[KgK:] Münchner Oberbürgermeister pöbelt gegen den Kita-Streik: Umso lauter ist unsere Solidarität

Die Arbeitsbedingungen unter denen Kinder leiden

Schon vor der Coro­na-Pan­de­mie war die Lage der Kin­der­ta­ges­stät­ten in Deutsch­land alles ande­re als ange­mes­sen.
Der Per­so­nal­schlüs­sel war im März des ver­gan­ge­nen Jah­res für etwa 1,7 Mil­lio­nen Kita-Kin­der bun­des­weit nicht kind­ge­recht. In amt­lich erfass­ten Kita-Grup­pen hat­ten 74 Pro­zent der Kin­der also nicht genü­gend Fach­per­so­nal zur Ver­fü­gung.
Der Per­so­nal­man­gel erhöht auch deut­lich das Risi­ko, dass die Qua­li­tät der Bil­dung nicht kind­ge­recht ist. Das bedeu­tet, dass weni­ger auf die Bedürf­nis­se der Kin­der ein­ge­gan­gen wer­den kann und deren indi­vi­du­el­le För­de­rung in den Hin­ter­grund tre­ten muss.1

Die Lage ist wäh­rend der Coro­na Pan­de­mie nur noch schwie­ri­ger gewor­den:

Wäh­rend des Lock­downs hat­ten Kin­der­ta­ges­stät­ten geschlos­sen, um das Anste­ckungs­ri­si­ko für Kin­der und Erzieher:innen zu ver­rin­gern. Dass aber vie­le Eltern trotz­dem wei­ter arbei­ten muss­ten, führ­te zu einer sehr gro­ßen Last in tau­sen­den Haus­hal­ten. Es ist wei­ter­hin so, dass die Kin­der­be­treu­ung, genau wie die rest­li­che Haus­ar­beit auch im Jah­re 2020 immer noch pri­mär von Frau­en über­nom­men wird. Durch eine Schlie­ßung von Kitas wird die unglei­che Ver­tei­lung der Haus­ar­beit in der Fami­lie noch unge­rech­ter.

Seit der Wie­der­eröff­nung der Kitas ist es noch viel wich­ti­ger gewor­den, die Kita-Grup­pen zu ver­klei­nern, um das Infek­ti­ons­ri­si­ko zu sen­ken. Damit nicht ein­fach nur weni­ger Kin­der in die Kita zuge­las­sen wer­den kön­nen, braucht es deut­lich mehr Fach­kräf­te.
Es braucht bes­se­re Löh­ne und Arbeits­be­din­gun­gen, damit mehr Men­schen sich ent­schei­den Erzieher:innen zu wer­den. Auch die Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen müs­sen ver­bes­sert wer­den, es braucht eine exis­tenz­si­che­ren­de Aus­bil­dungs­ver­gü­tung.

Kein angemessener Schutz trotz steigender Infektionszahlen (in München)

So ist auch der kon­kre­te Anlass für die Aus­wei­tung des TVöD-Streiks von einer strei­ken­den Per­son pro Ein­rich­tung auf gesam­te Ein­rich­tun­gen durch die Coro­na-Pan­de­mie bedingt:
Auch wenn der Inzi­denz­wert von 50 in Mün­chen über­schrit­ten wur­de, beschloss die Stadt kei­ne neu­en Maß­nah­men.
Aus­ge­rech­net die­je­ni­gen Men­schen, ohne die alle Fami­li­en wie­der kom­plett über­las­tet wären, sol­len also nicht so viel Schutz vor Anste­ckung krie­gen wie sie brau­chen! Es braucht Hygie­nekon­zep­te und ‑maß­nah­men, statt erhöh­ter Poli­zei­prä­senz um die Infek­ti­ons­zah­len wie­der zu sen­ken.

Oberbürgermeister Dieter Reiter zu den Streiks

An die­ser Stel­le äußert sich der Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Mün­chen fol­gen­der­ma­ßen zu den ange­kün­dig­ten Streiks in den Kitas:
„Ich hal­te dies zum jetz­ti­gen Zeit­punkt, mit­ten in einer der größ­ten Gesund­heits­kri­sen welt­weit und nach Mona­ten der Not­be­treu­ung und schwie­ri­ger Situa­ti­on für die Eltern, schlicht für ver­ant­wor­tungs­los.“2

Ver­ant­wor­tungs­los sind doch nicht die For­de­run­gen der unter­be­zahl­ten Erzieher:innen, son­dern viel­mehr die Arbeits­be­din­gun­gen!
Da die Stadt Arbeit­ge­be­rin der Kita-Beschäf­tig­ten ist, ist Rei­ter auch durch­aus in der Posi­ti­on z.B. durch Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen dafür zu sor­gen, dass die Erzieher:innen gar nicht erst strei­ken müs­sen.
Er könn­te auch die grund­le­gends­ten Schutz­maß­nah­men zu beschlie­ßen, die laut ver.di bei den aktu­el­len Infek­ti­ons­zah­len in Mün­chen nötig wären…

Es scheint außer­dem, als hät­te Rei­ter das Kern­ele­ment des Streiks nicht ver­stan­den, auch wenn er „seit über 40 Jah­ren Gewerk­schafts­mit­glied“ ist.
Gera­de jetzt, direkt nach­dem die Gesell­schaft mehr denn je die Bedeu­tung von Kitas wahr­neh­men konn­te, ist die rich­ti­ge Zeit, um For­de­run­gen zu stel­len!
Es geht beim Streik doch dar­um durch den „Man­gel“ an geta­ner Arbeit auf­zu­zei­gen, wie wich­tig die­se Arbeit ist.

Der Kampf in den Kitas ist ein feministischer!

Der Streik für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und bes­se­ren Lohn in der Kita ist aus dop­pel­ter Hin­sicht ein femi­nis­ti­scher Kampf:
Zum einen han­delt es sich bei der Arbeit der Kinderpfleger:innen und Erzieher:innen um typi­sche „Frau­en­be­ru­fe“, die beson­ders schlecht bezahlt wer­den, weil die patri­ar­cha­le Vor­stel­lung exis­tiert, dass es so etwas wie die natür­li­che Beru­fung von Frau­en sei, sich um Kin­der zu küm­mern. Außer­dem wird in Pfle­ge und Erzie­hung kein direk­ter Mehr­wert pro­du­ziert und des­halb die­se Arbeit als „weni­ger wert­voll“ ange­se­hen.
Zum ande­ren ist die Kita ein sehr wich­ti­ges Instru­ment, um die gesell­schaft­li­che Gleich­stel­lung von Män­nern und Frau­en zu errei­chen.
Die Erzie­hung von Kin­dern aus der Kern­fa­mi­lie hin­aus­zu­tra­gen ist ein ers­ter Schritt in Rich­tung Ver­ge­sell­schaf­tung aller Repro­duk­ti­ons­ar­beit. Trotz Gleich­heit vor dem Gesetz gibt es immer noch die Ungleich­heit im Leben: die meis­ten Allein­er­zie­hen­den sind Frau­en, sie leis­ten die meis­te Repro­duk­ti­ons­ar­beit und leben beson­ders häu­fig in Alters­ar­mut.

Vereinigung der Kämpfe aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst

Es bah­nen sich Streiks im Öffent­li­chen Dienst an und es ist die rich­ti­ge Zeit um auf­zu­zei­gen, dass wir gemein­sam stär­ker kämp­fen als getrennt!

Kinderpfleger:innen, Krankenhausarbeiter:innen, Müllabfuhrarbeiter:innen, die Post und vie­le mehr müs­sen auf­zei­gen, wel­che Rol­le sie in der Gesell­schaft ein­neh­men!

Folgt dem Bei­spiel der Heb­am­me Amrei, die sich mit den strei­ken­den Kita-Erzieher:innen soli­da­ri­siert:

„Soli­da­ri­tät mit den strei­ken­den Erzieher:innen und Kinderpfleger:innen!! Coro­na hat den Druck auf das Fach­per­so­nal in den Kin­der­ta­ges­ein­rich­tun­gen mas­siv erhöht.
Kämp­fen wir gemein­sam für die finan­zi­el­le Aner­ken­nung die­ser Berufs­grup­pe. Mün­chen braucht sie. Sie arbei­ten für lau in einem Kno­chen­job!“

Fuß­no­ten

1. Quel­le: Ber­tels­mann-Stif­tung
2. Quel­le:

❗Gewerk­schaf­ten kün­di­gen für Mon­tag Streiks in Kitas an❗

Ich habe es immer unter­stützt, wenn Beschäf­tig­te für bes­se­re…

Gepos­tet von Die­ter Rei­ter am Frei­tag, 25. Sep­tem­ber 2020

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