[perspektive:] Endlösung in der „armenischen Frage“?! – Die türkische Vernichtungsideologie in Angriffsstellung

Seit Tagen sind die Kämpfe und Auseinandersetzungen um die Bergkarabach-Region (arm. Artsakh) in einen handfesten Kriegszustand ausgeufert. Nach den – vom Aserbaidschan provozierten – verhältnismäßig leichteren Kämpfen des vergangenen Sommers haben nun die Staaten von Armenien und Aserbaidschan, sowie die Republik Artsakh, den Kriegszustand verhängt. – Ein Kommentar von Emanuel Checkerdemian

Dut­zen­de Sol­da­tIn­nen sind in den ers­ten Tagen gefal­len, immer wie­der wird das Feu­er von aser­bai­dscha­ni­scher Sei­te auf zivi­le Zie­le gerich­tet. Die jewei­li­gen Schutz­mäch­te, Tür­kei und Russ­land, könn­ten hier­bei für eine Aus­deh­nung zu einem impe­ria­lis­ti­schen Krieg sor­gen, der unge­ahn­te Aus­ma­ße anneh­men wür­de.

Katastrophe mit Ankündigung

Als am Mor­gen des 27.09.2020 der arme­ni­sche Staat, nach schwe­ren Angrif­fen des aser­bai­dscha­ni­schen Mili­tärs auf die Gebie­te in Berg­ka­ra­bach, das Kriegs­recht aus­rief, dürf­te das für die meis­ten Beob­ach­te­rIn­nen der umkämpf­ten Regi­on wenig über­ra­schend gewe­sen sein. Seit Mona­ten kün­dig­te sich der Krieg in klei­ne­ren und grö­ße­ren mili­tä­ri­schen Schar­müt­zeln, der Rhe­to­rik der aser­bai­dscha­ni­schen Sei­te und ihrer Ver­bün­de­ten, sowie in ver­schie­de­nen Mili­tär­übun­gen an.

So wur­de gleich nach dem Angriff auf das arme­ni­sche Tavush im Juli, wel­che in einer Zer­schla­gung der aser­bai­dscha­ni­schen Offen­si­ve ende­te, die Pro­pa­gan­da- und Kriegs­ma­schi­ne­rie im tür­kisch-aser­bai­dscha­ni­schen Lager ins Rol­len gebracht. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Erdo­gan, sowie wei­te­re Minis­ter, sicher­ten Aser­bai­dschan unmit­tel­bar alle Unter­stüt­zung zu und setz­ten die­ses Ver­spre­chen auch in die Tat um.

Mit der Agen­da „die Mis­si­on der Groß­vä­ter fort­zu­füh­ren“ (Erdo­gan), also die Arme­nie­rIn­nen zu ver­nich­ten, voll­zog man Anfang Sep­tem­ber eine gemein­sa­me Mili­tär­übung in der aser­bai­dscha­ni­schen Exkla­ve Nachit­sche­wan, die im Süd­wes­ten von Arme­ni­en liegt und kei­ner­lei Land­ver­bin­dung zu Aser­bai­dschan besitzt. Die­se Vor­be­rei­tun­gen auf einen erneu­ten Angriff, der dies­mal koor­di­nier­ter geführt wird, waren der gesam­ten Welt­öf­fent­lich­keit ganz offen zugäng­lich.

Ver­su­che, den NATO-Part­ner Tür­kei von sei­nem Kriegs­vor­ha­ben abzu­hal­ten, gab es jedoch kei­ne. Im Gegen­teil haben US-ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Trup­pen gemein­sam mit deut­schen, pol­ni­schen und litaui­schen Bera­te­rIn­nen am Schwar­zen Meer selbst Mili­tär­ma­nö­ver abge­hal­ten, um die Mus­keln gegen die arme­ni­sche Schutz­macht Russ­land spie­len zu las­sen.

Mos­kau wie­der­um, das zumin­dest rhe­to­risch immer wie­der fried­vol­le­re Töne ange­schla­gen hat, zur Mäßi­gung im Kau­ka­sus-Kon­flikt auf­rief und die Ein­hal­tung der Waf­fen­ru­he for­der­te, führ­te nun sei­ner­seits Mili­tär­übun­gen in der Regi­on des Nord­kau­ka­sus, dem Schwar­zen und Kas­pi­schen Meer durch.

Der Ein­druck wiegt schwer, dass sich hier ver­schie­de­ne Groß­mäch­te auf einen Krieg vor­be­rei­ten, der weit über den Kon­flikt um Berg­ka­ra­bach hin­aus­geht und sich zu einem Flä­chen­brand in der gan­zen Kau­ka­sus-Regi­on ent­zün­den könn­te.

Wäh­rend die Arme­nie­rIn­nen in Arts­akh dabei das nack­te Über­le­ben zum Ziel haben – die eige­ne Ver­nich­tung ist ja bereits von türkisch/​aserbaidschanischer Sei­te ange­kün­digt – kön­nen vie­le ver­schie­de­ne Inter­es­sen zu einer sehr ver­wor­re­nen Situa­ti­on füh­ren: Man möge sich nur vor­stel­len, die Tür­kei rie­fe den NATO-Bünd­nis­fall aus, um gegen Russ­land zu mobi­li­sie­ren. Die Fra­ge, ob der Wes­ten, bzw. die NATO, aus geo­stra­te­gi­schen Inter­es­sen einen Krieg auf dem Rücken der Arme­nie­rIn­nen durch­füh­ren woll­te, ist dabei noch lan­ge nicht abschlie­ßend geklärt – auch, wenn es der­zeit eher unwahr­schein­lich wirkt. Die Zie­le der Tür­kei sind dabei – unab­hän­gig von der Inten­si­tät der Unter­stüt­zung west­li­cher Part­ne­rIn­nen – ein­deu­tig. Doch auch Deutsch­land bei­spiels­wei­se lie­fert immer noch mas­sen­haft Waf­fen nach Anka­ra.

Neo-Osmanismus und Panturkismus

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Erdo­gan setzt dabei auf eine expan­sio­nis­ti­sche Poli­tik, auch um inne­re Kri­sen damit zu kaschie­ren. Die immer stär­ker anschwel­len­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Tür­kei in Liby­en, Syri­en, mit Grie­chen­land und Zypern oder eben nun mit Arme­ni­en sind bil­li­ges Kal­kül, um einer­seits das neo-osma­ni­sche Kli­en­tel der AKP-Regie­rung zu bedie­nen und ande­rer­seits auch die völ­ki­schen Kräf­te des Pan­tur­kis­mus zu akqui­rie­ren. Dies gelingt Erdo­gan gera­de im aser­bai­dscha­nisch-arme­ni­schen Kon­flikt her­vor­ra­gend.

So kann er mit dem nun begin­nen­den Krieg die Phan­ta­sien eines gro­ßen Osma­ni­schen Rei­ches unter Füh­rung der Tür­ken eben­so, wie die eines ras­sisch defi­nier­ten Turk­rei­ches befrie­di­gen. In der Ableh­nung der arme­ni­schen Kul­tur und des „min­der­wer­ti­gen arme­ni­schen Lebens“ sind sich dabei bei­de „Ansät­ze“ einig. Und so ist es wenig ver­wun­der­lich, dass in das kriegs­lüs­ter­ne Wolfs­ge­h­eu­le nicht nur die faschis­ti­schen, pan­tur­kis­ti­schen und neo-osma­ni­schen Par­tei­en ein­stei­gen, son­dern auch die bür­ger­li­chen. Die kema­lis­ti­sche CHP unter­stützt den Krieg eben­falls, nicht zuletzt um sich nicht dem tür­ki­schen „Volks­zorn“ aus­zu­set­zen. Doch nicht nur Oppor­tu­nis­mus lässt die libe­ra­le­ren Kräf­te jau­len, auch die tür­ki­sche Ideo­lo­gie, die den Geno­zid von 1915 nie auf­ar­bei­te­te und ihn wei­ter­hin ver­leug­net, lässt nun sei­ne Voll­endung for­dern. – Eigent­lich ja para­dox.

Erdo­gan setzt dabei auf eine ähn­li­che Tak­tik wie im Krieg der 1990er Jah­re und dem der­zei­ti­gen Ver­nich­tungs­krieg gegen die Kur­dIn­nen. Tau­sen­de isla­mis­ti­sche Kämp­fer wur­den mit tür­ki­scher Unter­stüt­zung bereits nach Aser­bai­dschan gebracht, um sich an den Kämp­fen zu betei­li­gen. Dies bestä­ti­gen Pass­kon­trol­len von getö­te­ten Kämp­fern wie auch ver­schie­de­ne Beob­ach­tungs­stel­len.

Nun ver­mel­det die arme­ni­sche Regie­rung am spä­ten Diens­tag Nach­mit­tag, dass einer ihrer Kampf­jets von einem tür­ki­schen F‑16 Bom­ber in arme­ni­schem Luft­raum abge­schos­sen wur­de. Danacht grei­fen nun auch erst­mals regu­lä­re tür­ki­sche Trup­pen unmit­tel­bar in die Kampf­hand­lun­gen ein. Ein Ver­nich­tungs­krieg gegen die Arme­nie­rIn­nen steht also unmit­tel­bar bevor. Ohne ein Ein­grei­fen inter­na­tio­na­ler Mäch­te, Russ­lands und des Wes­tens wer­den wir erneut einem Völ­ker­mord zuse­hen. Mit einem mili­tä­ri­schen Ein­grei­fen rückt die Gefahr eines grö­ße­ren Krieg in der gesam­ten Regi­on immer näher her­an.

Die Diaspora in Schrecken und Aufruhr

Die tür­ki­sche Ver­nich­tungs­ideo­lo­gie tritt dabei auch ver­stärkt in der Dia­spo­ra auf. Schon im Juli, als ers­te klei­ne­re mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf­tra­ten, sorg­ten tür­ki­sche Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen für anti­ar­me­ni­sche Mobi­li­sie­run­gen.

In Brüs­sel sam­mel­ten sich tür­ki­sche Jugend­li­che „auf der Suche nach Arme­ni­ern“, in Lon­don lie­fer­te man sich Stra­ßen­kämp­fe mit Teil­neh­me­rIn­nen arme­ni­scher Kund­ge­bun­gen oder über­fiel in Russ­land arme­ni­sche Lebens­mit­tel- und Imbiss­lä­den. Auch aus Frank­reich oder den USA sind Über­grif­fe auf Arme­nie­rIn­nen und arme­ni­sche Ein­rich­tun­gen bekannt. Die­se Angrif­fe wer­den sich mit der Aus­wei­tung des Krie­ges erheb­lich ver­stär­ken und aus­wei­ten.

Vor allem aber auch in der Tür­kei selbst wird das Leben für die weni­gen noch ver­blie­be­nen Arme­nie­rIn­nen immer unsi­che­rer. Die meis­ten der rund 50.000 leben in Kum­ka­pi, Istan­bul und wer­den dort seit Mon­tag mas­siv ein­ge­schüch­tert. Natio­na­lis­ti­sche Auto­kor­sos sol­len den Men­schen Angst machen. Ohne­hin gehen immer mehr Laden­be­sit­zer und Pri­vat­leu­te dazu über, arme­ni­sche Fami­li­en­na­men nicht mehr all­zu öffent­lich zu ver­wen­den.

Der Bei­trag End­lö­sung in der „arme­ni­schen Fra­ge“?! – Die tür­ki­sche Ver­nich­tungs­ideo­lo­gie in Angriffs­stel­lung erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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