[gfp:] Der Wettlauf um 5G

Zeit verloren

Die EU-Kom­mis­si­on hat kürz­lich offen ein­ge­stan­den, gegen­über ihren eige­nen Pla­nun­gen für den Auf­bau der 5G-Net­ze ins Hin­ter­tref­fen gera­ten zu sein. Ursprüng­lich hat­te die Kom­mis­si­on im Sep­tem­ber 2016 ange­kün­digt, „spä­tes­tens Ende 2020“ sol­le in allen Mit­glied­staa­ten „wenigs­tens eine grö­ße­re Stadt“ über 5G ver­fü­gen; „bis 2025“ müss­ten dann „alle städ­ti­schen Gebie­te und grö­ße­re Trans­port­we­ge eine lücken­lo­se 5G-Abde­ckung aufweisen“.[1] Außer­dem müs­se der 5G-Auf­bau „koor­di­niert“ gesche­hen, um Brü­che inner­halb der Uni­on zu ver­mei­den. Die Erfül­lung der Plä­ne ist nicht in Sicht. Am 18. Sep­tem­ber räum­ten Mar­gre­the Ves­ta­ger, für Digi­ta­les zustän­di­ge Vize­prä­si­den­tin der Kom­mis­si­on, sowie Bin­nen­markt­kom­mis­sar Thier­ry Bre­ton unum­wun­den ein, die Covid-19-Pan­de­mie habe die EU in punc­to 5G erheb­lich zurück­ge­wor­fen; Bre­ton sprach von einem Rück­stand von „vier Mona­ten“. Über­dies dro­he, hieß es, ein frag­men­tier­tes 5G-Netz zu ent­ste­hen. Die EU-Staa­ten soll­ten nun alles dar­an set­zen, um „so schnell wie mög­lich Fort­schrit­te zu erzie­len“, for­der­te Bre­ton, Ex-Chef des fran­zö­si­schen IT-Kon­zerns Atos.[2]

Abgeschlagen

Dass die EU in Sachen 5G nicht nur gegen­über ihren Pla­nun­gen, son­dern vor allem im Ver­gleich zur glo­ba­len Kon­kur­renz in Rück­stand gera­ten ist, zeigt eine knap­pe Ana­ly­se, die unlängst der Euro­pean Round Table for Indus­try (ERT) ver­öf­fent­licht hat. Dem ERT, einem Lob­by­ver­band, gehö­ren mehr als 50 der größ­ten Kon­zer­ne Euro­pas an – aus Deutsch­land etwa Sie­mens, Daim­ler, BASF und die Deut­sche Tele­kom. Wie es in der Kurz­ana­ly­se heißt, sind ers­te kom­mer­zi­el­le 5G-Diens­te in den USA im April 2019 in Betrieb genom­men wor­den; ers­te EU-Län­der folg­ten mit drei­mo­na­ti­ger Ver­zö­ge­rung, und bis heu­te haben ledig­lich 13 der 27 EU-Staa­ten ers­te Schrit­te bei kom­mer­zi­el­lem 5G getan. Wäh­rend in der EU acht 5G-Basis­sta­tio­nen pro Mil­li­on Ein­woh­ner instal­liert wur­den, ver­fü­gen die USA über 63, Chi­na über 86, Süd­ko­rea über 1.491 Basis­sta­tio­nen pro Mil­li­on Ein­woh­ner; die USA haben 7 Pro­zent, Süd­ko­rea bei­spiel­lo­se 98 Pro­zent, die EU aber erst 1 Pro­zent ihrer 4G-Basis­sta­tio­nen zu 5G-Basis­sta­tio­nen auf­ge­wer­tet. Gebremst wer­de die Umstel­lung auf 5G auch dadurch, dass die EU bereits bei 4G hin­ter der Kon­kur­renz zurück­lie­ge, heißt es in der Ana­ly­se; so hät­ten EU-weit nur 70 Pro­zent aller Nut­zer bis heu­te von 3G auf 4G umge­stellt, in Chi­na, den USA und Süd­ko­rea aber bereits um die 90 Prozent.[3] Letz­te­res begüns­ti­ge die Umstel­lung auf 5G.

Weltmarktführer China

Den Rück­stand Deutsch­lands und der EU ver­deut­li­chen Anga­ben über den Stand des 5G-Auf­baus in Chi­na. Dort sind inzwi­schen mehr als 500.000 5G-Basis­sta­tio­nen instal­liert; Ende 2020 sol­len es 600.000 sein. Zum Ver­gleich: In der Bun­des­re­pu­blik strebt der Markt­füh­rer Deut­sche Tele­kom im sel­ben Zeit­raum die Instal­la­ti­on von 40.000 5G-Anten­nen an. Über 46.000 5G-Basis­sta­tio­nen ste­hen allein in Shen­zhen, der süd­chi­ne­si­schen Metro­po­le, in der Hua­wei sei­ne Fir­men­zen­tra­le hat. Shen­zhen ist Chi­nas ers­te Stadt, in der 5G voll­um­fäng­lich nutz­bar ist.[4] Ende August wur­den in Chi­na bereits mehr als 100 Mil­lio­nen 5G-End­ge­rä­te von mehr als 60 Mil­lio­nen Nut­zern ver­wen­det; die Zahl der 5G-fähi­gen Smart­pho­nes, die im Jahr 2020 in Chi­na aus­ge­lie­fert wer­den, dürf­te sich Schät­zun­gen zufol­ge auf 140 Mil­lio­nen belaufen.[5] Damit steht Chi­na für 72 Pro­zent des glo­ba­len Umsat­zes, der mit dem Ver­kauf von 5G-fähi­gen Smart­pho­nes gene­riert wird. Laut Pro­gno­sen wer­den in fünf Jah­ren mut­maß­lich 28 Pro­zent aller Mobil­funk­ver­bin­dun­gen in der Volks­re­pu­blik 5G-Ver­bin­dun­gen sein; das wären ein Drit­tel aller 5G-Ver­bin­dun­gen welt­weit. Über die 5G-Net­ze wer­den in man­chen Orten Chi­nas inzwi­schen auto­no­me Stra­ßen- und Schie­nen­fahr­zeu­ge betrie­ben, auto­no­me Bau­stel­len­ge­rä­te bewegt und Ope­ra­tio­nen mit Hil­fe von Tele­me­di­zin durch­ge­führt. Der Sprung hin zu umfas­sen­den Anwen­dun­gen in All­tags­le­ben und Indus­trie hat längst begon­nen.

Der Geheimdienst entscheidet

Deutsch­land wird sei­nen Rück­stand dabei ver­mut­lich noch ver­grö­ßern – weil, wie Berich­te ges­tern bestä­tig­ten, die Bun­des­re­gie­rung sich auf einen De-Fac­to-Aus­schluss des chi­ne­si­schen Kon­zerns Hua­wei vom Auf­bau der deut­schen 5G-Net­ze geei­nigt hat. Dem­nach soll für die Zulas­sung der 5G-Kom­po­nen­ten künf­tig nicht nur eine tech­ni­sche Zer­ti­fi­zie­rung, son­dern auch eine Über­prü­fung der „Ver­trau­ens­wür­dig­keit“ der Her­stel­ler erfor­der­lich sein.[6] Letz­te­re soll, heißt es wei­ter, auf der Basis von Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen durch­ge­führt wer­den. Damit erhält der BND bei der Ent­schei­dung in Sachen Hua­wei fak­tisch das letz­te Wort. Der Aus­lands­ge­heim­dienst hat mehr­mals erklärt, er leh­ne die Nut­zung von Hua­wei-Tech­no­lo­gie für die deut­schen 5G-Net­ze ab. In der Bran­che wird nun nicht nur mit zusätz­li­chen Mil­li­ar­den­kos­ten gerech­net, son­dern auch mit einer erheb­li­chen Ver­zö­ge­rung; opti­mis­ti­sche­re Pro­gno­sen gehen von einem Zeit­ver­lust von 18 Mona­ten aus, der dar­aus resul­tiert, dass zusätz­lich zum 5G-Auf­bau bestehen­de Hua­wei-4G-Kom­po­nen­ten ent­fernt wer­den müs­sen und mit Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen bei den 5G-Her­stel­lern Nokia und Erics­son gerech­net wird.[7]

Milliardeneinbußen

Die Ver­zö­ge­run­gen wie­gen schwer: Der tech­no­lo­gi­sche Vor­sprung, den Chi­na erzielt hat, wird sich mut­maß­lich in einem Vor­sprung auch bei den 5G-Anwen­dun­gen nie­der­schla­gen; die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­fi­te dro­hen deut­schen Unter­neh­men, sofern sie nicht in der Volks­re­pu­blik pro­du­zie­ren, ver­lo­ren­zu­ge­hen. Um wel­che Grö­ßen­ord­nung es sich han­delt, lässt eine Unter­su­chung erah­nen, die kürz­lich die Lon­do­ner Fir­ma Assem­bly Rese­arch ver­öf­fent­licht hat. Sie schätzt die Ver­lus­te ab, mit denen das Ver­ei­nig­te König­reich auf­grund sei­nes Hua­wei-Aus­schlus­ses zu rech­nen hat. Die Unter­su­chung geht davon aus, dass Groß­bri­tan­ni­en mit 5G und 5G-Anwen­dun­gen allein von 2020 bis 2030 wirt­schaft­li­che Zuwäch­se von 173 Mil­li­ar­den Pfund erzie­len könn­te – dann jeden­falls, wenn der neue Mobil­funk­stan­dard schnell und effi­zi­ent ein­ge­führt wird. Sei dies nicht der Fall, heißt es, dann sei dem­ge­gen­über mit Ein­bu­ßen zu rech­nen. Laut Assem­bly Rese­arch muss von Ein­bu­ßen in Höhe von 18,2 Mil­li­ar­den Pfund aus­ge­gan­gen wer­den. Die Unter­su­chung wur­de von Hua­wei finan­ziert, basiert aber auf Zah­len­an­ga­ben der bri­ti­schen Regierung.[8] Auch wenn sie nicht im Detail auf Deutsch­land über­tra­gen wer­den kann: Ver­grö­ßert sich der Rück­stand vor allem gegen­über Chi­na, den etwa der ERT schon heu­te beklagt, ste­hen auch der Bun­des­re­pu­blik sat­te Ein­bu­ßen bevor.

[1] 5G for Euro­pe Action Plan. ec​.euro​pa​.eu.

[2] Samu­el Stol­ton: Com­mis­si­on con­ce­des delay in 5G deploy­ment across EU. eurac​tiv​.com 18.09.2020.

[3] ERT: Assess­ment of 5G Deploy­ment Sta­tus in Euro­pe. Brussels, Sep­tem­ber 2020.

[4] Juan Pedro Tomás: Chi­ne­se tel­cos have alrea­dy deploy­ed 480,000 5G base sta­ti­ons. rcr​wire​less​.com 08.09.2020.

[5] Chi­na wird 2020 mehr als 140 Mil­lio­nen 5G-Smart­pho­nes ver­kau­fen. ger​man​.chi​na​.org​.cn 29.09.2020.

[6], [7] Till Hop­pe, Moritz Koch: Hohe Hür­den für Hua­wei – „Das Ver­fah­ren kommt einem Aus­schluss gleich. han​dels​blatt​.com 29.09.2020.

[8] Nick Ismail: Hua­wei ban could cost UK eco­no­my £18.2 bil­li­on due to 5G roll-out delay. infor​ma​ti​on​-age​.com 09.09.2020.

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