[GAM:] Sri Lanka: Rajapaksas Griff nach der Verfassungsmacht

Peter Main, Info­mail 1119, 26. Sep­tem­ber 2020

Am 22. Sep­tem­ber nutz­te Prä­si­dent Gota­ba­ya Raja­pak­sa sei­nen Sieg bei den Par­la­ments­wah­len im August voll aus, um umfas­sen­de Ver­fas­sungs­re­for­men ein­zu­füh­ren, die das Par­la­ment prak­tisch macht­los wer­den las­sen.

Sein Vor­schlag für die zwan­zigs­te Ver­fas­sungs­än­de­rung wür­de die neun­zehn­te auf­he­ben, die die Befug­nis­se des/​r Prä­si­den­tIn erheb­lich ein­schränk­te. Die­se Ein­schrän­kun­gen wur­den 2015 als Reak­ti­on auf die zuneh­mend auto­kra­ti­sche Herr­schaft von Mahin­da Raja­pak­sa, dem Bru­der des der­zei­ti­gen Prä­si­den­ten ange­nom­men, der bei einer Wahl Anfang 2015 geschla­gen wor­den war.

Rolle des Präsidialamts

Die­se Nie­der­la­ge war durch ein Bünd­nis zwi­schen Mai­thri­pa­la Siri­se­na, einem frü­he­ren Ver­bün­de­ten von Raja­pak­sa und einem füh­ren­den Mit­glied sei­ner Sri Lan­ka Free­dom Par­ty, SLFP, und Ranil Wick­re­me­sing­he, dem Füh­rer der United Natio­nal Par­ty, UNP, der tra­di­tio­nel­len Par­tei der herr­schen­den Klas­se des Lan­des, her­bei­ge­führt wor­den. Trotz der Wahl­ver­spre­chen, das Amt des Exe­ku­tiv­prä­si­den­ten abzu­schaf­fen, spie­gel­te der 19. Ver­fas­sungs­zu­satz ledig­lich das gegen­sei­ti­ge Miss­trau­en die­ser bei­den wider, indem er die Macht zwi­schen ihnen auf­teil­te.

Die Befug­nis­se des Exe­ku­tiv­prä­si­den­ten sind umstrit­ten, seit das Amt 1978 als Kern­stück einer neu­en Ver­fas­sung geschaf­fen wur­de, deren letzt­end­li­cher Zweck dar­in bestand, das Par­la­ment zu umge­hen, um die Ver­ab­schie­dung neo­li­be­ra­ler Refor­men zur Demon­ta­ge von Staats- und Sozi­al­ein­rich­tun­gen zu gewähr­leis­ten.

Der 20. Zusatz­ar­ti­kel von Gota­ba­ya Raja­pak­sa ver­folgt einen sehr ähn­li­chen Zweck. Nor­ma­ler­wei­se wür­de ein sol­cher Ände­rungs­an­trag eine Mehr­heit in einem Refe­ren­dum erfor­dern, aber die­se Bestim­mung der bestehen­den Ver­fas­sung kann außer Kraft gesetzt wer­den, wenn es eine par­la­men­ta­ri­sche Zwei­drit­tel­mehr­heit gibt, die heu­te effek­tiv garan­tiert ist.

Die wich­tigs­ten Aus­wir­kun­gen der Ände­rung bestehen dar­in, dass der Prä­si­dent die Befug­nis erhält, alle Minis­te­rIn­nen der Regie­rung, ein­schließ­lich des/​r Pre­mier­mi­nis­te­rIn, zu ernen­nen und abzu­set­zen, das Par­la­ment bereits nach einem Jahr statt wie bis­her nach vier­ein­halb Jah­ren auf­zu­lö­sen, die Vor­sit­zen­den wich­ti­ger Kom­mis­sio­nen wie des Wahl­aus­schus­ses, der Poli­zei- und der Finanz­kom­mis­si­on zu ernen­nen, Rich­te­rIn­nen, den/​die Gene­ral­staats­an­wal­t/-wäl­tin und ande­re Rechts­bei­stän­de zu beru­fen und Geset­zes­vor­schlä­ge inner­halb von 24 Stun­den durch das Par­la­ment zu brin­gen, wenn sie als „drin­gend“ erach­tet wer­den.

Dar­über hin­aus wird dem Prä­si­den­ten Immu­ni­tät vor jeg­li­cher Straf­ver­fol­gung gewährt. War­um der Prä­si­dent dies für not­wen­dig erach­ten soll­te, dar­über kann man spe­ku­lie­ren, aber vie­le haben ange­deu­tet, dass sei­ne Zeit als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter in der letz­ten und bar­ba­rischs­ten Pha­se des Bür­ger­kriegs gegen die Tami­lIn­nen nicht näher unter­sucht wer­den dür­fe. Dar­über hin­aus wür­de die vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung auch die Ernen­nung von Per­so­nen mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft in Regie­rungs­äm­ter ermög­li­chen. Dies wird als eine Reform im Inter­es­se der Gleich­be­rech­ti­gung dar­ge­stellt, soll aber eher den Weg für die Ein­set­zung eines wei­te­ren Bru­ders, Basil Raja­pak­sa, als Finanz­mi­nis­ter ebnen.

Drohende Angriffe

Nur ein Prä­si­dent, der äußerst unpo­pu­lä­re Maß­nah­men durch­set­zen will, bräuch­te sol­che Befug­nis­se, und genau damit sind die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und die Unter­drück­ten Sri Lan­kas jetzt kon­fron­tiert. Die Kom­bi­na­ti­on aus dem Abschwung des Welt­han­dels und der Tou­ris­mus­in­dus­trie, die durch die Ver­schul­dung des Lan­des noch ver­schlim­mert wird, garan­tiert einen Angriff auf Arbeits­plät­ze, Löh­ne, Arbeits­be­din­gun­gen, Rech­te und sozia­le Diens­te.

Die Kehr­sei­te der Medail­le von Raja­pak­sas Wahl­er­folg war natür­lich die völ­li­ge Nie­der­la­ge der ande­ren Par­tei­en – die UNP selbst wur­de auf nur einen Sitz redu­ziert – aber viel wich­ti­ger war, dass die Wahl das völ­li­ge Feh­len einer Par­tei zeig­te, die in der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und den Unter­drück­ten ver­an­kert ist und für sie kämpft. Die Ergeb­nis­se der ver­schie­de­nen sozia­lis­ti­schen Grup­pen, die sich an der Wahl betei­lig­ten, eini­ge hun­dert Stim­men hier und da, unter­strei­chen dies nur.

Die Auf­ga­be, vor der sie jetzt ste­hen, ist eine dop­pel­te: alle Kämp­fe der Arbei­te­rIn­nen­klas­se gegen die unver­meid­li­chen Atta­cken von Raja­pak­sa zu unter­stüt­zen und so weit wie mög­lich eine ver­ein­ten Wider­stand aller bestehen­den Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen zu for­dern und zu orga­ni­sie­ren und par­al­lel dazu ein Akti­ons­pro­gramm zu ent­wi­ckeln, das die Arbei­te­rIn­nen­klas­se von die­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zum Kampf um die Macht füh­ren und die Grund­la­ge für eine Par­tei der Arbei­te­rIn­nen­klas­se bil­den kann.

Alle Sozia­lis­tIn­nen in Sri Lan­ka, ob Mit­glie­der von Orga­ni­sa­tio­nen oder nicht, soll­ten die Not­wen­dig­keit einer gründ­li­chen Unter­su­chung der Ursprün­ge der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on aner­ken­nen. Die Liga für die Fünf­te Inter­na­tio­na­le hat ein bestehen­des Akti­ons­pro­gramm für Sri Lan­ka, das im Lich­te der jüngs­ten Ent­wick­lun­gen aktua­li­siert wer­den muss, und wir laden alle Genos­sen und Genos­sin­nen ein, mit uns über die wich­tigs­ten Leh­ren zu dis­ku­tie­ren und dar­über, wie die Arbei­te­rIn­nen­klas­se jetzt vor­an­schrei­ten soll­te.

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