[LCM:] Bergkarabach-Konflikt: Kriegstreiber Türkei

In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 27. Sep­tem­bers hat die aser­bai­dscha­ni­sche Armee die arme­nisch kon­trol­lier­te Regi­on Kara­bach mit Artil­le­rie und Bom­ben ange­grif­fen. Arme­ni­en hat den Kriegs­zu­stand aus­ge­ru­fen und eine Gene­ral­mo­bil­ma­chung ange­kün­digt. Ein nicht unwe­sent­li­cher Grund für das Auf­flam­men die­ses Jahr­zehn­te andau­ern­den Kon­flikts ist die neo-osma­ni­sche Groß­macht­po­li­tik der Tür­kei.

In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 27. Sep­tem­ber griff die aser­bai­dscha­ni­sche Armee mit schwe­rer Artil­le­rie und Bom­ben­an­grif­fen die arme­nisch kon­trol­lier­te Regi­on Kara­bach an. Arme­ni­en rief infol­ge des­sen den Kriegs­zu­stand ausund kün­dig­te eine Gene­ral­mo­bil­ma­chung an. Die Erin­ne­rung an den Krieg zwi­schen 1988–1994, in dem 30.000 bis 50.000 Men­schen star­ben und Arme­ni­en nicht nur Kara­bach selbst, son­dern auch eini­ge umlie­gen­de Pro­vin­zen unter sei­ne Kon­trol­le brach­te, ist frisch

Arme­ni­en und Aser­bai­dschan wur­den Anfang der 1920er Teil der neu geschaf­fe­nen Sowjet­uni­on und es war kein gerin­ge­rer als Josef Sta­lin, der 1921 das Gebiet Kara­bach der Aser­bai­dscha­ni­schen Uni­ons­re­pu­blik zuteil­te, obwohl zu dem Zeit­punkt über 90 Pro­zent der Bewohner*innen Armenier*innen waren. Infol­ge des Zer­falls der UdSSR ab dem Ende der 1980er Jah­re kam es auch in Kara­bach zu einer Unab­hän­gig­keits­be­we­gung. Bei einem Volks­ent­scheid 1991 sprach sich eine Mehr­heit für eine Unab­hän­gig­keit von Aser­bai­dschan aus.. Da Baku die­sen Ent­scheid igno­rier­te, inten­si­vier­te sich der Krieg um das Gebiet, das die Armenier*innen Arzach nen­nen, ehe am 12. Mai 1994 ein brü­chi­ges Waf­fen­still­stands­ab­kom­men unter­zeich­net wur­de.

Seit­dem gibt es immer wie­der Schar­müt­zel an der Gren­ze, wobei im April 2016 Aser­bai­dschan einen grö­ße­ren Anlauf tätig­te, das Gebiet zurück­zu­er­obern. Der Angriff wur­de sei­tens Arme­ni­ens zurück­ge­schla­gen, aber inner­halb von nur vier Tagen gab es über 200 Tote. Arme­ni­en und Aser­bai­dschan pfle­gen bis heu­te kei­ne diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen, die Gren­zen unter­ein­an­der sind geschlos­sen.

Die Tür­kei sti­li­siert sich dabei als Schutz­macht Aser­bai­dschans und hält die Gren­ze zu Arme­ni­en eben­falls geschlos­sen. Arme­ni­en selbst zählt Russ­land zu sei­nen engs­ten Ver­bün­de­ten. Mos­kau hat in Arme­ni­en sogar einen eige­nen Mili­tär­stütz­punkt und gro­ßen Ein­fluss auf die arme­ni­sche Wirt­schaft, beson­ders im Ener­gie­sek­tor mit dem teil­staat­li­chen Kon­zern Gaz­prom. In gewis­ser Wei­se ist der Kon­flikt auch ein Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen Mos­kau und Anka­ra. Der rus­si­sche Außen­mi­nis­ter Ser­gej Law­row führt mit bei­den Sei­ten inten­si­ve Gesprä­che und for­der­te zur Ein­hal­tung des Waf­fen­still­stands auf, wäh­rend die tür­ki­sche Regie­rung ein­mal mehr ver­si­cher­te, fest an der Sei­te Aser­bai­dschans zu ste­hen.

Kriegs­trei­be­rin Tür­kei

Eine der Ursa­chen für das Wie­der­auf­flam­men des Krie­ges sind der innen­po­li­ti­schen Schwä­che des Erdo­gan-Regimes geschul­det. Geschwächt von dem Nie­der­gang der hei­mi­schen Wirt­schaft, reagiert die tür­ki­sche Regie­rung nach außen hin immer aggres­si­ver und heizt seit Wochen den Kon­flikt immer wei­ter an. Als es im Juli die­ses Jah­res zu mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der nord­ar­me­ni­schen Pro­vinz Tavush kam, gab es beson­ders schril­le bel­li­zis­ti­sche Töne sei­tens des tür­ki­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters, Hulu­si Akar: “Arme­ni­en wird unter sei­ner eige­nen Ver­schwö­rung begra­ben wer­den, dar­in ertrin­ken und für sei­ne Taten auf jeden Fall bezah­len”.

Die­se Inter­ven­ti­on der Tür­kei im Nach­bar­land ist nichts Neu­es. Schon die Regie­rung unter Tur­gut Özal (1989 ‑1993) spe­ku­lier­te öffent­lich, an der Sei­te Aser­bai­dschans zu inter­ve­nie­ren und Arme­ni­en zu bom­bar­die­ren. Mit­ten im Krieg 1993 droh­te er offen damit,“für den Fall, dass Arme­ni­en die Lek­ti­on von 1915 nicht ver­stan­den” hät­te – eine unmiß­ver­ständ­li­che Anspie­lung auf den von der dama­li­gen jung­tür­ki­schen Regie­rung ver­üb­ten Geno­zid, dem Schät­zun­gen zufol­ge mehr als 1,5 Mil­lio­nen Men­schen zu Tode kamen, haupt­säch­lich Armenier*innen, aber auch Assyrer*innen und Mit­glie­der ande­rer christ­li­cher Min­der­hei­ten. Heu­te ist es Reçep Tayy­ip Erdo­gan, der bei der jüngs­ten kurz­zei­ti­gen mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­on zwi­schen Arme­ni­en und Aser­bai­dschan im Juli 2020 offen mit wei­te­ren Mas­sen­mor­den droh­te: “Wir wer­den die Mis­si­on fort­füh­ren, die unse­re Groß­vä­ter seit Jahr­hun­der­ten im Kau­ka­sus ange­führt haben.”

Wie Erdo­gan sich die“Fortführung der Mis­si­on” vor­stellt, kann mensch dar­in sehen, dass er am 25. Sep­tem­ber rund 1000 dschi­ha­dis­ti­sche Kämp­fer nach Baku schick­te, die fort­an gegen Arme­ni­en kämp­fen.. Dass die Tür­kei isla­mis­ti­sche Söld­ner ein­setzt ist dabei weder neu, noch überraschend:Der kur­di­sche YPG-Kämp­fer Azad Cudi­be­schreibt bei­spiels­wei­se in senem Buch wie er in Kobanê die Her­kunft der ver­stor­be­nen IS-Kämp­fer recher­chier­te. Er stell­te fest, dass nicht weni­ge der dschi­ha­dis­ti­schen Mör­der gar kei­ne Syrer oder Ira­ker waren, son­dern aus­län­di­sche Söld­ner aus Tsche­tsche­ni­en oder Turk­me­ni­stan. Die glei­che Erfah­rung mach­te 20 Jah­re vor­her schon Mon­te Mel­ko­ni­an, als er im Krieg zwi­schen Arme­ni­en und Aser­bai­dschan die Päs­se der getö­te­ten Kämp­fer auf­sei­ten Bakus unter­such­te: Vie­le kamen aus der Tür­kei, aus Tsche­tsche­ni­en oder Turk­me­ni­stan. Sie waren bezahl­te Söld­ner, unter ande­rem Graue Wöl­fe, deren Kämp­fer von der tür­ki­schen Regie­rung nach Kara­bach geschickt wur­den, um Armenier*innen zu ermor­den und ihrer­seits den Geno­zid von 1915 fort­zu­set­zen.

Azer­bai­dschan inten­si­viert die Angrif­fe

Wäh­rend der aser­bai­dscha­ni­sche Angriff auf Tavush im Juli die­ses Jah­res eher unko­or­di­niert und schlecht vor­be­rei­tet war, gab es seit­dem gemein­sa­me Mili­tär­übun­gen mit der Tür­kei in der aser­bai­dscha­ni­schen Exkla­ve Nachit­sche­wan, die an Arme­ni­en, die Tür­kei und den Iran grenzt, aber nicht an Aser­bai­dschan. In die­ser Auto­no­men Repu­blik Nachit­sche­wan hat die Tür­kei einen Mili­tär­stütz­punkt auf­ge­baut. Es gibt kei­ne Zwei­fel dar­an, dass der jet­zi­ge Angriff bes­ser vor­be­rei­tet ist und groß­flä­chi­ger aus­ge­führt wird. Über Wochen hin­weg wur­de Aser­bai­dschan von der tür­ki­schen, aber auch der israe­li­schen Regie­rung mas­siv hoch­ge­rüs­tet, sodass es nur eine Fra­ge der Zeit war, wann es zu die­sem Angriff kom­men wür­de.. Die Tür­kei ver­sucht mit Aser­bai­dschan eine pan­tur­kis­ti­sche Alli­anz auf­zu­bau­en und es ist kein Zufall, dass Erdo­gan auf die­se Kar­te setzt. Da die mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung Aser­bai­dschans zu 85 Pro­zent schii­tisch ist, passt das eigent­lich­nicht in das Bild des sun­ni­ti­schen Isla­mis­ten Erdo­gan. Aber es passt ins Bild der natio­na­lis­tisch-kema­lis­ti­schen CHP, deren Vor­sit­zen­der Muhar­rem Ince sag­te: “Mein Herz, mei­ne See­le, mei­ne Gebe­te sind bei Aser­bai­dschan und ver­ur­tei­len die Aggres­si­on Arme­ni­ens, die die Sta­bi­li­tät der Regi­on bedroht.” Das sind fast die glei­chen Wor­te, die auch Erdo­gan benutz­te. Es zeigt sich, dass die bür­ger­li­chen Par­tei­en in der Tür­kei fel­sen­fest zu jeg­li­cher Kriegs­hand­lung Erdo­gans ste­hen — in den Fäl­len der Angrif­fe auf Roja­va war das schließ­lich nicht anders.

Die Reak­ti­on Arme­ni­ens mit der Gene­ral­mo­bil­ma­chung, sowie der Aus­ru­fung des Kriegs­rechts deu­tet dar­auf hin, dass ein lang­an­hal­ten­der Krieg zumin­dest nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Die auf­kom­men­de patrio­ti­sche Stim­mung soll sicher­lich auch innen­po­li­ti­schen Zwe­cken die­nen. Der Krieg um Arzach ist ein Teil der natio­na­len arme­ni­schen Iden­ti­tät und gehört zum Grün­dungs­my­thos der jun­gen Repu­blik. Auf der ande­ren Sei­te leben in Aser­bai­dschan mehr als 700.000 Ver­trie­be­ne des Krie­ges, die seit Jah­ren vom Prä­si­den­ten Ilham Ali­y­ev nichts ande­res hören, als dass es nur eine Fra­ge der Zeit sei, wann Kara­bach “befreit” wer­den wür­de. Ali­y­evs Erklä­run­gen waren dem­entspre­chend auch wenig über­ra­schend oder neu: “Die aser­bai­dscha­ni­sche Armee führt gegen­wär­tig Schlä­ge gegen die mili­tä­ri­schen Stel­lun­gen des Geg­ners aus.“ In meh­re­ren Städ­ten wur­de zudem eine Aus­gangs­sper­re ver­hängt.

Es ist eher eine Tat der Ver­zweif­lung, dass der eigent­lich säku­lar ein­ge­stell­te aser­bai­dscha­ni­sche Dik­ta­tor nun isla­mis­ti­sche Söld­ner braucht, um sei­nen Krieg zu füh­ren und von den innen­po­li­ti­schen Pro­ble­me abzu­len­ken: Ilham Ali­y­ev, der 2003 das Amt von sei­nem Vater Heydar Ali­y­ev über­nom­men hat­te, ist alles ande­re als beliebt im Land und geht scho­nungs­los gegen jeg­li­che Oppo­si­ti­on vor. Das Land, das enorm vom Ölex­port abhän­gig ist, macht eine tie­fe wirt­schaft­li­che Kri­se durch, wes­we­gen die­ser Angriff wie das Aus­spie­len der letz­ten Kar­te eines in die Ecke gedräng­ten Dik­ta­tors erscheint. Mit Erdo­gan hat er dabei einen fähi­gen und wil­li­gen Unter­stüt­zer.

# Titel­bild: Arme­ni­an Minis­try of Defence, Beschuss von Azer­bai­dscha­ni­schem Kriegs­ge­rät

Der Bei­trag Berg­ka­ra­bach-Kon­flikt: Kriegs­trei­ber Tür­kei erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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