[LCM:] 17 Stockwerke hat die Hölle – Cemile Sahins „Alle Hunde sterben“ ist erschienen

Es gibt ein Foto, auf dem ist ein tür­ki­scher Sol­dat einer Spe­zi­al­ein­heit zu sehen. Aus sei­nem Mund hängt läs­sig eine Ziga­ret­te, sein Kopf ist an den Sei­ten kahl­ge­scho­ren, das ver­blie­be­ne Haupt­haar ist akku­rat fri­siert. Sein Blick zeigt unge­trüb­ten Stolz, er streckt den rech­ten Arm in die Kame­ra, der die Tro­phäe zur Schau stellt. Aus dem rech­ten Arm bau­melt ein Men­schen­kopf, unsau­ber am Hals abge­sägt. Der Men­schen­kopf sieht sto­isch nach unten. Weil der Men­schen­kopf irgend­wann ein­mal zu einem kur­di­schen Men­schen gehört hat, ist für die Sol­da­ten klar: Hier wur­de ein Ter­ro­rist gefan­gen.

Das Bild ist kei­ne Fik­ti­on. Es ist ein Screen­shot aus einem Video, das irgend­wann nach 2017 in Sirnak, einer Regi­on im kur­di­schen Süd­os­ten der Tür­kei auf­ge­nom­men wur­de. Und es ist das Bild, an das ich beim Lesen von Cemi­le Sahins neu­em Roman „Alle Hun­de ster­ben“ eigent­lich auf jeder der 237 Druck­sei­ten den­ken muss­te.

Sahins Buch ist auf­ge­baut wie eine Net­flix-Serie, aber wie eine der guten, Dark Mir­ror etwa. Es spielt in einem Hoch­haus im Wes­ten der Tür­kei, das 17 Stock­wer­ke hat. Aber eigent­lich spielt es in den Köp­fen der neun Men­schen, die in neun Epi­so­den ihre Geschich­ten erzäh­len. Die neun Geschich­ten han­deln aber alle von einer Geschich­te und die­se Geschich­te ist ihrer­seits kei­ne Fik­ti­on, son­dern sie wird über­all auf der Welt jeden Tag wie­der und wie­der auf­ge­führt: „Ich schlei­che durch die Woh­nung mit zwei Paar Socken, und ich ver­ste­he: hin­ter der Tür kommt ein Zim­mer, und hin­ter einem Zim­mer kommt eine Wand. Und vor der Wand hängt eine Fah­ne, und wenn wir ihre Fah­ne sehen, wis­sen wir, in wel­chem Land wir sind. Wir sind in die­sem Land. Und wenn uns ein Sol­dat hier sieht, dann packt er uns und stellt uns vor ihre Fah­ne.“

Wenn einer nicht vor der Fah­ne ste­hen will, weil die Fah­ne ihm und sei­nen Nach­barn, sei­nen Eltern, Tan­ten, Onkeln, Kin­dern, Groß­el­tern und Freun­den schon bis zum Ersti­cken in den Mund gestopft wur­de, beginnt die Sto­ry. Es gibt dann Ter­ro­ris­ten. Und weil die­je­ni­gen, die die Fah­ne auf­ge­han­gen haben, es nicht dul­den kön­nen, dass es Ter­ro­ris­ten gibt, gibt es Sol­da­ten, Poli­zis­ten, Son­der­ein­hei­ten, Spit­zel. Deren Auf­ga­be ist es, alle zu fan­gen, die nicht Ter­ro­ris­ten sind, son­dern sein könn­ten. Also zie­hen sie los und gehen ihrem Beruf als Hel­den der Nati­on nach. Für die­sen Beruf haben sie Werk­zeu­ge wie jeder Hand­wer­ker: Stri­cke, Fäus­te, Geweh­re, Pis­to­len, eine Rat­te.

Mit den Werk­zeu­gen bear­bei­ten sie die Gegen­stän­de ihres Hand­wer­kes, die Men­schen, von denen sie wis­sen, sie sind Ter­ro­ris­ten. Nur sind die­se Gegen­stän­de eben kei­ne Gegen­stän­de, son­dern Men­schen, also geht in ihnen etwas vor. Was aber in ihnen vor­geht, ist für die Außen­ste­hen­den oft egal: Für die­je­ni­gen, die die Fah­ne auf­ge­han­gen haben sowie­so, es sind ja Ter­ro­ris­ten; für die Sol­da­ten, Poli­zis­ten, Son­der­ein­hei­ten und Spit­zel auch, es sind ja Ter­ro­ris­ten; für die Han­dels­part­ner des Lan­des, in dem die Ter­ro­ris­ten auf­ge­han­gen, zu Tode gequält, erschla­gen und in den Wahn­sinn getrie­ben wer­den auch, weil die Fah­ne ver­spricht lukra­ti­ve Geschäf­te; für die Urlau­ber, die in das Land fah­ren, in dem die Fah­ne hängt auch, denn sie machen ja nicht in dem 17-stö­cki­gen Hoch­haus Urlaub, son­dern in einem hüb­schen Hotel, in dem es kei­ne Ter­ro­ris­ten gibt.

Cemi­le Sahin hat ver­sucht, die Ver­hee­run­gen ein­zu­fan­gen, die das Fol­tern, Bespit­zeln, Erschie­ßen und Ernied­ri­gen in den­je­ni­gen aus­löst, an denen es ange­wandt wird. Was macht es aus jeman­dem, wenn sein Groß­va­ter mit dün­nen Sei­len, mit denen man Scha­den anrich­ten kann, an einen Baum gefes­selt und abge­knallt wur­de wie ein Hund? Was macht es mit Fami­li­en, die aus­ein­an­der­ge­ris­sen wer­den, und bei denen die einen nicht wis­sen, wo die ande­ren sind? Was macht es mit einem, die Gebei­ne der toten Mut­ter in einem Plas­tik­sack her­um­zu­schlep­pen? Und was kann noch aus jeman­dem wer­den, der gezwun­gen wur­de, eine Rat­te zu fres­sen?

„Alle Hun­de ster­ben“ spielt in einem Land, das zu einem Knast gewor­den ist. Einem Land, in dem nicht nur der wirk­li­che Knast oder das 17-stö­cki­ge Hoch­haus, in dem nie­mand aus frei­en Stü­cken lebt, ein Knast sind, son­dern jeder Mili­me­ter sei­nes Ter­ri­to­ri­ums. „Die Zukunft ist klein, und das Gefäng­nis ist groß“, sagt eine der Protagonist*innen.

Ein sol­ches Land muss para­no­id sein. „Denn jeder Anzug könn­te zu einem Spit­zel gehö­ren, da jeder Anzug auf einem Spit­zel sitzt. Und jeder Spit­zel ist ein Mann im Anzug, der womög­lich aus einem Auto gestie­gen ist.“ Wo die Spit­zel sind, sind die Sol­da­ten nicht weit. Und die kom­men dann nachts und tre­ten Türen ein, aber man ist natür­lich auch tags­über nicht sicher, denn wer nachts kommt, kann auch tags­über kom­men. Die Sol­da­ten in dem Roman sind wie eine Pla­ge. Sie fal­len ein und zer­stö­ren. Sie zer­stö­ren Häu­ser, Dör­fer, Grä­ber, Men­schen.

Das zu lesen, ist beklem­mend. Es ist eine Qual und was ande­res als eine Qual könn­te es sein? Es ist eine Qual vor allem des­halb, weil man sich eben nicht dar­aus ret­ten kann, indem man sich sagt: Es ist ja nur ein Roman. Weil es halt nicht nur ein Roman ist, son­dern all das wirk­lich pas­siert. Der Natio­na­lis­mus exis­tiert wirk­lich, der Faschis­mus exis­tiert wirk­lich, sei­ne Sol­da­ten exis­tie­ren wirk­lich und die Men­schen, die als Ter­ro­ris­ten zu Frei­wild erklärt wer­den, exis­tie­ren auch wirk­lich.

Inso­fern ist Sahins Buch nicht ein­fach eine kunst­voll gemach­te Erzäh­lung. Es ist wirk­lich gute Lite­ra­tur, aber nicht aus den Grün­den, die im bür­ger­li­chen Feuil­le­ton ange­führt wer­den, der immer so tut, als sei Lite­ra­tur eine Art Rot­wein, den man schwenkt, an ihm riecht, den Gau­men run­ter­schüt­tet und danach sagt: Ah, das hat der Win­zer aber vor­züg­lich gemacht, ich neh­me drei Kis­ten. Die eigent­li­che Poin­te des Buches liegt jen­seits der Druck­sei­ten in der Wirk­lich­keit. Denn das Buch stellt die unaus­ge­spro­che­ne Fra­ge: Was hast DU eigent­lich getan, damit das auf­hört?

#Titel­bild: Zehra Dogan; Bild­quel­le: ANFeng­lish

Cemi­le Sahin /​Alle Hun­de Ster­ben /​Auf­bau Ver­lag /​239 Sei­ten /​20,00 €

Der Bei­trag 17 Stock­wer­ke hat die Höl­le – Cemi­le Sahins „Alle Hun­de ster­ben“ ist erschie­nen erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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