[LCM:] 30 Jahre Annexion der DDR: Die Wende in der Bahnhofstraße

Die Nati­on fei­ert: Am 3. Okto­ber 1990 schluck­te die BRD die besieg­te Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik. Die ost­deut­schen Land­schaf­ten blüh­ten auf: Treu­hand, Deindus­tria­li­sie­rung, Zer­stö­rung von Mil­lio­nen Leben und bis heu­te andau­ern­de Dau­er­dif­fa­mie­rung jenes Teils Deutsch­lands, der zumin­dest ver­such­te, ein ande­res Deutsch­land zu sein.

Anläss­lich des Jah­res­ta­ges des Wie­der­erste­hens der geein­ten impe­ria­lis­ti­schen deut­schen Nati­on rufen die Pro­le­ta­ri­sche Auto­no­mie Mag­de­burg und wei­te­re Ein­zel­per­so­nen dazu auf, Erin­ne­run­gen an die Wen­de, die DDR und die ost­deut­sche Nach-Wen­de-Gesell­schaft ein­zu­sen­den. Einen der Tex­te, einen Essay von Georg Hop­pe, ver­öf­fent­li­chen wir vor­ab – und die Auf­for­de­rung, auch wei­ter­hin Tex­te ein­zu­sen­den (an: reader_​endeoktober@​systemli.​org)

Mein Groß­va­ter wur­de 1908 gebo­ren. Er hat den Ers­ten Welt­krieg und die Wei­ma­rer Repu­blik als Kind und Jugend­li­cher erlebt. Er ist Kom­mu­nist gewor­den, wur­de durch Ver­rat kurz vor sei­nem Gang in die Ille­ga­li­tät ver­haf­tet und saß wäh­rend der Herr­schaft des Faschis­mus zwölf Jah­re lang in Zucht­häu­sern und KZs. Er wur­de 1945 befreit, kurz bevor er in Maut­hau­sen ermor­det wer­den soll­te.

In der DDR sprach er in Schu­len von sei­ner Haft­zeit und von dem Kampf, den er geführt hat­te und führ­te. Eine mei­ner ers­ten Erin­ne­run­gen an ihn ist, wie er von poli­ti­schen Ver­samm­lun­gen kam, mit sei­nen Anste­ckern auf dem Jackett, auf­ge­wühlt und schimp­fend. Er muss­te erst ein­mal Rau­chen in sei­nem Zim­mer, in des­sen Wän­de und Bücher sich der Qualm ein­ge­fres­sen hat­te.

Mein Groß­va­ter war der erns­tes­te und zugleich lus­tigs­te und gütigs­te Mann, den ich kann­te.

Als die Mau­er fiel, da war er 82, sag­te er zu mei­ner Mut­ter, die mich schon hat­te: “Es tut mir so leid, aber die gan­ze alte Schei­ße wird wie­der­kom­men und ihr wer­det alles vorn vor­ne durch­ma­chen müs­sen: Kapi­ta­lis­mus, Faschis­mus, Krieg.” Mei­ne Mut­ter erzähl­te mir das viel spä­ter und erst noch viel spä­ter kapier­te ich es.

Mit fünf Jah­ren kapier­te ich natür­lich gar nichts. Ich erleb­te ein­fach eine span­nen­de Zeit: Ich lern­te mei­ne Freun­de ken­nen und spiel­te mit ihnen in den ver­kom­men­den Fabri­ken am Bahn­hof, die kurz zuvor dicht­ge­macht wor­den waren. Ich stopf­te all das Essen in mich hin­ein, das es über­all gab und ich woll­te alles haben, was ich in der Wer­bung sah. Ich fand mein Glück in Super-Soa­ker-Was­ser­pis­to­len, Puni­ca 7plus4 und Pan­zer­mo­del­len von Tami­ya. Ich spiel­te die halb­fa­schis­ti­schen Viet­nam­fil­me nach, die im Fern­se­hen kamen oder die ich bei Freun­den sah. Die Söld­ner wur­den mei­ne Vor­bil­der. Als mei­ne Eltern wie­der Arbeit hat­ten, sah ich stun­den­lang Fern­se­hen. Ich wur­de hei­misch in den Wohn­zim­mern klein­bür­ger­li­cher Fami­li­en von New York bis Los Ange­les, lach­te mit der Men­ge im Off und aß dazu die Fros­ta-Pfan­ne Bami Goreng und spä­ter am Nach­mit­tag After Eight und Toffi­fee und dann die Big Ame­ri­can Piz­za. Ich erin­ne­re das als eine Zeit gro­ßer Gemüt­lich­keit und Gebor­gen­heit.

Wir waren Kin­der und erleb­ten die Gegen­wart als alter­na­tiv­los und unver­gäng­lich. Doch zum Glück gab es noch Über­bleib­sel einer ande­ren Gegen­wart: Bücher wie “Nackt unter Wöl­fen” von Bru­no Apitz, wel­ches unse­re Leh­re­rin mei­nem Freund Ron­ny gab, nach­dem er einen Mit­schü­ler “Tür­ken­schwein” genannt hat­te. Bücher wie “Die Aben­teu­er des Wer­ner Holt”, das mir mei­ne Mut­ter gab, als die Grund­schu­le sich dem Ende neig­te. Die blau­en Bän­de in unse­rem Wand­schrank, die ich natür­lich nicht las, aber von denen in der Fami­lie immer so gespro­chen wur­de, dass sie mir äußerst wich­tig zu sein schie­nen und mich neu­gie­rig mach­ten – eine Neu­gier, der ich spä­ter nach­ging. Und es gab Men­schen wie mei­nen Groß­va­ter.

Und auch in unse­rer Gegen­wart taten sich Ris­se auf – der eine konn­te in den Urlaub fah­ren und der ande­re nicht, der eine hat­te Arbeit, der ande­re nicht, der eine kam aufs Gym­na­si­um, der ande­re auf die Haupt­schu­le – Ris­se, die sich ver­tie­fen und spä­ter zu Ein­sicht füh­ren soll­ten.

Ich habe das fol­gen­de Erleb­nis lan­ge Ver­ges­sen gehabt, obwohl es damals für mich eine star­ke Erschüt­te­rung gewe­sen war. Jah­re­lang hat­te ich nicht dar­an gedacht und doch muss es dage­we­sen sein, auf Abruf, bereit, gedeu­tet zu wer­den. Es kam mir wie­der in dem Moment, als ich zu der Erkennt­nis gelangt war, dass mein Groß­va­ter recht gehabt hat­te. Da konn­te ich es als das erken­nen, was es war: näm­lich der Moment, indem ich per­sön­lich erleb­te, wie die gan­ze Schei­ße wie­der­kam, in einem klei­nen Aus­schnitt, in der Köpe­ni­cker Bahn­hof­stra­ße.

Mei­ne Mut­ter und ich lie­fen die Bahn­hof­stra­ße lang, so wie immer wenn wir ein­kau­fen oder beim Arzt gewe­sen waren. In der Bahn­hof­stra­ße waren vie­le klei­ne Läden: Der Flei­scher zum Bei­spiel, bei dem es auf der Vitri­ne ein Glas mit wei­ßen Schaumm­äu­sen gab. Die meis­ten hat­ten schwar­ze Augen und nur ganz weni­ge rote. Ich freu­te mich jedes Mal rie­sig, wenn ich eine Maus mit­neh­men durf­te. Ich war­te­te oft lan­ge, kne­te­te sie und roch an ihr, bis ich sie end­lich im Mund zer­ge­hen ließ.

Hier war auch der Spiel­zeug­la­den, in des­sen Schau­fens­ter die Spiel­zeu­ge lock­ten. Manch­mal bekam ich etwas Klei­nes, wenn es beim Arzt sehr lan­ge gedau­ert hat­te, aber oft guck­ten mei­ne Mut­ter und ich auch ein­fach durch die Schei­be und ich zeig­te auf Sachen und wir lach­ten viel. Über­haupt lach­ten wir viel, wenn wir durch die Bahn­hof­stra­ße lie­fen und auch sonst.

Aber an die­sem Tag war irgend­et­was anders. Zuerst waren es Klei­nig­kei­ten. Die Leu­te schie­nen schnel­ler zu lau­fen, waren mehr mit sich selbst beschäf­tigt. Ich guck­te zu mei­ner Mut­ter hoch. Sie hat­te eine Fal­te auf der Stirn und war Ernst. Das war etwas, das mich in Alarm­be­reit­schaft ver­setz­te. Die Fal­te auf ihrer Stirn, ihr erns­ter Aus­druck, lie­ßen mich ihre Hand fes­ter drü­cken und auch mei­nen Schritt beschleu­ni­gen. Je näher wir dem Bahn­hof kamen, des­to selt­sa­mer wur­de alles. Es schien alles durch­ein­an­der zu sein, grau­er, dunk­ler, irgend­wie bedroh­lich. Selbst ein frem­der Geruch lag in der Luft.

Ich sah, dass auf dem Bür­ger­steig Leu­te stan­den und sich miss­trau­isch umsa­hen. Vor ihnen stand eine Packung Zige­ret­ten. Das war neu.

“Was sind das für Leu­te?”, frag­te ich mei­ne Mut­ter.

“Das sind Viet­na­me­sen”, sag­te mei­ne Mut­ter. “Sie ver­kau­fen Ziga­ret­ten, aber das ist so nicht erlaubt.”

An der Bus­hal­te­stel­le saßen Män­ner in Lum­pen. Dort, wo sonst die Gemü­se­händ­ler gestan­den hat­ten, waren jetzt Stän­de mit allem mög­li­chen Zeug. Ich sah einen Tisch mit vie­len Mes­sern und erschrak. Zwi­schen den Stän­den dräng­ten sich die Leu­te, sovie­le Leu­te, wie ich es noch nie auf der Bahn­hof­stra­ße gese­hen hat­te. Ich hielt mich dicht an mei­ne Mut­ter.

Dann sah ich, wo der Geruch her­ge­ko­men war. In einer Nische vor einer Bara­cke, auf dem Fuß­bo­den zwi­schen dem Gewim­mel, saß eine Fami­lie um eine klei­nes Feu­er in einer Scha­le her­um. Eine schma­ler Rauch­fa­den schän­gel­te sich in die Luft und ver­ström­te die­sen frem­den Geruch, ver­brannt und wür­zig. Es waren nur Frau­en und Kin­der da. Sie hat­ten selt­sa­me Klei­der an, um sie her­um stan­den Taschen und Beu­tel und sie spra­chen in einer Spra­che, die ich nicht ver­stand. Ein Feu­er mit­ten auf der Bahn­hof­stra­ße, das allein irri­tier­te mich. Dann sah ich einen Jun­gen in mei­nem Alter und unse­re Bli­cke tra­fen sich. Er hat­te nur ein Tuch um die Len­den gewi­ckelt und war bar­fuss. Es war Herbst und es war kalt. Der Anblick ver­wirr­te mich, er mach­te mir Angst, er ent­zog sich mei­nem Ver­ständ­nis: Ein Jun­ge in mei­nem Alter, ein Mensch, mit den nack­ten Füßen auf dem kal­ten Asphalt, wäh­rend ich war­me Schu­he anhat­te, sei­ne Haut in der Käl­te, wäh­rend ich eine war­me Jacke trug, sein Blick, den ich nicht deu­ten konn­te. Das ein­zi­ge, was mir gewiss war, war, das hier etwas nicht stimm­te, dass es so nicht sein konn­te, nicht sein durf­te, aus einem Gefühl tief in mei­nem Innern her­aus. Aber es war real. Die Welt war mit einem Schlag ver­än­dert – die Welt, mein Bild von ihr und mein Bild von mei­nem Platz dar­in.

Der Jun­ge lief zu uns und hielt sei­ne Hän­de auf.

“Bit­te, bit­te!”, sag­te er.

Ich schau­te mei­ne Mut­ter an. Mein Herz klopf­te.

“Nein.” sag­te sie. Sie drück­te mei­ne Hand und ging noch schnel­ler, die Fal­te in ihrer Stirn war noch tie­fer.

“Bit­te!”, sag­te der Jun­ge und lief rück­wärts vor uns. Er zeig­te auf die Tasche mei­ner Mut­ter.

“Nein habe ich gesagt!”, schrie sie fast und zog ihre Tasche weg. In ihrer Stim­me war Ver­wir­rung, Angst, Unsi­cher­heit – etwas, das ich noch nie bei ihr gehört hat­te. Wir lie­fen schnell, ich guck­te auf mei­ne Schrit­te und wir dräng­ten den Jun­gen weg, der sich in der Men­ge der Fuß­gän­ger ver­lor.

Wir gin­gen durch die S‑Bahnbrücke, vor­bei an der Boi­l­er­fa­brik, vor­bei an den Gara­gen, in deren Laby­rinth hin und wie­der einer der Ziga­ret­ten­män­ner ver­schwand, vor­bei an der Minol­tank­stel­le mit dem gel­ben Minol-Pirol, und lie­ßen den Bahn­hof hin­ter uns. Es wur­de ruhi­ger und grü­ner. Wir kamen zum Wuh­le­weg. Es roch jetzt nach Wuh­le­was­ser und Schilf, Algen und Enten. Hin­ter dem Zaun war die Gärt­ne­rei mit den schö­nen Bäu­men und Pflan­zen. Hier schien sich nichts ver­än­dert zu haben. Wir ver­lang­sam­ten den Schritt.

Ich schau­te mei­ne Mut­ter an. Die Fal­te war noch da, aber sie war nicht mehr ganz so tief.

“Was war mit dem Jun­gen los?”, trau­te ich mich schließ­lich zu fra­gen. Ich spür­te eine tie­fe Scham, weil ich es nicht wuss­te und weil ich offen­bar anders war als der Jun­ge, mehr hat­te, in einer siche­re­ren Pos­ti­ti­on war. Ich hat­te Angst vor der Ant­wort.

“Er war arm”, sag­te mei­ne Mut­ter. “So etwas gibt es lei­der.”

“War­um haben wir ihm nichts gege­ben?”, frag­te ich.

Mei­ne Mut­ter seufz­te.

“Ach, ich weiß es doch auch nicht”, sag­te sie. “Weil man nicht weiß, ob das echt ist, oder ob man betro­gen wird. Weil man heut­zu­ta­ge gar nicht mehr weiß, wie man sich ver­hal­ten soll.”

Sie strei­chel­te mir über den Hin­ter­kopf. Es war eine Erleich­te­rung, das sie das gesagt hat­te. Es war raus. Aber was es bedeu­te­te, war kein Grund zur Erleich­te­rung.

Weil man nicht weiß, wie man sich heut­zu­ta­ge ver­hal­ten soll – die­sen Satz hör­te ich öfter in der fol­gen­den Zeit. Wir lach­ten immer noch, aber nicht mehr so oft. Den Jun­gen sah ich nie wie­der, aber er ging nicht mehr weg aus mei­nem Kopf, wenn ich in mei­nem Zim­mer saß und mit mei­nen Sachen spiel­te. Die Bett­ler, die Ziga­ret­ten­män­ner und die Mes­ser­ver­käu­fer gin­gen nicht mehr weg aus der Bahn­hof­stra­ße. Auch die Fal­te auf der Stirn mei­ner Mut­ter ging nicht mehr weg. Sie war jetzt immer zuhau­se und hör­te mit mir in der Küche Radio. Ich moch­te “Ano­t­her Day in Para­di­se”. Wenn wir in die Bahn­hof­stra­ße gin­gen, hat­ten wir nun immer ein paar Pfen­ni­ge dabei.

Die Fabrik am Bahn­hof mach­te zu, die Gärt­ne­rei mach­te zu, die Tank­stel­le mach­te zu. Die Läden in der Bahn­hof­stra­ße ver­schwan­den ein paar Jah­re spä­ter, als man die Gara­gen weg­riss und das neue “Forum”-Einkaufszentrum gebaut wur­de. Mein Vater muss­te auch nicht mehr auf Arbeit. Mein Kum­pel Ron­ny sag­te, jeder brau­che heut­zu­ta­ge ein Mes­ser und ich sol­le mir auch eines am Bahn­hof kau­fen. Mein Kum­pel Mar­tin wur­de ab der drit­ten Klas­se komisch und wir hän­sel­ten ihn manch­mal des­we­gen. Erst am Ende der Grund­schu­le erfuh­ren wir, dass er sei­nen Vater erhängt im Schup­pen gefun­den hat­te.

Der Bei­trag 30 Jah­re Anne­xi­on der DDR: Die Wen­de in der Bahn­hof­stra­ße erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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