[gfp:] Ein militärischer „Kompetenzcluster Weltraum“

Die US Air Base Ramstein

Das neue NATO Space Cent­re soll beim NATO Allied Air Com­mand ange­sie­delt wer­den, das die Luft­streit­kräf­te des Kriegs­bünd­nis­ses führt. Die­ses wie­der­um ist auf der US Air Base Ram­stein west­lich von Kai­sers­lau­tern unter­ge­bracht, der größ­ten US-Luft­waf­fen­ba­sis außer­halb der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Über Ram­stein wer­den US-Mate­ri­al- und Trup­pen­ver­le­gun­gen in die Län­der des Mitt­le­ren Ostens abge­wi­ckelt; auch für den Trans­port von Ver­letz­ten hat die Air Base gro­ße Bedeu­tung: Ganz in der Nähe befin­det sich mit dem Land­stuhl Regio­nal Medi­cal Cen­ter das bedeu­tends­te US-Mili­tär­la­za­rett außer­halb der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Ram­stein ist für die CIA-Ver­schlep­pung von Ter­ror­ver­däch­ti­gen in Fol­ter­la­ger in den Jah­ren ab 2001 [1] genau­so genutzt wor­den wie spä­ter Berich­ten zufol­ge für gehei­me, nach deut­schem Recht ille­ga­le Lie­fe­run­gen von Waf­fen an Auf­stän­di­sche in Syri­en [2]. Vor allem aber befin­det sich in Ram­stein das Air and Space Ope­ra­ti­on Cen­ter (AOC) der U.S. Armed For­ces, über das US-Droh­nen­an­grif­fe in Mit­tel­ost und in Afri­ka gesteu­ert wer­den; dabei fun­giert das AOC als Relais­sta­ti­on für die Signal­über­tra­gung aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten in die Ein­satz­ge­bie­te. Die US-Droh­nen­an­grif­fe wer­den – vor allem, weil ihnen zahl­lo­se unschul­di­ge Zivi­lis­ten zum Opfer fal­len – inter­na­tio­nal scharf kritisiert.[3]

Das NATO Space Centre

Zu den Auf­ga­ben des NATO Space Cent­re gehört es zunächst, die Welt­raum­über­wa­chung der ein­zel­nen NATO-Staa­ten zu koor­di­nie­ren. Eine beson­de­re Rol­le spie­len dabei die Satel­li­ten der Mit­glied­staa­ten, die ins­be­son­de­re für mili­tä­ri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, Navi­ga­ti­on und Auf­klä­rung unver­zicht­bar sind; sie müs­sen im Kriegs­fall ent­spre­chend gegen feind­li­che Angrif­fe abge­si­chert wer­den. Dem NATO Space Cent­re kommt zunächst die Auf­ga­be zu, etwai­ge Bedro­hun­gen für Satel­li­ten der Bünd­nis­staa­ten zu eru­ie­ren; per­spek­ti­visch kön­ne es auch, heißt es, zu einem Kom­man­do­zen­trum für Maß­nah­men zur Ver­tei­di­gung der Satel­li­ten auf­ge­rüs­tet wer­den. Dar­über hin­aus soll es, wie NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg ges­tern bestä­tig­te, dazu bei­tra­gen, die Akti­vi­tä­ten der Mit­glied­staa­ten im Welt­raum zu koordinieren.[4] Tat­säch­lich sind eine Rei­he von Mit­glied­staa­ten inzwi­schen dabei, ihre Kapa­zi­tä­ten für mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen im Welt­all umfas­send aus­zu­wei­ten. Die Trump-Admi­nis­tra­ti­on etwa hat im Dezem­ber 2019 die U.S. Space For­ce aus der Air For­ce aus­ge­glie­dert und zur eige­nen Teil­streit­kraft auf­ge­wer­tet. Allein im Jahr 2021 ste­hen für sie 15,4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bereit, davon gut 10,3 Mil­li­ar­den für For­schung, Ent­wick­lung sowie Tests neu­er Technologien.[5] Die U.S. Space For­ce ver­fügt längst über Angriffs­waf­fen zur Krieg­füh­rung im All.[6]

Das NATO Space Centre of Excellence

Ergän­zend zu ihrem neu­en Space Cent­re, das mit weni­gen Mit­ar­bei­tern star­ten, per­so­nell aber in abseh­ba­rer Zeit auf­ge­stockt wer­den soll, plant die NATO den Auf­bau eines Space Cent­re of Excel­lence, das – wie alle NATO-Cen­tres of Excel­lence ein „Fach­zen­trum bei der Ent­wick­lung von Ver­fah­ren und Know-how“ [7] – Vor- und Zuar­bei­ten für künf­ti­ge Welt­raum­ope­ra­tio­nen leis­ten soll. Sein Stand­ort wird in Kür­ze fest­ge­legt. Die Bun­des­re­gie­rung setzt sich dafür ein, die Ein­rich­tung in Kal­kar am Nie­der­rhein anzu­sie­deln. Dort hat nicht nur das Joint Air Power Com­pe­tence Cen­ter (JAPCC) sei­nen Sitz, das – auf deut­sche Initia­ti­ve – am 1. Janu­ar 2005 als ers­tes NATO-Cent­re of Excel­lence über­haupt sei­ne Tätig­keit auf­ge­nom­men hat und sich vor allem der Ana­ly­se und der Wei­ter­ent­wick­lung der Krieg­füh­rung im Luft- und im Welt­raum widmet.[8] In Uedem bei Kal­kar hat dar­über hin­aus die Bun­des­wehr im ver­gan­ge­nen Monat ihre neue Zen­tra­le für die Füh­rung mili­tä­ri­scher Ope­ra­tio­nen im Welt­raum in Dienst gestellt. Dabei dockt das neue Air and Space Ope­ra­ti­ons Cent­re (ASOC) an das bereits seit 2009 bestehen­de Welt­raum­la­ge­zen­trum der Bun­des­wehr an. Das ASOC wird als natio­na­le Füh­rungs­ein­rich­tung betrie­ben; Ber­lin zielt dar­auf ab, es per­spek­ti­visch von US-Unter­stüt­zung – etwa der Bereit­stel­lung von Welt­raum­la­ge­da­ten – unab­hän­gig zu machen, um auch im All mili­tä­risch eigen­stän­dig ope­ra­ti­ons­fä­hig zu sein.[9]

„Kompetenzaufbau im Bereich Weltraum“

Aller­dings kon­kur­riert Kal­kar zur Zeit noch mit Tou­lou­se. Frank­reich hat sei­ne Luft­waf­fe am 11. Sep­tem­ber 2020 in „Luft- und Welt­raum­streit­kräf­te“ („Armée de l’air et de l’e­space“) umbe­nannt und baut in Tou­lou­se ein gro­ßes Welt­raum­kom­man­do („Com­man­de­ment de l’e­space“) auf, das ab 2025 mit rund 500 Sol­da­ten voll ein­satz­fä­hig sein soll. Paris stellt für sei­nen Auf­bau im ers­ten Schritt 4,3 Mil­li­ar­den Euro bereit. Berich­ten zufol­ge soll die nächs­te Genera­ti­on fran­zö­si­scher Mili­tär­sa­tel­li­ten offen­siv bewaff­net sein – zum Bei­spiel mit Schuss­waf­fen und Laserkanonen.[10] Mit Blick dar­auf, dass Paris das NATO-Space Cent­re of Excel­lence nach Tou­lou­se holen und dort erheb­li­che Kapa­zi­tä­ten auf­bau­en will, rät die vom Kanz­ler­amt finan­zier­te Ber­li­ner Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP), bezüg­lich des Fach­zen­trums „eine Koope­ra­ti­on mit Frank­reich“ anzu­stre­ben: „Denk­bar wären zum Bei­spiel gemein­sa­me Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren mit bina­tio­nal wech­seln­den Spitzendienstposten.“[11] Beim „Kom­pe­tenz­auf­bau im Bereich Welt­raum“ kön­ne es nur hilf­reich sein, „inter­na­tio­na­le Koope­ra­tio­nen mit Ver­bün­de­ten zu suchen“. Dar­auf auf­bau­end kön­ne das NATO-Space Cent­re of Excel­lence zusam­men mit dem ASOC „ein Kom­pe­tenz­clus­ter Welt­raum in Deutsch­land bil­den“.

Das fünfte Operationsgebiet

Der Auf­bau der NATO-Struk­tu­ren für mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen im Welt­raum folgt dem Beschluss der NATO-Staats- und Regie­rungs­chefs auf ihrem Gip­fel am 3./4. Dezem­ber 2019 in Lon­don, das All ganz offi­zi­ell zum neu­en Ope­ra­ti­ons­ge­biet des Kriegs­bünd­nis­ses zu erklä­ren – dem fünf­ten neben Land, Was­ser, Luft und Cyber. Mili­tärs mes­sen ihm dabei inzwi­schen eine recht beson­de­re Bedeu­tung zu, weil kein Krieg mehr ohne Satel­li­ten­da­ten geführt wer­den kann.

[1] S. dazu Haupt­stütz­punkt.

[2] Fre­de­rik Ober­mai­er, Paul-Anton Krü­ger: Heik­le Fracht aus Ram­stein. sued​deut​sche​.de 12.09.2017.

[3] S. dazu Droh­nen­mor­de vor Gericht.

[4] Online press con­fe­rence by NATO Secreta­ry Gene­ral Jens Stol­ten­berg fol­lowing the first day of the mee­tings of NATO Defence Minis­ters. nato​.int 22.10.2020.

[5] S. dazu Kampf um deut­sche High-Tech-Fir­men.

[6] Joseph Tre­vithick: Space For­ce Just Recei­ved Its First New Offen­si­ve Wea­pon. the​dri​ve​.com 13.03.2020.

[7] Domi­nic Vogel: Bun­des­wehr und Welt­raum. SWP-Aktu­ell Nr. 79. Ber­lin, Okto­ber 2020.

[8] S. dazu Die Ideen­schmie­den der NATO.

[9] S. dazu Bun­des­wehr­ope­ra­tio­nen im Welt­raum.

[10] Guer­ric Pon­cet: Espace : la Fran­ce va armer ses pro­chains satel­li­tes mili­taires. lepoint​.fr 26.07.2019.

[11] Domi­nic Vogel: Bun­des­wehr und Welt­raum. SWP-Aktu­ell Nr. 79. Ber­lin, Okto­ber 2020.

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