[GAM:] 30 Jahre Wiedervereinigung: Nichts zu feiern

Bru­no Tesch, Neue Inter­na­tio­na­le 250, Sep­tem­ber 2020

Das gro­ße Fest zum Tag der Ein­heit in Pots­dam muss der Pan­de­mie wegen aus­fal­len. Zu fei­ern gibt es für die Arbei­te­rIn­nen­klas­se ohne­dies wenig nach 30 Jah­ren kapi­ta­lis­ti­scher Wie­der­ver­ei­ni­gung. Ein gewis­ser Sicher­heits­ab­stand tut nicht nur wegen der Coro­na-Gefahr gut, auch zur bür­ger­li­chen Mär von den „über­wie­gend“ posi­ti­ven Resul­ta­ten. Wen hat die Wie­der­ver­ei­ni­gung eigent­lich vor­an­ge­bracht? Sind die nach wie vor unglei­chen Lebens­ver­hält­nis­se, die Zer­stö­rung von Mil­lio­nen Arbeits­plät­zen nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung bloß letz­te Män­gel der bür­ger­li­chen Frei­heit oder not­wen­di­ges Resul­tat eines stär­ker gewor­de­nen deut­schen Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus?

Todeskrise des Stalinismus

Die deut­sche Tei­lung selbst war Aus­druck einer glo­ba­len Neu­ord­nung nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Die­se Welt­ord­nung geriet im Lau­fe der 1980er Jah­re ins Wan­ken. Die Staa­ten des sog. real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus, in Wirk­lich­keit dege­ne­rier­te Arbei­te­rIn­nen­staa­ten, in denen von Beginn eine Büro­kra­tie die Arbei­te­rIn­nen­klas­se poli­tisch beherrsch­te, hat­ten dem Impe­ria­lis­mus öko­no­misch nichts mehr ent­ge­gen­zu­set­zen.

Die Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik (DDR) bekam die Aus­wir­kun­gen die­ser Kri­se zu spü­ren, da sie zum einem über die ein­sei­ti­gen Bin­dun­gen im Ener­gie- und Maschi­nen- sowie Rüs­tungs­gü­ter­sek­tor an Lie­fer­ver­trä­ge an die Sowjet­uni­on geket­tet war, zum ande­ren im Han­dels­be­reich mit dem Kapi­ta­lis­mus in eine ste­tig wach­sen­de Aus­lands­ver­schul­dung geriet. Damit ver­such­te die Büro­kra­tie die Kon­sum­be­dürf­nis­se der Arbei­te­rIn­nen­klas­se eini­ger­ma­ßen zu befrie­den, um die sozia­le Ruhe im Land zu gewäh­ren. Doch die öko­no­mi­sche Schief­la­ge ver­schärf­te sich wei­ter – auch durch einen Mil­li­ar­den­kre­dit, den die west­deut­sche Bun­des­re­gie­rung Anfang der 1980er Jah­re gewähr­te. Da hat­te sich bereits der All­ge­mein­zu­stand der DDR-Wirt­schaft dra­ma­tisch ver­schlech­tert.

Der beson­de­re Umstand der unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft zum durch den Impe­ria­lis­mus errich­te­ten und geför­der­ten BRD-Staat bewirk­te, dass die DDR-Bevöl­ke­rung die­sen als Schau­fens­ter eines auf­stre­ben­den Kapi­ta­lis­mus mit wach­sen­dem Lebens­stan­dard und schein­ba­rer Frei­zü­gig­keit vor Augen hat­te. Die wirt­schaft­lich deso­la­te Situa­ti­on, die ein­ge­schränk­te Rei­se­frei­heit sowie die Ver­wei­ge­rung demo­kra­ti­scher Rech­te führ­ten zu einem Gärungs­pro­zess, der sich ab Spät­som­mer 1989 durch eine Flucht­wel­le äußer­te und im Herbst dann die Bevöl­ke­rung zu Pro­tes­ten mas­sen­haft auf die Stra­ße trieb und in dem sym­bol­träch­ti­gen Mau­er­fall mün­de­te.

Die blei­er­ne Erb­last des Sta­li­nis­mus, also der poli­ti­schen Dik­ta­tur einer büro­kra­ti­schen Kas­te, hat­te die revo­lu­tio­nä­re Tra­di­tio­nen der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung, die 1953 kurz auf­ge­flammt waren und Fra­gen nach einer gesamt­deut­schen Anstren­gung zur sozia­lis­ti­schen Über­win­dung der Tei­lung auf­ge­wor­fen hat­ten, erdrückt. Ange­führt wur­de die 1989er Bewe­gung durch ideo­lo­gisch klein­bür­ger­li­che Kräf­te, die das Heil in der Errich­tung demo­kra­ti­scher Insti­tu­tio­nen nach bür­ger­li­chem Vor­bild bzw. in einer Reform der herr­schen­den sta­li­nis­ti­schen Par­tei such­ten. Die ent­schei­den­den Fra­gen nach einer poli­ti­schen Revo­lu­ti­on und dem Auf­bau einer Arbei­te­rIn­nen­de­mo­kra­tie und einer Wirt­schaft nach demo­kra­tisch kon­trol­lier­tem gesell­schaft­li­chen Plan wur­den eben­so wenig gestellt wie die nach einer gesamt­deut­schen revo­lu­tio­nä­ren Wie­der­ver­ei­ni­gung.

Weichenstellung Richtung Kapitalismus

Wei­te Tei­le des Macht­ap­pa­rats, die selbst den Glau­ben an die Fort­füh­rung ihres büro­kra­ti­schen Plan­kon­zepts ver­lo­ren hat­ten, ver­such­ten, sich mit der Oppo­si­ti­ons­füh­rung zu arran­gie­ren. Bei­de ein­te das Inter­es­se, die Bewe­gung zu kana­li­sie­ren und ihr einen mög­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Boden zu ent­zie­hen. So wur­den zwar nomi­nell als Volks­kam­mer­wah­len aus­ge­schrie­be­ne, doch de fac­to bür­ger­li­che Par­la­ments­wah­len für den 18. März 1990 ver­ein­bart. Die noch von der SED geführ­te Über­gangs­re­gie­rung stell­te zuvor eine wei­te­re wich­ti­ge Wei­che für die Auf­lö­sung der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Grund­la­gen der DDR. Der Beschluss zur Grün­dung der Treu­hand­an­stalt am 1. März sah bereits die Auf­ga­be von Plan­wirt­schaft, von Außen­han­dels­mo­no­pol und Staats­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­on und Grund­be­sitz am Hori­zont her­auf­däm­mern, wenn auch die Auf­ga­be von Eigen­staat­lich­keit noch nicht zur Dis­kus­si­on stand.

Glaub­te die DDR-Regie­rung noch, bei den ers­ten Unter­re­dun­gen mit dem West­staat über eine vor­sich­ti­ge Annä­he­rung und einen mehr­jäh­ri­gen Plan zur even­tu­el­len Wie­der­ver­ei­ni­gung auf Augen­hö­he ver­han­deln zu kön­nen, wur­de ihre Blau­äu­gig­keit schnell des­il­lu­sio­niert. Sie wur­de von der BRD-Regie­rung ulti­ma­tiv vor die Wahl gestellt, deren Fahr­plan für eine schnel­le Wie­der­ver­ei­ni­gung zu kapi­ta­lis­ti­schen Bedin­gun­gen anzu­neh­men oder das völ­li­ge Aus­blu­ten des Lan­des zu ver­ant­wor­ten.

Die amtie­ren­de bun­des­deut­sche CDU/C­SU/FDP-Regie­rung hat­te mit Raub­tier­in­stinkt längst die ein­ma­li­ge his­to­ri­sche Chan­ce gewit­tert, nicht nur den Auf­trag des Grund­ge­set­zes, die Wie­der­ver­ei­ni­gung nach kapi­ta­lis­ti­schen Richt­li­ni­en her­bei­zu­füh­ren, zu erfül­len, son­dern auch die Ambi­tio­nen des BRD-Impe­ria­lis­mus auf inter­na­tio­na­lem Par­kett auf einen Hieb enorm zu stär­ken. Sie hat­te ange­sichts der brö­ckeln­den Macht­struk­tu­ren des DDR-Staa­tes und der gären­den Wün­sche nach Ver­än­de­rung im Land die Jetzt-oder-nie-Situa­ti­on erfasst. Das Win­ken mit der har­ten West-D-Mark gab den Erwar­tun­gen der DDR-Bevöl­ke­rung einen ent­schei­den­den Rich­tungs­im­puls. Damit konn­te zugleich auch die Gefahr einer revo­lu­tio­nä­ren Ori­en­tie­rung in der DDR gebannt wer­den, was das DDR-Regime allein nicht ohne wei­te­res in den Griff bekom­men hät­te.

Finanz­po­li­ti­sche Beden­ken über die hohen Kos­ten einer vor­schnel­len Ver­ei­ni­gung, geäu­ßert v. a. von Sei­ten der Wäh­rungs­hü­te­rIn­nen der Bun­des­bank, aber auch von der SPD-Oppo­si­ti­on, konn­te die Kohl-Regie­rung mit dem Hin­weis auf die poli­tisch güns­ti­ge Lage und die Vor­leis­tun­gen der DDR-Über­gangs­re­gie­rung vom Tisch wischen. Nach den DDR-Wah­len vom März 1990, deren Aus­gang maß­geb­lich von der Aus­sicht auf die klin­gen­de Mün­ze der BRD beein­flusst wor­den war, trat eine offen bür­ger­li­che Regie­rung als dienst­eif­ri­ges Hilfs­per­so­nal bei der Umset­zung der Plä­ne der BRD-Füh­rung ins Amt. Sie ver­half durch den Eini­gungs­ver­trag vom 18. Mai 1990, der eine Wirtschafts‑, Wäh­rungs- und Sozi­al­uni­on zwi­schen bei­den Tei­len fest­leg­te, der Bun­des­re­gie­rung zur Ent­schei­dungs­ge­walt über alle staats- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Schrit­te der Wie­der­ver­ei­ni­gung, die nach bun­des­deut­schem Recht als Bei­tritt der DDR zur BRD dekla­riert wur­de.

Vollendung der Konterrevolution

Das Treu­hand­ge­setz trat am 1. Juli 1990 nicht zufäl­lig zeit­gleich mit der Ein­füh­rung der Wäh­rungs­uni­on in Kraft und regel­te die Pri­va­ti­sie­rung und Reor­ga­ni­sa­ti­on des volks­ei­ge­nen Ver­mö­gens unter bun­des­deutsch hoheit­li­cher Auf­sicht. Die Bun­des­re­gie­rung ent­schied, die Beset­zung der Schalt­stel­len ab Juli 1990 mit markt­öko­no­misch ver­sier­ten West­ver­tre­te­rIn­nen durch­zu­füh­ren. Der Treu­hand waren 8.500 DDR-Betrie­be unter­stellt und damit das Schick­sal einer Beleg­schaft von über 4 Mil­lio­nen Men­schen in die Hand gege­ben.

Der zwei­te Pflock zur kapi­ta­lis­ti­schen Restau­rie­rung der DDR wur­de mit der Ein­füh­rung der D‑Mark als allein gül­ti­ger Wäh­rung ab dem 1. Juli 1990 ein­ge­schla­gen. Damit ging auch der Wunsch vie­ler DDR-Bür­ge­rIn­nen in Erfül­lung. Der Umtausch der DDR-Wäh­rung in D‑Mark Wert­be­rech­nung erfolg­te zwar 1 : 1. Um aber in den Genuss der Aus­zah­lun­gen zu kom­men, die auf 2.000 D‑Mark pro Per­son begrenzt waren, muss­te zuvor ein Antrag auf Kon­to­um­stel­lung auf D‑Mark gestellt und von den Ban­ken eine Aus­zah­lungs­quit­tung ein­ge­holt wer­den, die jedoch nur bis zum 6. Juli 1990 gül­tig war, um sofort an das Geld zu kom­men. Soweit die Kon­to­gut­ha­ben Beträ­ge alters­ge­stuft von im Schnitt 4.000 DDR-Mark pro Kopf über­schrit­ten, wur­de nur noch im Ver­hält­nis 2 : 1 getauscht. Gut­ha­ben, die erst nach dem 31. Dezem­ber 1989 ent­stan­den waren, konn­ten hin­ge­gen nur zu einem Kurs von 3 : 1 in D‑Mark umge­wan­delt wer­den.

Das Volks­ver­mö­gen an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Grund­be­sitz jedoch, das nach DDR-Recht noch antei­lig allen Staats­bür­ge­rIn­nen zustand, wur­de den Wert­be­rech­nun­gen des frei­en Markts über­las­sen. Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, d. h. die Arbei­te­rIn­nen­klas­se, wur­de prak­tisch ohne Ein­spruchs­recht ent­eig­net.

Für den Sieg der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on war es auch not­wen­dig, neben fort­schritt­li­chen sozia­len Ein­rich­tun­gen, die in der DDR bestan­den hat­ten, bspw. im Gesund­heits- und Bil­dungs­we­sen, auch demo­kra­ti­sche Errun­gen­schaf­ten, die die halb­re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­än­de­run­gen her­vor­ge­bracht hat­ten, zu besei­ti­gen wie demo­kra­ti­sche Foren, ver­gleichs­wei­se gro­ße Kon­trol­le und Trans­pa­renz in den Medi­en und poli­ti­sche Ver­hand­lun­gen. (Run­de Tische)

Die orga­ni­sier­te refor­mis­ti­sche Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung in der BRD krümm­te zu deren Ret­tung kei­nen Fin­ger, son­dern dien­te sich dem Impe­ria­lis­mus an. Der Deut­sche Gewerk­schafts­bund voll­zog schon im Mai die Ver­ei­ni­gung als Über­nah­me der Ost-Gewerk­schaf­ten nach bewähr­tem sozi­al­de­mo­kra­tisch büro­kra­ti­schen Kon­zept, das die strik­te Tren­nung von Poli­tik und Arbeits­welt fest­schrieb und jede unab­hän­gi­ge Tätig­keit der Arbei­te­rIn­nen­klas­se unter­band.

Für die BRD-Regie­rung war nur noch eine wich­ti­ge Hür­de zu neh­men: die Zustim­mung der Mäch­te, die Deutsch­land nach dem Zwei­ten Welt­krieg geteilt und als fes­te Vor­pos­ten ihres jewei­li­gen Macht­blocks in der Nach­kriegs­ord­nung auf­ge­stellt hat­ten. Ein am 19. Sep­tem­ber aus­ge­han­del­ter Staats­ver­trag, den die USA, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und die Sowjet­uni­on unter­zeich­ne­ten, besie­gel­te das Ende der Nach­kriegs­ära und wer­te­te die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als poli­ti­schen Fak­tor auch inter­na­tio­nal auf. Zugleich offen­bar­te dies auch die ange­schla­ge­ne Posi­ti­on des sta­li­nis­ti­schen Sys­tems, des­sen Staa­ten­block auch in ande­ren Regio­nen bis in die Sowjet­uni­on hin­ein in Auf­lö­sung begrif­fen war. Die deut­sche kapi­ta­lis­ti­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung war ein his­to­ri­scher Mei­len­stein für den Unter­gang des Sta­li­nis­mus und den Sieg des Impe­ria­lis­mus. Der offi­zi­el­le Fest­akt am 3. Okto­ber 1990 war nur noch Form­sa­che, er voll­zog die­sen Sieg.

Konsequenzen der Vereinigung

Nach 30 Jah­ren fällt die Bilanz geteilt aus. Die segens­rei­che Tätig­keit der Treu­hand­an­stalt, die bis 1994 andau­er­te, bescher­te den fünf neu­en Bun­des­län­dern inklu­si­ve Ost­ber­lin den Kahl­schlag einer gan­zen Regi­on. Das Brut­to­in­lands­pro­dukt der neu­en Bun­des­län­der sank um 40 % und der Indus­trie­pro­duk­ti­on um zwei Drit­tel. Durch die Pri­va­ti­sie­rung volks­ei­ge­ner Betrie­be gelang­ten 85 % in west­deut­schen Kapi­tal­be­sitz. Ein­deu­tig pro­fi­tier­te das Mono­pol­ka­pi­tal aus der BRD am meis­ten von Still­le­gun­gen, Zer­schla­gung von Groß­be­trie­ben und Ver­käu­fen zu Schleu­der­prei­sen. Zudem ließ es sich Inves­ti­tio­nen für den „Auf­bau Ost“ noch kräf­tig von staat­li­cher Sei­te sub­ven­tio­nie­ren.

Alles in allem sind die Groß­be­trie­be im Osten wei­ter­hin unter­re­prä­sen­tiert. Außer­halb von Ber­lin haben sich eini­ge urba­ne Bal­lungs­räu­me mit Ansied­lung neu­er Tech­no­lo­gien, v. a. in Sach­sen, her­aus­ge­macht, wäh­rend vie­le länd­li­che Gegen­den nach wie vor struk­tu­rell chro­nisch schwach sind. Dort sind oft ver­al­te­te Indus­trien wie Braun­koh­le­berg­bau ansäs­sig, die die öko­lo­gisch unse­li­ge Tra­di­ti­on der DDR fort­füh­ren. Die Arbeits­be­völ­ke­rung ist über­al­tert, der Abwan­de­rungs­pro­zess gen Wes­ten hält immer noch an. Die Arbeits­lo­sen­quo­te lag im August 2020 in den öst­li­chen Bun­des­län­dern mit 7,8 % noch 1,4 Punk­te über dem gesamt­deut­schen Schnitt.

Zwar hat­te sich die indi­vi­du­el­le wirt­schaft­li­che Lage für die meis­ten Men­schen in den fünf neu­en Län­dern bald nach dem Anschluss ver­bes­sert, im zwei­ten Jahr­zehnt jedoch ver­lang­sam­te sich das Auf­hol­tem­po und sta­gnier­te schließ­lich. In der Lohn­ent­wick­lung hinkt der Osten 2020 dem Wes­ten wei­ter um brut­to 540 Euro hin­ter­her. Bei den Ren­ten liegt der Osten zwar vorn, aber nur weil in der DDR mehr Frau­en berufs­tä­tig waren und bes­ser ver­dien­ten als im Wes­ten.

Die Frau­en zäh­len jedoch auch zu den Ver­lie­re­rIn­nen der Ver­ei­ni­gung. Die reak­tio­nä­re bür­ger­li­che Gesell­schafts­ord­nung benach­tei­ligt Frau­en, die in der DDR eine stär­ke­re wirt­schaft­li­che und sozia­le Unab­hän­gig­keit ent­fal­ten konn­ten. Sie gehör­ten zu den ers­ten, die nach der Wen­de ent­las­sen oder lohn­mä­ßig und im betrieb­li­chen Sta­tus abgrup­piert wur­den.

Ins­ge­samt hat die Wie­der­ver­ei­ni­gung dem Kapi­tal einen Zuwachs für die Reser­ve­ar­mee an Arbeits­kräf­ten gebracht, und dies zu sich aus­wei­ten­den Vor­stö­ßen in der Ent­rech­tung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se durch zuneh­men­de Pre­ka­ri­sie­rung, Leih­ar­beit, Aus­höh­lung von Arbeits­rech­ten und Unsi­cher­heit des Arbeits­plat­zes, ver­bun­den mit einer ver­un­si­cher­ten Lebens­pla­nung, sowie zur Pri­va­ti­sie­rung und Abbau öffent­li­cher Diens­te genutzt.

Staat und Sozi­al­ver­si­che­rungs­we­sen haben Jahr für Jahr Mil­li­ar­den­sum­men in den Auf­bau Ost gepumpt, bezahlt größ­ten­teils aus den Taschen aller lohn­ab­hän­gig Beschäf­tig­ten – in West wie Ost – durch die vom Lohn abge­zo­ge­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und den so genann­ten Soli­dar­bei­trag. Von den Son­der­ab­schrei­bun­gen, Über­nah­me- und Abwick­lungs­prä­mi­en, Inves­ti­ti­ons­zu­la­gen, Ent­schä­di­gun­gen für Ent­eig­nun­gen von Pro­duk­ti­ons- oder Grund­be­sitz, die in der DDR vor­ge­nom­men wor­den waren, pro­fi­tier­ten wie­der­um nur die west­deut­schen Kapi­ta­lis­tIn­nen und rei­chen ErbIn­nen.

Strategische Bedeutung der deutschen Wiedervereinigung

Die Aus­lö­schung des Arbei­te­rIn­nen­staats DDR mit sei­nen nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Grund­la­gen bedeu­tet eine Nie­der­la­ge für das Welt­pro­le­ta­ri­at, die umso schwe­rer wiegt, da sie prak­tisch kampf­los erfolg­te. Das Ver­sa­gen der deut­schen Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung ein­schließ­lich der west­deut­schen Lin­ken, die die­se his­to­ri­sche Dimen­si­on des Pro­zes­ses und v. a. die Not­wen­dig­keit des Ein­grei­fens völ­lig ver­kann­te oder unter­schätz­te, war ekla­tant.

Wäh­rend der Refor­mis­mus teil­nahms­los ver­harr­te oder aktiv die Demo­bi­li­sie­rung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se im Osten betrieb, hing ein Groß­teil der zen­tris­ti­schen Lin­ken den klein­bür­ger­li­chen Refor­m­il­lu­sio­nen der DDR-Bür­ger­recht­le­rIn­nen an und träum­te von einer teil­staat­li­chen Lösung und einem Kom­pro­miss mit dem Sta­li­nis­mus, statt mit einem For­de­rungs­pro­gramm für die revo­lu­tio­nä­re Wie­der­ver­ei­ni­gung den Wider­stand in die Arbei­te­rIn­nen­klas­se hüben wie drü­ben hin­ein­zu­tra­gen und sie orga­ni­sa­to­risch zu rüs­ten.

Nicht allein die Errun­gen­schaf­ten eines Arbei­te­rIn­nen­staa­tes wur­den abge­wi­ckelt, son­dern das Ter­ri­to­ri­um wur­de zum Exer­zier­platz für eine sozi­al­po­li­ti­sche Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ein­ge­rich­tet. Die Rech­nung, die das BRD-Kapi­tal auch der Arbei­te­rIn­nen­klas­se im Wes­ten für die pas­si­ve Dul­dung der restau­ra­tio­nis­ti­schen Ein­heit prä­sen­tier­te, war uner­bitt­lich und muss­te mit der Schwä­chung des eige­nen Kampf­po­ten­zi­als gegen alle fol­gen­den Offen­si­ven des Kapi­tals bezahlt wer­den.

Die deut­sche Impe­ria­lis­mus tri­um­phier­te zunächst. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung hat­te eine nicht zu unter­schät­zen­de Wir­kung auf die inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit. Ent­schei­dend war jedoch, mit dem neu gewon­ne­nen Hin­ter­land eine geo­stra­te­gi­sche Start­ram­pe geschaf­fen zu haben, um die Reka­pi­ta­li­sie­rung des zer­brö­ckeln­den Ost­blocks vor­an­zu­trei­ben.

Zum Zwei­ten konn­te in der EU noch mehr deut­sches Gewicht in die Waag­scha­le gewor­fen wer­den. Die Erwei­te­rung der Macht­ba­sis erleich­ter­te auch die Durch­set­zung von Pro­jek­ten wie der Ein­füh­rung des Euro als wich­ti­ges Faust­pfand für den inner­im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­renz­kampf.

BRD-Imperialismus im Krisenmodus

Die gegen­wär­ti­ge Kri­se der Glo­ba­li­sie­rung hat die Kri­sen­an­fäl­lig­keit des Kapi­ta­lis­mus welt­weit offen­bart und auch vor dem BRD-Impe­ria­lis­mus nicht Halt gemacht. Der Inves­ti­ti­ons­stau für Neu­un­ter­neh­mun­gen im Ost­deutsch­land mach­te sich laut Ifo-Insti­tut als Abwärts­trend bereits 1996 bemerk­bar, u. a. aus Man­gel an Fach­kräf­ten, auch in Groß­un­ter­neh­men. Die Kon­ver­genz bei der Pro­duk­ti­vi­tät je Erwerbstätigem/​r – im Osten 14.000 Euro weni­ger als im Wes­ten – war eben­falls seit der Jahr­tau­send­wen­de ins Sto­cken gera­ten.

Struk­tu­rel­le Pro­ble­me von Ungleich­heit selbst im Inland konn­ten nicht gelöst wer­den: Ver­schul­dung der Kom­mu­nen, Armuts­sche­re geht wei­ter auf, Gefäl­le Stadt-Land, lebens­un­si­che­re Per­spek­ti­ve für die eige­ne Bevöl­ke­rungs­mehr­heit, geschwei­ge denn für die noch stär­ker ins Elend gestürz­ten Mas­sen der impe­ria­li­sier­ten Län­der.

Den ers­ten Dämp­fer beka­men die Ambi­tio­nen des BRD-Impe­ria­lis­mus mit dem Schei­tern sei­ner Plä­ne für eine EU-Ver­fas­sung 2003 und damit des poli­ti­schen Auf­stiegs zu einer impe­ria­lis­ti­schen Super­macht, die den USA und dem auf­stre­ben­den Chi­na die Stirn bie­ten hät­te kön­nen. Wirt­schaft­lich ist Deutsch­lands Vor­macht­stel­lung inner­halb der EU zwar wei­ter­hin unum­strit­ten, doch die Schwie­rig­kei­ten, öko­no­mi­sche Druck­mit­tel gegen die sich sper­ren­den Natio­na­lis­men dort poli­tisch umzu­mün­zen, neh­men zu. Mit ein­heit­li­chen kla­ren Posi­tio­nen kann die EU welt­po­li­tisch nicht auf­war­ten: Für den akti­ven mili­tä­ri­schen Ein­satz für eige­ne Inter­es­sen besteht ein begrenz­ter Akti­ons­spiel­raum. Nach wie vor hin­dert der Atom­waf­fen­sperr­ver­trag die BRD dar­an, auch mili­tä­risch Welt­gel­tung zu erlan­gen.

Vor ein paar Jah­ren noch kaum vor­stell­ba­re Insta­bi­li­tä­ten haben das Land über­zo­gen und einer­seits das Durch­re­gie­ren für das Kapi­tal nicht unbe­dingt ver­ein­facht, zum ande­ren den Erfolg des Rechts­po­pu­lis­mus gebracht, der v. a. in Ost­deutsch­land Tritt gefasst hat, wor­in die – vor­läu­fig – letz­te Kon­se­quenz der sieg­rei­chen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on und der Kapi­tu­la­ti­on der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung zum Aus­druck kommt.

Pro­test­be­we­gun­gen wie jene gegen die Hartz-Geset­ze ab 2003, die vor allem in der ehe­ma­li­gen DDR eine Mas­sen­kraft waren, ver­deut­li­chen, dass es sich hier um kein Natur­ge­setz han­delt. Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se kann durch­aus für ein fort­schritt­li­ches, klas­sen­kämp­fe­ri­sches Pro­gramm gewon­nen wer­den – wenn die­ses ent­schlos­sen ver­foch­ten wird, in Ost und West.

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