[KgK:] Wer nicht von Krieg und Rassismus redet, soll von Islamismus schweigen

Der 18-jäh­ri­ge Abdoul­lakh Abouy­e­do­vich Anzorov töte­te einen Leh­rer Paty vor knapp einer Woche. Der Aus­lö­ser hier­bei war eine Unter­richts­stun­de gewe­sen, in der der Leh­rer die isla­mo­pho­be Kari­ka­tur Moham­meds des Sati­re­ma­ga­zins Char­lie Heb­do gezeigt hät­te.

Das poli­ti­sche Estab­lish­ment der Fünf­ten Repu­blik orga­ni­sier­te zu die­sem Anlass einen natio­na­len Gedenk­tag. Juso-Vor­sit­zen­der Kevin Küh­nert nutzt dies, um eine Debat­te in der “poli­ti­schen Lin­ken” zu füh­ren, die sei­ner Mei­nung nach in punc­to isla­mis­ti­sche Gewalt einen “blin­den Fleck” hät­te.

Erst ein­mal fällt auf, dass er kei­ner­lei Urteil über den natio­na­len Gedenk­tag fällt. Dabei las­sen sich doch etli­che Par­al­le­len zu den Dis­kur­sen hier­zu­lan­de fin­den. Den Beruf des Leh­rers beti­tel­te Macron in sei­ner Rede den “schöns­te Beruf der Welt”. Die­se Heroi­sie­rung der Lehrer:innen kon­tras­tiert jedoch stark mit der Rea­li­tät wäh­rend der Pan­de­mie, wo die Schu­len mit zu den wich­tigs­ten Clus­tern gehö­ren und die Regie­rung Lehrer:innen ohne aus­rei­chen­de Hygie­ne­maß­nah­men “an die Front” schickt.

Das Bil­dungs­sys­tem in Frank­reich war schon Ziel­schei­be meh­re­rer Angrif­fe Macrons und sei­ner Vor­gän­ger. Die Bil­dungs­re­for­men, die in der letz­ten Amts­zeit mit Repres­si­on durch­ge­setzt wur­den, kos­te­ten auch Leben: So beging Schul­lei­te­rin Chris­ti­ne Renon vor rund einem Jahr Sui­zid und gab als Grün­de Über­ar­bei­tung, die Samm­lung an admi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben und die damit ein­her­ge­hen­de Ein­sam­keit an. Doch nicht nur sie litt unter den Angrif­fen auf den öffent­li­chen Dienst. Bis zu 15.000 Arbeits­plat­ze woll­te die Regie­rung mit ihrem Kür­zungs­plan abbau­en. Eben­so erschwer­te sie für vie­le Stu­die­ren­de den Hoch­schul­zu­gang und ver­grö­ßer­te die Sche­re zwi­schen armen und rei­chen Stu­die­ren­den.

Über die­se und ande­re Heu­che­lei­en der fran­zö­si­schen Politiker:innen ver­liert Küh­nert kein Wort. Eben­so wenig über die ver­stüm­mel­ten und ermor­de­ten Demons­trie­ren­den, die seit der Ent­ste­hung der Gelb­wes­ten­be­we­gung von Macrons Poli­zei nie­der­ge­knüp­pelt wur­den.

Schön und gut. Man könn­te Küh­nert also sagen, er hät­te eine dif­fe­ren­zier­te­re Mei­nung zu Macrons “Gedenk­tag” äußern kön­nen, der wohl offen­sicht­lich ein Manö­ver war, um mit Sym­bo­lik und gro­ßen Reden von der eige­nen Poli­tik abzu­len­ken.

Jedoch sitzt das Pro­blem tie­fer: Küh­nerts impli­zi­te Aus­sa­ge ist, dass, weil sich ja nur isla­mo­pho­be Rech­te zu sol­chen Atta­cken posi­tio­nie­ren wür­den, die Lin­ke dies auch tun müs­se, um ihnen nicht das Feld zu über­las­sen. Schließ­lich gin­ge ja die “Anma­ßung zum Rich­ter über Leben und Tod mün­den­de Men­schen­bild der Täter” gegen die Wer­te, die Lin­ke ver­tei­di­gen wür­den.

Die­ser All­ge­mei­ne Mora­lis­mus, der nicht unter­schei­det, wer hier Täter und Opfer ist, ist jedoch gefähr­lich. Sicher­lich, Sozialist:innen ver­ur­tei­len reli­giö­sen Fana­tis­mus und hal­ten nichts von indi­vi­du­el­lem Ter­ro­ris­mus, ins­be­son­de­re in den Fäl­len wo er sich gegen Arbeiter:innen rich­tet.

Jedoch reicht der von Küh­nert pro­pa­gier­te “gesun­de Men­schen­ver­stand” nicht aus, um den Fall genü­gend zu ana­ly­sie­ren. Woher kommt denn der reli­giö­se Fana­tis­mus und der isla­mis­ti­sche Ter­ror? War­um wird kein Gedenk­fei­er­tag für die Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt orga­ni­siert, wo doch zuletzt zwei mus­li­mi­sche Frau­en mit einem Mes­ser ange­grif­fen wur­den.

Es ist außer­dem nicht so, als ob es weni­ger Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Isla­mis­mus gäbe. Viel­mehr fin­det kon­stant eine Het­ze gegen den Islam und Mus­li­me statt. Erst ges­tern reg­te der Koali­ti­ons­part­ner CDU mit einer wider­wär­ti­gen PR Akti­on in Ber­lin-Neu­kölln Auf­merk­sam­keit auf sich, als auf der Her­mann­stra­ße des migran­ti­schen Vier­tels mit einem Lam­bor­ghi­ni gegen die soge­nann­te “Clan­kri­mi­na­li­tät” gewor­ben wur­de.

Mal ganz zu schwei­gen davon, dass die meis­ten ech­ten Kri­mi­nel­len, die Lam­bos fah­ren, klas­si­sche deut­sche Kapitalist:innen sind, bedient sich die CDU ras­sis­ti­scher Ste­reo­ty­pe über soge­nann­te “Pro­blem­be­zir­ke” und stellt somit alle hier leben­den Migrant:innen unter Gene­ral­ver­dacht.

Die­ser Gene­ral­ver­dacht wird durch die Pres­se und Poli­zei ver­stärkt, wenn Raz­zi­en gegen Shis­ha­bars durch­ge­führt oder Migrant:innen von der Pol­zei mit racial pro­filing drang­sa­liert wer­den.

“Alle Men­schen sind gleich, man­che sind glei­cher”

Das berühm­te Zitat Geor­ge Orwells, was als Kri­tik an den Sta­li­nis­mus gel­ten soll­te, könn­te genau­so für die “euro­päi­schen” Wer­te der impe­ria­lis­ti­schen Metro­po­len gel­ten. Es ist offen­sicht­lich, dass die all­ge­mei­nen Men­schen­rech­te im Kapi­ta­lis­mus eben nicht für alle gel­ten.

Die Idee der für alle Men­schen gleich gel­ten­den Rech­te, die in der Auf­klä­rung durch Phi­lo­so­phen wie Jean-Jac­ques Rous­se­au geprägt wur­de, wur­de im revo­lu­tio­nä­ren Frank­reich von 1789 zuerst in der Décla­ra­ti­on des Droits de l’Homme et du Citoy­en (Erklä­rung der Men­schen- und Bür­ger­rech­te) zur Staats­rä­son erklärt.

Jedoch galt und gilt die­se Gleich­heit nur auf Papier. Aus­ge­schlos­sen davon waren unter ande­rem Frau­en und Sklav:innen aus den Kolo­nien. Das Bür­ger­tum muss­te ihre Herr­schaft durch die all­ge­mei­ne Gleich­heit recht­fer­ti­gen, zu deren Durch­set­zung sie nie bereit war.

Die Kon­ti­nui­tä­ten sehen wir bis heu­te: Wenn ein fran­zö­si­scher Leh­rer ermor­det wird, ist der Skan­dal weit­aus höher, als wenn eine fran­zö­si­scher Sol­dat in den (ehe­ma­li­gen) Kolo­nien mor­det.

Selbst im “schöns­ten Beruf der Welt” fin­det sich die­se Aus­gren­zung: Frau­en, die Hijab tra­gen, dür­fen in Frank­reich und Deutsch­land kei­ne Lehrer:innen wer­den. Ent­we­der sie assi­mi­lie­ren sich und legen ihre Reli­gi­on ab oder erhal­ten ein Berufs­ver­bot.

Und Deutsch­land?

Küh­nert tut gut dar­an, die­se rea­len Ungleich­hei­ten außer Acht zu las­sen und sich auf mora­li­sche Appel­le zu beschrän­ken. Schließ­lich wür­de eine kon­se­quen­te Denun­zie­rung der Gewalt und der Grund­la­gen der isla­mis­ti­schen Radi­ka­li­sie­rung bedeu­ten, sich gegen die impe­ria­lis­ti­schen Inter­ven­tio­nen in West­asi­en zu stel­len, an der sei­ne Par­tei Ver­ant­wor­tung trägt. So bewil­ligt die SPD bei­spiels­wei­se Waf­fen­ex­por­te an Sau­di-Ara­bi­en und die Tür­kei, die Dschi­ha­dis­ten als Söld­ner­trup­pen ein­set­zen.

Die angeb­li­che Bedro­hung der USA durch nicht gefun­de­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen hat die Lebens­be­din­gun­gen der arbei­ten­den Bevöl­ke­run­gen der gesam­ten Regi­on rui­niert. 18 Jah­re nach der Inva­si­on des Iraks, auf der wei­te­re mit deut­scher Kom­pli­zen­schaft folg­ten, ist die wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Insta­bi­li­tät nur noch gewach­sen und hat sich ver­brei­tet. Bis heu­te bleibt das Ver­bre­chen unge­löst.

Der isla­mis­ti­sche Ter­ror in West­asi­en und Afri­ka, vor dem so vie­le nach Deutsch­land über Sta­chel­draht und Mee­res­rou­ten flie­hen, stell­te eine kata­stro­pha­le kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on für die der Arbeiter:innen, das Bau­ern­tum, die Frau­en, die Jugend­li­chen und die Unter­drück­ten dar. Die Mili­zen wie der IS rekru­tie­ren sich aus den ver­arm­ten, deklas­sier­ten, benach­tei­lig­ten und rui­nier­ten Mas­sen: „(Die­se Bru­ta­li­tät) kann nur in einem Land an Boden und Anhän­gern gewin­nen, das vom Impe­ria­lis­mus ins Mit­tel­al­ter gebombt wur­de. Erst lang­fris­ti­ges Leid und Ver­zweif­lung, aber auch das Aus­schal­ten jeder mate­ri­el­len und sozia­len Infra­struk­tur, trei­ben Men­schen zu Grup­pen wie dem IS.“ (Suphi Toprak, IS: Fol­ge und Anlass impe­ria­lis­ti­scher Poli­tik, 2014)

Die­se außen­po­li­ti­schen Zusam­men­hän­ge benennt Küh­nert natür­lich nicht, müss­te er doch dann kon­se­quen­ter­wei­se mit der Sozi­al­de­mo­kra­tie bre­chen. Doch auch im Inland trägt die SPD Ver­ant­wor­tung für die pre­kä­re Situa­ti­on, in der vie­le Migrant:innen ste­cken: schlech­te­re Bil­dungs­chan­cen und Arbeits­be­din­gun­gen, All­tags­ras­sis­mus und dazu noch die Wel­le rech­ter Gewalt, die von pro­grom­ar­ti­gen Stim­mun­gen und Jag­den wie in Chem­nitz über das Atten­tat in Hal­le zu den Machen­schaf­ten rech­ter Chat­grup­pen führt. Fast täg­lich wird ein neu­er “Ein­zel­fall” auf­ge­deckt, wäh­rend sich sei­ne Par­tei kürz­lich mit dem Ras­sis­ten See­hofer einig­te, eine Stu­die über ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren in der Poli­zei nicht durch­zu­füh­ren. In so vie­len Jah­ren Gro­Ko wur­de das Ras­sis­mus­pro­blem kei­nen Deut bes­ser, son­dern ver­schlim­mer­te sich viel­mehr und stellt gemein­sam mit der Armut (die unter Migrant:innen sowie Kin­dern und Rentner:innen unver­hält­nis­mä­ßig hoch ist) einen Nähr­bo­den für rech­te und isla­mis­ti­sche Gewalt dar.

Klas­se Gegen Klas­se