tik der Par­tei für Gerech­tig­keit und Auf­schwung (AKP) pro­fi­tier­ten – sei es durch Pri­va­ti­sie­run­gen, Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­ver­hält­nis­se oder dem Zufluss von aus­län­di­schem Kapi­tal. Daher sehen sie die der­zei­ti­ge Kri­se auch als gro­ße Chan­ce: Die Inter­es­sen­ver­bän­de des Groß­ka­pi­tals, ob nun eher isla­misch-kon­ser­va­tiv (MÜSIAD) oder west­lich-lai­zis­tisch (TÜSIAD) ori­en­tiert, reden davon, dass jetzt der Zeit­punkt gekom­men sei, Chi­na in der glo­ba­len Wert­schöp­fungs­ket­te zu erset­zen. Die vor­ge­schla­ge­nen Mit­tel sind dys­to­pisch: Die Rede ist von rie­si­gen, abge­schot­te­ten Indus­trie-Städ­ten mit recht­lo­sen Arbeits­kräf­ten und einem elek­tro­ni­schen Über­wa­chungs­pan­op­ti­con unter dem Deck­man­tel der Pan­de­mie­be­kämp­fung. Gleich­zei­tig arbei­tet die Regie­rung auf Anwei­sung von Erdoğan an Geset­zen, um das Abfin­dungs­recht mas­siv ein­zu­schrän­ken und Teil­zeit­ar­beit zu nor­ma­li­sie­ren. Der lin­ke Gewerk­schaf­ter Aziz Çelik warnt, auf dem Hin­ter­grund der oben erwähn­ten Erfah­rung mit dem »geschlos­se­nen Arbeits­sys­tem« bei Ves­tel, zu Recht vor »Covid-1984«.

Für die Armen und Mit­tel­lo­sen hat der Staat jeden­falls so gut wie nichts übrig. Das Kurz­ar­bei­ter­geld für for­mell Beschäf­tig­te beschränkt sich auf etwas weni­ger als fünf Euro pro Tag. Davon und von ähn­li­chen Zuwen­dun­gen pro­fi­tier­ten zwar grob sechs Mil­lio­nen Arbeiter*innen bis Anfang August. Aber allein die Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen des staat­li­chen Arbeits­lo­sen­fonds an Unter­neh­men (!) seit 2019 bis heu­te sind höher als die Gesamt­sum­me an Kurz­ar­bei­ter­gel­dern, die der Fonds im Zuge der Coro­na-Pan­de­mie an Werk­tä­ti­ge und Arbeits­lo­se aus­zahl­te. Auch die offi­zi­el­len Zah­len des Prä­si­di­al­am­tes zei­gen auf, dass alle Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen für Werk­tä­ti­ge bis Anfang Sep­tem­ber grob ein Drit­tel so groß waren wie das unter­neh­mens­freund­li­che Hilfs­pa­ket vom März. Also appel­lier­te der Staat an die Bevöl­ke­rung das zu tun, was eigent­lich Auf­ga­be des Staa­tes ist, näm­lich sich um Men­schen in Not­la­gen zu küm­mern: Fast zeit­gleich rie­fen Erdoğan wie die von der oppo­si­tio­nel­len Repu­bli­ka­ni­schen Volks­par­tei (CHP) geführ­ten Stadt­re­gie­run­gen sepa­rat zu Spen­den­kam­pa­gnen für Bedürf­ti­ge auf. Die offi­zi­el­le Kam­pa­gne von Erdoğan konn­te nach eige­nen Anga­ben bis zum 30. Juni etwas weni­ger als 280 Mil­lio­nen Euro zusam­men­tra­gen. Die gan­ze Mise­re macht sich aller­dings erst auf loka­ler Ebe­ne fest: Zur bis­he­ri­gen Hoch­zeit der Pan­de­mie im Mai bean­trag­ten ein Sieb­tel aller Istan­bu­ler Haus­hal­te, mehr­heit­lich aus den ärms­ten Vier­teln, indi­vi­du­el­le Hilfs­leis­tun­gen bei der Stadt­re­gie­rung; in Anka­ra wur­den bis Ende Mai Güter im Wert von über 30 Mil­lio­nen TL (grob 3,4 Mil­lio­nen Euro) durch die Ver­mitt­lung der Stadt­re­gie­rung an Bedürf­ti­ge gespen­det. Laut eige­nen Anga­ben ver­sorg­ten CHP-geführ­te Kom­mu­nen bis Ende Mai ins­ge­samt mehr als vier Mil­lio­nen Fami­li­en mit Hil­fen. Die­se und ähn­li­che Kam­pa­gnen gin­gen wei­ter bis zum Opfer­fest (kur­ban bay­ramı). Das war dem Regime ein Dorn im Auge.

Versuche autoritärer Konsolidierung

Die Coro­na-Pan­de­mie und ihre Bekämp­fung lei­te­ten Akt Zwei im Kampf um die Groß­städ­te ein. Nach­dem das Regime bei den Kom­mu­nal­wah­len letz­ten Jah­res fast alle wich­ti­gen Groß­städ­te inklu­si­ve Istan­bul und Anka­ra ver­lor, wur­de es sei­ne Leit­li­nie, die oppo­si­tio­nel­len CHP-Bür­ger­meis­ter finan­zi­ell lahm­zu­le­gen und ihren Hand­lungs­spiel­raum über die noch von den Regime-Par­tei­en domi­nier­ten Stadt­par­la­men­te zu blo­ckie­ren. So soll­te ver­hin­dert wer­den, dass die Oppo­si­ti­on über erfolg­rei­che Lokal­po­li­tik an Fahrt auf­nimmt. Als nun die CHP-Bür­ger­meis­ter ihre eige­nen loka­len Spen­den­kam­pa­gnen ins Leben rie­fen, inter­ve­nier­te das Innen­mi­nis­te­ri­um sofort und ver­bot die Annah­me von mone­tä­ren Spen­den sei­tens der Stadt­re­gie­run­gen. Erdoğan sprach vom Ver­such, einen Par­al­lel­staat auf­zu­bau­en, und ver­glich das Vor­ge­hen der Bür­ger­meis­ter mit Ter­ro­ris­mus.

Dar­auf­hin wichen die Stadt­re­gie­run­gen auf Natu­ral­hil­fen und die Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit von Spen­den aus. Die Rech­nung der Regie­rung ging somit nicht auf: Die Zustim­mungs­wer­te für die oppo­si­tio­nel­len Bürgermeister*innen und ihre Par­tei­en stei­gen kon­ti­nu­ier­lich; Oppo­si­ti­on und AKP bezie­hungs­wei­se Erdoğan neh­men sich in Umfra­gen nicht mehr viel. Gleich­zei­tig bre­chen aber die Ein­nah­men der Städ­te ein, und die Regime­par­tei­en redu­zie­ren oder blo­ckie­ren Finanz­mit­tel und Kre­dit­auf­nah­me. Schon jetzt kün­digt der Istan­bu­ler Bür­ger­meis­ter Ima­moğlu (CHP) ein Kür­zungs­pro­gramm von 35 Pro­zent in allen Res­sorts an. Wie lan­ge die Res­sour­cen der oppo­si­tio­nel­len Bür­ger­meis­ter rei­chen, ist unge­wiss.

Um die schwin­den­de Legi­ti­ma­ti­on aus­zu­glei­chen, griff das Regime auf sei­ne alt­be­kann­ten Tak­ti­ken auto­ri­tä­rer Kon­so­li­die­rung zurück. Zum einen ging die Repres­si­on, ins­be­son­de­re gegen die lin­ke, pro-kur­di­sche Demo­kra­ti­sche Par­tei der Völ­ker (HDP), naht­los wei­ter: Mitt­ler­wei­le sind fast alle HDP-Bürgermeister*innen wegen »Ter­ror­ver­dach­tes« abge­setzt, drei Parlamentarier*innen (zwei von der HDP, einer von der CHP) wur­den teils zeit­wei­se inhaf­tiert, miss­lie­bi­ge Richter*innen wie die Vor­sit­zen­de der Richter*innengewerkschaft Ayşe Sarı­su Peh­li­van straf­ver­setzt oder vom Dienst sus­pen­diert. Erst heu­te wur­de wie­der zu einem gro­ßen Schlag gegen HDP und ande­re Lin­ke in meh­re­re Städ­ten aus­ge­holt: 82 Per­so­nen, dar­un­ter ehe­ma­li­ge Parlamentarier*innen wie Sır­rı Sür­rey­ya Önder oder Altan Tan, wur­den fest­ge­nom­men unter den abstru­ses­ten Ter­ror­vor­wür­fen.

Aber Repres­si­on und Auto­ri­ta­ris­mus sind auch ein mobi­li­sie­ren­des Mit­tel der Herr­schafts­si­che­rung, sofern sie in der Lage sind, eine auto­ri­tä­re Basis auf­zu­bau­en, die den auto­ri­tä­ren Staat stützt und selbst wie­der­um von ihm gestützt und auf­ge­wer­tet wird. Das funk­tio­niert par­ti­ell. Drei arme­ni­sche Kir­chen wur­den inner­halb eines Monats ange­grif­fen, die Hrant-Dink-Stif­tung hat Todes­dro­hun­gen bekom­men, die all­täg­li­che Poli­zei­ge­walt hat zuge­nom­men, eben­so anti-kur­di­sche Über­grif­fe. Eine AKP-Anhän­ge­rin konn­te live im Fern­se­hen dar­über fan­ta­sie­ren, dass ihre Fami­lie min­des­tens ein paar Dut­zend Oppo­si­tio­nel­le umbrin­gen kann. Kein Wun­der, dass unzäh­li­ge klei­ne Despot*innen wie Pil­ze aus dem Boden schie­ßen, wenn der Staats­prä­si­dent gegen die »arme­ni­sche und grie­chi­sche Lob­by« wet­tert, das Innen­mi­nis­te­ri­um Fol­ter durch die Poli­zei ver­tei­digt und gene­rell von den höchs­ten Staats­spit­zen aus eine extrem pola­ri­sie­ren­de und chau­vi­nis­ti­sche Rhe­to­rik gegen Oppo­si­tio­nel­le und Min­der­hei­ten gefah­ren wird. Die Rück­wand­lung der Hagia Sophia in eine Moschee mit bis zu 300.000 Betei­lig­ten beim ers­ten Frei­tags­ge­bet vom 24. Juli dien­te dem­sel­ben Ziel der Kon­so­li­die­rung der Regi­me­ba­sis durch einen rasen­den natio­na­lis­tisch-isla­mis­ti­schen Chau­vi­nis­mus.

Gleich­zei­tig wur­de ein Gesetz ver­ab­schie­det, das die Ent­las­sung von bis zu 90.000 Straf­tä­tern aus den Gefäng­nis­sen ermög­lich­te – poli­ti­sche Gefan­ge­ne aus­ge­nom­men. Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen füh­ren unter ande­rem dar­auf den Anstieg von Gewalt an Frau­en zurück. Mitt­ler­wei­le wird offen über einen Aus­tritt aus der Istan­bul-Kon­ven­ti­on debat­tiert, die der Prä­ven­ti­on von häus­li­cher Gewalt und Gewalt gegen Frau­en dient. Als der obers­te Reli­gi­ons­ge­lehr­te des Lan­des sei­tens der Anwalts­kam­mer von Anka­ra stark kri­ti­siert wur­de, weil er öffent­lich äußer­te Homo­se­xu­el­le wür­den Krank­hei­ten ver­brei­ten und zur Dege­ne­ra­ti­on bei­tra­gen, stell­te sich Erdoğan hin­ter den Reli­gi­ons­ge­lehr­ten und sah die »natio­na­len Wer­te« in Gefahr. Ähn­lich aus­fal­lend über LGBTI+ äußer­ten sich der Vor­sit­zen­de des Roten Halb­mon­des in der Tür­kei und der Prä­si­den­ten­spre­cher, wäh­rend sei­tens der AKP als eines der Haupt­ar­gu­men­te gegen (!) die Istan­bul-Kon­ven­ti­on die angeb­li­che För­de­rung von LGBT-Iden­ti­tä­ten durch die­sel­be ange­führt wird. War die Anru­fung einer auto­ri­tä­ren, patri­ar­cha­len Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät stets ein belieb­tes Mit­tel der AKP, so radi­ka­li­siert sich die­se ange­sichts von Coro­na und gen­der-basier­ter hate speech von oben führt zu gen­der-basier­ter Gewalt von unten: Die LGBTI+-Organisation SPoD berich­tet von einer Ver­dopp­lung von Hil­fe­ge­su­chen wegen gen­der-basier­ter Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt in den 45 Tagen seit jenen Äuße­run­gen des obers­ten Reli­gi­ons­ge­lehr­ten.

Auch insti­tu­tio­nell wur­den Schrit­te zur auto­ri­tä­ren Ver­an­ke­rung unter­nom­men: Ein Geset­zes­pa­ket gab der zusätz­lich zur Poli­zei neu gegrün­de­ten und über 20.000 Mann star­ken Sicher­heits­struk­tur der Nacht­wäch­ter (bek­çi) das Recht zur Waf­fen­nut­zung. Die­se steht mut­maß­lich der Regie­rung nahe und fällt durch bru­ta­le Über­grif­fe auf. Eine ande­re rela­tiv auto­no­me und haupt­säch­lich dem hohen Staats­per­so­nal zuge­ord­ne­te Sicher­heits­struk­tur inner­halb der bestehen­den Poli­zei, die Hilfs­ein­satz­kräf­te der Poli­zei (Tak­vi­ye Hazır Kuvvet Polis Biri­mi), wur­de ver­stärkt. Zudem ver­ab­schie­de­ten die Regime­par­tei­en ein Gesetz, das die Macht der oppo­si­tio­nel­len und mit­glieds­stärks­ten Anwalts­kam­mern (Istan­bul, Izmir und Anka­ra) bricht und die regime­treu­en und mit­glieds­schwa­chen ana­to­li­schen Anwalts­kam­mern stärkt. Ange­kün­digt ist ein ähn­li­ches Vor­ge­hen gegen fast alle rest­li­chen rela­tiv auto­no­men und regime­kri­ti­schen Kam­mern (Ärz­te­kam­mer, Inge­nieurs­kam­mer), wäh­rend Erdoğans Haupt­bünd­nis­part­ner, der Chef der faschis­ti­schen Par­tei der Natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung (MHP) Dev­let Bah­çe­li gar gleich ganz die Schlie­ßung der Ärz­te­kam­mer for­dert. Aus der Per­spek­ti­ve legis­la­ti­ver Macht ist das Par­la­ment de fac­to dys­funk­tio­nal gewor­den, da Erdoğan in den zwei Jah­ren sei­ner Prä­si­dent­schaft nach dem neu­en Prä­si­dent­schafts­sys­tem meh­re­re Dut­zend Geset­ze und Tau­sen­de von Geset­zes­än­de­run­gen in Form von Prä­si­di­al­de­kre­ten ohne Betei­li­gung des Par­la­ments und noch nicht ein­mal sei­ner eige­nen Par­tei erlas­sen hat.

Nicht zuletzt nimmt das mili­tä­ri­sche Enga­ge­ment der Tür­kei zu. Nach meh­re­ren Inva­sio­nen in die mehr­heit­lich kur­disch kon­trol­lier­ten Tei­le Nord- und Nord­west­sy­ri­ens (auch Roja­va genannt) in den letz­ten Jah­ren, leg­te sich die Tür­kei kurz vor Aus­bruch der Pan­de­mie mit dem syri­schen Regime im letz­ten grö­ße­ren, mehr­heit­lich von Jiha­dis­ten kon­trol­lier­ten Gebiet in Nord­west­sy­ri­en, Idlip, an. Noch mit­ten in der Pan­de­mie inter­ve­nier­te die Tür­kei zusätz­lich in Liby­en zuguns­ten der Über­gangs­re­gie­rung (GNA) von as-Sar­raj und konn­te nicht nur deren tota­le Nie­der­la­ge gegen Gene­ral Haf­ter abwen­den, son­dern ihr sogar zu einer Offen­si­ve ver­hel­fen. Par­al­lel dazu begann die Tür­kei im Juni wie­der mit meh­re­ren Mili­tär­ope­ra­tio­nen im Irak, um logis­ti­sche Struk­tu­ren der ver­bo­te­nen Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans (PKK) zu zer­schla­gen. Zielt der Liby­en­ein­satz auf eine Groß­raum­kon­trol­le im öst­li­chen Mit­tel­meer zwecks Zugriff auf Ener­gie­res­sour­cen, so geht es in Syri­en und im Irak eher um die Hege­mo­nie im Nach­kriegs­sy­ri­en und die Zer­schla­gung kur­di­scher Auto­no­mie. Und natür­lich dient der Mili­ta­ris­mus auch der Auf­recht­erhal­tung des auto­ri­tä­ren Regimes im Inne­ren.

Das in der Geschich­te der Tür­ki­schen Repu­blik bis­her ein­ma­lig breit auf­ge­fä­cher­te außen­po­li­ti­sche und mili­tä­ri­sche Auf­tre­ten ent­spricht zwar dem Akti­ons­po­ten­zi­al des tür­ki­schen Kapi­ta­lis­mus und ist nur auf dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund neu­er stra­te­gi­scher Per­spek­ti­ven und Prak­ti­ken zu ver­ste­hen, die unter­schied­li­che poli­ti­sche Eli­ten der Tür­kei seit Ende der Sowjet­uni­on ent­wi­ckel­ten und die wie­der­um einem glo­ba­len Trend zur Mul­ti­po­la­ri­sie­rung ent­spre­chen. Aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und mit unter­schied­li­chen Schwer­punk­ten for­mu­liert besteht der gemein­schaft­li­che Kern jener neu­en stra­te­gi­schen Per­spek­ti­ven dar­in, der Tür­kei mehr Auto­no­mie und Welt­gel­tung zu ver­schaf­fen mit dem Fokus auf die unmit­tel­ba­re geo­gra­phisch-kul­tu­rel­le Umge­bung der Tür­kei bezie­hungs­wei­se auf die sun­ni­tisch-isla­mi­sche Welt im All­ge­mei­nen. Aber das der­zei­ti­ge aggres­si­ve Vor­ge­hen der Regie­rung bei der Umset­zung die­ser Stra­te­gie erhöht gleich­zei­tig die außen- und innen­po­li­ti­schen Risi­ken des Regimes. Nicht nur nimmt der Ertrag von »coer­ci­ve diplo­ma­cy« rapi­de ab, da ein ein­sei­ti­ger Fokus auf die­se Tak­tik es der Tür­kei ver­un­mög­licht Demons­tra­ti­on mili­tä­ri­scher Stär­ke in diplo­ma­ti­sche Sie­ge umzu­wan­deln. Zugleich muss die Tür­kei nun aktiv gegen ande­re eta­blier­te Inter­es­sen wie die Russ­lands, Ägyp­tens oder der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te Poli­tik machen. Die der­zei­ti­ge exzes­si­ve Mili­ta­ris­mus der Tür­kei hat zu einer bei­spiel­lo­sen Iso­la­ti­on der Tür­kei ins­be­son­de­re in der ara­bi­schen Welt geführt: Län­der wie Bah­rein, die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te, Ägyp­ten und Isra­el, die bis­her aus his­to­ri­schen Grün­den nicht die bes­ten Bezie­hun­gen mit­ein­an­der unter­hiel­ten, haben sich de fac­to zu einem Block gegen die tür­kisch-impe­ria­lis­ti­schen Ambi­tio­nen zusam­men­ge­schlos­sen. Gleich­zei­tig bringt sich das Regime wegen der mili­ta­ri­sier­ten Poli­tik immer mehr um eine inte­gra­ti­ve Lösung der soge­nann­ten »Kur­di­schen Fra­ge« nicht nur im Inne­ren der Tür­kei.

Wölfe unter sich

Erdoğan ist zwar als Staats­prä­si­dent de jure die höchs­te Macht im Staa­te, aber wie in allen auto­ri­tä­ren Staa­ten regiert auch in der Tür­kei kein Mann allein, son­dern die Wöl­fe sind unter sich. Umso mehr Dezisio­nis­mus Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus ersetzt, umso mehr kris­tal­li­siert sich ein poly­kra­ti­scher Füh­rer­staat her­aus, in dem Macht­grup­pen mit­ein­an­der eben­falls dezisio­nis­tisch und unter Anru­fung Erdoğans als letz­ten Rich­ter und gro­ßen Ver­mitt­ler um Ein­fluss und Sta­tus kon­kur­rie­ren. Wäh­rend sich die natio­na­lis­ti­schen Frak­tio­nen im Macht­block zuneh­mend durch­set­zen, tun sich unter­halb Erdoğans eine Rei­he star­ker Män­ner her­vor, die nicht aus der Tra­di­ti­on des poli­ti­schen Islams stam­men. So der Innen­mi­nis­ter Soylu, des­sen von Erdoğan abge­lehn­ter Rück­tritt wegen des desas­trö­sen Vor­ge­hens bei der ers­ten Aus­gangs­sper­re im Land – sie wur­de vom Innen­mi­nis­te­ri­um zwei Stun­den vor Inkraft­tre­ten ver­kün­det, was zu einer Mas­sen­pa­nik führ­te und Mil­lio­nen auf die Stra­ße zwecks Panik­käu­fen trieb – wei­test­ge­hend als erfolg­rei­ches Macht­ma­nö­ver der natio­na­lis­ti­schen Frak­ti­on um Soylu gegen AKP-inter­ne Kontrahent*innen gedeu­tet wird. Soylu ist mitt­ler­wei­le einer der belieb­tes­ten Poli­ti­ker im Land, ins­be­son­de­re bei der Basis des Regimes, und wird als der­je­ni­ge ange­se­hen, der am bes­ten dazu geeig­net ist Erdoğan zu erset­zen, soll­te die­ser den Vor­sitz der AKP abge­ben. Der Dezisio­nis­mus der unte­ren Ebe­nen kann dabei jeder­zeit vom Dezisio­nis­mus Erdoğans gebro­chen wer­den: Obwohl Innen­mi­nis­te­ri­um und Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um – die bei­den für die Pan­de­mie­be­kämp­fung zen­tra­len Minis­te­ri­en – mit Zustim­mung Erdoğans am ers­ten Juni­wo­chen­en­de, als die »Nor­ma­li­sie­rung« eigent­lich schon ange­fan­gen hat­te, erneut eine Aus­gangs­sper­re für 15 Städ­te beschlos­sen, hob Erdoğan die­sen Beschluss nach­träg­lich auf, da er so etwas mit sei­nem »Gewis­sen nicht ver­ein­ba­ren« konn­te. Als der Finanz­mi­nis­ter Berat Albay­rak 2018 im Zuge einer Offen­si­ve zur Reha­bi­li­tie­rung des Anse­hens der tür­ki­schen Wirt­schafts­po­li­tik im Aus­land ein Büro erschuf, das unter wesent­li­cher Betei­li­gung des inter­na­tio­na­len Bera­tungs­un­ter­neh­mens McK­in­sey & Com­pa­ny die Wirt­schafts­po­li­tik der tür­ki­schen Regie­rung über­prü­fen und bewer­ten soll­te, inter­ve­nier­te Erdoğan inner­halb einer Woche und lös­te die Ver­ein­ba­rung auf.

Auch das insti­tu­tio­nel­le Geflecht der Staats­ap­pa­ra­te franst aus: Die Auf­ga­ben­tei­lung inner­halb der Exe­ku­ti­ve ist mitt­ler­wei­le unklar, da dem Prä­si­den­ten unter­ste­hen­de Bera­tungs­gre­mi­en und Büros exe­ku­ti­ve Arbei­ten wie die Pla­nung des natio­na­len Wirt­schafts­pro­gramms über­neh­men, die eigent­lich jewei­li­gen Fach­mi­nis­te­ri­en wie dem Finanz­mi­nis­te­ri­um zuge­ord­net sein müss­ten. Das führt zu einer Ero­si­on des insti­tu­tio­nel­len Eigen­ge­wichts der jewei­li­gen Minis­te­ri­en und ihrer rela­tiv auto­no­men Tra­di­tio­nen und Ope­ra­ti­ons­wei­sen wie bei­spiels­wei­se des Außen­mi­nis­te­ri­ums, das sich laut eines sich anonym äußern­den Diplo­ma­ten in einer »sta­te of para­ly­sis« befin­det. Poli­ti­sie­rung und Kli­en­te­lis­mus ange­führt durch den Prä­si­di­al­ap­pa­rat erset­zen so zuneh­mend auch die exe­ku­ti­ve Arbeits­tei­lung in Minis­te­ri­en, die sel­ber immer mehr zu unei­gen­stän­di­gen tech­no­kra­ti­schen Anhäng­seln des Prä­si­di­al­ap­pa­rats wer­den statt poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger zu sein. Wo Minis­te­ri­en mal initia­tiv her­vor­ste­chen wie das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um oder das Innen­mi­nis­te­ri­um, dann wegen ihrer jewei­li­gen Minis­ter (Berat Albay­rak bezie­hungs­wei­se Süley­man Soylu), die im Kampf um Ein­fluss und Sta­tus Risi­ko­be­reit­schaft zei­gen und eigen­stän­di­ge Initia­ti­ven über­neh­men in der Hoff­nung, dass Erdoğan ihr Vor­ge­hen abseg­net.

Ande­rer­seits stärkt der mili­tä­ri­sche Kurs den ehe­ma­li­gen Gene­ral­stabs­chef und der­zei­ti­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Hulu­si Akar, der zum wie­der­hol­ten Male kon­kur­rie­ren­de Gene­rä­le straf­ver­set­zen ließ oder zum Rück­tritt zwang. Nicht zuletzt gibt der Haupt­bünd­nis­part­ner der AKP, die MHP, immer mehr den Ton in der Regie­rungs­po­li­tik an. Als ein gro­ßer Erfolg der MHP in Pan­de­mie­zei­ten kann gewer­tet wer­den, dass der faschis­ti­sche Auf­trags­mör­der Alaat­tin Çakıcı, ein glü­hen­der MHP-Anhän­ger, nach 16 Jah­ren Haft wegen Mor­des früh­zei­tig frei­ge­las­sen wur­de. Erdoğan sperr­te sich bis zuletzt gegen eine Amnes­tie, mut­maß­lich weil er eine zu star­ke MHP fürch­te­te. Offen­sicht­lich haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se inner­halb des Regimes ver­scho­ben. Ähn­lich der Fall des natio­na­lis­tisch-isla­mis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len Mümtaz’er Tür­kö­ne: Seit 2016 inhaf­tiert – absur­der­wei­se wegen Gülen-Nähe –, ver­lang­te Bah­çe­li im Früh­jahr 2020 des­sen Frei­las­sung, was ges­tern vom Kas­sa­ti­ons­hof tat­säch­lich voll­zo­gen wur­de.

Was die hohe Jus­tiz angeht, dringt genug durch, dass wir fest­stel­len kön­nen, dass es einen inten­si­ven Macht­kampf gibt zwi­schen unter­schied­li­chen isla­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen, die zusam­men genom­men Weg der Recht­schaf­fen­heit (Hakyol) genannt wer­den und dem Jus­tiz­mi­nis­ter Abdül­ha­mit Gül nahe­ste­hen, der soge­nann­ten Istan­bu­ler Grup­pe mit Nähe zu Albay­rak und den Über­res­ten einer natio­na­lis­tisch-ale­vi­tisch-par­ti­ell lin­ken Koali­ti­on, die sich orga­ni­siert in der Ver­ei­ni­gung für Ein­heit in der Judi­ka­ti­ve (Yar­gı­da Bir­lik Plat­for­mu). Wäh­rend letz­te­re nach 2014 in die hohe Jus­tiz auf­ge­nom­men wur­den, um beim Kampf gegen den Ein­fluss der Güle­nis­ten zu hel­fen, wer­den sie jetzt suk­zes­si­ve wie­der aus den höhe­ren Pos­ten ver­drängt. Ande­rer­seits leis­tet die Istan­bu­ler Grup­pe Wider­stand gegen Refor­men des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums, die eine ober­fläch­li­che Teil­li­be­ra­li­sie­rung der poli­ti­sier­ten Jus­tiz beab­sich­ti­gen, weil die­se außer Kon­trol­le gerät. Unter ande­rem dar­aus lässt sich erklä­ren, war­um eini­ge Lokal­ge­rich­te wei­ter­hin ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen des Ver­fas­sungs­ge­rich­tes (AYM) igno­rie­ren wie im Fall der Altan Brü­der, und war­um die Anzahl von Urtei­len von unte­ren Gerich­ten, die das AYM wegen Ver­let­zung des Rechts auf frei­es und fai­res Ver­fah­ren auf­hob, in die Höhe geschos­sen sind und mitt­ler­wei­le über 50 Pro­zent aller vom AYM revi­dier­ten Urtei­le aus­ma­chen. Seit eini­gen Tagen fin­det wie­der ein haupt­säch­lich über Medi­en aus­ge­tra­ge­nes Wort­ge­fecht zwi­schen Innen­mi­nis­ter Soylu und dem Vor­sit­zen­dem des AYM, Züh­tü Ars­lan statt, wobei jener das AYM dafür kri­ti­siert viel zu lax vor­zu­ge­hen ange­sichts »ter­ro­ris­ti­scher Gefahr« für die »natio­na­le Sicher­heit«, wäh­rend sich das AYM gegen eine Ein­mi­schung in die Unab­hän­gig­keit der Jus­tiz wehrt.

Aber da der Dezisio­nis­mus auf allen Ebe­nen des Staa­tes Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus ersetzt, ist auch das AYM durch­po­li­ti­siert: Nicht nur spal­tet es sich regel­mä­ßig in zwei etwa gleich star­ke Lager bei Ent­schei­dun­gen, bei denen es um poli­tisch sen­si­ble Inhal­te geht, wobei dann die eine Hälf­te die Grund­rei­hei­ten, die ande­re die natio­na­le Sicher­heit hoch­hält. Wäh­rend ers­te­re letz­tes Jahr mit einer Stim­men­mehr­heit von nur einer Stim­me die Akademiker*innen für Frie­den von allen Vor­wür­fen frei­sprach und dafür vom ande­ren Lager gebrand­markt wur­de, konn­te letz­te­re eben­falls mit nur einer Stim­me Mehr­heit durch­set­zen, dass der libe­ra­le Mäzen Osman Kava­la wegen Gefähr­dung der natio­na­len Sicher­heit nicht frei­ge­spro­chen wur­de, woge­gen wie­der­um der Vor­sit­zen­de des AYM hef­tig pro­tes­tier­te. Die kürz­lich erfolg­te Auf­he­bung des vom Innen­mi­nis­te­ri­um erlas­se­nen Geset­zes zum Ver­bot von Ver­samm­lun­gen auf Auto­bah­nen – die­se Ent­schei­dung führ­te zum Zwist zwi­schen AYM und Soylu – wur­de eben­falls mit nur einer Stim­me Mehr­heit, und zwar mit der des Vor­sit­zen­den Züh­tü Ars­lan beschlos­sen. Zugleich repro­du­ziert aber das AYM im Gro­ßen die anti-kon­sti­tu­tio­na­lis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se, die Lokal­ge­rich­te gegen das AYM bezeu­gen, nament­lich wenn es aktiv ablehnt, sich bin­den­den Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zu beu­gen.

Mode­ra­te­re Stim­men wie die Bür­ger­meis­te­rin von Gazi­antep, Fat­ma Şahin (AKP), die die Bezeich­nung der Oppo­si­ti­on als Ter­ro­ris­ten ablehn­te, sind mitt­ler­wei­le inner­halb des regie­ren­den Par­tei­en­blocks eine Rari­tät gewor­den. Die meis­ten gemä­ßig­ten Politiker*innen haben mitt­ler­wei­le bei zwei AKP-Abspal­tun­gen Zuflucht gefun­den, der Par­tei für Demo­kra­tie und Fort­schritt (DEVA) des ehe­ma­li­gen Finanz­mi­nis­ters der AKP, Ali Baba­can und bei der Zukunfts­par­tei (GP) des ehe­ma­li­gen Außen- und Pre­mier­mi­nis­ters der AKP, Ahmet Davu­toğlu. Ver­tritt Davu­toğlu eher den isla­misch-kon­ser­va­ti­ven Flü­gel ehe­ma­li­ger AKP­ler, so Baba­can eher den libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Flü­gel. Für bei­de ist aller­dings klar, dass die Anfangs­jah­re der AKP bis 2013 eine Erfolgs­sto­ry waren, die zu wie­der­ho­len ist. Eine grund­le­gen­de Infra­ge­stel­lung des neo­li­be­ra­len Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes, das die AKP errich­te­te und das sich der­zeit in einer tie­fen Kri­se befin­det, ist von die­sen Par­tei­en nicht zu erwar­ten. Für die Regime­par­tei­en ist die For­ma­ti­on die­ser neu­en Par­tei­en aber trotz­dem eine sol­che Gefahr, dass eine Zeit lang offen über vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len dis­ku­tiert wur­de um einem poten­zi­el­len Erstar­ken der neu­en Par­tei­en zuvor­zu­kom­men und der­zeit ein Geset­zes­pa­ket in Arbeit ist, das einer­seits gegen klei­ne Par­tei­en gerich­tet ist und ande­rer­seits den Par­tei­en­wech­sel von Parlamentarier*innen erschwe­ren soll.

Die andere Türkei

Es gibt aber auch eine ande­re Tür­kei, die nicht so tickt wie das Wolfs­ru­del. Eine von der lin­ken Kon­fö­de­ra­ti­on der Revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter­ge­werk­schaf­ten der Tür­kei (DISK) ange­kün­dig­te orga­ni­sier­te Aus­übung des Rechts auf Arbeits­nie­der­le­gung wegen unmit­tel­bar dro­hen­der Gefahr (Gesetz Nr. 6331 über den Arbeits­schutz) durch Coro­na wur­de zwar nie flä­chen­weit umge­setzt; den­noch streik­ten Arbeiter*innen von sich aus bei­spiels­wei­se in Darıca/​Kocaeli (Sar­kuy­san Elek­tro­nik Bakır), Diyarbakır (Diyarbakır Orga­ni­ze Sanayi Böl­ge­si), Istan­bul (AKM Tak­sim) und Izmir (Akar Tek­stil) wegen Infek­ti­ons­fäl­len und feh­len­dem Gesund­heits­schutz. In Izmir demons­trier­ten Gesundheitsarbeiter*innen gegen Gehalts­kür­zun­gen und aus­ste­hen­de Zusatz­zah­lun­gen, in Istan­bul Bauarbeiter*innen bei Ofton Con­struc­tion für die Aus­zah­lung von zurück­ge­hal­te­nen Löh­nen (mit Erfolg). In grö­ße­ren Fabri­ken in Izmir und Istan­bul wird neu­er­dings gegen ein geplan­tes Gesetz zur Zer­schla­gung des Abfin­dungs­rechts pro­tes­tiert, wäh­rend Kämp­fe gegen klas­si­sche uni­on bus­ting-Metho­den wie die frist­lo­se Kün­di­gung von gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten Arbeiter*innen eben­falls wei­ter geführt wer­den. [6]

Auf der poli­ti­schen Ebe­ne ste­chen neben der erfolg­rei­chen Anti-Kor­rup­ti­ons- und Sozi­al­po­li­tik der CHP-Bür­ger­meis­ter die zwei gro­ßen Pro­test­mär­sche der Anwalts­kam­mern und der HDP im Juni sowie die Pro­tes­te von Fraue­or­ga­ni­sa­tio­nen gegen eine mög­li­che Abschaf­fung der Istan­bu­ler Kon­ven­ti­on her­vor. Die HDP hielt trotz aller Poli­zei­re­pres­si­on einen Demo­kra­tie­marsch ab gegen die Abset­zung ihrer Bürgermeister*innen und die Inhaf­tie­rung ihrer Parlamentarier*innen; die Anwalts­kam­mern orga­ni­sier­ten einen »Ver­tei­di­gungs­marsch« gegen das Geset­zes­pa­ket zur Schwä­chung der Anwalts­kam­mern.

Ein Groß­teil des Dis­sens und des abwei­chen­den Poten­zi­als ist zwar nicht greif­bar, offen­bart sich aber in anony­mi­sier­ten Umfra­gen. Deren Ergeb­nis­se zei­gen, dass jun­ge Men­schen, die 2018 zum ers­ten Mal wäh­len durf­ten und bei den 2023 anste­hen­den Wah­len etwa 20 Pro­zent aller Wähler*innen aus­ma­chen wer­den, in über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit (über 70 Pro­zent) nicht die Regime­par­tei­en wähl­ten und sich für Demo­kra­tie und Gerech­tig­keit aus­spre­chen. Ein Groß­teil der Jugend­li­chen fühlt sich von den in der Gesell­schaft domi­nan­ten Wer­ten wie Natio­na­lis­mus oder Kon­ser­va­tis­mus nicht mehr ange­spro­chen, eben­so wenig von den bestehen­den Par­tei­en. Bevöl­ke­rungs­re­prä­sen­ta­ti­ve Umfra­gen erge­ben eben­so, dass die­sel­ben demo­kra­tie­freund­li­chen Ten­den­zen vor­herr­schen, wenn auch abge­schwäch­ter und weit weni­ger aus­ge­prägt, sobald spe­zi­fi­scher nach Rech­ten der Kurd*innen und Alevit*innen gefragt wird. Zudem steigt die Zustim­mung zu femi­nis­ti­schen The­men und nimmt die Ent­ge­gen­set­zung von Reli­giö­si­tät und lin­ker Poli­tik ab. Ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung inklu­si­ve der AKP-Basis lehnt eine Abschaf­fung der Istan­bu­ler Kon­ven­ti­on ab. Sogar die Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on der AKP pro­tes­tier­te vehe­ment gegen eine mög­li­che Abschaf­fung der Istan­bu­ler Kon­ven­ti­on (wäh­rend sie sich aller­dings zugleich sehr stark anti-LGBT­QI+ posi­tio­nier­te), was zu Über­wer­fun­gen im Regi­me­la­ger führ­te. Die öko­no­mi­sche Situa­ti­on ist zum Haupt­pro­blem der Bevöl­ke­rung weit vor »Ter­ror«, Außen­po­li­tik oder ande­re The­men gerückt. Auch die Rekon­ver­si­on der Hagia Sophia hat kei­nen Ein­fluss auf poten­zi­el­les Wahl­ver­hal­ten gehabt, da ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung glaubt, dass die Rekon­ver­si­on voll­zo­gen wur­de um von öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten abzu­len­ken. Gleich­zei­tig mit einem demo­kra­ti­schen Grund­kon­sens in der brei­ten Bevöl­ke­rung arti­ku­liert sich aller­dings auch ein aggres­si­ver Natio­na­lis­mus, der nur mäßig bis gar nicht reli­gi­ös moti­viert ist.

Auch in der weit­hin kon­ser­va­ti­ven Wähler*innenbasis von AKP und MHP zei­gen sich, wie schon seit län­ge­rem, ähn­li­che Ten­den­zen auf: Wie eine neue­re aus­führ­li­che Ana­ly­se von Max Hoff­man mit­tels Inter­views in der urba­nen Basis von AKP und MHP auf­zei­gen konn­te, beschwe­ren sich die­se – und hier­in ins­be­son­de­re die Jugend­li­chen – wei­ter­hin über Kor­rup­ti­on, Kli­en­te­lis­mus, eine zu stark auf­ok­troy­ier­te Reli­giö­si­tät und unbrauch­ba­re Medi­en und spre­chen sich für Tole­ranz aus. Das zeigt, wie stark trans­for­mier­te Über­res­te von Über­zeu­gun­gen redis­tri­bu­ti­ver, kom­mu­na­ler Gerech­tig­keit im isla­misch-natio­nal-kon­ser­va­ti­ven Milieu wei­ter exis­tie­ren, auch wenn sie zugleich gekreuzt wer­den von reak­tio­nä­ren Über­zeu­gun­gen. Denn die Stu­die von Hoff­man zeigt zugleich auf, wie die AKP-MHP-Basis Erdoğan mys­ti­fi­ziert über­höht und teils stark natio­na­lis­tisch geprägt ist. Die­ses wider­sprüch­li­che Amal­gam aus reak­tio­nä­ren und (poten­zi­ell) fort­schritt­li­chen Ele­men­ten ent­spricht recht genau dem, was sich mit Gram­sci als »Wider­sprüch­lich­keit des All­tags­be­wusst­seins« bezeich­nen lässt und das sich dann ein­stellt, wo es kein orga­ni­sier­tes Klas­sen­be­wusst­sein oder gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se gibt, inner­halb derer die Men­schen sel­ber ermäch­tigt sind.

Wie die Wider­stän­de gegen den Auto­ri­ta­ris­mus und der star­ke demo­kra­ti­sche Grund­kon­sens neben reak­tio­nä­ren Ele­men­ten inner­halb eines gro­ßen Teils der Bevöl­ke­rung auf­zei­gen, gibt es mehr als genug Ansatz­punk­te für eine ande­re Tür­kei. Dass die­se (noch?) nicht erblüht, hat nicht nur mit der Repres­si­ons­fu­ror des auto­ri­tä­ren Regimes zu tun. Eini­ge der wich­tigs­ten Oppo­si­ti­ons­par­tei­en tun sich wei­ter­hin schwer damit, ernst­haft für die­se ande­re Tür­kei zu strei­ten. Zwei Grün­de sind hier zen­tral: Ein­mal das Ver­hält­nis zur »Kur­di­schen Fra­ge«, zum ande­ren die all­ge­mei­ne Staats­rä­son. Die CHP hat die HDP wäh­rend der gesam­ten Pha­se bis auf Lip­pen­be­kennt­nis­se mehr oder min­der allei­ne gelas­sen, ja CHP-Chef Kılı­ç­dar­oğlu lehn­te mehr­mals ab, auf die Stra­ßen zu mobi­li­sie­ren, weil er mein­te, dies sei eine Ein­la­dung für die AKP, den Aus­nah­me­zu­stand wie­der ein­zu­füh­ren. Als ob ein den Wün­schen und Dekre­ten des Prä­si­den­ten unter­ste­hen­der Staat mit einer durch und durch poli­ti­sier­ten Jus­tiz und poli­zei­staat­li­cher Will­kür nicht schon ein Staat des Aus­nah­me­zu­stands wäre; als ob sich ein sol­ches Sys­tem ohne auch die Macht der Stra­ße umwäl­zen lie­ße. Akşe­ner, Che­fin der oppo­si­tio­nel­len MHP-Abspal­tung Gute Par­tei (IYI), ist da unver­blüm­ter: Sie iden­ti­fi­ziert regel­mä­ßig die HDP mit der ver­bo­te­nen PKK, ver­wei­gert offen die Soli­da­ri­tät mit der HDP ange­sichts von Repres­sio­nen und rief Erdoğan sogar zur »Natio­na­len Ein­heit« auf, um der Pan­de­mie zu begeg­nen. Ihrer Ansicht nach sind Regie­rung und Oppo­si­ti­on schon geeint in außen­po­li­ti­schen Din­gen, das heißt im chau­vi­nis­ti­schen Mili­ta­ris­mus, wie auch die CHP oder Davu­toğlus GP die Regie­rung dafür kri­ti­sier­ten, zu vie­le Zuge­ständ­nis­se zu machen und nicht genug die Rech­te der Tür­ke im öst­li­chen Mit­tel­meer zu wah­ren, sprich nicht genü­gend chau­vi­nis­tisch und mili­ta­ris­tisch zu agie­ren. Bezeich­nen­der­wei­se dau­er­te es Tage, bis Akşe­ner ein gemein­sa­mes Ange­bot von Erdoğan und Bah­çe­li das Oppo­si­ti­ons­la­ger zu ver­las­sen und sich auf Regime­sei­te zu schla­gen ablehn­te.

Die »Kur­di­sche Fra­ge« ist nicht das ein­zi­ge demo­kra­ti­sche Pro­blem der Tür­kei, sie ist aber zur Chif­fre aller demo­kra­ti­schen Pro­ble­me der heu­ti­gen Tür­kei gewor­den. Und das ist zugleich auch in der all­ge­mei­nen Staats­rä­son begrün­det: Staat und Kapi­tal in der Tür­kei befürch­ten, dass mit der unkon­trol­lier­ten Par­ti­zi­pa­ti­on des Groß­teils des Bevöl­ke­rung am poli­ti­schen Pro­zess wie wäh­rend des Gezi-Auf­stan­des 2013 auch For­de­run­gen nach einer grund­le­gend ande­ren, demo­kra­ti­schen und sozia­len Repu­blik stark wer­den, in der die star­ken Män­ner und die staats­treue Oppo­si­ti­on von heu­te kei­nen Platz mehr haben. Das ist viel­leicht auch der Haupt­grund dafür, war­um die Haupt­op­po­si­ti­ons­par­tei­en unfä­hig und vor allem nicht gewillt sind, Erdoğan grund­le­gend her­aus­zu­for­dern, der wie­der­um Tag um Tag sei­ne rela­ti­ve Auto­no­mie wei­ter aus­baut und die Tür­kei immer mehr in eine Sack­gas­se aus Wirt­schafts­kri­se und Insta­bi­li­tät manö­vriert – wobei letz­te­res offen­sicht­lich nicht den Inter­es­sen der füh­ren­den Frak­tio­nen des Kapi­tals und der bür­ger­li­chen Oppo­si­ti­on ent­spricht.

In ein­gän­gi­ge­ren Ana­ly­sen der Erfol­ge der Oppo­si­ti­on in den letz­ten Jah­ren, die die­se Erfol­ge an einer anti-popu­lis­ti­schen Inklu­si­vi­tät und der Koor­di­na­ti­on der Oppo­si­ti­on auf Grund­la­ge einer demo­kra­ti­schen Per­spek­ti­ve im Ant­ago­nis­mus zum Auto­ri­ta­ris­mus fest­ma­chen, wird übli­cher­wei­se fast voll­stän­dig unter­schla­gen, wie inef­fek­tiv oder gar unter­stüt­zend die Haupt­op­po­si­ti­ons­par­tei­en gegen­über der Poli­tik des Regimes über Jah­re hin­weg blie­ben, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des Mili­ta­ris­mus und Chau­vi­nis­mus. Auch als das Regime die Rekon­ver­si­on der Hagia Sophia in eine Moschee in ein regel­rech­tes natio­na­lis­tisch-isla­mis­ti­sches Fes­ti­val ver­wan­del­te, kam – außer von der HDP – nichts von den Oppo­si­ti­ons­par­tei­en, um ja nicht mus­li­mi­sche Wähler*innen abzu­schre­cken. Ja, wich­ti­ge Oppositionspolitiker*innen wie Muhar­rem Ince (repu­bli­ka­ni­scher Kon­tra­hent Erdoğans im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2018) oder Meral Akşe­ner begrüß­ten sogar die Rekon­ver­si­on – daher die Ein­la­dung von Erdoğan und Bah­çe­li an Akşe­ner und die sehr freund­li­che Bericht­erstat­tung der pro-Regime-Medi­en über Ince, der der­zeit an einer Abspal­tungs­be­we­gung von der CHP arbei­tet.

Es gibt einen fei­nen, aber den­noch sehr kla­ren Unter­schied zwi­schen einem inklu­si­ven Vor­ge­hen, das ver­sucht auch Wähler*innen von AKP und MHP zu gewin­nen, und einer Appease­ment­po­li­tik, die noch den reak­tio­närs­ten Befind­lich­kei­ten oppor­tu­nis­tisch oder, noch schlim­mer, aus Über­zeu­gung nach­gibt. Letz­te­res stärkt nicht nur das Regime. Es erschwert zudem die Mög­lich­keit einer demo­kra­ti­schen und sozia­len Zukunft der Tür­kei dadurch, dass es der Disper­si­on und Ver­an­ke­rung auto­ri­tä­rer Atti­tü­den und Sub­jek­ti­vi­tä­ten Vor­schub leis­tet, die wie­der­um einer sol­chen Zukunft abträg­lich sind auch in einer Zeit nach Erdoğan.

Die Haupt­po­le des der­zei­ti­gen poli­ti­schen Kamp­fes in der Tür­kei sind nicht die zwi­schen Auto­ri­ta­ris­mus und Demo­kra­tie, son­dern die zwi­schen einer kri­sen­haf­ten auto­ri­tä­ren Kon­so­li­die­rung und einer neo­li­be­ra­len Restau­ra­ti­on. Tei­le der libe­ra­len und tat­säch­lich auch repu­bli­ka­ni­schen und mar­xis­ti­schen Intel­li­genz tap­pen gera­de erneut unge­wollt in die Fal­le einer Unter­stüt­zung für ein neo­li­be­ra­les Restau­ra­ti­ons­pro­jekt gegen ein auto­ri­tä­res Pro­jekt so wie sie es beim Auf­stieg der AKP in den frü­hen 2000er-Jah­ren taten. Auch der inhaf­tier­te ehe­ma­li­ge Co-Vor­sit­zen­de der HDP, Selahat­tin Demir­taş, tappt in die­se Fal­le, wenn er für die Illu­si­on einer »demo­kra­ti­schen Alli­anz« inklu­si­ve aller Oppo­si­ti­ons­par­tei­en wirbt anstatt das demo­kra­tisch-sozia­le Pro­fil der HDP gegen bei­de Pole zu schär­fen, wie er das noch vor eini­gen Mona­ten tat. Es gibt aber eine gang­ba­re Alter­na­ti­ve zu bei­den Polen und einen Aus­weg aus der ewi­gen Wie­der­kunft des Glei­chen. Eine sol­che Alter­na­ti­ve, den »drit­ten Block« zu orga­ni­sie­ren und von den bei­den ande­ren bür­ger­li­chen Polen abzu­gren­zen war ja der Grund für die Grün­dung der HDP im Jah­re 2012. Wenn die wirk­li­che demo­kra­ti­sche und sozia­le Oppo­si­ti­on in der poli­ti­schen Are­na erstarkt und die Men­schen der ande­ren Tür­kei ihr Schick­sal in die eige­ne Hand neh­men, dann kön­nen sie nicht nur die Macht von Erdoğan bre­chen, son­dern auch dafür sor­gen, dass die dys­to­pi­schen Plä­ne des Kapi­tals nicht auf­ge­hen und sich das poli­ti­sche Sys­tem grund­le­gend ändert – oder zumin­dest gezwun­gen ist, viel mehr Zuge­ständ­nis­se und Kom­pro­mis­se in Rich­tung der popu­la­ren Kräf­te zu täti­gen als wenn eine neo­li­be­ra­le Restau­ra­ti­on ein­fach so, das heißt ohne oder fata­ler­wei­se sogar mit Unter­stüt­zung des demo­kra­tisch-sozia­len Lagers durch­re­giert.


Die­ser Auf­satz ist eine län­ge­re und etwas ande­re Ver­si­on eines Essays, der im Okto­ber erschei­nen wird in: Die­ter F. Bertz (Hrsg.), Die Welt nach Coro­na. Von den Risi­ken des Kapi­ta­lis­mus, den Neben­wir­kun­gen des Aus­nah­me­zu­stands und der kom­men­den Gesell­schaft


Anmerkungen:

[1] Ich dan­ke mei­nem Freund und Genos­sen Hasan Durkal, Redak­teur beim lin­ken Online­ma­ga­zin El Yaz­ma­ları, für sei­ne Unter­stüt­zung bei die­sem Arti­kel.

[2] Die (effek­ti­ve) Repro­duk­ti­ons­zahl gibt an, wie vie­le nicht-immu­ne Men­schen von einer infek­tiö­sen Per­son zu einem bestimm­ten Zeit­punkt durch­schnitt­lich ange­steckt wer­den.

[3] In der lin­ken Tages­zei­tung Bir Gün ist eine exzel­len­te, mehr­tei­li­ge Serie über Arbeiter*innen und Arbeits­be­din­gun­gen wäh­rend der Pan­de­mie erschie­nen. Die Vete­ran­jour­na­lis­tin Pınar Öğünç hat für Gaze­te Duvar eine bewun­derns­wer­te 35-tei­li­ge Repor­ta­ge über Arbeiter*innen in den unter­schied­lichs­ten Sek­to­ren und ihre Sor­gen und Hoff­nun­gen ver­fasst, in der die Arbeiter*innen und ihre Geschich­ten im Vor­der­grund ste­hen. Wis­sen­schaft­lich betrach­tet ist die Meta­stu­die von Dr. Neca­ti Çıtak im TTB-Bericht für den sechs­ten Monat der Coro­na-Kri­se in der Tür­kei zu emp­feh­len, der aka­de­mi­sche Stu­di­en aus den USA, Groß­bri­tan­ni­en und der Tür­kei zusam­men­fasst und dabei die unglei­chen Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie ent­lang Klas­sen­li­ni­en fest­macht. Ähn­lich geht Dr. Arzu Çer­ke­zoğlu, zugleich Vor­sit­zen­de der lin­ken Gewerk­schafts­kon­fö­de­ra­ti­on DISK, vor in ihrer Ana­ly­se für den­sel­ben Bericht.

[4] Also die offi­zi­el­le Arbeits­lo­sen­quo­te plus die mit sta­tis­ti­schen Tricks her­aus­ge­rech­ne­ten Arbeits­lo­sen im Ver­hält­nis zu allen poten­zi­el­len Erwerbs­tä­ti­gen. Vor allem wäh­rend der Coro­na-Kri­se klaff(t)en offi­zi­el­le und ech­te Arbeits­lo­sen­quo­te aus­ein­an­der: Wäh­rend Mil­lio­nen von Men­schen aus der Erwerbs­tä­tig­keit raus­ge­fal­len sind, steigt die Arbeits­lo­sen­quo­te kaum. Sogar Wirt­schafts­me­di­en des Main­streams wie Dünya ver­wei­sen des­halb mitt­ler­wei­le auf die Sinn­lo­sig­keit der offi­zi­el­len Arbeits­lo­sen­zah­len hin. Einen guten Über­blick über die unter­schied­li­chen Berech­nungs­me­tho­den und somit Quo­ten der Arbeits­lo­sig­keit lie­fert Mus­ta­fa Sön­mez in einer Ana­ly­se für Al-Moni­tor.

[5] Bei Wäh­rungs­swaps (also Währungstausch/​wechsel) tau­schen zwei Vertragspartner*innen unter­schied­li­che Wäh­run­gen mit­ein­an­der für eine bestimm­te Zeit aus, wobei ein bestimm­ter Zins beim Zeit­punkt des Rück­tau­sches zu zah­len ist. Swaps wer­den oft genutzt, um kurz­fris­tig anste­hen­de Zah­lun­gen in einer Wäh­rung, die die invol­vier­ten Sei­ten nicht oder nicht aus­rei­chend besit­zen, zu beglei­chen. Als Tages­satz (im Eng­li­schen over­night inte­rest rate) bezeich­net man übli­cher­wei­se den Zins auf ein Wert­pa­pier oder einen Kre­dit, das/​der eine Lauf­zeit von maxi­mal einem Tag besitzt.

[6] Unter­schied­li­che lin­ke Kol­lek­ti­ve und Arbeiter*innenvereine berich­ten auf ihren Social-Media-Accounts regel­mä­ßig über klei­ne wie gro­ße Arbeits­kämp­fe in der Tür­kei. Ich habe wäh­rend mei­ner Recher­che zu die­sem Absatz auf Infor­ma­tio­nen des Arbeiter*innenkollektivs Umut-Sen (Gewerk­schaft der Hoff­nung) und des Arbeiter*innenvereins Ekmek ve Onur (Brot und Wür­de) zurück­ge­grif­fen.

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