[Freiheitsliebe:] Der kann nicht alles tragen

Ob Mar­ken­hemd oder afgha­ni­sche Tracht: Unser Autor (flu​ter​.de) wird für sei­ne Kla­mot­ten ver­ur­teilt. Über die tex­ti­len Schwie­rig­kei­ten als mus­li­mi­scher Mann.

Von Emran Fer­oz; Foto auf Insta­gram von Patrick Jun­ker

Ich spa­zie­re durch Inns­bruck, mei­ne öster­rei­chi­sche Geburts­stadt im Her­zen der Tiro­ler Alpen. „Fescher Mann, aber woher das Geld“, mur­melt eine älte­re Dame vor sich hin. Ein Mann starrt mich ver­ächt­lich an. Ich gehe wei­ter. Dass ich auf­grund mei­nes Äuße­ren Dis­kri­mi­nie­rung erle­be, ist nichts Neu­es. Ich bin fast einen Meter neun­zig groß, schwarz­haa­rig und voll­bär­tig. Kein ganz klas­si­scher Öster­rei­cher. Für vie­le Men­schen steht prak­tisch auf mei­ner Stirn geschrie­ben, dass ich einen mus­li­mi­schen Hin­ter­grund haben muss, und dar­aus zie­hen sie ihre Schlüs­se. So weit, so all­tags­ras­sis­tisch. Mein Bart, mei­ne Haa­re sowie Haut- und Augen­far­be blei­ben stets gleich. Was sich aber ändert, ist mei­ne Klei­dung – und die stellt mich als mus­li­misch gele­se­nen* Mann immer wie­der vor Pro­ble­me.

Ich ach­te auf mei­nen Klei­dungs­stil. Ger­ne tra­ge ich einen Man­tel, mei­nen Lieb­lings­pull­over, ele­gan­te Stie­fel und irgend­ei­ne Jeans. Ob Mar­ken­kla­mot­ten oder No-Name-Brands ist mir dabei meis­tens egal. Es muss pas­sen, hal­ten und gut aus­se­hen. Doch eini­ge Men­schen sehen in mei­ner Klei­dung mehr, als mir lieb ist. Ein gut ange­zo­ge­ner, mus­li­misch gele­se­ner* Mann ist für Tei­le der wei­ßen Mehr­heits­ge­sell­schaft ein Affront oder zumin­dest eine Irri­ta­ti­on. Das ist nicht nur im erz­kon­ser­va­ti­ven Inns­bruck der Fall, son­dern auch in Ber­lin oder Stutt­gart, wo ich zur­zeit lebe. Im Grun­de genom­men ist es ähn­lich wie mit einem schi­cken Sport­wa­gen. „Wie kann sich der denn so etwas leis­ten? Der ist doch gera­de erst aus Syri­en oder Afgha­ni­stan in unser Land gekom­men“, sagen man­che über mich.

„Formell und schick? Da kann etwas nicht stimmen. In Turnschuhen und Jogginghose? Muslimische Sozialschmarotzer!“

Nicht nur mir, son­dern auch vie­len Geflüch­te­ten, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nach Deutsch­land oder Öster­reich gekom­men sind, ist ihr Erschei­nungs­bild wich­tig. Sie wol­len gut und gepflegt aus­se­hen und das auch zei­gen: einer­seits den Men­schen in der neu­en Hei­mat, von denen sie ohne­hin oft kri­tisch beäugt wer­den; ande­rer­seits den Ver­wand­ten im fer­nen Aus­land. Immer­hin hat es nicht jeder nach Euro­pa geschafft.

*Wenn Men­schen ande­re Men­schen „mus­li­misch“ lesen, ist damit gemeint, dass sie von Aus­se­hen oder sons­ti­gen äuße­ren Merk­ma­len (z.B. Klei­dung) auf eine eth­ni­sche oder reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit schlie­ßen – egal ob das stimmt oder nicht.

Doch egal, was man als mus­li­misch gele­se­ner Mann anzieht, stän­dig wird man abge­stem­pelt. For­mell und schick? Da kann etwas nicht stim­men. Locker, leger und in Jog­ging­ho­se? Arbeits­lo­ser Sozi­al­schma­rot­zer! In Deutsch­land berich­ten rund die Hälf­te der Men­schen mit sicht­ba­rem Migra­ti­ons­hin­ter­grund von Dis­kri­mi­nie­run­gen. Das ergab eine Stu­die des Sach­ver­stän­di­gen­rats deut­scher Stif­tun­gen für Inte­gra­ti­on und Migra­ti­on 2018. Beson­ders betrof­fen sind dem­nach Mus­li­min­nen und Tür­kin­nen. Kein Wun­der: Zur erwähn­ten Sicht­bar­keit gehört eben auch die Klei­dung, in ihrem Fall: das Kopf­tuch.

Zuge­ge­ben, es pas­siert nicht oft, aber manch­mal lege ich mir mei­ne afgha­ni­sche Tracht, den Peran Tum­ban (wort­wört­lich über­setzt: Kleid und Plu­der­ho­se), an. Wäh­rend eth­nic clothes in Metro­po­len wie Lon­don oder New York zum All­tag gehö­ren und Sikhs und Mus­li­me sogar ihre reli­giö­sen Kopf­be­de­ckun­gen wäh­rend des Poli­zei­diens­tes tra­gen dür­fen, sind der­ar­ti­ge Sze­nen in Deutsch­land eine Aus­nah­me und teil­wei­se sogar gesetz­lich ver­bo­ten. Ich tra­ge Peran Tum­ban nur zu beson­de­ren Anläs­sen, zu reli­giö­sen Fei­er­ta­gen, Hoch­zei­ten oder Volks­fes­ten. Meist trägt man dazu eine Wes­te und San­da­len. Wer es auf die Spit­ze trei­ben will, setzt sich noch einen Pakol-Hut oder einen Tur­ban auf.

In Kabul käme der Peran Tumban auch nicht besser an

Natür­lich gibt es vie­le Men­schen, die solch eine Klei­dung schön fin­den. Aller­dings nur in einem gewis­sen Maße: Wer es mit Plu­der­ho­se und Tur­ban über­treibt, gilt als nicht inte­griert. Das oft­mals wei­ße Gegen­über hat sich schon längst sein eige­nes Bild gemacht, bevor man über­haupt den Mund auf­macht: Par­al­lel­ge­sell­schaft, reli­giö­ser Extre­mis­mus, Tali­ban. Es gab Situa­tio­nen, in denen ich mit mei­nem Peran Tum­ban Super­märk­te und Tank­stel­len betrat und nicht nur skep­tisch, son­dern auch feind­se­lig ange­starrt wur­de – bis ich den Mund auf­mach­te und man mein akzent­frei­es Deutsch hören konn­te. Abge­se­hen vom Äuße­ren ist die Spra­che ein wich­ti­ger Aspekt, der zu Dis­kri­mi­nie­rung und ras­sis­ti­schem Ver­hal­ten füh­ren kann. Wer akzent­frei spricht oder gar einen loka­len Dia­lekt wie ich, hat meist weni­ger zu befürch­ten als jene, die das nicht tun.


„Wie kann sich der sowas leis­ten?“ Das hört unser Autor manch­mal, wenn er mit Hemd durch die Stra­ßen läuft …

… trägt er Peran Tum­ban, wird ihm hin­ge­gen man­geln­der Inte­gra­ti­ons­wil­le unter­stellt.


Iro­ni­scher­wei­se könn­te ich auch in Kabul den Peran Tum­ban nicht tra­gen, ohne anzu­ecken. Dort hat es Tra­di­ti­on, dass sich urba­ne Eli­ten durch ihre Klei­dung vom „ein­fa­chen Volk“ abgren­zen. In den 1970er-Jah­ren trug mein Vater in Kabul aus­schließ­lich west­li­che Klei­dung. Auch heu­te noch ver­su­chen vie­le jun­ge Afgha­nen, sich durch west­li­che Mode „auf­zu­wer­ten“. In vie­len post­ko­lo­nia­len Staa­ten ist das so. Die Wur­zel des Gan­zen sitzt tief: In den 1920er-Jah­ren ver­such­te der afgha­ni­sche König Ama­nul­lah Khan das Land zu moder­ni­sie­ren, indem er der Bevöl­ke­rung nach sei­nen Rei­sen in Euro­pa unter ande­rem west­li­che Klei­dung auf­zwang. Wer Peran Tum­ban trug, galt als rück­stän­dig. Bei poli­ti­schen Ver­samm­lun­gen muss­ten alle Teil­neh­mer ihre afgha­ni­sche Tracht able­gen. Statt­des­sen ord­ne­te der König Anzug und Kra­wat­te an. Das Gan­ze nahm kein gutes Ende für Ama­nul­lah Khan. Er wur­de gestürzt und ver­jagt.

Was der König nicht ver­stan­den hat­te und vie­le bis heu­te nicht ein­se­hen wol­len: Pro­gres­si­vi­tät hat wenig bis gar nichts mit dem Klei­dungs­stil von Men­schen zu tun. Afgha­ni­sche Trach­ten bedeu­ten nicht auto­ma­tisch, dass ihr Trä­ger rück­stän­dig ist. Genau­so wenig ste­hen west­li­che Mode­er­schei­nun­gen für die ein­zig wah­re, moder­ne und auf­ge­klär­te Erleuch­tung. Doch solan­ge der­ar­ti­ge Kon­struk­te in den Köp­fen vie­ler Men­schen bestehen blei­ben, wer­de ich wohl wei­ter vor mei­nem Klei­der­schrank ver­zwei­feln.

Die­ser Text von Emran Fer­oz wur­de zuerst auf flu­ter. ver­öf­fent­licht (unter der Lizenz CC-BY-NC-ND‑4.0‑DE). Wir dan­ken Emran und flu­ter. viel­mals für das Recht zur Über­nah­me.

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