[gfp:] Die Meister der doppelten Standards (II)

Gefährliche Freiheiten

Schwe­re Vor­wür­fe gegen die fran­zö­si­schen Behör­den erhebt Amnes­ty Inter­na­tio­nal in einem ges­tern publi­zier­ten Bericht. Dem­nach gehen Poli­zei und Jus­tiz in Frank­reich unver­hält­nis­mä­ßig und unter Bruch inter­na­tio­nal gül­ti­ger Men­schen­rechts­nor­men gegen Demons­tran­ten vor, auch wenn die­se sich nichts haben zuschul­den kom­men las­sen. Amnes­ty belegt dies anhand zahl­rei­cher Vor­fäl­le im Kon­text mit den Pro­tes­ten der Gilets Jau­nes („Gelb­wes­ten“), bei denen zwi­schen dem 17. Novem­ber 2018 und dem 12. Juli 2019 min­des­tens 11.203 Men­schen in Gewahr­sam genom­men, 5.241 ange­klagt sowie 3.204 ver­ur­teilt wor­den waren. Dabei genüg­te bereits das Äußern von Kri­tik, um eine har­te Stra­fe wegen Beam­ten­be­lei­di­gung zu kas­sie­ren; wer eine Schutz­bril­le gegen das von der Poli­zei exzes­siv ein­ge­setz­te Trä­nen­gas trug, konn­te auf­grund angeb­li­cher Vor­be­rei­tung von Straf­ta­ten vor Gericht gestellt wer­den. Bereits im Mai 2019 hat­ten fran­zö­si­sche Medi­en berich­tet, wäh­rend der Pro­tes­te sei­en nach offi­zi­el­len Anga­ben 2.448 Demons­tran­ten ver­letzt wor­den; 24 von ihnen hät­ten – meist durch Gum­mi­ge­schos­se der Poli­zei – ein Auge, fünf eine Hand ver­lo­ren. Elf Men­schen sei­en, meist durch Ver­kehrs­un­fäl­le am Rand der Pro­tes­te, ums Leben gekommen.[1] Amnes­ty kon­sta­tiert: „Teil­nah­me an Pro­tes­ten im Frank­reich beinhal­tet heu­te das Risi­ko, Trä­nen­gas, Gum­mi­ge­schos­sen und ande­ren gefähr­li­chen Waf­fen aus­ge­setzt zu wer­den; eine Stra­fe zu kas­sie­ren; einen oder zwei Tage in poli­zei­li­chem Gewahr­sam zu ver­brin­gen; und vor Gericht gestellt zu wer­den, ohne Gewalt­ta­ten began­gen zu haben.“[2] Dar­aus ergä­ben sich „weit­rei­chen­de Fol­gen“ für die Ver­samm­lungs­frei­heit.

Aus dem Rollstuhl gekippt

Schar­fe Kri­tik an Poli­zei­ge­walt wird regel­mä­ßig auch in Deutsch­land laut, so zum Bei­spiel am bru­ta­len Vor­ge­hen der Repres­si­ons­be­hör­den gegen die Pro­tes­te am Ran­de des G20-Gip­fels 2017 in Ham­burg; zuletzt wur­den im Wind­schat­ten der „Black Lives Matter“-Proteste in den USA eine Rei­he gewalt­tä­ti­ger Über­grif­fe durch deut­sche Poli­zis­ten bekannt. Jüngst, am 15. August, wur­den annä­hernd 100 Teil­neh­mer einer Pro­test­de­mons­tra­ti­on gegen eine extrem rech­te Kund­ge­bung unter Ein­satz von Schlag­stö­cken und Pfef­fer­spray in einen engen Tun­nel getrie­ben und dort von bei­den Sei­ten her anein­an­der gedrängt; Betrof­fe­ne beklag­ten aku­te Atem­not. Im wei­te­ren Ver­lauf schlu­gen Beam­te auf Bewusst­lo­se ein und kipp­ten einen Roll­stuhl­fah­rer aus sei­nem Rollstuhl.[3] Amnes­ty Inter­na­tio­nal dringt mitt­ler­wei­le auf die Ein­rich­tung unab­hän­gi­ger Beschwer­de­stel­len in punc­to Polizeigewalt.[4] Ver­läss­li­che Sta­tis­ti­ken über Poli­zei­ge­walt in Deutsch­land lie­gen nicht vor. Für das Jahr 2019 zählt die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik 1.500 Fäl­le von Kör­per­ver­let­zung im Amt, von denen aller­dings nur zwei Pro­zent zu einer Ankla­ge und weni­ger als ein Pro­zent zu einer Ver­ur­tei­lung führten.[5] Eine wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung zeigt, dass ledig­lich 14 Pro­zent aller poli­zei­li­chen Über­grif­fe ange­zeigt wer­den – dies, weil die Opfer sich kei­ne Hoff­nung auf Erfolg machen. Dabei bestä­tig­ten in der erwähn­ten Unter­su­chung 71 Pro­zent der Befrag­ten, Ver­let­zun­gen erlit­ten zu haben; 19 Pro­zent nann­ten sogar schwe­re Ver­let­zun­gen, etwa Knochenbrüche.[6]

Extrem rechte Polizeinetzwerke

Im Zusam­men­hang mit – nicht sel­ten ras­sis­ti­scher – Poli­zei­ge­walt ist von Bedeu­tung, dass in den deut­schen Repres­si­ons­be­hör­den extrem rech­te Ein­stel­lun­gen sowie Netz­wer­ke ver­brei­tet sind. Seit vor rund drei Jah­ren ultra­rech­te Netz­wer­ke auf­flo­gen, an denen Poli­zis­ten und Sol­da­ten betei­ligt waren und die plan­ten, im Fall einer Kata­stro­phe oder etwa einer „Inva­si­on von Flücht­lin­gen“ miss­lie­bi­ge Poli­ti­ker und Lin­ke fest­zu­set­zen oder zu ermor­den, wer­den immer wie­der ultra­rech­te Struk­tu­ren unter Ein­schluss von Mit­ar­bei­tern der Repres­si­ons­be­hör­den bekannt. Teil­wei­se han­delt es sich um locke­re Chat­grup­pen, in denen ras­sis­ti­sche, teils NS-ver­herr­li­chen­de Bil­der zir­ku­lie­ren; teil­wei­se han­delt es sich um klan­des­ti­ne Zusam­men­schlüs­se, die Mord­dro­hun­gen an miss­lie­bi­ge Per­so­nen ver­sen­den, dar­un­ter ins­be­son­de­re Men­schen mit Migrationshintergrund.[7] Wie stark die extrem rech­ten Netz­wer­ke sind, ist nicht bekannt. Laut Unter­su­chun­gen aus den 1990er Jah­ren wei­sen bis zu 15 Pro­zent aller Poli­zis­ten extrem rech­te Ein­stel­lun­gen auf; jün­ge­re Stu­di­en lie­gen nicht vor.[8] Ein Lage­be­richt des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz ver­zeich­net für den Zeit­raum von Janu­ar 2017 bis März 2020 rund 350 „Ver­dachts­fäl­le“ in den deut­schen Repres­si­ons­be­hör­den; aller­dings han­delt es sich dabei ledig­lich um bereits ange­zeig­te Personen.[9] Dass die Zahl 350 tat­säch­lich viel zu nied­rig ist, zeigt, dass allei­ne in Nord­rhein-West­fa­len mitt­ler­wei­le von mehr als 100 extrem rech­ten Poli­zis­ten aus­ge­gan­gen wird; dabei gilt es als aus­ge­macht, auch dies nur die Spit­ze eines Eis­bergs darstellt.[10]

„Allerhöchste Standards“

Poli­zei­ge­walt, im Wes­ten ver­brei­tet und zuletzt sogar zuneh­mend, wird von der deut­schen Poli­tik regel­mä­ßig kri­ti­siert und gele­gent­lich auch zum Anlass von Sank­tio­nen genom­men – aller­dings nur dann, wenn es sich um Poli­zei­ge­walt in riva­li­sie­ren­den oder geg­ne­ri­schen Staa­ten han­delt. Im Juni etwa erklär­te Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas, die Mas­sen­pro­tes­te in den USA gegen ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt sei­en „ver­ständ­lich und mehr als legitim“.[11] Die Pro­tes­te rich­ten sich nicht zuletzt gegen die Poli­tik der Trump-Admi­nis­tra­ti­on, gegen die Ber­lin und die EU ihre eigen­stän­di­ge Welt­po­li­tik durch­zu­set­zen suchen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [12]). Maas reagier­te mit sei­ner Äuße­rung zugleich dar­auf, dass unmit­tel­bar zuvor ein Jour­na­list der regie­rungs­fi­nan­zier­ten Deut­schen Wel­le in Min­nea­po­lis von bewaff­ne­ten Poli­zis­ten zum Abbruch sei­ner Bericht­erstat­tung über die Pro­tes­te gezwun­gen wor­den war. Der Jour­na­list war schon zuvor – in siche­rer Ent­fer­nung von den Pro­tes­ten sei­ner Arbeit nach­ge­hend – durch ein Geschoss, das nahe an ihm vor­bei­pfiff, ein­ge­schüch­tert wor­den; mut­maß­lich han­del­te es sich um ein Gum­mi­ge­schoss aus einer Polizeiwaffe.[13] Maas sah sich dar­auf­hin zu der Bemer­kung ver­an­lasst, in Sachen Pres­se­frei­heit müss­ten „aller­höchs­te Stan­dards“ gel­ten. Wei­te­re Fol­gen hat­te der Vor­fall nicht: Die USA sind unbe­scha­det aller Riva­li­tä­ten zugleich auch Ver­bün­de­ter.

Sanktionen

Anders ver­hält es sich bei Pro­tes­ten etwa in Hong­kong, wo Demons­tran­ten im ver­gan­ge­nen Jahr unter ande­rem Ein­kaufs­zen­tren, U‑Bahn-Sta­tio­nen und Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de ver­wüs­te­ten und eine Rei­he von Poli­zei­wa­chen in Brand setz­ten. Vor dem Hin­ter­grund der Gewalt erklär­te Maas mit Blick auf das zuwei­len har­te Vor­ge­hen der Hong­kon­ger Poli­zei, „freie Mei­nungs­äu­ße­rung“ müs­se „auch in Zukunft gewähr­leis­tet sein“; sie dür­fe kei­nes­falls „durch über­mä­ßi­ge Gewalt­an­wen­dung ein­ge­grenzt werden“.[14] Ende Juli beschloss die EU Boy­kott­maß­nah­men: Gerä­te, die für den Ein­satz gegen Demons­tran­ten und gegen Regie­rungs­geg­ner genutzt wer­den kön­nen, dür­fen nicht mehr nach Hong­kong gelie­fert wer­den. Außen­mi­nis­ter Maas erklär­te dies zum „Zei­chen der Solidarität“.[15] Ähn­li­ches wäre gegen­über west­li­chen Staa­ten nicht vor­stell­bar. Die dop­pel­ten Stan­dards, die Ber­lin und sei­ne west­li­chen Ver­bün­de­ten sich selbst gegen­über auf der einen, gegen­über welt­po­li­ti­schen Riva­len und Geg­nern auf der ande­ren Sei­te anle­gen, hat­te bereits zuvor der FDP-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Lind­ner unfrei­wil­lig offen­ge­legt. Lind­ner twit­ter­te, als Hong­kongs Behör­den es unter­sag­ten, sich bei Pro­tes­ten zu ver­hül­len: „Das Tra­gen von Atem­schutz­mas­ken durch ein Ver­mum­mungs­ver­bot zu ver­bie­ten, ist ein wei­te­res Bei­spiel der Repres­si­on in Hong­kong“; „wir ste­hen an der Sei­te derer, die fried­lich für ihre Frei­heit auf die Stra­ße gehen.“[16] In Deutsch­land gilt ein strik­tes Ver­mum­mungs­ver­bot, beschlos­sen von einer Regie­rungs­ko­ali­ti­on mit FDP-Betei­li­gung, schon seit den 1980er Jah­ren – nimmt man Lind­ner beim Wort, nur ein wei­te­res Bei­spiel für die deut­sche Repres­si­on.

[1] Gilets jau­nes, quel bilan chif­fré 6 mois après l’ac­te 1? lejdd​.fr 17.05.2019.

[2] Amnes­ty Inter­na­tio­nal: Arres­ted for Pro­test. Wea­po­nizing the Law to Crack­down on Peace­ful Pro­tes­ters in Fran­ce. Lon­don, Sep­tem­ber 2020.

[3] Anett Sel­le: Blut und Panik im Tun­nel. taz​.de 18.08.2020.

[4] Amnes­ty: Gesell­schaft erwar­tet anti­ras­sis­ti­sche Poli­zei. miga​zin​.de 10.09.2020.

[5] Chris­ti­an Jakob: Guter Bul­le, böser Bul­le? taz​.de 22.08.2020.

[6] Zwi­schen­be­richt im For­schungs­pro­jekt zu rechts­wid­ri­ger Poli­zei­ge­walt. news​.rub​.de 17.09.2020.

[7] Sebas­ti­an Wehr­hahn, Mar­ti­na Ren­ner: Schat­ten­ar­mee oder Ein­zel­fäl­le? Rech­te Struk­tu­ren in den Sicher­heits­be­hör­den. cil​ip​.de 27.11.2019.

[8] Rechts­ex­tre­me bei der Poli­zei: Exper­ten for­dern „Blick von außen“. wdr​.de 17.09.2020.

[9] Mar­tin Lutz: Gut 350 Ver­dachts­fäl­le auf Rechts­ex­tre­mis­mus in Sicher­heits­be­hör­den. welt​.de 27.09.2020.

[10] Kon­rad Litsch­ko: „Das Ende noch nicht erreicht“. taz​.de 24.09.2020.

[11] Mari­na Kor­m­baki: Maas äußert Ver­ständ­nis für Pro­tes­te – Kri­tik an Trump von CDU und Grü­nen. rnd​.de 02.06.2020.

[12] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Kon­flik­te und Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen.

[13] Min­nea­po­lis: DW in der Schuss­li­nie der Poli­zei. dw​.com 02.06.2020.

[14] Maas legt Hong­kong-Rei­sen­den Ver­schie­bung nahe. dw​.com 14.08.2020.

[15] Damir Fras: Hong­kong-Kri­se: Die EU einigt sich nur auf Reak­tio­nen. rnd​.de 29.07.2020.

[16] S. dazu Die Meis­ter der dop­pel­ten Stan­dards.

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