[KgK:] Krankenhausstreik in München: „Wir erleben jeden Tag die Realität eines total profitorientierten Gesundheitssystems“

Rund 200 Beschäf­tig­te der fünf Stand­or­te der Mün­chen Kli­nik fan­den sich heu­te Mor­gen vor dem Kli­ni­kum Schwa­bing zur Streik­kund­ge­bung ein. Sie lie­ßen sich ihre kämp­fe­ri­sche Stim­mung weder von mie­sem Wet­ter trü­ben noch von der Neu­ig­keit, dass der Cate­ring­fir­ma Kaf­fee und Brezn hin­un­ter­ge­fal­len waren und die Stär­kung des­halb aus­blieb.

Nach­dem in der zwei­ten Ver­hand­lungs­run­de zwi­schen der Gewerk­schaft ver.di und der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bän­de (VKA) kein Ergeb­nis erzielt wur­de, blie­ben heu­te an allen Stand­or­ten der Mün­chen Kli­nik OP-Säle und zum Teil gan­ze Sta­tio­nen geschlos­sen. Auch wenn ver.di noch längst nicht mit vol­ler Kraft mobi­li­siert hat, schien zumin­dest die Kli­nik­lei­tung in Schwa­bing gereizt zu sein. Ein ver.di-Banner über dem Haupt­ein­gang lie­ßen zwei Ange­stell­te wäh­rend der Kund­ge­bung ver­schwin­den. Nach­dem sie dafür wüten­de Rufe und Pfif­fe von den Strei­ken­den kas­siert hat­ten, blieb das zwei­te Ban­ner direkt dane­ben dann aber hän­gen.

Gleich zu Beginn der Kund­ge­bung hat­te Nata­scha Koh­nen von der SPD eine beson­de­re Begrü­ßung bekom­men. Die Lan­des­vor­sit­zen­de der Bay­ern-SPD hat­te sich am Rand der Kund­ge­bung pos­tiert und muss­te sich unter Buh­ru­fen der Strei­ken­den die Fra­ge anhö­ren, ob sie nicht ein­mal mit Münch­ner SPD-Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter ein Gespräch füh­ren wol­le. Die­ser hat­te vor weni­gen Tagen gegen den Streik gepö­belt und ihn als ver­ant­wor­tungs­los bezeich­net.

Die unmit­tel­ba­ren For­de­run­gen der Tarif­run­de u.a. nach mehr Lohn tra­ten eher in den Hin­ter­grund. Gro­ße Zustim­mung aus dem Publi­kum beka­men die Redner:innen beson­ders dann, wenn sie nicht nur die gefor­der­ten 4,8 Pro­zent mehr Lohn anspra­chen, son­dern die Kri­tik direkt gegen die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen im Gesund­heits­we­sen rich­te­ten. Das aku­te Pro­blem Per­so­nal­man­gel illus­trier­te einer der Red­ner, Chris­ti­an, ein­drück­lich: „Ich habe schon wäh­rend der Aus­bil­dung schnell gelernt: Wäh­rend ich mich um einen Pati­en­ten küm­me­re, muss ein ande­rer war­ten, viel­leicht sogar lei­den.“

Eine Soli­da­ri­täts­bot­schaft rich­te­te Hele­ne von Kri­ti­sche Medi­zin Mün­chen, eine Grup­pe von Medi­zin­stu­die­ren­den, an die Kolleg:innen. Ihre For­de­rung, dass sie als ange­hen­de Ärzt:innen „gemein­sam und auf Augen­hö­he mit den Pfle­gen­den“ arbei­ten woll­ten, quit­tier­ten die Strei­ken­den mit kräf­ti­gem Zwi­schen­ap­plaus. Eine wei­te­re Gruß­bot­schaft über­brach­te Ger­hard Schwarz­kopf für den Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärz­tin­nen und Ärz­te.

Als Kol­le­gin aus dem Kli­ni­kum Neu­per­lach sprach Char­lot­te. Sie klag­te die schlech­te Behand­lung der Kran­ken­haus­be­schäf­tig­ten an, obwohl sie seit Mona­ten an vor­ders­ter Front gegen die Pan­de­mie kämp­fen. Dafür hät­ten vie­le, auch sie als Heb­am­men, noch nicht ein­mal das klei­ne Trost­pflas­ter in Form des Coro­na-Pfle­ge­bo­nus erhal­ten. Wie ande­re Redner:innen vor ihr kri­ti­sier­te auch sie die Pro­fit­ori­en­tie­rung des Gesund­heits­we­sens scharf: „Wir erle­ben jeden Tag die Rea­li­tät von einem Gesund­heits­sys­tem, das total pro­fit­ori­en­tiert ist und ver­sucht mit Gesund­heits­ver­sor­gung Geld zu machen. Das geschieht zu unse­rem Scha­den und zu dem von unse­ren Patient:innen.“ Sie war jedoch die ein­zi­ge an die­sem Tag, die auf die damit ver­bun­de­ne Unter­drü­ckung von Frau­en und Migrant:innen auf­merk­sam mach­te. Gera­de Letz­te­re sei­en es, die in den pre­kärs­ten Berei­chen zu extrem unsi­che­ren Bedin­gun­gen beschäf­tigt sind. Als Per­spek­ti­ve dage­gen erhob sie die For­de­rung nach einem Ende der Spal­tung durch unter­schied­li­che Tari­fe und Out­sour­cing in den Kran­ken­häu­sern.

Sie ord­ne­te die Streiks des öffent­li­chen Diens­tes auch in einen grö­ße­ren poli­ti­schen Kon­text ein und for­der­te einen Kampf­plan von den Gewerk­schaf­ten, um gegen Ent­las­sun­gen, Betriebs­schlie­ßun­gen in der Indus­trie und gegen das pro­fit­ori­en­tier­te Gesund­heits­we­sen zu kämp­fen. Gro­ßen Applaus bekam sie beson­ders für den Abschluss ihrer Rede: „Damit nicht wir die Kri­se bezah­len, die wir eh schon schlech­te Bedin­gun­gen haben, son­dern die mit den vol­len Taschen!“

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Char­lot­te Ruga: „Wir brau­chen einen Kampf­plan, damit nicht wir die Kri­se bezah­len, son­dern die mit den vol­len Taschen!““]

[Video] Char­lot­te Ruga: „Wir brau­chen einen Kampf­plan, damit nicht wir die Kri­se bezah­len, son­dern die mit den vol­len Taschen!“

Im Streik befan­den sich heu­te eben­falls Beschäf­tig­te der Stadt­wer­ke, der Stadt­bi­blio­thek, des Bau- und des Sozi­al­re­fe­rats und auch der städ­ti­schen Kin­der­be­treu­ungs­stät­ten – gegen Letz­te­re hat­te OB Rei­ter beson­ders geschos­sen. Ins­ge­samt waren rund 1.500 Beschäf­tig­te auf der Stra­ße, min­des­tens 30 Kitas blie­ben nach Anga­ben des städ­ti­schen Bil­dungs­re­fe­rats heu­te geschlos­sen. Da es jedoch kei­ne gemein­sa­men Ver­samm­lun­gen gab, kam es zu kei­nem Aus­tausch der Beschäf­tig­ten der ver­schie­de­nen Betrie­be. Die­ses Man­ko griff auch Char­lot­te in ihrer Rede auf. Sie for­der­te Ver­samm­lun­gen und eine akti­ve Orga­ni­sie­rung mit dem Ziel auf Streiks, die den Lei­tun­gen wirk­lich weh­tun.

Ver.di-Sekretär Max Kad­ach beton­te zum Abschluss, dass die­ser Streik­tag noch nicht das Ende gewe­sen sei. Die Beschäf­tig­ten soll­ten den ver.di-Apparat hier beim Wort neh­men und wei­ter dafür kämp­fen, dass alle For­de­run­gen durch­ge­setzt wer­den. Mor­gen füh­ren erst ein­mal die Beschäf­ti­gen der Münch­ner Ver­kehrs­be­trie­be den Streik fort. Bis min­des­tens 18 Uhr wird mor­gen kei­ne U‑Bahn unter­wegs sein.

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