[gfp:] Deutschland im Indo-Pazifik (III)

Hochgesteckte Ziele

Die Bestre­bun­gen der Bun­des­re­gie­rung, ihre Bezie­hun­gen zu Indi­en als poten­zi­el­lem asia­ti­schen Gegen­ge­wicht zu Chi­na sys­te­ma­tisch zu stär­ken, rei­chen mitt­ler­wei­le mehr als zwei Jahr­zehn­te zurück. Bereits im Mai 2000 ver­ein­bar­ten Ber­lin und New Delhi eine „Agen­da für die Deutsch-Indi­sche Part­ner­schaft im 21. Jahr­hun­dert“, die, wie es im Aus­wär­ti­gen Amt heißt, „seit­her durch wei­te­re gemein­sa­me Erklä­run­gen fort­ge­schrie­ben wurde“.[1] Her­aus­ge­ho­be­ne Bedeu­tung besit­zen die Deutsch-Indi­schen Regie­rungs­kon­sul­ta­tio­nen, die seit 2011 alle zwei Jah­re abge­hal­ten wer­den, zuletzt Anfang Novem­ber 2019. Beson­de­res Augen­merk gilt seit je der Wirt­schafts­ko­ope­ra­ti­on: Bereits Mit­te der 2000er Jah­re etwa reis­ten die Wirt­schafts­mi­nis­ter des Bun­des und eini­ger Län­der in kur­zer Fol­ge nach Indi­en, um dem Aus­bau der Geschäf­te Schwung zu verleihen.[2] 2007 nahm ergän­zend die EU Gesprä­che über ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit dem süd­asia­ti­schen Land auf; nicht zuletzt deut­sche Expor­teu­re erhoff­ten sich davon einen Durch­bruch auf dem rie­si­gen indi­schen Absatz­markt.

Bescheidene Erfolge

Die Erfol­ge der deutsch-euro­päi­schen Bemü­hun­gen sind bis­lang aller­dings eher beschei­den. Nah­men die deut­schen Aus­fuh­ren nach Chi­na, die im Jahr 2000 noch bei rund 9 Mil­li­ar­den Euro gele­gen hat­ten, bis 2019 auf fast 96 Mil­li­ar­den Euro zu, so stie­gen die Aus­fuh­ren nach Indi­en im sel­ben Zeit­raum von rund 2 Mil­li­ar­den Euro ledig­lich auf knapp 12 Mil­li­ar­den Euro; dabei gin­gen sie zuletzt sogar zurück (2018 waren es 12,5 Mil­li­ar­den Euro). Ähn­lich ver­hält es sich mit den deut­schen Inves­ti­tio­nen: Im Jahr 2018 hat­ten deut­sche Unter­neh­men um die 90 Mil­li­ar­den Euro direkt oder indi­rekt in Chi­na inklu­si­ve Hong­kong inves­tiert, ledig­lich 17 Mil­li­ar­den Euro dage­gen in Indi­en. Auf EU-Ebe­ne sieht es ähn­lich aus: Der Waren­han­del der Uni­on wird heu­te zu 15,2 Pro­zent mit den USA und zu 13,8 Pro­zent mit Chi­na abge­wi­ckelt, nur zu 1,9 Pro­zent jedoch mit Indi­en. Die Ver­hand­lun­gen über das Frei­han­dels­ab­kom­men wur­den 2013 aus­ge­setzt; es hieß, man habe all­zu unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen davon. Ber­lin und Brüs­sel sind auch wei­ter­hin um eine Eini­gung bemüht; EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en erklär­te beim jüngs­ten EU-Indi­en-Gip­fel Mit­te Juli: „Wir wol­len ein ehr­gei­zi­ges Han­dels­ab­kom­men.“ Ergeb­nis­se blei­ben frei­lich aus; so wird unter Beru­fung auf EU-Stel­len berich­tet, seit 2013 habe es kei­ner­lei Annä­he­rung gegeben.[3]

Schlechte Bedingungen

Ein erneu­ter Ver­such, die Han­dels­be­zie­hun­gen zu inten­si­vie­ren, ist gegen­wär­tig im Gang. Anlass sind vor allem die US-Straf­zöl­le und ‑Sank­tio­nen gegen Chi­na, die unter ande­rem dar­auf abzie­len, Zulie­fe­rer und Stand­or­te west­li­cher Kon­zer­ne zum Weg­zug aus der Volks­re­pu­blik zu nöti­gen und zur Nie­der­las­sung in pro­west­lich ori­en­tier­ten Län­dern zu bewegen.[4] Zu Jah­res­be­ginn, als die Wirt­schaft in Chi­na durch die Covid-19-Pan­de­mie in den Still­stand gezwun­gen wur­de, insis­tier­ten inter­es­sier­te Krei­se ergän­zend, der chi­ne­si­sche Shut­down bestä­ti­ge, dass man sich von der Volks­re­pu­blik unab­hän­gig machen müs­se. Da Indi­en inzwi­schen deut­lich här­ter von der Pan­de­mie getrof­fen wird als Chi­na, greift die­ses Argu­ment frei­lich nicht mehr. Zugleich bleibt bis­lang die ersehn­te, groß ange­leg­te Ver­la­ge­rung von Fir­men aus Chi­na nach Indi­en aus.[5] Ursa­che ist, dass die Rah­men­be­din­gun­gen in Indi­en in Unter­neh­mens­krei­sen als nicht beson­ders güns­tig gel­ten: Die indi­sche Büro­kra­tie gilt als lang­sam, inef­fi­zi­ent und unzu­ver­läs­sig; die Infra­struk­tur wird oft als unzu­läng­lich beur­teilt; zudem trägt die Tat­sa­che, dass 22 der 30 Städ­te mit der schlech­tes­ten, zuwei­len akut gesund­heits­schäd­li­chen Luft welt­weit in Indi­en lie­gen, nicht gera­de zur Attrak­ti­vi­tät des Lan­des bei.

Zwangsmaßnahmen

New Delhi sucht seit eini­gen Mona­ten nach­zu­hel­fen – mit Zwangs­maß­nah­men. Die­se ste­hen in Zusam­men­hang mit einer umfas­sen­den Neu­aus­rich­tung der Wirt­schafts­po­li­tik, die Pre­mier­mi­nis­ter Naren­dra Modi im Mai ange­kün­digt hat – unter dem Mot­to „Atma­nirb­har Bha­rat“ („Selb­stän­di­ges Indien“).[6] Ziel ist, die aktu­el­le Abhän­gig­keit des Lan­des von Impor­ten aus Chi­na zu redu­zie­ren. Die Neu­aus­rich­tung fällt zusam­men mit einer Anpas­sung an US-Repres­sa­li­en gegen Bei­jing: Hat­te New Delhi noch Ende 2019 ent­schie­den, Hua­wei in die indi­schen 5G-Tests ein­zu­bin­den, so hat es im Früh­jahr den Kurs gewech­selt und übt hin­ter den Kulis­sen Druck auf die indi­schen Tele­kom­kon­zer­ne aus, den chi­ne­si­schen Markt­füh­rer infor­mell zu boykottieren.[7] Zudem sind die indi­schen Behör­den dazu über­ge­gan­gen, Impor­te aus Chi­na mit Schi­ka­nen bei der Grenz­kon­trol­le zu sabo­tie­ren. Dies trifft auch west­li­che Unter­neh­men, dar­un­ter indi­sche Mon­ta­gestand­or­te deut­scher Kfz-Her­stel­ler, die kürz­lich monier­ten, Rei­fen­lie­fe­run­gen aus Chi­na wür­den von Indi­ens Zoll auf­ge­hal­ten; dies behin­de­re die Produktion.[8] Fak­tisch sucht New Delhi die Kon­zer­ne zur Umstel­lung auf indi­sche Zulie­fe­rer zu zwin­gen.

Militärkooperation

Ber­lin strebt neben dem Aus­bau der Wirt­schafts­ko­ope­ra­ti­on auch eine deut­lich enge­re mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit mit New Delhi an – jüngst noch ver­stärkt durch den offi­zi­ell erklär­ten Anspruch, den eige­nen Ein­fluss im „Indo-Pazi­fik“ erheb­lich auszuweiten.[9] Dazu unter­zeich­ne­ten die dama­li­ge deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en und ihre indi­sche Amts­kol­le­gin Nir­ma­la Sit­ha­ra­man am 12. Febru­ar 2019 ein Abkom­men zur Mili­tär­ko­ope­ra­ti­on [10]; Mit­te März 2019 hielt sich Bun­des­wehr-Gene­ral­inspek­teur Eber­hard Zorn zu ver­tie­fen­den Gesprä­chen mit füh­ren­den indi­schen Gene­rä­len in New Delhi auf [11]. Neben dem Aus­bau der Zusam­men­ar­beit in Sachen „Cyber­si­cher­heit und Nach­rich­ten­we­sen“ sei es beson­ders um gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten der Mari­nen bei­der Län­der gegan­gen, hieß es anschlie­ßend im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um. New Delhi will sechs U‑Boote kau­fen; als Lie­fe­rant ist Thys­sen­Krupp Mari­ne Sys­tems (TKMS) im Gespräch. Der Auf­trags­wert beläuft sich auf Mil­li­ar­den. Indi­en ist seit Jah­ren einer der bedeu­ten­de­ren Kun­den deut­schen Waf­fen­schmie­den – mit jähr­li­chen Käu­fen im Wert von einer meist drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­sum­me. Bereits für Mit­te die­ses Jah­res war der Besuch der deut­schen Fre­gat­te „Ham­burg“ in Indi­en geplant [12]; er muss­te jedoch pan­de­mie­be­dingt abge­sagt wer­den.

Geteilte Werte

Einen gewis­sen Schat­ten auf die deutsch-indi­schen Koope­ra­ti­ons­plä­ne warf am gest­ri­gen Diens­tag Amnes­ty Inter­na­tio­nal. Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren regel­mä­ßig die sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung der indi­schen Mus­li­me durch die regie­ren­den Hin­du­n­a­tio­na­lis­ten und die staat­li­che Gewalt gegen sie doku­men­tiert, zuletzt etwa die Men­schen­rechts­ver­bre­chen – Miss­hand­lun­gen und Fol­ter -, die indi­sche Poli­zis­ten zu Jah­res­be­ginn an Mus­li­men begin­gen, als Hin­du-Mobs die­se gewalt­tä­tig attackierten.[13] Amnes­ty Inter­na­tio­nal hat zudem die Repres­si­on in Jam­mu und Kash­mir fest­ge­hal­ten, mit der die indi­schen Repres­si­ons­ap­pa­ra­te die Bevöl­ke­rung der Regi­on nie­der­hal­ten, seit sie im ver­gan­ge­nen Herbst die Auto­no­mie des Gebiets auf­ho­ben und es unmit­tel­bar New Delhi unterstellten.[14] Die dadurch her­vor­ge­ru­fe­ne Kräf­te­ver­schie­bung im indisch-chi­ne­si­schen Grenz­ge­biet gilt als ein wich­ti­ger Aus­lö­ser der jüngs­ten indisch-chi­ne­si­schen Kämp­fe im Himalaya.[15] Die indi­schen Behör­den haben die Men­schen­rechts­re­cher­chen von Amnes­ty Inter­na­tio­nal mit ste­tig zuneh­men­den Schi­ka­nen quit­tiert – bis hin zu Kon­ten­sper­run­gen. Amnes­ty hat dar­auf­hin ges­tern bekannt­ge­ge­ben, ihre Akti­vi­tä­ten in Indi­en nicht mehr fort­füh­ren zu kön­nen und sie umge­hend einzustellen.[16] Noch im Juli hat­te EU-Rats­prä­si­dent Charles Michel beim EU-Indi­en-Gip­fel die bila­te­ra­le Koope­ra­ti­on mit der Begrün­dung gelobt: „Wir tei­len gemein­sa­me Wer­te: Frei­heit, Rechts­staat­lich­keit und den Respekt vor Menschenrechten.“[17]

Mehr zum The­ma: Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (I) und Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (II).

[1] Deutsch­land und Indi­en: Bila­te­ra­le Bezie­hun­gen. aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 24.09.2020.

[2] S. dazu Rei­se­fie­ber.

[3] Mari­na Strauß: EU und Indi­en: Der Wil­le, mehr zu errei­chen. dw​.com 15.07.2020.

[4] S. auch Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (II).

[5] S. dazu Geschäft statt Ent­kopp­lung.

[6] Boris Alex: Indi­en for­ciert den Chi­na-Exit. gtai​.de 14.09.2020.

[7] Anan­di­ta Singh Man­ko­tia: India to bar BSNL from sourcing gear from Hua­wei, ZTE; may also bar pvt tel­cos from using Chi­ne­se gear. eco​no​mic​ti​mes​.india​ti​mes​.com 18.06.2020.

[8] Boris Alex: Covid-19: Aus­wir­kun­gen auf inter­na­tio­na­le Lie­fer­ket­ten. gtai​.de 15.09.2020.

[9] S. dazu Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (I).

[10] Man­deep Singh: India, Ger­ma­ny streng­t­hen part­ners­hip with defen­se coope­ra­ti­on pact. ipde​fen​se​fo​rum​.com 16.03.2019.

[11] Vier Län­der in acht Tagen: Der Gene­ral­inspek­teur in Süd­asi­en. bmvg​.de 19.03.2019.

[12] S. dazu Asi­ens Schlüs­sel­meer.

[13] Delhi 2020 reli­gious riots: Amnes­ty Inter­na­tio­nal accu­ses poli­ce of rights abu­ses. bbc​.co​.uk 27.08.2020.

[14] Amnes­ty Inter­na­tio­nal: Situa­ti­on Update and Ana­ly­sis. Jam­mu and Kash­mir after One Year of Abro­ga­ti­on of Arti­cle 370. Ban­ga­lo­re, August 2020.

[15] Chris­ti­an Wag­ner: Indisch-chi­ne­si­sche Kon­fron­ta­ti­on im Hima­la­ya. Eine Belas­tungs­pro­be für Indi­ens stra­te­gi­sche Auto­no­mie. SWP-Aktu­ell Nr. 63. Ber­lin, Juli 2020.

[16] Yogi­ta Lima­ye: Amnes­ty Inter­na­tio­nal to halt India ope­ra­ti­ons. bbc​.co​.uk 29.09.2020.

[17] Mari­na Strauß: EU und Indi­en: Der Wil­le, mehr zu errei­chen. dw​.com 15.07.2020.

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